WAS ES HEISST, HEUTE EVANGELISCH ZU SEIN
Zur Protestantischen Idendität im Zeitalter der Ökumene
vorgetragen am Mittwoch, den 15. Oktober 2003
in Jöhlingen

von Dekan Dr. Traugott Schächtele, Freiburg


Was es heißt, heute evangelisch zu sein? So lautet die Frage, auf die ich Ihnen heute Abend eine Antwort zu geben versuche. Und schon im Untertitel, mit dem ich das Thema erläutern möchte, füge ich klarstellend hinzu, daß eine Antwort vorbei am bisher ökumenisch Erreichten nicht mehr möglich ist. Der Untertitel lautet darum: Zur protestantischen Identität im Zeitalter der Ökumene. Damit soll nicht nur der Rahmen meines Antwortversuches näher beschrieben sein. Es ist zugleich ein vorweggenommenes Bekenntis zur Einheit der Christenheit – vor Ort und weltweit!

Um so spannender wird es sein, in einem Monat den korrespondierenden Antwortversuch zu hören, wenn die Frage lautet, was es heißt, heute katholisch – gemeint ist sicher – römisch katholisch zu sein.

Ich habe meinen Antwortversuch in fünf Teile – wenn wir noch Zeit haben in sechs Teile - aufgeteilt und beginne jetzt mit dem ersten:


Teil A
Orientierungssuche in der Gegenwart - oder warum wir wissen müssen, wohin die Reise geht


Wir Evangelischen haben anscheinend keine sonderlich gute Presse. In den Medien kommen wir wenig vor. Nicht weil wir uns als Kirche etwa zu verstecken hätten. Nein, wir sind nicht medienfreundlich struktruriert. Wir haben keinen Papst und keine Kardinäle. Keine Audienzen auf dem Petersplatz. Nicht einemal einen Skandal oder zumindest eine Positionierung, die aneckt und über die deshalb berichtet wird. Unsere Pfarrer können heiraten und Frauen werden bei uns ordiniert. Was immer jemand zu seinem Standpunkt erhebt: In der evangelischen Kirche findet er fast immer noch seinen Ort.

Was sollen denn die Medien über uns berichten? Dass uns das Geld ausgeht. Oder dass wir immer weniger werden. Das geht anderen doch auch so: den Parteien. Den Gewerkschaften. Den Vereinen.

Kein Wunder deshalb, dass es im Bereich der evangelischen Kirchen modern geworden ist, nach dem sogenannten evangelischen Profil zu suchen oder nach der protestantischen Identität zu fragen. Irgend etwas muss doch auch bei uns Evangelischen gelten!

Doch kein Grund zur Panik. Dass wir den Medien nicht immer werbewirksam „rüberkommen“, wie man so schön sagt, ist in einer von Medien geprägten Gesellschaft vielleicht nicht von Vorteil. Aber es ist keinesfalls ein Zeichen von Schwäche. Die Fähigkeit des Protestantismus, vielfältige Positionen nicht nur zu zu ertragen, sondern diese geradezu zu fördern; die Tatsache, dass wir nicht einfach von einzelnen Persönlichkeiten geleitet und repräsentiert werden, sondern von Synoden; die Beobachtung, dass wir uns nicht nur in Abgenzung von den Positionen und den Themen der Gegenwart profilieren, sondern im direkten Dialog, beschreiben keinesfalls eine Schwäche, sondern gewissermaßen ein den evangelischen Kirchen von allem Anfang an eingestiftetes Markenzeichen.

Trotzdem stehen auch wir – wie alle Generationen vor uns – und womöglich noch stärker als diese – vor der Aufgabe, Auskunft zu geben, was denn nun das Evangelische ausmache. Die evangelische Kirche in Hessen-Nassau (Darm-Hessen) hat schon 1995 ein Werbekonzept entwickelt, dem sich mittlerweile eine ganze Reihe weiterer Landeskirchen angeschlossen haben. Der das Konzept tragende Slogan lautet: Evangelisch aus gutem Grund. Nachzuweisen und zu untermauern, dass dies wirklich so ist und dass dies aber keineswegs auf einer anti-ökumenischen Grundhaltung beruht, ist das Ziel, dem ich mit meinem Vortrag heute Abend dienen will. Was also macht das Evangelische oder Proetstantische aus? Und warum gilt es heute immer wieder neu danach zu fragen?

