Ansprache
im ökumenischen Gottesdienst
aus Anlass des Deutschen Anwaltstages
am 29. Mai 2003 (Christi Himmelfahrt)
in der Universitätskirche in Freiburg im Breisgau


Lesung aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 14,16.17.26

In den Abschiedsreden an seine Jünger sagt Jesus:

Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll. Es ist der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. Der Beistand aber, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Deutschen Anwaltstages!

Drei Tage lang Deutscher Anwaltstag hier in Freiburg. Drei Tage Zeit und Raum für Begegnung und Gespräche, Fachvorträge und Diskussionen. Zeit und Raum für die Präsentation dessen, was sie tun. Zeit und Raum aber auch dafür, den Blick auf das zu lenken, was an Aufgaben vor ihnen liegt. Diesen Blick nach vorne nehmen sie auch auf mit dem Thema dieser drei Freiburger Tage: Anwaltschaft gestaltet Zukunft. Willkommen im Club! Willkommen im Kreis derjenigen, die sich eben dies vorgenommen haben. Wer will heute nicht Zukunft gestalten? Wer könnte auf diesen Anspruch von sich aus verzichten?

Alle tragenden gesellschaftlichen Kräfte und Kreise können wir auf dieser Zukunftsbühne mitspielen sehen: die Politik zuvorderst, indem sie Rahmenbedingungen schafft. Die Wirtschaft, die die Prosperität des Gemeinwesens garantieren soll. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aller Spielarten., die uns zukunftsfähig machen sollen für das, was an bisher ungenutzten Möglichkeiten noch vor uns liegt. Die sozial-karitativen Verbände, die den Blick auf diejenigen lenken, die unter die Räder des allgemeinen Fortschrittsrummels geraten.

Und dann eben auch sie, die Anwältinnen und Anwälte – die Zukunft gestalten wollen, weil unsere Lebens- und Handlungssysteme alle der rechtlichen Ordnung bedürfen. Und die so auch teilhaben können an einer besseren Sicherung von Frieden und Gerechtigkeit weltweit. Die Entwicklung des Völkerrechts nach dem Irak-Krieg steht ja auch auf ihrer Tagesordnung. Und dies wahrhaftig nicht ohne Grund. Denn dass das Recht am Ende nur das Recht des Stärkeren sein soll, das wäre die glatte Pervertierung ihres Tagungsmottos.

Zukunft gestalten. Dies ist nicht zuletzt auch das Thema der Kirchen. Und indem wir als Dekane der beiden großen Kirchen in Freiburg hier gemeinsam mit ihnen Gottesdienst feiern – im Grunde unökonomisch gleich mit zwei Pfarrern, aber in ökumenischer Verbundenheit – indem wir dies tun, gestalten wir auch schon hier Zukunft mit. Dies gilt aber genauso für sie, die sie in einer erfreulich großen Zahl hier am Beginn des Anwaltstages zu diesem Gottesdienst gekommen sind. Auch hier gestalten Anwaltschaft Zukunft.

Sie alle wissen: In den Kirchen feiern wir heute das Fest Christi Himmelfahrt. Als gesetzlich geschützter Feiertag wird dieser Tag gerne in Anspruch genommen. Ansonsten hat es dieser Tag zunehmend schwer. Klammheimlich hat er sich zum Vatertag entwickelt. Zu einem Tag, an dem die oft am meisten das Recht zum Feiern für sich in Anspruch nehmen, mit deren Verständnis der Vaterrolle und der Bereitschaft zur Übernahme der Vaterpflichten es oft nicht sehr weit her ist.

Das Fest Christi Himmelfahrt – scheinbar weit weg von unserer durch die Vernunft geprägten Erfahrung. Und scheinbar ebenso weit weg vom Thema dessen, was sie beim Anwaltstag hier in Freiburg tun. Mitnichten! Das Fest Christi Himmelfahrt ist das Zukunftsfest schlechthin. Nicht dass wir im Stich gelassen seien, feiern wir. Sondern die Übernahme der Weltverantwortung. Nicht dass Gott weitab verborgen sei in für uns unzugänglichen Welten – auch das feiern wir nicht. Sondern dass sich der Himmel finden lässt. Zum Greifen nah. Und dass wir uns der Gegenwart Gottes sicher sein können auch unter sich ständig veränderten Bedingungen. Das ist die Botschaft des Festes Christi Himmelfahrt.

In den kritischen 68er-Jahren gab es in den Kirchen einen himmelfahrtskritischen Satz. Der hat gelautet: „Schau beim Loben nicht nur nach oben. Schau mal zur Seite, dann siehst du die Pleite.“ Pleiten gibt es heute genug zu sehen. Doch beschreiben diese Pleiten immer nur die eine Seite der Wirklichkeit. Wo die Sehnsucht nach dem Himmel am stärksten verdrängt wird, liegt der Himmel nicht selten am nächsten. Es braucht dazu nur die richtigen Augen.

Mit dem Himmel rechnen, das ist das wahre Motto des Himmelfahrtstages. Mit dem Himmel rechnen – gegen allen Augenschein – auf diesem Weg lässt sich Zukunft wahrhaftig am grundlegendsten und am nachhaltigsten gestalten. Der Himmel ist uns vor die Füße gelegt und ist zugleich der Ort, wo unser Herz weit werden kann. Trotzdem lassen wir den Himmel viel zu oft einfach links liegen. Weil der Himmel und tatsächlich Arbeit macht. Weil wir die Zukunft nicht einfach präsentiert bekommen wie ein Überlebens-Set. Sondern weil wir ihn gestalten müssen. Ihm einen Ort ermöglichen. Und ihn den Menschen vor Augen stellen.

Als Anwältinnen und Anwälte gestalten sie tatsächlich Zukunft. Doch nicht nur das. Sie bauen auch am Himmel mit. Nämlich da, wo sie mit dem geltenden Recht auch der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Da, wo sie nicht nur den Buchstaben des Gesetzes, sondern die Würde des Menschen im Blick haben. Da, wo sie nicht nur den Rahmen dessen beschreiben, was in Geltung steht, sondern anmahnen, was noch darauf wartet, Wirklichkeit zu werden. Dabei dürfen unsere rechtlichen Binnenstrukturen und die Durchsetzung gleichsam nur der persönlichen und nicht selten zugleich auch egoistischen Rechte nicht alle Kräfte binden Vielmehr gilt es, mit unserem Recht immer auch das vorenthaltene Recht vieler Völker und die vorenthaltenen Menschenrechte weltweit anzumahnen und einzufordern. Dann gestalten sie tatsächlich Zukunft. Dann helfen sie mit, den Himmel aufscheinen zu lassen.

Nicht mehr ist dazu nötig als der Mut, uns einzulassen auf diesen Geist der Wahrheit. Diesen Geist der Freiheit, dessen Ursprung wir Gott nennen. Diese Wahrheit wird uns frei machen. Und sie lässt und Zukunft gestalten. Und hält uns den Himmel offen. Amen.

Traugott Schächtele

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