„Einheit von Wort und Tat – Diakonat“

Beitrag anlässlich des Symposiums zum
70. Geburtstag von Prof. Dr. Hans Ulrich Nübel
am 10. Mai 2003 in der EFH Freiburg


Lieber Herr Prof. Nübel,
sehr verehrte Teilnehmerinnen und Teilnehmer
an dieser Festveranstaltung!

„Einheit von Wort und Tat – Diakonat“ – zum vierten, wenn ich richtig gezählt habe. Wie alle anderen vor mir möchte auch ich mich in die Schlange der Gratulantinnen und Gratulanten einreihen. Gratulationen vorab soll man ja tunlichst unterlassen. Obwohl ich nicht abergläubisch bin, will ich mich daran halten. Ein Geschenk vorab ist aber doch wohl erlaubt. Und so will ich Ihnen, lieber „Fast-Jubilar“ Prof. Nübel; mein aktuelles Nachdenken über ein Thema mit wahrhaftig langer Vor-Geschichte zueignen.

Es ist ruhig geworden um das Thema Diakonat. Vor Jahren wurde es mit Vehemenz diskutiert: In ökumenischen Zirkeln als Möglichkeit einer neuen konfessions- und kirchenverbindenden Brücke. In der Berufsgruppe der Gemeindediakoninnen und Gemeindediakone. Und auch hier in der Evangelischen Fachhochschule.

Wir haben lange auf die Wiederaufnahme dieser Thematik warten müssen. Und ob das Thema – über seiner Verhaftung in Ihrer beruflichen Laufbahn und den heute aus diesem Anlass hergestellten Bezügen hinaus - tatsächlich von neuem Aufmerksamkeit und seinen Markt bekommt, das wird sich erst zeigen und erweisen müssen. Womöglich ist es nicht ohne Grund erst einmal aus der aktuellen Diskussion abgetaucht – obwohl in verschiedenen Gremien und Gruppierungen der EKD und des Diakonischen Werkes nach wie vor und mit durchgehaltenem Impetus an dieser Thematik gearbeitet wird.

Ich bin selber auch nicht ohne persönlichen Bezug zu dieser Thematik. Nicht nur deswegen, weil meine Frau nach ihrem Studium der Religionspädagogik – unter anderem ja auch bei dem heutigen Fast-Jubilar – für einige Jahre den Beruf der Gemeindediakonin ausgeübt hat. Nein, es gibt noch eine weitere Verbindung. Bei der Auswahl des Themas meiner Dissertation stand lange Zeit das Thema „Die Entwicklung des Diakonen-Amtes in der Alten Kirche“ ganz oben auf meiner Prioritätenliste. Es mag für mich selber eine Art Grundsatzentscheidung gewesen sein, dass ich mich am Ende dann einem Thema im Zusammenhang des allgemeinen Priestertums zugewandt habe.

Aber die damals gewonnenen Einsichten sind nicht gänzlich in der Versenkung verschwunden. Sie haben im Lauf der Jahre aber deutliche Stadien der Läuterung und der Einarbeitung neuer Gesichtspunkte durchlaufen. Dazu haben nicht zuletzt eigene Erfahrungen im beruflichen Umfeld als Pfarrer und Dekan und in der ökumenischen Begegnung beigetragen. In diesen Wandlungsprozess möchte ich Ihnen heute Einsicht geben und das Thema am Ende wohl sogar etwas gegen den Strich bürsten. Aber wenn man den heutigen Vormittag als Beitrag zur Neueröffnung eines Diskurses versteht, wird dies der Thematik hoffentlich nur gut tun.

Wenn nun in Acta 6 vom Dienst von sieben Männern in der Diakonia die Rede ist, will ich dies formal dadurch aufnehmen, dass ich meinen Beitrag in sieben Punkte untergliedere.

1. Es spricht sich mittlerweile ja allmählich herum, dass der eben schon erwähnte Bericht aus dem 6. Kapitel der Apostelgeschichte nicht im historischen Sinn als Beleg für das Aufkommen des Diakonen-Amtes gewertet werden kann. Im Hintergrund steht vielmehr ein innergemeindlicher Konflikt zwischen zwei gemeindlichen Trägergruppen. Die unterschiedliche Verortung im griechischen bzw. im hebräischen Milieu mag ebenso eine Rolle gespielt haben wie soziale Spannungen oder auch theologische Differenzen. Dies ist aus heutiger Sicht ebenso wenig mit letzter Sicherheit zu klären wie etwa die Ursachen der Spannungen in Korinth im Zusammenhang der Praxis der Feier des Herrenmahls. Womöglich standen auch nur zwei Leitungsmodelle in Konkurrenz, wobei das der sieben durch seine Einbeziehung der sozialen Frage am Ende sogar das moderne war.