Der Rückgriff aus das 16. Jahrhundert reicht heute längst nicht mehr aus, um hier zu einer überzeugenden Antwort zu finden. Jede Generation steht von neuem vor der Aufgabe, ihre je eigene Annäherung an den Protestantismus zu wagen.

Auch wir müssen heute tatsächlich von neuem darüber nachdenken, was es heißt, evangelisch zu sein. Und das gleich aus mehreren Gründen. Drei für mich wesentliche will ich nennen:

1. Wir müssen darüber nachdenken, was es heißt, evangelisch zu sein, weil wir von neuem über die Kirche nachdenken müssen. Unsere römisch-katholische Schwesterkirche hat uns mit ihrer Erklärung „Dominus Iesus“, die im August 2000 veröffentlicht wurde, an einem wunden Punkt getroffen. Nicht wirklich eine Kirche bildeten wir Evangelischen, sondern nur eine kirchliche Gemeinschaft. Die Frage, was denn nun Kirche ausmache, und warumdoch auch wir Evangelischen zu Recht Kirche sind, hat uns dieses Thema schon allein in ökumenischer Perspektive auf die Tagesordnung gesetzt.

Aber die Ursache dafür, dass wir auf’s Neue nach dem Kern unseres Kircheseins fragen müssen liegt tiefer und ist von grundsätzlicherer Natur. Insbesondere das letzte Jahrzehnt ist gekennzeichnet von einem offenkundigen Bedeutungsverlust der Kirche überhaupt. Die Kirchen - oder müßte ich im Blick auf uns besser sagen: die beiden großen Volkskirchen - schrumpfen, was ihren Mitgliederstand angeht; sie schrumpfen aber auch, was die Bereitschaft angeht, die Stimme der Kirche zu vernehmen.

Konkurrenzanbieter etablieren sich erfolgreich auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten. Der Dschungel der religiösen und pseudoreligiösen Angebote ist nur noch von Fachleuten wirklich zu durchschauen. Freie christliche Gemeinden und Gruppierungen auf der einen und eine Vielfalt von sogenannten Sekten, esoterischen Gruppierungen oder Anbietern, die sich östlicher Religiosität bedienen, auf der anderen Seite nehmen die Kirchen gleichsam in einen Würgegriff. Es gilt also, den Ort der Kirche in diesem undruchsichtigen religiösen Dschungel und einer sich in hohem Tempo wandelnden Gesellschaft neu zu bestimmen.

2. Wir müssen darüber nachdenken, was es heißt, evangelisch zu sein, weil nicht nur die Kirchen an sich an Bedeutung abnehmen, sondern weil in besonderer Weise die Plausibilität für das Vorhandensein verschiedener Konfessionen schwindet. In schwieriger werdenden Zeiten können wir uns die Doppelstruktur kirchlicher Arbeit - hie evangelisch und hie katholisch - doch gar nicht mehr leisten, sagen manche Menschen. Machen wir doch endlich Ernst mit der Ökumene. Wir glauben doch ohnenhin alle an denselben Gott. Und auf der anderen Seite treten Menschen aus der evangelischen Kirche aus, weil sie sich über den Papst oder über Kurienkardinal Ratzinger geärgert haben. Religionslehrer berichten, daß die Schülerinnen und Schüler gar kein Interesse mehr daran haben, sich über die Unterschiedlichkeit von Konfessionen überhaupt nur Gedanken zu machen. Es gilt also tatsächlich, um der eigenen Idendität willen das eigene evangelische Profil neu zu bestimmen.

