PREDIGT ÜBER MATTHÄUS 25,14-30
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 17. AUGUST 2003 (9.S.N.TR.)
IN DER KREUZKIRCHE IN FREIBURG


Der liebe Gott hat keine Aktien, liebe Gemeinde. Und auch Jesus hätte keine gekauft, auch wenn es damals schon welche gegeben hätte. Von irdischem Reichtum hat Jesus nichts gehalten. Und die irdische Vorsorge hätte ihn viel zu sehr von dem abgehalten, worauf es ihm eigentlich ankam. „Sorget nicht für den morgigen Tag“ – das hat Jesus in der Bergpredigt gepredigt. Für Geld und gar für Aktien blieb da nicht viel Raum.

Und dennoch war Jesus die Finanzwelt keineswegs fremd. Im heutigen Predigttext stellt er uns sogar zwei erfolgreiche Geldjongleure als nachahmenswerte Vorbilder vor Augen. Aber hören sie selbst. Ich lese jetzt gleich den Predigttext für den heutigen 9. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit. Er steht bei Matthäus im 25. Kapitel. In diesem 25. Kapitel geht es um die letzten Dinge. Im Grunde um die Situation beim Ende der Welt. Deshalb muss ich vor der Verlesung des Predigttextes noch kurz einige Informationen zum besseren Verständnis vorausschicken.

Vor dem heutigen Predigttext wird das Gleichnis von den zehn jungen Frauen und ihren Ölleuchten erzählt. Fünf haben vorgesorgt und genügend Ölvorrat bei sich. Den anderen fünf geht schon bald das Licht aus. Nur die ersten fünf werden dann aber zugelassen und eingeladen zur großen Hochzeit, die gefeiert werden soll. Für die übrigen fünf bleibt der Festsaal verschlossen. Die Botschaft ist klar: „Sorgt vor“, will Jesus, der das Gleichnis erzählt sagen. „Ihr wisst nicht, wann’s endgültig drauf ankommt.“

Unmittelbar nach dem Predigttext folgt das Gleichnis vom großen Weltgericht. Jetzt wird endgültig die Spreu vom Weizen geschieden. Jetzt ist es für Korrekturen zu spät. „Was ihr getan habt einem meiner geringsten Brüder oder einer meiner geringsten Schwestern, das habt ihr mir getan.“ Manche werden dieses Satz kennen. Und er wird dann auch gleich präzisiert. Wer den Hungrigen zu Essen gegeben hat und den Durstigen zu Trinken; wer Fremden Unterschlupf gewährt und Bedürftige gekleidet hat; wer Kranke auf ihrem Krankenlager und Gefangene im Gefängnis besucht hat, der kommt auf die rechte, die zukunftsoffene Seite. Denen auf der rechten Seite steht Gottes Reich offen. Wer all dies nicht getan hat, der kommt auf die linke Seite. Für die ist es jetzt zu spät. Bei diesem Gleichnis lautet die Botschaft: „In jedem Menschenleben wird irgendwann geerntet. Und ernten kann man nur, was man vorher gesät hat. Sät also gute Taten – um Gottes und um eurer selbst willen.“

Zwischen diesen beiden Gleichnissen – zwischen dem „Sorgt vor und dem Irgendwann wird auch geerntet – dazwischen hinein gehört die Botschaft des heutigen Predigttextes. Die Botschaft von den guten und den schlechten Finanzfachleuten. Ich lese jetzt aus Matthäus 25 die Verse 14 bis 30:

Predigttext

Denn es ist wie mit einem Menschen, der außer Landes ging: er rief seine Knechte und vertraute ihnen sein Vermögen an; dem einen gab er fünf Zentner Silber, dem andern zwei, dem dritten einen, jedem nach seiner Tüchtigkeit, und zog fort. Sogleich ging der hin, der fünf Zentner empfangen hatte, und handelte mit ihnen und gewann weitere fünf dazu. Ebenso gewann der, der zwei Zentner empfangen hatte, zwei weitere dazu. Der aber einen empfangen hatte, ging hin, grub ein Loch in die Erde und verbarg das Geld seines Herrn.

Nach langer Zeit kam der Herr dieser Knechte und forderte Rechenschaft von ihnen. Da trat herzu, der fünf Zentner empfangen hatte, und legte weitere fünf Zentner dazu und sprach: Herr, du hast mir fünf Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit weitere fünf Zentner gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! Da trat auch herzu, der zwei Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, du hast mir zwei Zentner anvertraut; siehe da, ich habe damit zwei weitere gewonnen. Sein Herr sprach zu ihm: Recht so, du tüchtiger und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude!

Da trat auch herzu, der einen Zentner empfangen hatte, und sprach: Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist: du erntest, wo du nicht gesät hast, und sammelst ein, wo du nicht ausgestreut hast; und ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde. Siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Wusstest du, dass ich ernte, wo ich nicht gesät habe, und einsammle, wo ich nicht ausgestreut habe? Dann hättest du mein Geld zu den Wechslern bringen sollen, und wenn ich gekommen wäre, hätte ich das Meine wiederbekommen mit Zinsen. Darum nehmt ihm den Zentner ab und gebt ihn dem, der zehn Zentner hat. Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden. Und den unnützen Knecht werft in die Finsternis hinaus; da wird sein Heulen und Zähneklappern.


