Ökumenischer Kirchentag Freiburg
„Ihr sollt ein Segen sein“
Bibelarbeit über 1. Mose 32,23-33
„Um Gottes Willen: Zwischen allen Stühlen“
Dramatisierung mit Stuhlwechsel
Samstag 22. März 2003 – Emil-Gött-Schule


Die Teilnehmenden sitzen zunächst „normal“ auf Stühlen. Mit einem blauen Tuch wird der Jabbok angedeutet. Mitten im Fluss steht ein leerer Stuhl. Auf der anderen Flussseite ist ebenfalls bestuhlt.

Ich wünsche Ihnen allen einen guten Morgen! Sie haben sich mit ihrem Kommen für eine Bibelarbeit über 1. Mose 32 entschieden. Die Bibelarbeit war angekündigt unter dem Thema „Um Gottes Willen – zwischen allen Stühlen“ – dann fortgesetzt mit dem Untertitel „Dramatisierung mit Stuhlwechsel“. Wundern sie sich also nicht darüber, wie sie hier zunächst sitzen.

Der wahrhaft ehrenhafte Platz - so soll ein berühmter Geist es einmal formuliert haben – ist immer der zwischen den Stühlen. Zwischen allen Stühlen saßen wir in den letzten Monaten ja auch mit der politischen Option Deutschlands gegen einen Irak-Krieg. Hieß es zunächst, wir hätten uns dadurch in der Welt isoliert, so hat sich zumindest dies doch deutlich geändert. Wer heute wie isoliert ist, mag an dieser Stelle dahingestellt bleiben. Aber ehrenhaft war dieser Platz zwischen den Stühlen allemal. Und ob diejenigen, die sich nun allzu schnell wieder auf die Stühle auf der anderen Seite gesetzt haben, auch das Recht oder gar die Wahrheit auf ihrer Seite haben, kann mit guten Gründen bezweifelt werden.

Zunächst sitzen auch wir hier auf unseren Stühlen auf der sicheren Seite. Wir sitzen gewissermaßen auf dem Stuhl des sicheren Wissens. Dies wird aber auf Dauer nicht so bleiben. Schließlich sitzen wir an einer Grenze. Und um Versuch, diese Grenze zu überschreiten geht es schließlich an diesem Morgen und mit diesem biblischen Text.

Einstimmen möchte ich uns, in dem wir eine Liedstrophe miteinander singen. Den Text finden sie auf ihrem Textzettel:

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist,
weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt.
Seit leuchtend Gottes Bogen am hohen Himmel stand,
sind Menschen ausgezogen in das gelobte Land.


Hören wir also zunächst den Text für diese Bibelarbeit. Setzen sie sich dazu so auf ihren Stuhl, dass sie gut hören können. Die Übersetzung stammt übrigens in wesentlichen Teilen vom Heidelberger Theologen Claus Westermann, der an Pfingsten des Jahres 2000 im hohen Alter von 91 Jahren gestorben ist. An einigen Punkten habe ich sie bearbeitet.

Aus Genesis 32

Und Jakob stand auf in jener Nacht, nahm seine beiden Frauen und seine zwei Mägde und seine elf Kinder und überschritt die Furt des Jabbok.
Er nahm sie und führte sie über den Fluss, auch alle seine Habe brachte er hinüber.
Jakob aber blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
Als der merkte, dass er ihn nicht überwältigen konnte, berührte er sein Hüfte, so dass sich das Hüftgelenk ausrenkte, als er mit ihm rang.
Und er sagte:
Lass mich los, die Morgenröte bricht an.
Er aber antwortete:
Ich lass dich nicht los, es sei denn, du segnest mich.
Dann fragte er ihn.
Wie heißt du?
Er antwortete
Jakob!
Er sagte:
Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel. Denn du hast mit Gott und Mensch gerungen und hast gesiegt..
Und Jakob fragte ihn und sagte:
Gib mir doch deinen Namen kund!
Er aber sagte:
Warum fragst du nach meinem Namen?
Und er segnete ihn dort.
Und Jakob nannte den Ort Pniel, denn er sagte:
Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin am Leben geblieben.
Und es ging ihm die Sonne auf, als er an Pnuel vorüberzog. Er hinkte aber an der Hüfte.
Deswegen essen die Israeliten bis heute den Hüftnerv nicht, der auf dem Hüftgelenk liegt, weil in jener Nacht Jakob am Hüftnerv berührt worden war.

