Predigt über Lukas 15,1-10
im Gottesdienst anlässlich des 30. Bestehens
des Gemeindezentrums in Feldberg-Falkau
am Sonntag, den 6. Juli 2003 (3.S.n.Tr.)


Man soll die Feste feiern wie sie fallen. So sagt es auf alle Fälle das Sprichwort, liebe Gemeinde. Ihnen hier in Falkau - und in der Andreas-Gemeinde Feldberg-Titisee überhaupt - braucht man das nicht zu sagen. Sie sind im Feiern mittlerweile geübt. Und an Anlässen zum Feiern mangelt es ihnen auch nicht. Zumindest sorgen sie dafür, dass es immer etwas zu Feiern gibt. Das eine Mal ist es der Altar, das andere Mal sind es die Glocken. Heute nun hat feiert ihr Gemeindezentrum seinen 30. Geburtstag. Ein evangelisches Haus mit ökumenischer Offenheit lautet die programmatische Selbstcharakteristik in der Berichterstattung für die Medien. Beides ist wichtig. Zeigt doch das eine Stichwort – evangelisch – die Wurzel – und das andere – das Wort ökumenisch – die Perspektive an.

Das Feiern gehört zum Christsein ganz wesentlich dazu. Es ist keineswegs irgend eine im Grunde verpönte Art, die Dinge in den Blick zu rücken. Obwohl wir Protestanten da auch unsere eigenen puritanischen Züge mit uns herumtragen. Doch das Feiern ist keineswegs eine Aktivität, bei der wir uns als Christinnen und Christen eher zurückhaltend zeigen sollen. Darum meinen herzlichen Glückwunsch zum großen Jubiläum. Und ein ebenso herzliches Dankeschön, dass ich die Möglichkeit des Mitfeierns habe.

Vom frohen Feiern handelt auch der Predigttext für diesen 3. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest. Gleich an mehreren Beispielen versucht Jesus aufzuzeigen, warum unser Leben Festcharakter haben soll. Zwei dieser Beispiele – zwei kleine Gleichnisse – bilden den heutigen Predigttext.
Jesus erzählt seine Beispielgeschichten nie ohne Grund. Immer reagier er auf eine Anfrage. Oder auf eine besondere Situation. Auch im Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht bei Lukas im 15. Kapitel. Jesus befindet sich da in einer Situation, die ihn dazu bringt, einige Gleichnisse zu erzählen. Hören wir, wie es zu den Gleichnissen kommt:

„Es machten sich aber allerlei Zöllner und Sünder an Jesus heran, um ich reden zu hören. Als die Pharisäer und Schriftgelehrten dies sahen, sprachen sie untereinander: Dieser nimmt ja auch die Sünder an und isst mit ihnen. Nun ist das Himmelreich wahrhaftig nahe herbeigekommen. Dies ist der Tag, den der Herr macht. Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. Und sie fingen an, fröhlich miteinander zu feiern.“

So könnte es gewesen sein. Ja, schön, wenn es so gewesen wäre. Doch leider beginnt der Text doch noch einmal etwas anders. Achten sie genau auf den Unterschied.

„Es machten sich aber allerlei Zöllner und Sünder an Jesus heran, um ich reden zu hören. Als die Pharisäer und Schriftgelehrten dies sahen, sprachen sie untereinander: Dieser nimmt ja sogar die Sünder an und isst mit ihnen. Und sie wurden unwillig und verärgert.“

Helles Entsetzen also bei denen, die sich in den Regeln der Religion bestens auskennen. Jesus spürt das sehr wohl. Und er reagiert mit drei Beispielgeschichten. Zwei davon möchte ich ihnen jetzt vorlesen:

Die erste Beispielgeschichte
Welcher Mensch ist unter euch – so beginnt Jesus - der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut - mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Die zweite Beispielgeschichte
Welche Frau, die zehn Silbergroschen hat und einen davon verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht mit Fleiß, bis sie ihn findet? Und wenn sie ihn gefunden hat, ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen und spricht: Freut euch mit mir; denn ich habe meinen Silbergroschen gefunden, den ich verloren hatte. So, sage ich euch, wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.