Daraus folgt als erste Erkenntnis: Wie oft auch sonst lässt sich auch hier nicht einfach biblisch dieses Amt der Tat – oder der Einheit von Wort und Tat –ableiten und zur Norm erheben - wobei die terminologische Übereinstimmung zwischen dem Diakonen-Amt der ersten Jahrzehnte der Jesus-Bewegung und den verschiedenen Diakonen-Ämtern, die sich im Laufe der Kirchengeschichte herauskristallisiert haben, noch lange nicht mehr garantiert als mögliche Grundkonvergenzen. Analogien und einfache Übertagungswege sind hier kaum möglich.

2. Nach dem ersten Mythos fällt gleich der zweite: die Unterscheidung von Wort-Ämtern und Tat-Ämtern zumindest in einem signifikanten Sinn. Unbestritten mag es unterschiedliche Profilierungen und Akzentuierungen gegeben haben. Dies ist nicht zuletzt in den Strukturen der Personen begründet. Aber im Wesentlichen halte ich diese Unterscheidung für eine von anderen erkenntnisleitenden Prinzipien getragene. Dahinter mögen sich theologisch-systematische Interessen ebenso verbergen wie der Versuch der Aufrechterhaltung von Macht-Hierarchien. Als Folge einer oberflächlich Interpretation von Luthers reformatorischer Erkenntnis wurden Werke eben als verdächtige eingestuft; und in zumindest missverständlicher Gleichsetzung von Werk und Tat das Amt des Zuspruchs der Rechtfertigung gegenüber den Tat-Ämtern höherbewertet. So muss es nicht verwundern, wenn die Wort-Ämter den Tat-Ämtern in aller Regel auch strukturell übergeordnet waren.

Doch das Wort-Amt des im Sinne der Reformation gebildeten Pfarrers – schon länger gottlob(!) auch der Pfarrerin - ist Ausdruck der Prioritäten einer Epoche. Dies gilt in ähnlicher Weise für die Tat-Ämter der ab der Mitte des 19. Jahrhunderts neu aufkommenden verfassten Diakonie. Auch hier gibt es biblisch oder altkirchlich eher wenig zu begründen. Es gibt aber zumindest beobachtenderweise anzumerken, dass es in der Abfolge der Ordensgründungen so etwas wie ein geschichtliches Nacheinander gab. Den frühen Ordensgründungen in der Absicht der verbindlichen Lebensweise (z.Bspl. die Benediktiner) folgten die großen Orden, die dem Armuts-Ideal und dem sozial-karitativen Einsatz verbunden waren (z.Bspl. die Franziskaner). Letzteres waren also gewissermaßen Tat-Orden. Diesen wurden im Mittelalter dann die Gründungen der Predigerorden – man könnte auch sagen Wort-Orden wie etwa dem der Dominikaner zur Seite gestellt. Wenn man Ordensgründungen als Reaktion auf ein vorhandenes Defizit versteht, scheint es also in der historischen Abfolge zumindest so etwas wie eine Abfolge der Notwendigkeiten von Tat und Wort gegeben zu haben.

Dies stellt meine zweite Erkenntnis aber nicht in Frage: Aus der Unterscheidung oder der Zusammenbindung von Wort und Tat sind heute kaum noch zukunftsfähige Ämtersystematiken zu entwickeln.


3. Nun hat es ja unbestritten partiell erfolgreiche Versuche der Etablierung auch evangelischer Diakonats-Modelle gegeben. Dabei ist zumindest ebenso an die Entwicklung der Diakonissenhäuser zu denken wie an die der Diakonenbruderschaften; auch die Etablierung des Berufsbildes der Gemeindediakonin bzw. des Gemeindediakons sollte von ihren Ursprüngen her sicher in einer gewissen Verbindung mit dieser Tradition verstanden werden.

Trotzdem ist die Geschichte des protestantischen Diakonats gewissermaßen ins Straucheln geraten. Dafür könnten u.a. folgende Gründe angeführt werden.

a) Das Diakonen-Amt der Alten Kirche, dem neben sozialen auch liturgische Aufgaben zugewiesen wurden, war streng an das Amt des Bischofs bzw. später auch des Priesters gebunden. Es war ein Amt der hierarchischen Unter- und nicht der partnerschaftlichen Zuordnung. Dies mag etwa im alten Berufsbild der Gemeindehelferin nachgewirkt haben. Mit dem Berufsbild der Gemeindediakonin bzw. des Gemeindediakons etwa ist dieser Vorstellung nicht kompatibel.
b) In der römisch-katholischen Schwesterkirche ist das Amt des Diakons das unterste in der Trias des hierarchischen dreigliedrigen Amtes. Einerseits als Weihegrad vom Stand der Laien unterschieden, andererseits gegenüber den höheren Weihen niedriger eingestuft, schwingen beim Diakonen-Amt assoziative Voraussetzungen mit, die nur schwer aus der Welt zu schaffen sind.

Daraus folgt meine dritte Erkenntnis: Wenn evangelischerseits an die Ausbildung eines Amtes gedacht wird, das in der Tradition des altkirchlichen Diakonats gedacht wird, ist die Übernahme des entsprechenden Begriffs zumindest problematisch. Unter Umständen erwirbt man neben der Sache auch Inhalte und Vorstellungen, die dem protestantischen Amtsverständnis fremd sind.