Die Reichen werden also immer noch reicher. Und die Armen immer noch ärmer, liebe Gemeinde. Ist das also die Botschaft des heutigen Predigttextes? Dann würde sie auf alle Fälle bestätigen, was wir ohnedies schon wissen. Und was sich vor unser aller Augen und auch in unserem Land abspielt. Das Auseinanderklaffen der Schere zwischen arm und reich.

Zum Glück ist dies gerade nicht der inhaltliche Kern des Gleichnisses. Es geht überhaupt nicht um arm oder reich. Vielmehr geht es darum, wie der Reichtum der einen und die Armut des anderen zustande kommen. Aber Armut und Reichtum im Bild gesprochen. Weil’s eben gerade nicht um Geld geht. Sondern fast geradezu um das Gegenteil.

Und trotzdem erzählt Jesus ein Beispiel aus der Geldwirtschaft. Der Gleichniserzähler Jesus liebt diese Ausflüge in die unterschiedliche Lebenswelten seiner Zuhörerinnen und Zuhörer. Und es geht keineswegs nur um die Welt von Ackerbau und Viehzucht. So berichtet Jesus etwa aus dem Feld der Betriebswirtschaft im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – das ist jenes Gleichnis, wo ein Großgrundbesitzer gleichen Lohn trotz unterschiedlicher Arbeitszeit bezahlt. Ja, Jesus kann seinen Jüngerinnen und Jüngern sogar den Ratschlag geben: „Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon; gemeint natürlich wieder das Geld.

Was genau meint nun das Gleichnis im heutigen Predigttext? Ein reicher Mann geht also auf Reisen. Er macht wohl eine Geschäftsreise, denn die Reise soll länger dauern. Sein Vermögen vertraut er – nach heutigem Sprachgebrauch - seinen drei Geschäftsführern an. Er bringt den dreien ein sehr großes Vertrauen entgegen. Denn er hat ein durchaus beachtliches Vermögen.

Dem einen überlässt er fünf Zentner Silber. Dem zweiten zwei Zentner. Und dem dritten einen Zentner. Auch dieser eine Zentner Silber ist wahrhaftig mehr als nur die Portokasse. Es handelt sich, wenn man fünf und sieben und eins zusammenzählt um insgesamt acht Zentner Silber. Damit erhält auch der dritten Geschäftsführer immerhin noch die Verantwortung für 12,5 Prozent des Betriebskapitals.

Ich habe versucht, mich kundig zu machen. Am vergangenen Freitag, also vorgestern, kostete die Feinunze Silber an den Weltmärkten etwas mehr als 5 US-Dollar. Eine Feinunze entspricht ungefähr 31 Gramm. Dann ist ein Zentner Silber immerhin noch 8.000 Dollar wert. Für die damalige Zeit ist das ein unermesslich großes Vermögen.

Zwei der drei Geschäftsführer machen sich mit Lust ans Werk der Geldvermehrung. Vielleicht schwingt auch die berechtigte Sorge mit, ausbleibender Erfolg könnte ihnen am Ende den Arbeitsplatz kosten. Aber das ist nicht ihre Hauptmotivation. Sie tun, was ihnen aufgetragen wird. Das entgegengebrachte Vertrauen spornt sie an. Also arbeiten sie mit dem Geld. Sondieren den Markt und legen an. Kaufen und Verkaufen. Nutzen die Gunst der Stunde und weichen fallenden Renditen aus. Und wo schon Geld ist, ist bald noch mehr. Das kennen wir. Der eine wie der andere verdoppeln ihr vermögen. Glatte 100 Prozent Gewinn. Aus fünf Zentnern werden zehn. Und aus zweien vier.

So macht man’s richtig. Uns so wird es dem Eigentümer am Ende gefallen. Die vorhandenen Möglichkeiten werden genutzt. Die Gunst der Stunde nicht übersehen. Dazu kommen Motivation und ein gutes Startkapital. Kein Wunder, wenn am Ende auch der Erfolg nicht ausbleibt. „Gut gemacht!“, wird der Eigentümer später sagen. Ich werde euch diesen Einsatz nicht vergessen. Ihr habt euch für größere Aufgaben empfohlen.“

„Vermehrt, was ihr ohnedies schon habt. Macht aus vielem noch mehr.“ Das wäre die Botschaft des Gleichnisses – wenn da nicht noch der dritte Geschäftsführer wäre. Eigentlich geht es vor allem um den. Und gar nicht so sehr um die anderen. Dieser dritte denkt gar nicht daran, mit dem Vermögen zu arbeiten. Er bringt es – nach heutigem Denken – nicht einmal zur Bank, um wenigstens etwas Zinsen zu bekommen. Er vergräbt das Geld in der Erde.