3. Wir müssen darüber nachdenken, was es heißt evangelisch zu sein, weil wir weltweit in einem immer intensiver werdenden Prozeß der Begegnung der Religionen stehen. Nicht wenige Fachleute rechnen damit, das dieses noch junge dritte Jahrtausend insbesondere das Jahrtausend des interreligiösen Dialoges der Weltreligionen mit all den daraus resultierenden Konsequenzen sein wird, die offene Grenzen mit sich bringen. Es gilt also, die Ausgestaltung des eigenen Glaubens auch gegenüber anderen Religionen zu überdenken und zu reflektieren. Doch gerade Glaubenspraxis vollzieht sich bekanntlich nie schwebend und abgehoben über der Wirklichkeit, sondern durch Einbindung in eine konkrete Glaubensgemeinschaft.

Ich bin also nie nur Christin oder Christ, sondern zugleich immer auch evangelisch bzw. katholisch, orthodox oder noch etwas anderes. Und da wir unser Leben zunehmend unter dem Gesichtspunkt unsere Wahlmöglichkeiten beschreiben, müssen wir uns also auch im Bereich der Religion entscheiden.

Wie man evangelisch wird, das wissen wir. Evangelisch wird man durch die Taufe oder durch den Übertritt in eine evangelische Kirche. Getauft werden bis heute in aller Regel Säuglinge bzw. Kleinkinder, für die in der Regel deren Eltern die Entscheidung über die Kirchenzugehörigkeit treffen. Die nachgeholte eigene Bestätigung einer zunächst fremdbestimmten Entscheidung soll nach der Idee der "Erfinder" im Konfirmationsgeschehen stattfinden.

Der Konfirmandenunterricht ist bis heute tatsächlich ein nicht hoch genug einzuschätzendes Mittel zur Stärkung der Bindekräfte an die eigene Kirche. Aber dies geschieht überwiegend durch die Begegnung mit Pfarrererinnen und Pfarrern / Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bzw. durch positive Gruppenerfahrung in Gemeindenähe. Argumentationshilfe zur Beantwirtung der Frage, warum ich evangelisch bin, ist keines der Leitziele des Konfirmandenunterriches.

Wenn nun aber die "Haltbarkeitsdauer" der einmal eingegangenen Bindung abnimmt, dann ist es - hinsichtlich der Wahrung des personellen Bestandes - heute mehr denn je nötig, diese Bindung an die eigene Kirche immer wieder neu zu bestätigen. Im Blick auf die Außenwirkung der Kirche kann Mtgliederwerbung nur dann erfolgreich betrieben werden, wenn wir glaubwürdig begründen können, daß es attraktiv ist, gerade evangelischer Christ oder evangelische Christin zu sein. Dies gilt für die anderen Konfessionen durchaus in vergleichbarer Weise.

Schon vor 15 Jahren - im November 1988 - hat sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland mit der "Doppel-Frage" beschäftigt: Wie wird man Christ? Und wie bleibt man Christ? Und in ihren seit gestern vier Mitgliedschaftsstudien hat die EKD immer wieder neu das Verhältnis ihrer Mitglieder zur Institution genauer zu bestimmen versucht. Mit unterschiedlicher Terminologie sind verschiedene Zugehörigskeitsidentitäten erhoben worden. Neben den Anhängern im engeren Sinn, die maximal 10-20 Prozent ausmachen, gibt es noch den Block der eher lose Verbundenen – die sogenannten treuen Kirchenfernen – sowie einen bedeutenden Sockel von Menschen mit latenter Rückzugsmentalität und einer großen Bereitschaft zum Kirchenaustritt. Die Frage des heutigen Abends, was es denn heiße, heute evangelisch sein" will im Grunde dazu beitragen, das besondere Profil des Protestantismus zu erkennen, zu unterscheiden und auch argumentativ vertreten zu können.

Dass evangelisch sein für mich - auch für mich als Pfarrer - nur eine von zumindest mehreren Möglichkeiten des Christseins aufzeigt, sei hier deutlich angemerkt. Und noch einmal will ich es anmerken: Nichts von dem, was ich heute Abend sage, ist anti-ökumenisch zu verstehen. Das läge mir, der ich ja auch fünf Semester katholische Theologie studiert habe, wahrhaftig fern. Evangelisch sein, so wie ich es heute Abend zu beschreiben suche, ist eine Grundhaltung, die auch bei vielen Christen anderer Konfessionen anzutreffen ist. Und es ist zugleich ein Maßstab, hinter dem wir auch als selbstbewußte Protestanten meist weit zurückbleiben.


