PREDIGT
ÜBER LUKAS 12, (13+14)15-21
GEHALTEN AM ERNTEDANKFEST (5. OKTOBER ) 2003
IN DER MATTHIAS-CLAUDIUS-KAPELLE


Gruß

Freude sei mit euch und Freundlichkeit
und die große Gabe der Dankbarkeit
gegenüber Gott und gegenüber allen,
die unser Leben reich machen. Amen.

Liebe Gemeinde!

Das Erntedankfest ist eines der schönsten Fest im Kirchenjahr. Und von allen Festen das elementarste und am leichtesten zu verstehen. Das Erntedankfest erklärt sich selbst. Es braucht dazu eigentlich keine Theologie. Keinen Akt des Glaubens wie an Weihnachten oder Ostern. Kein Bekenntnis zu einer besonderen Religion. Denn Erntedank wird überall gefeiert. Und schon so lange, wie es Menschen gibt.

Das Erntedankfest ist das älteste Fest der Welt. Die Hauptfeste der großen Weltreligionen sind alle zunächst einmal Erntefeste gewesen. Kein Wunder. Die ertragreiche Erne, der ausreichende Vorrat über den nächsten Winter oder die nächste Trockenzeit waren die Voraussetzung, um überleben zu können. Hinter dem Wetter, hinter der Erfahrung, dass es genug zu ernten gab oder dass die Ernte ausblieb, vermutete man willkürliche, zumindest undurchsichtige Entscheidungen der Götter.

Darum war es die wichtigste religiöse Handlung, die Götter bei Laune zu halten. Sie gnädig zu stimmen. Diesem Zweck dienten alle Opfer. Nicht irgendwelche Reste oder Übrigbleibsel wurden geopfert. Nein, man nahm vom Besten, was man hatte. Vor der Ernte bat man um Wachstum und Gedeihen. Nach der Ernte brachte man seinen Dank dar. Und dies alles im Rhythmus des Jahres. Und jedes Jahr auf’s neue. So sind die Erntefeste entstanden. Meist gab es gleich mehrere in jedem Jahr. Dazu kamen schon bald die Opferfeste der Herdenbesitzer. Das Einbringen der Ernte und das Wachstum der Herde. Beides garantierte das eigene Überleben und das der jeweiligen Sippe. Darauf konzentrierten sich alle Energien. Darum rankten sich alle Feste. Und all diese Feste waren Opferfeste. Das von den Göttern angenommene Opfer garantierte allein die Zukunft.

Opfern im Sinne der Erntefeste der alten Religionen heißt doch nichts anderes als zu geben, um am Ende gerade nicht mit leeren Händen dazustehen. Um auf’s Neue empfangen zu können. Opfern, das ist die Feier der Anerkenntnis, dass wir das, was empfangen, nicht einfach festhalten, sondern weitergeben. Den Göttern in den archaischen Ritualen. Und denen, die sonst leer ausgehen, in der Projektion der alten Opferbräuche in die zwischenmenschliche Solidarität hinein.

So beginnt die Kulturgeschichte der Menschheit zusammen mit der Geschichte der Religion. Die Religion beschäftigt sich mit der Tiefenstruktur des Lebens. um auch wieder neu Geben und Nehmen. Empfangen und Weitergeben. Ererben und Vererben. Und eben auch. Säen und Ernten. Und sie tut dies auf dem Hintergrund des wichtigsten Wissens, das die Menschheit erworben hat. Des Wissens darum, dass wir uns verdanken. Und dass alles, was wir haben, durch unsere Hände hindurchläuft. Und dass wir zwar vieles bewahren, am Ende aber nichts festhalten können.

Vom Festhalten und zugleich vom Loslassen können handelt der Predigttext für das Erntedankfest dieses Jahres aus dem 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums. Der Text spricht vom Festhalten und Loslassen gleich auf zweierlei, ja eigentlich sogar auf dreierlei Weisen des Zugangs: In der Rahmenhandlung, in der Jesus mit einer Bitte konfrontiert wird. Und im Gleichnis, mit dem Jesus auf die an ihn herangetragene Bitte reagiert. Die meisten von ihnen kennen das Gleichnis vermutlich unter der Überschrift „der reiche Kornbauer“. Aber hören sie noch einmal ganz genau hin, wo und auf welche Weise es um’s Festhalten-Wollen und um’s Loslassen geht.

Es sprach aber einer aus dem Volk zu ihm: Meister, sage meinem Bruder, dass er mit mir das Erbe teile. Er aber sprach zu ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbschlichter über euch gesetzt? Und er sprach zu ihnen: Seht zu und hütet euch vor aller Habgier; denn niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.

Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen. Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut! Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.


