PREDIGT ÜBER LUKAS 19,(37-40 ) 41-48
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 24. AUGUST 2003
(10. SONNTAG NACH TRINITATIS – ISRAELSONNTAG)
IN WOLFENWEILER


Feiern tut gut, liebe Gemeinde. Und auch hier in Wolfenweiler wird in diesen Tagen unübersehbar gefeiert. Das Weinfest lockt auch in diesem Jahr wieder viele Menschen an – aus der näheren und der ferneren Umgebung. Man sitzt zusammen. Bei diesem Wetter oft sehr weit in die Nacht. Man isst und trinkt. Man redet und genießt den selten schönen Sommer.

Es ist richtig und wichtig, dass gefeiert wird. Es stärkt die Gemeinschaft. Es schafft eine willkommene Abwechslung. Feste wirken wie sozialer Kitt. Kein Wunder, dass sie solchen Zu-spruch finden, auch wenn sie für die, die sie veranstalten, mit viel Arbeit verbunden sind.

Feiern tut gut. Was einem sonst schwer auf der Seele liegt, tritt mit einem Mal in den Hintergrund. Und sei’s auch nur für wenige Stunden. Wir haben in diesem Jahr eigentlich besonders viel Grund zum Feiern. Weil wir viel an Ablenkung nötig haben. Und an der Fähigkeit, wegzuschieben und zu verdrängen.

Der Blick in die Zeitung. Die allabendlichen Nachrichten lassen wirklich niemanden mehr zu Ruhe kommen: Gesundheit und Al-tersvorsorge, die uns zukünftig wohl noch mehr finanziell belasten werden. Wenig Aussicht auf bessere Zeiten in der Wirt-schaft. Tausende von Toten durch die große Hitze verbunden mit mangelnder Fürsorge in Frankreich. Aber sicher nicht nur dort.

Und dann immer wieder auf’s Neue: Die Gewalt im Nahen und im Mittleren Osten. Der schreckliche Anschlag auf das Un-Hauptquartier in Bagdad, bei der auch der UN-Sonderbeauftragte De Mello den Tod gefunden hat. Nicht zuletzt das verheerende Selbstmordattentat in Jerusalem am vergangenen Dienstag, bei dem 20 Menschen den Tod fanden. Und die postwendende Vergeltungsaktion Israels vom Donnerstag dieser Woche, die gezielt einen Hamas-Führer tötete.

Es kann einem schon wütend machen. Oder einem die Tränen in die Augen treiben. Genau darum geht es im heutigen Predigttext. Nur sind es nicht wir, denen es die Tränen in die Augen treibt. Und es geht zunächst auch nicht um unsere Wut und unseren Zorn.

Der Predigttext für den heutigen 10. Sonntag nach dem Dreiei-nigkeitsfest steht beim Evangelisten Lukas im 19. Kapitel in den Versen 37-48:

Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die gan-ze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stim-me über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige Pharisäer in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.

Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen, und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Und er ging in den Tempel und fing an, die Händler auszutreiben, und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben: »Mein Haus soll ein Bethaus sein«; ihr aber habt es zur Räuberhöhle gemacht. Und er lehrte täglich im Tempel. Aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Angesehensten des Volkes trachteten danach, dass sie ihn um-brächten, und fanden nicht, wie sie es machen sollten; denn das ganze Volk hing ihm an und hörte ihn.


Der 10. Sonntag nach dem Trinitatisfest ist traditionell der sogenannte Israelsonntag, liebe Gemeinde. An diesem Sonntag soll es um die Beziehung zwischen Judentum und Christentum gehen – im Blick auf die Geschichte mit dem Höhepunkt des Bösen und der Vernichtung von Millionen von Menschen; vor allem jüdischen Menschen. Vor wenig mehr als gerade einem halben Jahrhundert mitten unter uns. Und es soll natürlich auch um das theo-ogische Gespräch und die neu zu gestaltende Beziehung zwischen den beiden so eng verbundenen Religionen, dem Judentum und Christentum, gehen.

Nach einer Woche wie der zurückliegenden, wird sich aber auch die Politik nicht außen vor halten lassen. „Wenn du doch erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient.“ Auf nichts als darauf, den Weg zum Frieden zu erkennen, kommt es tatsächlich mehr an in diesen Tagen und in diesem Konflikt. Und wie in einem Brennpunkt laufen alle Konflikte in dem um Jerusalem zusammen.

Durch die ganze Geschichte hindurch war Jerusalem ein Ort, an dem die Machtgelüste zahlreicher Großmächte konfliktreich aufeinandergeprallt sind. Vom großen König David einst mit Gewalt erobert. Von den Assyrern belagert. Von den Babyloniern erobert. Und dann von den Römern fast dem Erdboden gleichgemacht.