Teil B
Ein erster Blick in den Spiegel - oder wie sich evangelische und katholische Christen heute selber sehen


Was ist denn eigentlich typisch evangelisch? Bei der Beantwortung dieser Frage möchte ich zunächst auf die Auswertung einer Aufgabe zurückgreifen, die ich schon vor einiger Zeit in einem evangelisch-katholischen Begegnungsabend durchgeführt habe. Daß die dritte große christliche Position, die der orthodoxen Kirche, dabei keine Berücksichtigung findet, ist ein Mangel, entwertet aber das gefundene Ergebnis nicht über Gebühr.

Im Verlauf dieser Begegnung haben wir folgende kleine Übung miteinander veranstaltet, die ich im Grunde auch gerne mit ihnen gewagt hätte. Die Aufgabe dieser Übung hat ganz einfach gelautet: Stellen sie sich die Konfessionen als an den beiden gegenüberliegenden Ufern desselben Gewässers lokalisiert vor. Jede Teilnehmerin bzw. jeder Teilnehmer dieses ökumenisch gemischten Forums hatte nun dieselben beiden Fragen zu beantworten:

Frage 1: Was würde ich gerne von meinem Ufer zu eurem hinübertragen?
Frage 2: Was würde ich gerne von eurem Ufer zu meinem herüberholen?

Gemeint war damit: Was habe ich in meiner Kirche, von dem ich wünschte, die andere hätte es auch? Und: Was vermisse ich in meiner Kirche, was ich bei der anderen sehe? Die Antworten hatten, so verschieden sie im einzelnen auch waren, ein eindeutiges Gefälle. Mit anderen Worten: sie zeigten sehr schön auf, was für ein Bild evangelische und römisch-katholische Christinnen und Christen voneinander haben.

Die geäußerten Wünsche stimmten von beiden Seiten durchaus zusammen. Das heißt, das, was die eine Seite ans andere Ufer tragen wollte, entsprach im Großen und Ganzen auch dem, was diese Seite sich vom anderen Ufer holen wollte.

Als typisch und durchaus attraktiv evangelisch wurde dabei eindeutig die Bedeutung der Bibel eingestuft. Geäußert wurde u.a.: Evangelische kennen sich in ihrer Bibel besser aus; die Arbeit mit der Bibel sei ein wichtiger Arbeitszweig; die Bibel und nicht die Moral stünden im Zentrum der Predigt; evangelische Exegese (also Bibelauslegung) sei intensiver und exakter.

Begrüßt wurde zudem die Möglichkeit der Frauen, ein Pfarramt zu übernehmen; die geringere Bedeutung der Amtskirche und des kirchlichen Lehramtes; der andere Umgang mit Geschiedenen und Wiederverheirateten und die größere Offenheit für sozialethische Fragen, d.h. für Fragen, die sich mit Problemen der aktuellen und konkreten Lebenswirklichkeit befassen und damit verbunden die kirchlichen Verlautbaren zu solchen Themen.

Für typisch und attraktiv katholisch hielten beide Seiten vor allem die katholische Liturgie, Symbole und Zeichenhandlungen im katholischen Gottesdienst (zum Beispiel den Brauch, sich zu Bekreuzigen, Weihwasserm Taufkerzen); die farbigen liturgischen Gewänder; die tagsüber offenen Gotteshäuser; die engere Bindung der Katholiken an ihre Kirche und die größere Opferbereitschaft - nicht nur, aber auch in finanzieller Hinsicht.

Wenn man's auf den Punkt hätte bringen wollen, so könnte man sagen: Der Kirche des Wortes - so will ich die zentrale Bedeutung der Bibel einmal charkterisieren - steht die Kirche der Liturgie und der Symbole gegenüber.