Liebe Gemeinde,

In Deutschland wird gegenwärtig mehr an Vermögen vererbt wie jemals zuvor. Die Schätzungen bewegen sich zwischen dreihundert Milliarden und 2 Billionen. Eine unvorstellbar hohe Summer. Ein Vielfaches des Bundeshaushalts. Festhalten können und nicht loslassen müssen zum ersten. Wer vererbt, lässt los. Muss loslassen. Weil niemand sein Vermögen mit ins Grab nehmen kann. Trotzdem ist das gerechte Vererben keine leichte Sache. Schon oft haben Erbstreitigkeiten das zuvor intakte familiäre Beziehungsgefüge nachhaltig gestört. Sind Geschwister in Streit geraten, die sich zuvor noch gut verstanden hatten.

Vererben will gut überlegt sein. Und wenn’s schwierig wird, ist auch Hilfe von außen am Ende nur förderlich. Im Predigttext wird Jesus wird als Mediator in Erbstreitigkeiten beansprucht. Als Schlichter in einem Erbstreit.

Jesus fühlt sich als Vermögensrichter in Nachlassfragen Jesus sich aber gänzlich in seiner Rolle missverstanden. Und er lässt sich auf die Bitte des Fragestellers erst gar nicht ein. „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ Mit diesem Satz versucht er den Blickwinkel des Mannes, der mit seinem Bruder im Konflikt um das Erbe liegt, in eine andere und grundsätzlichere Blickrichtung zu lenken. Weil es Jesus drauf ankommt, das Festhalten und das Loslassen in rechter Weise zueinander in Beziehung zu setzen. Und er erzählt die Geschichte von jenem Bauern, der eine wundersame Ernte einfährt. So wie etwa die Winzer in diesem für sie wunderbaren Jahrhundert-Herbst.

Egal, ob sie die Geschichte zum ersten Mal gehört haben oder ob sie sie seit ihrer Kindheit kennen: Mit diesem neureichen Bauern sind wir meist sehr schnell fertig. Raffgierig ist er. Geldsüchtig. Egoistisch. Immer mehr. Immer größer. Nie genug. Ein rechter Früh-Kapitalist.

Zu einer kleinen Ehrenrettung dieses sicherlich nicht gerade unvermögenden Mannes sehe ich mich allerdings schon veranlasst. Denn von dem, was diesem Mann oft vorschnell unterstellt wird, lässt sich auch beim näheren Hinsehen nichts nachweisen. Habgier und Undankbarkeit. Von beidem findet sich keine Spur.

Man mag – womöglich aus Neid – seinen Reichtum kritisieren. Aber dass seine Felder tragen, kann man ihm doch wohl kaum zum Vorwurf machen. Vermutlich steckt hinter diesem Erfolg auch ein guter Teil eigener Arbeit. Wahrhaftig kein Grund, ihn zu kritisieren. Dass er daraufhin die alte Scheune durch eine neue ersetzen lässt, verrät allemal unternehmerischen Instinkt. Und es ist zugleich vernünftig und verantwortungsvoll. Schließlich regen wir uns doch immer alle auf, wenn der EG-Agrarmarkt zur Vernichtung von Lebensmitteln als Folge einer sogenannten Überproduktion führt. Obwohl am Ende doch nur der Preis auf einem gewissen Niveau gehalten werden soll.

Der Bauer im Gleichnis tut nichts anderes als sein Urahn Josef tausende Jahre zuvor in Ägypten. Er baut eine große Scheune. Er bringt seine Möglichkeiten der Vorratshaltung auf den neuesten Stand.

Und prompt stellt sich der Neid der vielen ein. Wenn einer viel hat, muss er ein Gierhals sein. Ein Raffer. Aber diese Rechnung geht nicht auf. Der vorverurteilende Zeigefinger. Der hämische Blick – sie richten sich am Ende auf uns selber.

Fatal, wenn der reiche Kornbauer für uns zum Spiegel würde. Nicht wegen seines Reichtums. Zumindest nicht nur deswegen. Sondern wegen der Art und Weise, in der er in seiner besonderen Situation reagiert. Wegen seiner Lebenseinstellung: „Liebe Seele, nun hast du einen Vorrat für viele Jahre. Halte nun fest, was du du dir erworben hast. Sorge dafür, dass du nicht loslassen musst, worauf du deine Sicherheit im Leben gründest. Hab’ nun Ruhe. Iss und trink und habe guten Mut!“ Festhalten wollen und nicht loslassen können – zum zweiten.

Genau hier ist die Einfallstür, durch die uns der reiche Kornbauer tatsächlich zum Spiegel werden kann. Die Einstellung des reichen Kornbauern ist durchaus modern. Uns zumindest nicht fremd. Die Seele will er mit Materiellem füttern. Will sich nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich zur Ruhe setzen. Ja, er meint, er habe ausgesorgt, nur weil er die ökonomische Seite seines Lebens geregelt hat. Das ist der Grundirrtum aller Reformbemühungen unserer Tage. Gerade auch der politischen. Solange wir uns darauf beschränken, nur den ökonomischen Haushalt in den Griff zu bekommen, solange bleibt der geistliche, der spirituelle Haushalt unausgeglichen. Den „niemand lebt davon, dass er viele Güter und zumindest doch einen ausgeglichenen Haushalt hat.“

Genau deshalb ist dieses Gleichnis doch bestens geeignet als Predigttext für den Erntedanksonntag. Natürlich wird auch der reiche Kornbauer gefeiert haben, nachdem er seine Ernte eingebracht und die neue Scheune gefüllt hat. Aber das allein ist eben noch nicht Erntedank. Erntedank meint mehr als die Freude über volle Vorratskammern.