Zunächst also einige Informationen zum besseren Verständnis dieses Textes. Der Text spielt an einem Fluss. Flüsse markieren Grenzen. Manchmal verbinden sich mit ihrem Namen fast schon sprichwörtliche Bedeutungen: Etwa: den Rubikon überqueren. Dieses Sprichwort spielt an auf den Entschluss Caesars im Jahre 49 v.Chr. an, römisches Gebiet zu betreten und einen Bürgerkrieg zu initiieren. Wer den Rubikon überschreitet, hat seine Entscheidung endgültig getroffen. Jetzt gibt es kein zurück mehr.

Ein anderes Beispiel für eine Redewendung, die sich auf einen Fluss bezieht, spielt gar nicht so weit entfernt vom Ort des Textes dieser Bibelarbeit: Über den Jordan gehen. Der Übergang über den Jordan meinte ursprünglich den Eintritt ins gelobte Land. Weil die Menschen aber erkennen, dass ein Land, wo Milch und Honig fließen, auf dieser Erde keinen Ort hat, hat sich die Bedeutung dieser Redewendung geändert. Über den Jordan gehen, heißt nichts anderes als sterben – oder besser: das gelobte Land im Himmel suchen – und gewiss auch finden.

Ein kleiner östlicher Nebenfluss des Jordans ist der Jabbok. An diesen Fluss führt uns der Text aus Genesis 32. Heute soll es also zumindest im Nachdenken über den Jabbok oder durch den Jabbok hindurch gehen. Und damit wären wir endgültig bei unserem Text angelangt. Wir sind bei Jakob am Jabbok.

Jakob setzt sich auf den Stuhl im Fluss. Die Teilnehmenden werden gebeten, ihre Stühle karawanenartig hintereinander in Richtung zum Fluss hin aufzustellen. Jakob reflektiert seine Situation.

„Zwischen allen Stühlen. Ich. Der große Jakob. Doch viel kann ich von dieser Größe gerade nicht spüren. Eher eine tiefe Einsamkeit. Nein, ich bin gar nicht allein. Meine zwei Frauen begleiten mich. Lea und Rahel. Und deren Mägde Silpa und Bilha. 11 Söhne haben mir diese vier Frauen geboren. Und Töchter genug. Dazu der ganze Viehbesitz. Eine schier unendliche Karawane. Vorräte haben wir auch noch genügend. Obwohl wir große Mengen verzehrt haben auf unserer langen Reise.

Dass viele mich für ein Schlitzohr halten, weiß ich längst. Damit muss ich leben. Schließlich hat mein Weg hierher zum Jabbok eine Vorgeschichte. Gleich zweimal habe ich meinen Bruder Esau überlistet, um mich in eine gute Position zu bringen. Die Privilegien der Erstgeburt habe ich ihm entwendet. Und den Segen unseres Vaters Isaak auf unredliche Weise erschlichen. Ich weiß schon, warum ich auf der Flucht war. Und eigentlich immer noch bin.

Doch ich bin wahrhaftig nicht das einzige Schlitzohr in unserer Familie. Laban, der Bruder meiner Mutter Rebecca, hat mir nach sieben Jahren harter Arbeit erst einmal seine Tochter Lea untergeschoben. Die, sonst keiner haben wollte. Ich wollte sie auch nicht. Rahel, meine große Liebe, hab eich erst nach sieben weiteren sieben Jahren heiraten können. Trotzdem: Wirklich schlecht ist es mir nicht ergangen in all diesen Jahren. Ohne Gottes Segen bin ich nie gewesen.“

Zurück an den Platz des Erzählers.

Wer seine Erfolgsgeschichte auf Unrecht und List gründet, wird nicht selten selber zum Opfer der Betrugsstrategien anderer. Alles in allem aber hat Jakob recht. Ohne Segen ist er nie geblieben. Fern der Heimat wird er reich. Doch die Sehnsucht hat ihn nie verlassen. Heimat, das ist nicht der Markt, auf dem man Erfolg hat. Heimat ist auch nicht nur vertraute Landschaft und Geographie. Heimat, das sind vor allem anderen Menschen. Der Wurzelgrund der Kindheit. Der Ort der Eltern und Geschwister.

Darum zieht es ihn zurück. Und diese Rückkehr ist viel mehr als ein logistisches Problem. Wie schon für Abraham ist es ein Weg in unbekanntes Land. Das unbekannte Land der Beziehung zu seinem Bruder Esau. Zu den ehemaligen Nachbarn. Zu den zurückgebliebenen Verwandten.

