Ansprache zur Einführung von Dr. Jochen Kunath
als Pfarrer der Melanchthongemeinde Freiburg
am 21. September 2003 in der Melanchthonkirche


Lieber Herr Kunath,

auf diesen heutigen Tag ihrer Einführung haben viele mit großen Hoffnungen und Erwartungen hingelebt. Die Melanchthongemeinde: Schließlich geht mit ihrer Einführung die lange Vakanz im Pfarramt endlich zu Ende. Der Dekan; weil er jetzt eine Vakanz weniger zu betreuen hat und weil er sich überhaupt sehr darüber freut, dass sie da sind. Schließlich gibt es zwischen uns Brücken, die älter sind als dieses Stellenbesetzungsverfahren. Froh ist gewiss auch Herr Zirbel als Pfarramtsverwalter, dem eine Aufgabe von den Schultern genommen wurde, die ihm gewiss manchmal auch eine Last war. In der Zusammenarbeit mit dem Ältestenkreis, insbesondere mit dem Vorsitzenden Dr. Hirsch doch immer auch wieder Lust war und Freude bereitet hat.

Ein großer und wichtiger Tag ist der ihrer heutigen Einführung aber auch für sie, lieber Herr Kunath. Es ist weniger das Fest ihrer Rückkehr nach dem Vikarsexil in Württemberg. Ich weiß ja, dass sie diese Zeit eher doch vielmehr genossen als beklagt haben. An diesem heutigen Tag feiern wir das Fest ihrer Einführung auf die erste Pfarrstelle.

Nicht in jeder Hinsicht, aber doch in Teilaspekten ist die Aufgabe als Pfarrer mit der Liebe zu vergleichen. So ist also diese Melanchthongemeinde in Freiburg gewissermaßen ihre erste berufliche Liebe. In anderer Weise sind sie da ja längst versorgt und in guten Händen.

Vor mehr als zwanzig Jahren erschien ein Buch, das sie sicher auch schon gelesen haben. Es beginnt in seiner Vorrede mit den Worten:

„Der protestantische Pfarrer ist eine merkwürdige Zwitterfigur. Der Ausbildung und der Amtstracht nach tritt er auf als Gelehrter. Durch die Art seiner Dienstleistungen gehört er in die Reihe der Priester. In seinem theologischen Selbstverständnis möchte er am liebsten als Prophet agieren. Und die meiste Zeit verbringt er womöglich damit, die Rollen des kirchlichen Verwaltungsbeamten und des gemeindlichen Freizeitanimateurs zu spielen.“

Am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn als Pfarrer müssen sie dies alles erst einmal zusammenbinden und unter einen Hut bringen können. Oder – was das Beste ist - sie setzen gleich sehr früh die Merkzeichen dessen, was ihre eigene Besonderheit ausmacht. Dass sie gerade hier eine ausgeprägte Begabung und große Leidenschaft für die theologische Arbeit mitbringen, ist beim Kontakt mit ihnen schnell augenfällig. Auch deswegen sind sie uns und mit herzlich willkommen.

Gerade die Arbeit in der ersten Gemeinde birgt auf dem Weg, die Theologie ins Leben zu ziehen, Chancen und Risiken. Wobei die Chancen eindeutig überwiegen. Die Lust, gemeinsam mit anderen Neues zu probieren – sie steht unter dem Schutz, dass man ihre neuen Ideen nicht nur erträgt, sondern solche geradezu von ihnen erwartet. Die Tatsache, dass sie noch nicht auf einen allzu langen Weg beruflicher Erfahrung – und damit auf einen Weg von Versuch und Irrtum zurückschauen können – diese Tatsache befreit sie davon, manches erst gar nicht mehr auszuprobieren. Sie fischen gewissermaßen im prall gefüllten Pool der Möglichkeiten des Pfarrberufs.

Das Risiko, dass sie mit einem Projekt scheitern, wird geradezu aufgehoben durch die ihnen zugestandene Freiheit, auch auf bisher noch nicht begangenen Wegen Schritte in Unbekanntes zu wagen.

Sie, lieber Herr Kunath, bringen für diese Pfarrstelle das ideale Maß mit. Zunächst: Sie können die Türen der Pfarrwohnung ohne größeres Risiko für ihre Gesundheit passieren. Sodann: Sie sind ein Mensch, dem man seine Lebensfreude und Kommunikationsbegabung schon in der ersten Begegnung abspürt. Das ist wichtig, wenn man sich – umgeben von vorderösterreichischer Tradition auf markgräfler Boden wagt, wo die protestantische Tradition schließlich auch viel älter ist. Sie sind aber auch – und das ist das wichtigste - nachgewiesenermaßen Theologe genug, um in einer Gemeinde zu arbeiten, die Melanchthon zu ihrem Patron erklärt hat.

Ich will Melanchthon heute nicht über Gebühr strapazieren. Aber bekannt ist doch allemal, dass ihm gerade die Bildung der jungen Menschen sehr am Herzen lag. So ist er nicht zuletzt zu einem der Väter unseres Schulwesens geworden.

Die Brücke zwischen diesem zentralen Anliegen Melanchthons und ihrer Aufgabe als Pfarrer dieser nach ihm benannten Gemeinde lässt sich unter Zuhilfenahme des Monatsspruchs für diesen Monat September problemlos schlagen. Der Spruch lautet:

Was wir hörten und erfuhren,
was uns die Väter und Mütter erzählten,
das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen.

(Psalm 78,3+4)

Um eine deutliche Willensbekundung handelt es sich. Und um eine programmatische dazu. Im Sinne einer Selbstverpflichtung wird ein Zusammenhang in Erinnerung gerufen. Der Zusammenhang zwischen denen, die vor uns waren und denen, die nach uns kommen. Wir bilden gewissermaßen in personifizierter Weise die Brücke.

