GEDANKEN / ASSOZIATIONEN
LITURGISCHES FEST ZUM ABSCHLUSS DES
ÖKUMENISCHEN BIBELMARATHON
OFFENBARUNG DES JOHANNES
26. SEPTEMBER 2003


Vieles erschließt sich von hinten am besten. Die Zeitung. Der Kriminalroman. Nicht zuletzt auch: die Bibel. Das Licht der letzten Seite wirft sogar noch auf die erste einen erhellenden Schein. Dieses letzte biblische Buch ist eine Offenbarung. Nicht nur dem Namen nach. Ich habe kein anderes Buch der Bibel so oft und so ausführlich gelesen, bedacht oder bedacht gehört. Und diskutiert. Und das aus mindestens dreierlei Perspektiven.

Die erste Perspektive war die des Kindes. Damals wurde die Offenbarung für mich ein Buch der Zukunft. Aufgewachsen bin ich in einem religiösen Milieu, für das die Offenbarung des Johannes von ganz zentraler Bedeutung war. Umgeben war ich von Predigern und Textdeutern, die scheinbar sichere Aussagen über die Zukunft der Welt aus den Texten der Offenbarung abgeleitet haben. Das Buch mit den sieben Siegeln. Vor den dieser wortgewaltigen Ausleger lag es offen. Erstaunlich für mich, welche Einsichten in die Zukunft diese Männer - und es waren immer Männer – hatten. Noch heute höre ich sie von den weißen Kleidern reden, mit denen sie einst bekleidet und gewürdigtsein werden. Sie selber. Die Gerechten. Nicht die anderen. Die würden durch die Macht Satans ihre gerechte Strafe empfangen. Denn die Welt ist böse. Und sie muss sogar böse sein. Es sei doch alles vorausgesagt. Der Satan und der Antichrist bestimmen die Tagesordnung der Welt. Zukunft hat, wer sich fernhält und Gott die Ehre gibt.

Meine Offenbarung der Kindheit – das Buch der sicheren eigenen Zukunft mitten in einer übermächtigen bösen Welt. Sie war faszinierend. Befriedigt hat mich das nie.

Hilfreich war dann schon eher die zweite Perspektive. Mir eröffnet im Laufe meines Studiums. Ich habe gelernt, die Offenbarung als Buch zu lesen, das der jüdischen Tradition verhaftet war. Als Buch, besser als Zeugnis einer wertzuschätzenden Erinnerung. Als Buch der Vergangenheit. Es hat mir die Augen geöffnet, die unendlich vielen Bezüge auf die hebräische Bibel, das Alte Testament, zu entdecken und auch zu verstehen. Die Offenbarung: eine Apocalypse unter Apocalypsen. Eine besondere Gattung Literatur. Bilder und Anspielungen als Geheimsprache der Unterdrückten. Kleinliteratur, die die römischen Besatzer nicht zu entziffern in der Lage waren. Die Offenbarung – ein wertvolles Widerstandsdokument aus der Mitte der 90er Jahre des ersten Jahrhunderts.

Zur dritten Perspektive haben mir meine Schülerinnen und Schüler in der Oberstufe verholfen. In der Unterrichtseinheit zum Thema Bibel. Immer wollten sie die Offenbarung lesen. Und sie taten es mit großer Begeisterung. Die Bilder wurden zu inneren Videos, die sie zu lesen verstanden. Und die sie nicht selten längst kannten. Aus ihrer Musik. Und aus ihrer Literatur. Und die sie sehr wohl verstanden und verstehen. Ohne Kenntnis der Vorlagen. Ohne Detailwissen über die historischen Bezüge. Wirklich. Eine Offenbarung. Ein lesenwertes Buch der Gegenwart.

Das Tier aus dem Abgrund. Das Buch mit den sieben Siegeln. Das himmlische Hofzeremoniell. Die Welt der Engel. Die Bedeutung von Sonne, Mond und Sternen. Die detailliert beschriebenen Katastrophen. Wer daran gewöhnt ist, die Wirklichkeit in Bildern wahrzunehmen, in virtuellen Szenarien – der oder die kann hier üppig fündig werden. Mit meinen Schülerinnen und Schülern habe ich die Offenbarung des Johannes lesen und lieben gelernt.

Was bleibt: Die Offenbarung: Ein Buch, dass das Ende des Bösen ankündigt. Nicht dessen ewige Übermacht. Ein Buch, dass Trost vermittelt. Und nicht unendliche Aussichtslosigkeit. Ein Buch mit Perspektive. Und was für einer: Ein neuer Himmel und eine neue Erde. Und wirklich neu. Nicht nur neu im Blick auf die Beigabe in Form irgendeines event. Viel mehr: Der Tod wird nicht mehr sein. Leid! Geschrei. Schmerz. Sie werden nicht mehr sein. Was sein wird. Und was Bestand hat, das ist Gott. Mitten unter uns Menschen. Mitten im neuen Jerusalem.

Ja, auch Jerusalem wird neu. Wird wirklich zu einer Stadt des Friedens. Bleibt nicht auf Dauer Zankapfel und Konfliktherd. Überhaupt die Stadt: Nicht mehr Ziel der Wanderbewegungen und der Flucht der Ärmsten auf den Spuren nach Lebenswertem. Die neue Stadt kennt keine Slums. Sie sprudelt über von den Quellen des Lebens. Lebendiges Wasser. Umsonst! Leben nach der Offenbarung ist Leben nach der Katastrophe oder trotz und durch diese hindurch. Aber eben Leben.

Es ist hilfreich, die Bibel auch einmal von hinten zu lesen. Wie die Zeitung. Wo die Todesanzeigen auch nicht nur das Ende anzeigen. Sondern zugleich der Auferstehungshoffnung Raum geben wollen. Neues Leben. Anderes. Verwandeltes Leben. Leben bei Gott. Leben von allem Anfang. Leben bis ans Ende.

Das erste Wort und das letzte Wort der Bibel – sie sind wie eine Klammer, die unsere Spannungen aushält. Und die zusammenhält, was nur schwer zusammenzuhalten ist. Am Anfang: Gott spricht: sein schöpferisches: Es werde. Und es ward.

Am Ende: Siehe ich mache alles neu! Was für eine Perspektive! Was für eine Offenbarung! Was für ein Gott! Wie so oft. Erkennbar erst von hinten.
Traugott Schächtele

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