Wäre damit die Wirklichkeit der Konfessionen zutreffend beschrieben, so grasten beide einfach in verschiedenen Gärten und kämen sich so überhaupt nicht ins Gehege. Ökumene wäre dann nichts anderes als die Summe beider Möglichkeiten, Kirche zu sein. Ein Zusammengehen machte die Kirche nur reicher.

Kein Wunder angesichts solch ökumenischer Eintracht, daß ein Teilnehmer seine ökumenische Vision in die Worte faßte: Ich wünsche mir in der Mitte des Flusses eine Insel, bestehend aus all dem, was uns längst gemeinsam ist - und daß wir dort zusammenleben und uns der künstliche Kanal nicht mehr trennt.

Der Abend war in Hinsicht auf die Möglichkeiten ökumenischer Zusammenarbeit ein Erfolg. Der Blick in den Spiegel zeigt die Gesichter zweier Seelenverwandter, was einem eigentlich nur noch erstaunen läßt warum die Einheit der Kirche noch immer nicht verwirklicht ist.

Auf der Ebene gemeindlicher Ökumene kann man diese Erfahrung offensichtlicher Harmonie recht häufig beobachten. Warum ist denn nun aber einst etwas auseinandergebrochen, wenn so leicht zusammenwachsen kann, was nach Meinung einer Mehrheit doch auch zusammengehört? Und warum haben die kirchenleitenden Gremien nach wie vor solche Probleme, dieser ökumenische Euphorie auch Taten folgen zu lassen? Dieser Frage wird der Teil C nachgehen.


Teil C
Spurensuche in der Vergangenheit - oder was ist wirklich passiert bei der Reformation?


Wenn ich diesen Vortrag bei ihnen nun schon gerade einen halben Monat vor dem Gedenktag der Reformation halte, will ich doch auch einen Blick in die Geburtsphase des Protstantismus werfen. Versucht man, das Reformationsgeschehen einmal als Karrikatur darzustellen, d.h. überspitzt und reduziert auf seinen Kern bzw. das, was viele schon viel zu lange dafür halten, stößt man auf folgende Darstellung der Ereignisse am Beginn des 16. Jahrunderts:

Die katholische Kirche, so glaubt man, befand sich in einer Phase eines beispiellosen Niedergangs. Schlecht ausgebildete Pfarrer hielten eine Vielzahl schlecht vorbereiteter und nicht selten häretischer Winkelmessen. Diese hatten - wie vieles andere - nur das eine Ziel, den Gläubigen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Insbesondere diente das Ablaßwesen diesem Zweck. Nur wer genügend Geld hatte, konnte sich den Freikauf seiner Seele von Fegefeuer und höllischen Qualen leisten. Päpste und Kardinäle waren ausnahmslos korrupt, wirtschafteten in die eigene Tasche und hatten überhaupt kein Interesse an den Sorgen der einzelnen Gläubigen.

Ein einzelner Mann stand gegen dieses System auf und brachte durch die mutige Tat des Thesenanschlags am Morgen des 31. Oktober 1517 eine Gegenbewegung in Gang, an deren Ende sich die evangelische Kirche als Garant der Rechtgläubigkeit endgültig durchsetzte.

Auch wenn man diese Darstellung immer noch in so manchen Schulbüchern und Köpfen finden kann: Beinahe nichts daran beschreibt die Wirklichkeit richtig.

In kaum ein Zeitalter waren die Menschen frömmer als am Vorabend der Reformation. Die Kirchen waren voll, die Reliquien- und Heiligenverehrung stand in voller Blüte, das Papsttum abzuschaffen kam - trotz mancher Kritik - den Menschen nicht im mindesten in den Sinn. Die Welt war durchaus nicht das Pulverfass, das nur noch darauf wartete, dass jemand von kirchlicher Seite das Feuer an die längst angbrachte Lunte legte.

In einem bekannten Buch wurde die Welt am Vorabend der Reformation als "Herbst des Mittelalters" beschrieben. Der Herbst, das ist die Zeit, in der die Früchte reif sind und die Ernte einzubringen ist. Die Kirche sei reif gewesen zur Reformation. Nötig gewesen wäre dann nur noch der Schnitter, und als diesen hat man evangelischerseits Martin Luther auch durch den Lauf der Jahrhunderte hindurch gefeiert.