Ich kenne diese Freude des Wiederfindens nur zu gut. Weil ich immer wieder auf der Suche bin. Ein Schlüssel, der plötzlich verschwunden ist. Dabei hatte ich eben erst noch die Haustür damit aufgeschlossen. Der Zettel mit der Telefonnummer, den ich mir extra bereit gelegt habe. Nur wo? Ein Buch, das man aus dem Regal holen will. Und dann steht es einfach nicht mehr da. Die letzte Briefmarke, die man sich extra aufgehoben hat. Und dann ist sie einfach nicht mehr aufzufinden. Ich bin sicher: Diese Erfahrung kennen sie alle auch. Und damit auch das gute Gefühl, wenn das Gesuchte wieder auftaucht. Oder wenn wir etwas finden, das wir gar nicht gesucht haben. Eine alte Photographie. Ein längst verschollen geglaubter Brief.

Dabei sind das nur die eher harmlosen Fälle. Anderes kommt mir in den Sinn. Als ich voller Sorge eine meiner Töchter als kleines Mädchen auf der Freiburger Messe gesucht habe. Oder ein anderes Mal eine andere Tochter im Karlsruher Hauptbahnhof. Ich denke auch an die vielen Menschen, die nach dem Krieg vermisste Angehörige ausfindig zu machen suchten. Den Mann. Die Eltern. Die Kinder. Im einen Fall verlief die Suche am Ende mit Erfolg. Im anderen Fall ohne. Jeder Krieg bringt unzählige solcher Suchaktionen hervor. Bis heute.

Jesus belässt es bei den einfachen Beispielen. Also können wir das auch tun. Denn am Ende geht’s gar nicht um die Suche im Allgemeinen. Es geht um die Suche nach dem Besonderen. Um die Suche, die alles andere ausblendet. Die Suche, die nicht danach fragt, ob sie überhaupt vernünftig ist. Wer 99 Schafe durchbringt, der müsste doch eigentlich zufrieden sein. 99 von Hundert. Das sind 99 Prozent. Keine schlechte Quote möchte man meinen. Aber um die Quote geht’s hier eben nicht. Weil es Gott nicht um die Quote geht. Sondern um den einen oder die eine.

Und weil neben dieser Suche nach dem Besonderen noch etwas anderes im Mittelpunkt steht. Es geht nämlich ebenso sehr – oder sogar noch mehr - um das Finden. Um die Freude, wenn einem das Gesuchte dann plötzlich doch wieder in die Hände fällt. Ein kleines – manchmal sogar ein großes Glücksgefühl ist das – und in aller Regel in seiner Dimension deutlich größer als es dem Anlass eigentlich entspricht.

So verbissen wir vorher den Papierkorb durchgewühlt haben. Den Ordner mit den Dokumenten. Oder den Stapel mit den Zeitungen. So heftig die Frau für einen unbedeutenden Betrag ihr Haus auf den Kopf gestellt hat – so befreiend wirkt sich dann auch der Erfolg des Findens aus. Ein fast triumphales Glücksgefühl, das sich da einstellen kann. Ich hab’s den widrigen Mächten gezeigt.

Genau so, sagt Jesus, verhält es sich mit Gott und den Menschen Genau so freut sich Gott, wenn es wieder einen mehr gibt, der nach ihm fragt. Einen mehr, dem nicht egal ist, wo er den Sinn seines Daseins findet. Wo er oder sie sich gründet. Einen mehr, dem nicht egal ist, wie’s dem Menschen nebendran geht. Einen mehr, dessen Leben nicht von den oftmals widrigen Ansichten, sondern von den großen Aussichten bestimmt ist. Solche Menschen zu finden – und sei’s nur den einen mehr – wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Freut euch mit mir! sagt der Hirt, denn ich habe ein verlorenes Schaf zur Herde zurückgebracht. Freut euch mit mir! sagt die Frau, denn ich habe meine Münzen zurück. Und dann wird gefeiert. Ein kleiner Anlass. Und ein großes Fest.

Darum also soll auch gefeiert werden in unserer Kirche. Es ist die Freude der Wiederauffindung. Die Freude des Wiedererkennens. Es ist die nachgehende Liebe, die wir feiern. Eben nicht irgend eine abstrakte Liebe. Sondern die Liebe und die Zuwendung Gottes zu jedem Menschen und zu seiner Schöpfung.

Gottes Zuwendung macht sich dabei immer am Detail fest. Gott wird gewissermaßen immer am Kleinen groß. Dies können wir durch die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen immer wieder entdecken.

Ein wahrhaft kleines Volk von nur zwei alten Leuten sind die beiden – Abraham und Sarah. Und am Ende Stammeltern so vieler, wie es Sterne am Himmel gibt.