Interessant ist, wie er sein Verhalten begründet. Es klingt wie nach einer Form von Kapitalismuskritik: „Ich hatte Angst vor dir“, sagte der dritte Geschäftsführer zum Geldbesitzer. „Du erntest, wo du nicht gesät hast. Und du sammelst ein, was dir nicht gehört. Da zog ich es vor, mich dem Risiko der Geldvermehrung gar nicht auszusetzen.“

Vielleicht ist an den Worten des dritten durchaus einiges an Wahrheit verborgen. Doch nicht der Geldbesitzer steht im Mittelpunkt des Gleichnisses, sondern der dritte Geschäftsführer. Er ist unter seinen Möglichkeiten geblieben. Er hat es nicht einmal versucht. Er hatte ein gutes Startkapital. Er hatte dieselben günstigen Ausgangsbedingungen wie die beiden anderen auch. Aber er hat sie nicht genutzt. Er hat es nicht einmal versucht. Das ist der Skandal dieses Gleichnisses. Nur deswegen wird es erzählt.

Und genau in diesem dritten Geschäftsführer können wir uns als viel zu oft wiedererkennen. Auch als Kirche. Wir haben es nicht einmal versucht. Wir haben das Risiko und das Wagnis gescheut. Es war uns lieber, gar nichts zu unternehmen. Nur um am Ende keinen Fehler zu machen. Dabei geht der, der nichts tut, am Ende doch das größere Risiko ein. Im Gleichnis endet der lebensscheue Geschäftsführer in der Finsternis. Er ist weg vom Fenster. Und die Chance, die er nicht genutzt hat, wird zum Vorteil des anderen. In diesem fall des ersten Geschäftsführers. Der erhält nämlich den einen Zentner Silber zu den zehn, die er schon hat, dazu.

Jetzt endlich können wir auch den Leitsatz dieses Gleichnisses formulieren. Er lautet. „Wage das Leben jetzt – und bringe alles ein, was du hast.“

Dieser Satz passt gut hinein zwischen das „Sorgt nicht“ und das „Irgendwann wird geerntet.“ „Wage das Leben jetzt – und bringe alles ein, was du hast.“

Nicht um Silber an sich geht’s also in diesem Gleichnis. Es geht um vielmehr. Es geht darum, entgegengebrachtes Vertrauen umzusetzen in konkrete Handlungen. Es geht darum, das, was Gott an Möglichkeiten in uns hineingelegt hat, fruchtbar zu machen für uns. Für die Menschen um uns herum. Und für diese ganze Erde.

Ja – eigentlich geht es um nicht weniger als um unser Leben. Es geht darum, zu nutzen, was uns als Möglichkeiten vor die Füße gelegt wird. Kein: „Der andere hat fünf oder zehnmal so viel.“ Kein: „Mein Gewinn wird am Ende doch ein anderer einstreichen.“ All dies hat den dritten Geschäftsführer nicht aus seiner misslichen Situation befreit. Und es wird auch uns nicht viel nützen.

Dass es immer irgend einen gibt, dem es scheinbar besser geht. Der die besseren Bedingungen hat. Mehr Startkapital. Den besseren Moment erwischt. Dem mehr in die Wiege gelegt ist – all dies entbindet und nicht von unserem eigenen Einsatz. Vor dem Wagnis des eigenen Lebens. Gott wird uns nicht fragen: Warum bist du nicht Albert Schweitzer gewesen? Nicht Albert Einstein oder Mutter Theresa? Aber schon möglich, dass Gott uns einmal fragen wird. Bist du du selber gewesen? Hast du deine Möglichkeiten genutzt, ohne immer nur nach den anderen zu schielen? Hast du selber den Gang über’s Wasser gewagt, statt nur zu klagen, dass es keine Brücke gibt.

Der liebe Gott hat keine Aktien. Das habe ich eingangs einfach behauptet. Im Grunde muss ich diese forsche Behauptung korrigieren. Gott hat Aktien. Gottes Aktien in der Welt sind wir. Gott hat von allem Anfang auf uns Menschen gesetzt. Gott hat darauf gesetzt, dass wir das Kapital, der Wert sind, mit dem er in dieser Welt arbeiten kann. In der Zuwendung zu unseren Nächsten. In der Bewahrung der guten Schöpfung. Im Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit.

Keine und keiner von uns muss sich die Welt mit ihren Aufgaben alleine auf die Schulter laden. Dem einen sind fünf Zentner zugemutet. Dem anderen zwei. Und dem dritten nur einer. Grund, unsere Möglichkeiten ungenutzt zu lassen oder gar zu vergraben, haben wir allerdings nicht. Sonst gerät Gottes Kurs in dieser Welt im Fallen.

Ich finde, es ist eine großartige Zumutung, dass Gott mit uns – mit dir und mit mir arbeiten will in dieser Welt. Und dass er mich dazu begabt und mit seinem Geist beflügelt. Schon mein einer Zentner Silber, der ich bin, ist ein nicht mehr zu überbietender Reichtum. Lassen sie sich überraschen, wozu sie fähig sind. Weil Gott dann am Ende auch zu ihnen sagt: „Über weniges habt ihr euch als zuverlässig erwiesen. Darum will ich euch über vieles setzen. Macht euch auf den Weg und lebt zur Freude eures Gottes!“ Amen.


Traugott Schächtele

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