Demgegenüber möchte ich meine Sicht und meine Bewertung des Ereignisses der Reformation darstellen. Und das heißt zunächst. Es gab keine Zwangsläufigkeit der Reformation. Mag sie nötig gewesen sein; einfach fällig - wie reifes Obst - war sie nicht.

Für diese Behauptung spricht: Nur acht Wochen bevor Luther seine bekannten 95 Thesen gegen den Ablaß veröffentlicht hat, richtet er sich am 4. September 1517 in 98 Thesen in scharfer Form gegen die damals herschende scholastische Theologie. Inhaltlich unterscheiden sich diese Thesen gar nicht allzusehr von den kurz darauf so wahrhaft weltbewegenden 95 Thesen. Er wehrt sich auch da gegen die Möglichkeit menschlicher Verdienste zum Erwerb der Gnade Gottes. Und doch wurden diese Thesen außerhalb der theologischen Fachgelehrsamkeit kaum wahrgenommen. Und heute wissen überwiegend – wenn denn überhaupt - nur noch die kirchen- oder dogmengeschichtlich interssierte Theologen von deren Existenz. Worin also liegt der Unterschied von der ersten Thesenreihe zur zweiten.?

Sicherlich nicht daran, daß die 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche angeschlagen wurden. Diese Aktion wird im übrigen bis heute in schöner Regelmäßigkeit von einzelnen Kirchenhistorikern glatt bestritten. Es kann auch nicht daran gelegen haben, daß die zweite Thesenreihe - wie die erste ursprünglich in lateinischer Sprache geschrieben - bald auch in einer deutschen Übersetzung im Umlauf war. Man hätte auch die erste übersetzen können.

Wahr ist: Für Theologie haben sich die Menschen damals auch nicht sehr viel mehr als heute interessiert. Ein Theologenstreit darüber, wie man die Lehren des Heiligen Augustinus über die göttliche Gerechtigkeit und das Böse im Menschen und dessen Bekämpfung denn nun richtig zu interpretieren habe, hat auch schon vor 500 Jahren kaum einen Menschen hinter dem Ofen hervorgelockt.

Was die Menschen so elektrisierte war die Konzentration auf den Ablass als Möglichkeit, sich Gott gnädig zu stimmen.
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Exkurs
Was steckt ursprünglich wirklich hinter dem Ablass? Dazu müssen wir einen Blick auf das Bußsakrament der katholischen Kirche werfen. Die Buße bestand aus mehreren Teilen, die freilich eng miteinander verwoben waren:

a) Die Zerknirschung des Herzens; auf gut deutsch: man bereut ernsthaft, was man getan hat.
b) Das Bekenntnis mit dem Mund; in der Regel in der Beichte vor dem Priester. Im Übrigen. Nicht zuletzt in der von Luther zeitlebens geübten Praxis, die Beichte abzuhören, liegen die Wurzeln seiner Reformation.
c) Die Genugtuung durch Werke; aus der Beichte resultierte in der Regel ein Bußauftrag; ein finanzielles Engagement gegenüber Armen; manchmal auch gegenüber der Kirche; Rosenkranzgebete oder anderes mehr.

Nur Ein Erlass für diese irdische Bußleistung, nicht jedoch ein Fegefeuererlass konnte mit dem Kauf eines Ablassbriefes erworben werden. Daß gewiefte Ablassprediger den Menschen etwas anderes erzählt haben, spricht für ihren Geschäftssinn. Die offizielle Lehre ihrer Kirche vertraten sie allerdings nicht mit dem Spruch: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt“. Luther weiß sich mit seiner Kritik am Missbrauch des Ablaß durchaus im Einklang mit der kirchlichen Lehre. Diese bringt er in seinen Thesenreihen deutlich zum Ausdruck.
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Für die Menschen symbolisierte dieser verkürzt dargestellte und wohlfeil angebotene Ablaß im Sinne eines Tetzel die Möglichkeit, sich durch - wenn teilweise auch schmerzlich hohe Zahlungen - eine gute Platzkarte in der Ewigkeit zu sichern. Genau diesen Zusammenhang macht Luther zunichte mit seinem "Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad und lauter Güte" (auch wenn dieses Lied von seinem Freund Speratus stammt). Wo der liebe Gott auf dieses Geld gar nicht angewiesen ist, sind wohl vor allem seine irdischen Stellvertreter daran interessiert. Wo der Ablass zur bloßen kirchlichen Luxussteuer degradiert wird, da erst wird er ernstlich und erfolgreich in Frage gestellt; daraus erst resultiert die Absicht, sich dieses Geld nun wirklich zu sparen.