Erntedank feiern heißt vielmehr noch anzuerkennen, dass letztlich nicht wir es sind, die über Wachstum und Gedeihen entscheiden. Kein Freilandversuch mit genveränderten Tomaten; keine Beeinflussung des Klimas können sicherstellen, dass wir genug zu essen haben.

Auch wenn wir für unsere Nahrung hart arbeiten müssen und das unsere gewiss dazu beitragen – manchmal über unsere Kräfte, bis wir krank werden, während vier Millionen andere keinen Arbeitsplatz haben – dass wir genug haben, um zu leben, das ist allemal Geschenk. Alles wirklich Notwendige im Leben, alles Entscheidende lässt sich nicht erzwingen. Fällt uns zu. Das feiern wir an Erntedank. Dass dieses Kirchlein – dies Matthias-Claudius-Kapelle - erst einmal wieder eine Zukunft hat. Und ein Ort bleibt, an dem Gemeinde sich trifft und Gottesdienst feiert. Und dass dies möglich ist, weil viele Menschen hier sich in der Kunst des Loslassen und Weitergebens geübt haben – das feiern wir besonders gerade an diesem Erntedanktag.

Es ist Gott, der macht, dass wir genug haben. Und dass wir leben können. Hier liegt das Defizit des reichen Kornbauern. Mag er Gott in der Synagoge gedankt haben. In Wahrheit erweist er sich als praktischer Atheist. Er lässt Gott außen vor. Das Erntdankfest will uns sensibel halten für alle Bedürftigkeit. Für alle Anfälligkeit und Verletzlichkeit unseres Lebens und alles Lebendigen.

Staunend können wir das Wunder des Lebens feiern. Saat und Ernte. Frist und Hitze. Sommer und Winter. Tag und Nacht. Wir feiern, dass Gott will, dass wir satt werden. Wirklich satt. Nicht nur kurzfristig zufriedengestellt mit all unseren Bedürfnissen. Und beschämt müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass zwei Drittel der Menschen auf unserem Globus dies Erfahrung nicht machen können. Alle zwei Sekunden stirbt ein Mensch irgendwo auf dieser Erde an Hunger. Darum können wir uns noch lange nicht zur Ruhe setzen. Aber wir können Schätze sammeln. Schätze sammeln bei Gott.

Teilen, vor allem, wenn man genug hat, kann uns zu solchen Schätzen verhelfen. Augen, die einen Blick haben nicht nur für die Äußerlichkeiten des Lebens, können uns zu solchen Schätzen verhelfen. Ein Gespür für Ungerechtigkeit – weltweit und mitten unter uns - und der Einsatz für Gerechtigkeit können unsere Schatzkammer bei Gott füllen. Auch ein Grundvertrauen in die Möglichkeiten der Zukunft, anstatt alles immer nur schlecht zu reden und jeden Reformansatz gleich im Kein zu ersticken, nur damit alles bleibt, wie es war.

Um einem möglichen Missverständnis dennoch vorzubeugen: Unser Reichtum bei Gott, unsere Schätze im Himmel – das ist nicht die Summe guter Werke und frommer Leistungen. Unser größter Schatz bei Gott, das ist die Gabe, unser Leben – mit all seinem Gelingen und Misslingen – als Gabe Gottes anzunehmen, aus der immer wieder Neues wachsen kann.

Mit solchen Schätzen können wir zeitlebens die Scheunen unseres Lebens füllen. Weil wir auch unser Leben am Ende nicht festhalten können. Weil alle unsere Wege bei Gott enden: „Du Narr, heute Nach will ich deine Seele von dir fordern. Und wem wird dann gehören, was du festgehalten hast?“ Loslassen müssen und festhalten wollen zum Dritten. Und hier in der Zuspitzung der Wahlmöglichkeiten auf den entscheidenden Punkt gebracht.

Festhalten – um Schätze zu sammeln bei Gott – das können wir am besten, wenn wir uns in der Kunst des Loslassens üben. „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.“ Das ist das eine. Wer aber viele Güter hat – und in globaler Perspektive sind wir das hier fast alle – der oder die kann mit seinen Gütern mithelfen, dass andere leben können, die weniger oder nichts haben.

Reichtum lässt leben, wenn es Reichtum ist bei Gott. Wenn es Schätze sind im Himmel. Das lasst uns ruhig feiern – heute Morgen. An jeden Tag auf’s Neue. Und ein ganzes Leben lang. Gerade an Erntedank. Und sonst auch. Amen.


Traugott Schächtele

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