Ein kleines Volk sind sie, diese Israeliten. Und am Ende Gottes Brücke der großen Gotteserfahrung zur gesamten Menschheit.

Eine kleine Frau ist sie, Maria aus Nazareth. Und am Ende die Mutter dessen, der das Spiel von Macht und Gewalt in dieser Welt so radikal unterbrochen und die Gesetze des Immer-weiter-so aus den Angeln gehoben hat.
Ein kleiner Mensch war er im Grunde selber, dieser Jesus aus Nazareth, den sie mundtot machen wollten. Und mit dem sie fertig waren. Ein Zimmermannssohn aus Galiläa. Irgendwo im Hinterhof des römischen Reiches gelegen. Und dann erweist er sich als der, der dennoch die Größe Gottes aus seinem Leben herausscheinen lässt. Und der aus dem kleingläubigen bösen Ende heraus der großen Erfahrung der Überwindung des Bösen, ja des Todes in der Welt einen Ort verschaffte.

Auch ein Gemeindezentrum – und jetzt komme ich zum Anlass des heutigen Festes zurück - ist ein solcher Ort. Ein Ort der Erinnerung der Größe Gottes im Maß unserer Möglichkeiten. Ein Ort des Feierns, gerade dann, wenn es scheinbar so wenig zu Feiern gibt. Ein Ort, dessen Größe sich nicht in der Architektur, sondern in der Lebendigkeit des gelebten Glaubens widerspiegelt.

Dieses schöne Gemeindezentrum ist dafür ein hervorragendes Beispiel. Multifunktional in seiner Anlage. Pfarrhaus, Gemeindesaal und Kirche in einem. Durchaus nicht auf dem Präsentierteller. Aber eben doch da. Unverzichtbar da. Ein Ort, der die Größe Gottes ebenso erahnen lässt wie eine gotische Kathedrale. Nur eben mir andere Mitteln. Aber mit derselben Botschaft. Der Botschaft des „Freut euch mit mir! Denn gefunden ist, was verloren schien.“ Zöllner und Sünder. Diejenigen, die draußen waren nach Einschätzung derer, die sich auskannten mit den Vorlieben Gottes.

Ein Haus des Wiedererkennens könnte man dieses Gemeindezentrum auch nennen. Ein Haus, indem wir Gott als diejenige Kraft wiedererkennen, der wir uns mit Haut und Haaren zu verdanken haben. Ein Haus, in dem wir die Frau oder den Mann neben uns als Schwester und Bruder erkennen. Weil sie ebenso die Zeichen der Gottesebenbildlichkeit und zugleich der Geschöpflichkeit an sich tragen wie wir. Ein Haus, in dem wir in vielfältiger Weise – im Miteinanderreden wie im Feiern – jene guten Worte wiedererkennen, die Menschen seit Jahrhunderten Mut zum Leben machen. Habt keine Angst. Ich bin bei euch. Freut euch mit mir, denn ich habe euch gefunden.

Und Haus, in dem zugleich die Worte hörbar waren und hörbar bleiben, die uns Mut machen sollen. Mut mitzuwirken an der Veränderung der Welt hin zum Guten. Die Worte: Gehet hin und macht es genau so. Vergesst diejenigen nicht, die sonst keiner im Blick hat. Diejenigen, die euch Mühe machen, wenn’s darum geht, den Bruder oder die Schwester in ihnen zu entdecken.

Genau darum erzählt Jesus die Geschichte vom wiedergefundenen Verlorenen. Vom Schaf. Von der verlorenen Münze. Und dann auch noch die vom sogenannten verlorenen Sohn. Oder besser vom wiederfindenden und wiedererkennenden Vater. Die gehört heute zwar nicht zum Predigttext. Aber gänzlich übergehen möchte ich sie auch nicht.

Gott ist auf der Suche nach uns. Und Gott freut sich, wenn wir uns finden lassen. Und wenn wir solche Orte des Wiederfindens und des Wiedererkennens unter uns haben. Wie dieses Gemeindezentrum. Wie jede gelingende Begegnung. Wie jeder dankbare Seufzer, wenn wir es irgendwie doch wieder geschafft haben.

„Der uns Nachgehende“ oder „Der die Menschen Aufsuchende“ – das sind gewiss zwei der vielen Namen Gottes. „Die sich haben finden lassen“ – warum sollte das nicht unser Name sein? Grund genug zu feiern für weit mehr als weitere 30 Jahre. Amen.

Traugott Schächtele

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