Ein Vergleich kommt mir in den Sinn. Wie war das, wenn jemand lange vor der Wende aus der ehemaligen DDR in den Westen ging? Womöglich gegen den ausdrücklichen Willen und mit der Enttäuschung derer, die zurückgeblieben sind. Wie hat sich unter gewandelten politischen Verhältnissen die erste Rückkehr gestaltet? War die Heimat dann Fremde? Und der einstige Freund ein Verräter. Oder behielt die Freude über die Rückkehr die Oberhand?

Kein Zweifel. Jakob war in einer Krise. Der Weg zurück ist keine Möglichkeit mehr. Der Weg nach vorne ein offenes Wagnis. Jakob befindet sich zwischen allen Stühlen. Aber er lässt sich nicht lähmen. Er agiert. Und er organisiert. Das einstige Schlitzohr hat gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Der Fluss – der Jabbok – wird zur entscheidenden Grenze. Hier steht nicht nur ein pragmatisches Problem zur Klärung an. Hier geht es um eine einschneidende biographische Wegmarke.

Jakob gestaltet den Übergang. Er findet die Lücke im Fluss. Führt alle über die Furt. Ihm fällt dieser Übergang am schwersten. Er geht als letzter. Allein.

Wenn möglich, gehen die Teilnehmenden jetzt über den Fluss. Eventuell wird einfach das blaue Tuch verlegt.

Die Erzählung kommt zu ihrem Höhepunkt. Die Anspannung wird gewissermaßen lebendig. Wird ins Leben gezogen. Jakob wird überfallen. Er weiß nicht von wem. Es ist Nacht. Und wir sind mittendrin in der Geschichte.

Zum weiteren Verlauf gleich. Jetzt möchte ich unseren Blick einfach auf den Text lenken. Er gibt Antworten auf mehrere Fragen, die die Menschen damals gestellt haben. Wohlgemerkt: Dies sind nicht unsere Fragen. Es sind die Fragen derer, die den Text für die nach ihnen Lebenden festgehalten haben. Folgende Fragen werden durch den Bericht beantwortet:

1. Woher kommt der Name Pnuel oder Pniel?
2. Wie kommt Israel zu seinem Namen?
3. Welche Bedeutung hat Jakob für Israel?
4. Warum essen die Israeliten den Hüftnervenstrang, den nervus ischiaticus, nicht?

Unsere Fragen – die Fragen, auf die wir aus unserer heutigen Perspektive durch diesen Text eine Antwort erhalten, sind noch einmal ganz andere. Beispielhaft möchte ich die folgenden Fragen nennen:

1. Wie kommen wir aus einer Krisensituation heil heraus?
2. Welche Bedeutung hat es, wenn wir gezeichnet durch’s Leben gehen?
3. Ist Segen nur da, wo es eine Erfolgsstory gibt?

Auf alle diese Fragen – auf die von damals und auf die von heute - gibt die Erzählung gewissermaßen eine Antwort. Jetzt aber der Reihe nach.

Jakobs Kampf mit einem Unbekannten
Da ist zunächst Jakobs Kampf mit einem Unbekannten. Jakob wird überfallen. Und in einen heftigen Kampf verwickelt. Er weiß nicht, mit wem er sich auseinandersetzt. Im Hintergrund des Berichtes steht sicher die Erinnerung an einen Flussgeist oder einen Flussdämon. An beinahe jedem Fluss haben sich solche Erinnerungen festgemacht. Teilweise kennen wir das auch aus der deutschen Fluss-Mythologie. Denken sie nur an die Loreley, die durch ihr anmutiges Wesen und durch ihren lieblichen Gesang manchen Schiffsmann ins Unglück stürzen und auf Grund gehen ließ.

Jakob kämpft. Mit dem unbekannten, aber mächtigen Herren des Flusses. Er kämpft zugleich mit der krisenhaften Situation. Er kämpft – zum dritten mit Gott selber. So wird die Lokal-Mythos vom Fluss-Dämon gleich mehrfach angereichert und verwandelt. Bekommt Gewicht in der Biographie des Jakob. Jakob hält durch und hält stand.

Die Grenze der Macht der Nacht
Der anbrechende Tag macht mancher Nachtgestalt den Garaus. So ist das auch mit dem Flussgeist. Seine Macht endet mit der aufgehenden Sonne. Eine altbekannte Erfahrung. Nachts, wach im Bett liegend, holen uns die verdrängten Reste des Tages ein. Rauben sie uns den Schlaf. Üben viel mehr an Macht und Bedrohlichkeit aus, als es ihnen bei Tag möglich ist.

Der nächtliche Kämpfer kennt diese ihn entmachtende Grenze genau. Was ihm bisher versagt blieb, lässt sich nicht mehr nachholen. Wenn er Jakob schon nicht besiegt, will er ihn zumindest bleibend kennzeichnen. Aber auch hier gibt es nicht nur die eindimensionale Möglichkeit.