Und doch hat diese Stadt dabei nichts von ihre Faszination ein-gebüßt. Heute spielt sie wieder eine große Rolle für die drei großen Religionen. Und sie bleibt ein brisanter politischer Zankapfel zwischen Israel und den Palästinensern.

Zu bedeutend ist diese Stadt, um nur irgend eine Hauptstadt zu sein. Zu sehr in vielfacher Weise religiös aufgeladen, um nur von einer Religion beansprucht zu werden. In friedlicheren Zeiten ein Reiseziel für Millionen von Menschen.

De Reiz des Blickes vom Ölberg über die Dächer der Altstadt kann sich niemand entziehen: Die glänzende Kuppel des Felsen-doms. Die imposante Architektur der Al-Aksa-Moschee. Die Westmauer des alten Tempelareals, die wir heute als Klagemauer und Ort des Gebetes kennen. Schon allein ihr imposanter Anblick hebt diese Stadt über andere Städte weit hinaus.

In der Symbolsprache der Bibel ist Jerusalem das Bild einer neu-en und sorglosen Zukunft. Der Ort eines dauerhaften und gerechten Friedens, wo im Namen Jeru-Salem doch Schalom, das hebräische Wort für Frieden, unüberhörbar anklingt. Das neue Jerusalem ist der Maßstab für die Sehnsucht der Menschen nach einer anderen Welt. Vollkommen gebaut nach den Gesetzen des Symmetrie und der Ästhetik. Mit edlen Steinen verziert, Von lebensspendendem Wasser durchzogen – so beschreibt die Of-enbarung des Johannes diese Modellstadt der neuen Welt Gottes. Dort können wir auch beschrieben finden, worauf wir zugehen: „Und der Tod wird nicht mehr sein. Noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein. Denn das Erste ist vergangen. Siehe, Neues ist geworden.“

Und dabei wird gerade diese Stadt immer wieder neu zum Schauplatz von Krieg und Gewalt. Zum Zankapfel der vielfältigsten Interessen. „Wenn du doch erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient.“ Nicht nur an Jerusalem ist diese Aufforderung gerichtet. Sondern zugleich auch an uns alle.

Was nicht zum Frieden dient, das bekommen wir tagtäglich mit schrecklichen Bildern vor Augen geführt. Von allen Beteiligten. Von allen Seiten. Nicht dem Frieden dient der Versuch, den anderen außen vor halten zu wollen. Nicht dem Frieden dient der Weg, auf Gewalt immer wieder neu mit Gegengewalt zu reagieren. Nicht dem Frieden dient es, die Würde des anderen zu verletzen. Seine religiösen Gefühle zu verletzen und seine politischen Ansichten zu verunglimpfen und den einen vorzuenthalten, was die anderen für sich in Anspruch nehmen.

An Jerusalem wird beispielhaft klar, ob wir in der Lage sind, Feindschaft wirklich zu überwinden und Lösungen zu erarbeiten, die dem Frieden und der Zukunft den Weg bereiten. Jerusalem ist der Präzedenzfall dafür, ob wir Menschen uns tatsächlich als lernfähig erweisen auf dem Weg zu mehr Frieden und Gerechtigkeit.

Gegenwärtig erginge es Jesus nicht sehr viel anders als vor 2000 Jahren. Der Blick auf Jerusalem – der Blick auf unsere Art als Menschen zu leben lässt wenig anderes übrig als das, was wir im Predigttext gehört haben: Und als er nahe hinzukam, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient!

Und doch sind Jesu Tränen mehr als nur Tränen über fehlge-schlagene politische Kompromisssuche. Es geht Jesus auch um das, was womöglich noch wesentlicher ist. Böse Vorahnungen steigen in ihm auf. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Und doch nicht nur in Jerusalem. Auch in Coventry und Dresden. In Freetwown und in Bagdad. Kein Stein wird auf dem anderen bleiben. Weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist.

Heimsuchung ist bei uns ein eher negativ besetzter Begriff. Krankheiten suchen uns heim. Und Katastrophen. Hier ist etwas anderes gemeint. Wo Gott heimsucht, lässt Gott Heimat finden. Wo Gott heimsucht, wird Zukunft nicht verbaut. Sie wird viel-mehr ermöglicht. Ihr habt die Zeit nicht erkannt, in der ihr heimgesucht worden seid. Die Zeit der Heimsuchung durch Gott, das ist erfüllte Zeit. Das ist Zeit, in der uns die Möglichkeit offen steht, alles noch einmal ganz anders zu sehen. Und noch einmal ganz anders zu leben.