Das ist heute mit der Kirchensteuer gar nicht so viel anders. Erst da, wo die Kirche ihren Anspruch aufgibt, den Menschen etwas über die irdisch-materielle Lebenswelt hinaus - und sei's nur in Form der konkreten Zuwendung zum hilfsbedürftigen Mitmenschen - zu sagen zu haben, - erst da entsteht der Sog, sich dieser Zahlung denn auch zu entledigen.

Zur Kritik am Ablassmißbrauch gesellt sich anderes hinzu. Er wirkt wie ein Katalysator, der verschiedene an sich harmlose chemische Substanzen zu einer gewaltigen Reaktion bringt. Er wirkt wie eine Brille, durch die hindurch plötzlich auch anderes in seinem wahren Licht erscheint. Zu nennen sind hier insbesondere: Die Vorherrschaft des Klerus, also der kirchlichen Amtsträger gegenüber der weltlichen Herrschaft, der Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes, die Bibel richtig auszulegen, seine Behauptung, nur er könne rechtmäßig ein Konzil einberufen; hinzu kommt eine kritische Beurteilung des Systems der sieben Sakramente.

Und mit einem Mal erscheinen diese Forderungen in ihrer Mixtur plötzlich als das, was sie wirklich sind, auf der reformatorischen Tagesordnung, nämlich als hochbrisante politische Forderungen. Die Reformation ist schon in ihren Anfängen mitnichten ein innerkirchliches Geschehen. Weniger Martin Luther selbst als vielmehr den Gruppierungen, die zum Träger des reformatorischen Geschehens werden, geht es um einen entscheidenden Machtkampf, konkret um die Befreiung von fremder Vorherrschaft in verschiedenen Spielarten.

Nicht umsonst springen Menschen mit völlig unterschiedlichen Absichten auf den Reformationszug auf: Das gebildete Bürgertum ebenso wie die Humanisten, die Reichritter und die aufständischen Bauern.Und längst nicht nur in Wittenberg und Umgebung, sondern in großen Teilen Europas bricht das Ereignis Reformation sich Bahn, in der Schweiz und den Niederlanden, in Frankreich und Polen, in Großbritanien und Schottland, in Böhmen und Mähren. Martin Luther und die Wittenberger Reformation sind am Ende und aus der uns möglichen historischen Distanz nichts anderes als ein Teil eines großen europäischen Emanzipationsgeschehens.

Und schon nach relativ kurzer Zeit wird die beinahe schon von den eigenen Kindern gefressen. In den sogenannten Wiedertäufern - die sich selber keineswegs als solche richtig charaktersiert vorkamen; sie nannten sich Taufgesinnte oder eben einfach Täufer - und in den aufständischen Bauern erwächst der Reformation ein radikaler Flügel, der ihr zunächst durchaus erfolgreich zusetzt und neben der Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche, den damals sogenannten Altgläubigen, in eine zweite und keineswegs ungefährliche Konfrontation hineinzieht.

In der Person Thomas Müntzers finden die beiden radikalen Flügel der Reformation am Ende auch noch zusammen und nach der gewaltsamen Niederschlagung dieser viel grundsätzlicheren Erneuerungsbewegung sind Luther und die seinen zumindest teilweise diskreditiert und in Verruf geraten. Auch Heilige - und seien es protestantische - sind Menschen mit Licht und Schatten.