Die bleibenden Spuren der Auseinandersetzung
Gleich dreifach sind die bleibenden Spuren dieser Nacht im Blick auf Jakob. Zunächst: Der nächtliche Dämon berührt Jakob an der Hüfte. Hier liegt das Zentrum der Beugsamkeit des Leibes. Die großen Lebenswendungen Jakobs gehen nicht spurlos an ihm vorbei. Doch Jakob will nicht nur als Gezeichneter aus dieser Nacht hervorgehen, sondern auch als Gesegneter.

Er lässt nicht locker. Er spürt die Kraft dessen, der da mit ihm ringt. Und er will Anteil an ihr bekommen. Will sie sich zum Verbündeten machen. Luthers Sprache ist vielen von uns hier im Ohr. Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Der Segen, das ist das zweite. Jakob kann sich über einen Mangel an Segen nicht beklagen. Den Segen seines Vaters Isaak hat längst Spuren in seinem Leben hinterlassen. In den Augen derer, die mit ihm leben, gilt er als reich. Hat Besitz. Hat eine große Familie.

Nun will er auch noch den Segen dessen, der mit ihm ringt bis zum Morgengrauen. Dieser Segen geht über das Materielle hinaus. Bringt Gott noch einmal ganz anders ins Spiel. Jakob erhält – und das ist das dritte - einen neuen Namen. Wird noch einmal ein anderer. Steht als einzelner für sein ganzes Volk. Israel sei fortan sein Name, sagt der geheimnisvolle Partner im nächtlichen Kampf. Israel: Der, der mit Gott gekämpft hat. Im Text wird auch dies noch interpretiert: Du hast mit Gott und Mensch gerungen und hast gesiegt.

Ganz so ist es nicht. Der Mythos der eigenen Geschichte macht die Darstellung hier tendenziös. Jakob hat den Ort zwischen den Stühlen ausgehalten und er hat durchgehalten. Siegen – das hier gewählte Wort – ist keines der religiösen Sprache. Schon gar nicht in der Auseinandersetzung mit Gott. Gottsucher und Gottsucherinnen sind mir lieber als Gotteskämpfer. Zumal in Tagen wie diesen, wo das religiöse Sendungsbewusstsein der einen die anderen ins Unglück stürzt.

Als Träger des Namens Israel wird die Erzählung erneut ausgeweitet. Wie es nicht nur um die Furt am Jabbok geht, geht es auch nicht nur um Jakob. Mit der Namensgebung Israel wird Jakob zum Repräsentant seines Volkes. Auch im Empfang des Segens.

Die gezeichnete Hüfte. Der Anteil am Segen. Der Name, der stellvertretend für die größere Gruppe steht – dies alles macht klar, welche überragende und über sich hinausweisende Bedeutung diese Begegnung am Jabbok hat. Durch den Jabbok gehen – eighentlich hätte auch dies ein Satz von grundsätzlicher Bedeutung werden müssen. Durch den Jabbok gehen heißt, in seinem Leben von Gott bleibend gezeichnet werden.

Die Gottes-Perspektive im Segen – oder die ersten Antworten
Kein Zweifel also - der biblische Erzähler sieht in der kleinen Begebenheit am Nebenfluss die Größe und Unendlichkeit Gottes am Werk. Beide Namensgebungen deuten darauf hin. Auf den Namen Israel für Jakob habe ich schon hingewiesen. El heißt ja bekanntlich Gott. Puel oder Pniel nennt Jakob darum diesen Ort. Auf deutsch: Angesicht Gottes. Eine Landschaftsbezeichnung sein dies, sagen die Textausleger. Der Namen einer Bergkuppe, die eigentlich gar nicht am Jabbok liegt. Aber sie passt hierher. Denn schließlich lässt der Erzähler Jakob das, was ihm geschieht, in die Perspektive Gottes rücken.

Doch Gott entzieht sich unserer Vereinnahmung und unserer Gottesdeutung. Er gibt Jakob einen neuen Namen. Aber er gibt seinen Namen nicht preis. „Gib mir doch deinen Namen kund“, bittet ihn Jakob. Doch die Antwort ist die lapidare Gegenfrage: „Warum fragst du nach meinem Namen?“ So hat auch schon ein anderer gefragt. Mose. Und auch dem hatte Gott sich nicht in einem Namen offenbart. Wer den Namen hat, hat die Macht über den Träger des Namens. Mose erhält die Antwort: Ich bin, der ich bin. Oder: Ich werde da sein als der ich da sein werde. Eine geheimnisvolle Charakteristik, die die Zukunft in ein neues Licht rückt. Nichts anderes tut die Antwort des nächtlichen Angreifers. Von ihm heißt es: Und er segnete ich dort.