Die kleine Selbstverpflichtung tut der Tatsache, dass wir alle anders sind, keinen Abbruch. Aber sie befreit uns davon, mit unserem anders sein immer ganz von vorne beginnen zu müssen. Leben ist immer ein sich Ausstrecken nach dem, was bisher noch keinen Ort hat. Insofern ist Leben immer utopisch.

Zugleich heißt Leben aber immer auch sich nähren von dem, was wir anderen verdanken. Insofern ist Leben immer auch Anteil haben und Anteil geben am tragenden Grund unserer Traditionen.

Auf dem Feld der Religion ist dies geradezu die Grundbedingung. Religion wir nicht einfach nur gelehrt. Sie wird vor allem gelebt. Und dadurch immer auch vorgelebt. Und als Pfarrer stehen sie immer mehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit als ihnen – und den ihren! - manchmal lieb sein kann.

„Ich habe euch weitergegeben, was ich selbst empfangen habe.“ Mit diesen Worten beginnt Paulus in seinem Brief nach Korinth die Überlieferung der Abendmahlstradition. Zu verdanken haben wir diese erzählende, diese narrative Grundstruktur auch des Christentum, unser älteren Schwester, dem Judentum. „Und wenn dich dann dein Sohn fragt: Was sind das alles für Geschichten, dann sollst du sie ihnen erzählen. Dann sollen deine Kinder hören, wie es war beim vom Auszug aus Ägypten. Beim Durchzug durch das Rote Meer und durch die Wüste. Bei der Ankunft im Land, wo wahrhaftig nicht nur Milch und Honig geflossen sind.“ Bei jedem Passahfestbeginn hören alle, die feiern, auf diese Sätze. Und dann auch auf die bewahrte und weitererzählte Erinnerung.

Religionen – zumal die aus der jüdischen Wurzel – sind zuallererst nicht Glaubensgemeinschaften, sondern Erzählgemeinschaften. Und immer wieder erzählten sich die frommen Juden früher die Geschichte vom alten Großväterchen Elieser, der seit seines Lebens gelähmt war. Er war ein großer Erzähler vor dem Herrn. Und einmal, da kam er so sehr in Bewegung, dass er aufsprang mitten beim Erzählen, weil es ihn nicht mehr auf seiner Matte hielt. Und von dem Augenblick an war er von seiner Krankheit geheilt.

So Gott ins Gespräch bringen. So vom Glauben zu erzählen, dass es uns nicht mehr auf dem Stuhl hält, das ist uns allen aufgetragen. Da ist ihr neuer Pfarrer nicht anders als sie und ich. Und da geht die Brücke auch nicht nur vertikal aus der Vergangenheit in die Zukunft. Da wird sie in vielfacher Weise auch horizontal vom einen zur anderen geschlagen. Mit Gott rechnen, heißt mit Gott Brücken bauen. Heißt ins Erzählen kommen. Wie Jesus ins Erzählen kam mit seinen Gleichnissen und mit seinen Beispielgeschichten. Heißt nicht dem bloß Richtigen, sondern dem Wahren auf die Spur kommen.

Erzähler Gottes oder Erzählerin – das sind sie, lieber Herr Kunath, als Pfarrer dieser Melanchthongemeinde vielleicht bestenfalls in vornehmer Weise. Erzähler oder Erzählerin der großen Taten Gottes – das ist also eine Aufgabe lebendiger Zeitgenossenschaft. Und gelebter Geschwisterlichkeit. Berichtet und gesungen, gespielt und getanzt – der möglichen Vielfalt der Form dieses Erzählens sind dabei kaum Grenzen gesetzt.

Hier sind wir alle – gerade auch sie als Gemeinde - nicht nur Hörende, sondern zugleich eben auch Singende und Erzählende. Und ihre neue Pfarrer ist nicht nur selber als Erzähler, sondern zugleich als Moderator und Gestalter gefordert.

Was wir hörten und erfuhren,
was uns die Väter und Mütter erzählten,
das wollen wir unseren Kindern nicht verbergen.

(Psalm 78,3+4)

Dass wir’s vor allem unseren Kindern nicht verbergen – und ich meine jetzt gerade nicht die eigenen, sondern die große Zahl derer, die nach uns kommen und für die wir Verantwortung haben – dass wir’s ihnen nicht vorenthalten und verbergen – das ist dann aber trotzdem die größte Herausforderung vor der wir stehen. In der Schule ist ihnen diese Verantwortung aufgetragen. Im Konfirmandenunterricht. Im Kindergottesdienst. Wo immer ihnen Kinder und Jugendliche begegnen.

Wir bauen auf den Fundamenten – auf denen des Paulus und auf denen Luthers und eben auch Melanchthons – wir bauen auf den Fundamenten - und wahrhaftig nicht nur auf den auf dem Feld der Religion, die uns unser Mütter und Väter, unsere Großmütter und Großväter – überliefert haben. Diese Fundamente müssen wir stärken und sie tragfähig halten. Auf keinen Fall dürfen wir sie aushöhlen. Damit auch die nach uns kommenden ihren Hunger nach dem stillen können, was sie im Leben wirklich satt macht.

Der Pfarrer ist anders, habe ich eingangs aus einem Buch zitiert. Auf ihre Weise anders werden auch sie sein, lieber Herr Kunath. Mit ihnen zusammen soll ihre Melanchthongemeinde und immer wieder neu das große Fest des Erzählens der großen Taten Gottes feiern. Weil es auch Gott nicht ausgehalten hat im großen Schweigen. Denn wenn wir schweigen – so sagt Jesus einmal- dann werden die Steine reden. Darauf sollten wir’s nun wirklich nicht ankommen lassen. Amen.
Traugott Schächtele

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