Für Lukas, den Evangelisten ist klar, was er meint, wenn er von der Heimsuchung durch Gott spricht. Jesus von Nazareth ist der, in dem Gott die Menschen in besonderer Weise heimgesucht hat. Die Tränen Jesu, von denen Lukas berichtet – das sind für ihn die Tränen dessen, der mit seiner Heimsuchung auf Widerstand und auf Ablehnung stößt. Die Tränen dessen, der die Menschenliebe gepredigt und Feindschaft geerntet hat. Die Tränen dessen, der die Gottesliebe gepredigt hat. Und der dann vermeintlich um Gottes Willen dem Tod ausgeliefert wird.

Tränen vergießt dieser Jesus, weil er sich als offene Tür versteht. Durch die viele dann doch nicht hindurch gehen. Doch es bleibt nicht bei den Tränen. Zu den Tränen gesellt sich die Wut. An den Händlern des Religiösen und an den Kaufleuten der käuflichen Gottesliebe statuiert er ein Exempel. Er treibt sie aus dem Tempel.

Um es gerade am Israelsonntag ganz klar zu stellen. Diese Zei-chenhandlung Jesu ist kein Attentat auf das Judentum. Dies wäre Jesus nun wahrhaftig nicht in den Sinn gekommen. Jesus war selber Jude. Was über Jahrhunderte daraus geworden ist, dass die Kirche Jesus im Gegensatz zu seiner jüdischen Religion bringen wollte, das wissen wir nur zu gut. Hier sind bestenfalls Tränen der Schuld angebracht. Etwa in den Worten des Stuttgarter Schuldbekenntnisses vom Oktober 1945. Dort heißt es unter anderem: Wir klagen uns an, dass wir nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt, nicht mutiger bekannt und nicht brennender geliebt haben.

Jesu Tränen und seine Wut gelten den verpassten Gelegenheiten und den dunklen Möglichkeiten der Menschen überhaupt. Unsere Alternative ist die, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Wahrzunehmen, dass Gott uns heimgesucht hat und immer wieder neu heimsucht. Dass Gott es nicht aushält in himmlischer Abgeschiedenheit. Dass er Mensch wurde und uns den Frieden auf Erden zugesagt hat. Dass wir immer wieder Gottes Spuren in dieser Welt entdecken. In jeder überraschenden Erfahrung des Gelingens. In jedem Satz, er zum Ausdruck bringt: Ich hab’ Vertrauen zu Dir. In jedem Satz, der meint: Ich finde dich gut. Ich brauche dich! In Gesten der Menschlichkeit und der Zuwendung. In den Gaben seiner guten Schöpfung.

Unsere Zukunft liegt darin, die Zeichen der Zeit zu erkennen. Und die Zeichen der Heimsuchung Gottes. Wie das aussehen könnte, kann man dem Text entnehmen, der dem heutigen Predigttext unmittelbar vorausgeht. Dort wird vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet. Mit dem Ende dieses Berichtes hat der heutige Predigttext eingesetzt.

Die Menge hat – zumindest in Ansätzen und vorübergehend – etwas begriffen von dieser besonderen Heimsuchung Gottes. Und so finden wir in diesem Bericht einen dritten Zugang zu diesem Jesus aus Nazareth. Nicht der im Angesicht Jerusalems weinende Jesus wird uns hier vor Augen gestellt. Und nicht der im Angesicht des religiösen Kommerz wütende Jesus. Vielmehr der im Angesicht der ihm zujubelnden Menge und der heimtückischen Kritiker wahrheitsliebende und weltzugewandte Jesus. „Wenn diese schweigen, werden die Steine reden.“ Die Heimsuchung durch Gott lässt sich nicht unter Verschluss halten.

„Ehre sei Gott in der Höhe und Friede im Himmel“, ruft die Menschenmenge. Dies ist aber allemal nur die halbe Wahrheit. Aus dem Munde der Engel vor Bethlehem klingt es schon viel klarer, was Gott mit dieser Welt im Sinn hat. „Frieden auf Er-den“ wird uns da zugesagt. Und mir kommt jenes jüdische Sprichwort in den Sinn, das da lautet: „Gott wird das himmli-sche Jerusalem nicht betreten, er habe denn zuvor das irdische betreten.“

Grund zur Hoffnung ist das. Vielmehr noch. Zugesagte Gewiss-heit: Die Beschreibung einer noch ausstehenden Zukunft. Der Zukunft Gottes, wenn Gott alle Tränen abwischen wird. Und unser Weinen in Lachen verwandelt. Dies lasst uns feiern. Vor allem anderen. Und nicht nachlassen, dem Frieden zum Durchbruch zu verhelfen. In Jerusalem. In Bagdad. Und wo immer sich Unfrieden breit gemacht hat auf dieser Erde. Und hier bei uns.

Gott hat uns heimgesucht. Das feiern wir in jedem Gottesdienst auf’s Neue. Davon lasst und reden und singen. Denn wo wir schweigen, werden die Steine reden. Amen.


Traugott Schächtele

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