4. Die gegenwärtige Situation im Blick auf aktuelle Berufsbilder zeigt, dass das, was man in der traditionellen Kirchensprache früher als „Liebes-Dienst“ umschrieben hat (und was von Liebesdiensten anderer Art doch noch unterschieden werden sollte), heute eher in den Handlungsfeldern der verfassten professionellen Diakonie angesiedelt ist oder säkularisiert wurde. Dies hat zumindest teilweise zu einem Auszug dieser Funktionen aus der traditionellen Kirchlichkeit geführt.

Die heute etwa von Gemeindediakoninnen und Gemeindediakonen wahrgenommenen insbesondere pädagogischen Funktionen sind mit diesem Namen eher unzureichend oder nicht zutreffend beschrieben.

Daraus ergibt sich die vierte Erkenntnis: Die gegenwärtige Situation lässt sich mit der Unterscheidung von Wort- und Tat-Berufsbildern kaum weiterführend bearbeiten. In der Tat sind aber möglicherweise Nischen für nicht-professionelle oder auch professionelle Rückführungsprojekte im Sinne der Ausbildung eines Gemeindediakonats – oder eines Diakonats der Glaubenden in Komplementierung des Priestertums der Getauften zu bedienen.

5 Ein liturgisches Ergänzungsamt im Sinne einer Zuordnung zum Pfarrdienst im Sinne der altkirchlichen Diakone existiert gegenwärtig im Protestantismus nicht. Hier wird in der gegenwärtigen Ordinationsdebatte eher an der Ausbildung und Wertschätzung von gleichwertigen, aber anders gearteten Alternativen zum traditionellen Pfarramt gearbeitet, nicht an Berufsbildern in zwar hilfreicher, aber hierarchisch abgestufter Zuordnung.

Darum ist als fünfte Erkenntnis festzuhalten: Die Überführung des Gedankens eines evangelischen Diakonats in konkrete Berufsbilder muss unbedingt bei der Gleichwertigkeit der Wort- und Tat-Funktionen ansetzen. Sie, lieber Herr Nübel, mögen’s mit klammheimlicher und später Freude hören. Der Wort-Funktion ist ohne diakonische Anreicherung unglaubwürdig (ja eigentlich doch gar nicht existent). Die Tat-Funktion ist ohne nachvollziehbare theologische Unterfütterung im Sinne der Weitergabe des Wortes ohne Nachhaltigkeit.

6. Im Blick auf die im Thema des heutigen Morgens intendierte Einheit von Wort und Tat geht es also nicht um Traditionspflege im Sinne der Wahrung eines altkirchlich hochgeschätzten Amtes. Vielmehr geht es darum, die Weitergabe der Guten Nachricht auf Dauer zu stellen und Theorie und Praxis gewissermaßen in eine glaubwürdige und plausible Balance zu bringen.

Daraus folgt als sechste Erkenntnis, dass die Aufgabe, vor der wir stehen, die ist, im Blick auf die Zukunftsfähigkeit der Kirche an den bestehenden Berufsbildern zu arbeiten bzw. neue zu entwickeln.

7. Diese neuen Berufsbilder zielen längst nicht mehr ausschließlich auf klassische verkündigende, pädagogische und sozial-karitative Berufe. Vielmehr sind Ausbildung und Stellenangebote so zu gestalten, dass Kombinationen nicht nur möglich, sondern auch erwünscht sind. Die Ausbildung müsste in Form von Modulen geschehen, die einen Hauptstrang mit Qualifikationen unterschiedlicher Art ergänzen.

Schwerpunktsetzungen werden bleiben. So bleiben dem Wort-Amt mindestens zwei Funktionen: Zum einen die, den Schatz der theologischen Tradition zu reflektieren und weiterzugeben; zum anderen der im besten Sinne heilende Zuspruch unserer bleibenden und vom Erfolg unabhängigen Würde bei Gott.

Und es bleibt das Tat-Amt als Brechung der Rechtfertigung hinein in den Glauben, der nie ohne Früchte sein kann, wo bei solche Früchte sich nicht selten in professionellen Erfordernissen niederschlagen. Ziel eines so verstandenen Diakonats wäre dann dem Wort-Amt vergleichbar der heilende Dienst an der Brüchigkeit und Verletzlichkeit der Schöpfung.

Bleibt die siebte Erkenntnis: Eine derart beschaffene Ausbildung, die dem Anliegen von Ihnen, lieber Herr Prof. Nübel, ja nur entgegenkommen kann, ist nirgendwo anders so gut aufgehoben wie an dieser Einrichtung, dieser Evangelischen Fachhochschule, an der sie über so viele Jahre gearbeitet haben. Erste Schritte werden hier in Weiterentwicklung der Ausbildungsgänge längst gegangen. Und wenn über dem Anliegen des Diakonats der Begriff womöglich auf der Strecke bleibt, werden wir alle das verschmerzen.

Ich bin sicher, Sie, lieber Herr Nübel, werden die weitere Entwicklung mit interessierten Augen und einem wachen Herzen auch zukünftig begleiten.

Traugott Schächtele

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