Der Segen hat also einen immer einen Ort. Geschichtlich. Georgraphisch. Biographisch. Und die nächtliche Begegnung schließt: „Und es ging ihm die Sonne auf, als er an Pnuel vorüberzog. Er hinkte aber an seiner Hüfte.“

Daran also sollte man denken, wenn man den Hüftnerv beim Essen ausließ. Kein unsinniges Gesetz sollte sich dahinter verbergen. Sondern eine Erinnerungshilfe. Das Verbot, den Hüftnerv zu essen, ist sonst in der Bibel nicht überliefert. Hier ist es – da sind sich die Ausleger ziemlich einig – ein späterer Zusatz. Aber eben ein Zusatz mit Programm. Ein Hinweis auf die große durchgestandenen Krise im Leben dessen, der mit dem Namen Israel gewissermaßen die Erfahrungen seines Volkes am eigenen Leib aus- und durchgehalten hat.

Auf dem Platz zwischen den Stühlen kann man auf’s heftigste scheitern. Oder man sieht ihn als Chance. Und damit komme ich noch einmal zurück auf die Fragen aus unserer Zeit.

Segen im Leben als Gezeichnete – oder die zweiten Antworten
Wie kommen wir aus einer Krisensituation heil heraus? Nehmen wir und Jakob als Beispiel – so wie wir ihn in diesem biblischen Bericht beschrieben finden – dann kann die Antwort nur lauten: Heraus, hinüber und hindurch kommen wir nur, wenn wir uns stellen. Wenn wir der Auseinandersetzung mit den dunklen Anteilen nicht scheuen. Indem wir uns stellen. Wir kommen dann zwar nicht unbehelligt, aber auf alle Fälle mit heiler Seele davon. Und allemal nicht ohne Segen. Und damit kommen wir zur zweiten Frage:

Welche Bedeutung hat es, wenn wir eben nicht mehr unversehrt, eben als Gezeichnete durch’s Leben gehen? Ich möchte dagegen fragen: Was sind das für Menschen, denen man nicht abspürt und nicht ansieht, dass Leben immer auch mit Krisen verbunden ist? Mit Häutungen. Mit Reifungen. Ja, auch mit Narben. Was sind das für Menschen, die stromlinienförmig jedem Widerstand aus dem Weg gehen! Die sich dem Wachstum verweigern. Mir sind di Gezeichneten allemal lieber. An ihnen kann ich mich reiben. In der Auseinandersetzung mit ihnen kann ich selber wieder wachsen. Gezeichnet, geprägt werden. Und an ihrem Segen Anteil haben.

Ist Segen nur da, wo es eine Erfolgsstory gibt? Natürlich nicht. Erfolg ist keiner der Namen Gottes, höre ich manchmal. In der Weise ist mir die Formulierung zu einfach und zu naiv. Erfolg spricht keineswegs von vornherein gegen die Gegenwart Gottes. Aber scheinbar ausbleibender Erfolg stellt die Gegenwart Gottes und seinen Segen auch nicht einfach in Frage. Nach den Kriterien des Erfolgs ist auch der Gekreuzigte gescheitert. Und war trotzdem nicht am Ende. Segen und Erfolg bewegen sich auf unterschiedlichen Ebenen. Laufen nicht selten schlicht gegeneinander. So wie die Ähren auf dem Logo-Bild dieses Freiburger Kirchentages.

Zwischen diesen gegenläufigen Tendenzen haben wir nicht selten unser Leben zu gestalten. Zwischen den Stühlen. Zwischen Hoffen und Bangen. Zwischen Zweifel und Gewissheit. Zwischen unserer nachwirkenden Vergangenheit und der uns entgegenkommenden Zukunft. Zwischen erfahrenem und erhofftem Segen. Aber eben immer als Gesegnete.

Der Platz zwischen den Stühlen ist der unkommodeste. Aber der, an dem wir unser Angewiesensein auf Gottes Segen am stärksten erfahren können. Dieser Stuhl ist der Segensstuhl. Um Gottes Willen. Aber doch vor allem um unserer selbst willen.

Machen wir uns also auf den Weg. Durch diesen Tag. Und durch unser Leben. Gesegnet sind wir. Und können darum auch ein Segen sein.


Und darum erheben wir uns jetzt von unseren Stühlen und singen die letzen beiden Lied-Strophen miteinander:

Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.

Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt!
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen. Das Land ist hell und weit.


Traugott Schächtele

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