Die meisten der protestantischen „Erz-Heiligen“ von Martin Luther über Dietrich Bonhoeffer bis Albert Schweitzer oder anderen Heiligen der jüngeren Vergangenheit – könnten mit dieser Behauptung nicht nur sehr gut leben. Sie würden sie auch unbesehen unterschreiben.

Was also haben wir gefunden bei unserer Spurensuche in der reformatorischen Vergangenheit? Zweierlei denke ich gilt es festzuhalten:

1. Die Reformation ist als Ereignis das Produkt einer hochexplosiven Mischung zweier in isolierter Form längst nicht so gefährlicher Bestandteile; einer davon ist privat, der andere öffentlich. Der private Teil ist Luthers bekannte Frage: Wie bekomme ich einen gnädigen Gott? Es ist die Frage nach dem Verhältnis menschlicher Leistung und göttlicher, dem Menschen immer schon zuvorkommender Zuwendung - in der für viele Menschen immer schwerer zu verstehenden Sprache der Kirche Gnade genannt. Luther beantwortet sie für sich und darüber hinaus für die Menschen überhaupt durch den Rückgriff auf Paulus und Augustin. Bekannt ist dieser Sachverhalt unter dem Begriff von der Rechtfertigung des Sünders - übrigens auch der Sünderin - allein aus Gnade.

Der öffentliche Bestandteil dieses Gemisches ist die fraglich gewordene Plausibilität des kirchlichen Ablassverkaufes und damit der Macht der Kirche. Die Ablasskritik wird zum Transportmittel der Selbsterkenntnis Martin Luthers. Und in einem vorher kaum gekannten Maße - unterstützt durch die neu zur Verfügung stehende Möglichkeiten der Druckkunst - wird ein halber Kontinent wahrhaft elektrisiert. Allen Bemühungen derer zum Trotz, die alles beim Alten lassen wollen, ist Europa wenige Jahrzehnte später nicht wiederzuerkennen. Mit dem Augsburger Religionsfrieden aus dem Jahre 1555 sind die Protestanten - wenn auch nach schweren und verlustreichen Geburtswehen - als eigenständiger Machtfaktor etabliert. In Europa hat die Neuzeit begonnen.

2. Im Blick auf die Kirchen sind fortan mindestens zwei Spuren durch die Geschichte hindurch in den Blick zu nehmen. Ökumene ist lange Zeit ein Fremdwort. Die Berührungspunkte der beiden Konfessionen liegen nicht selten auf dem Schlachtfeld; der dreißigjährige Krieg markiert nur eine Station der Begegnung auf den getrennten Wegen.

Was uns heute beim ersten Blick in den Spiegel als Partnerschaft der Kirche des Wortes mit der Kirche der Liturgie und der Symbole erscheint, ist eine Nachwirkung des großen Gegensatzes des Protestantismus und des nachtridentinischen Katholizismis (tridentinisch kommt von der Stadt Trient und meint die theologische Prägung der katholische Kirche nach dem dortigen Konzil zwischen 1545 und 1563 – es hat im übrigen nur zu einem geringen Teil überhaupt in Trient getagt).

Während die katholische Kirche damals mit nur wenigen Kurskorrekturen voll ihren Kurs der Bewahrung der überkommenen und überlieferten Tradition weitersteuerte - wozu eben auch ihr reicher Schatz an liturgischen Formen und aussagekräftigen Symbolen gehörte - setzte die neuentstandene evangelische Kirche auf ein deutlich anderes Erscheinungsprofil:

Allein die Heilige Schrift - das hieß auch eine beinahe ausschließliche Konzentration auf das Medium Wort - nicht nur das göttliche, sondern auch das menschliche, einen beinahe durchgängigen Verzicht auf das Sinnenhafte des Evangeliums, d.h. auf das Ansprechen der Geruchsorgane, der Augen und der Ohren. Die Herausbildung einer neuen Identität geschieht ohnedies fast immer durch deutliche Abgrenzung von der früheren Bezugsgruppe. Und so haben die Reformatoren nicht selten das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Der jahrhundertelange Trend zur Abgrenzung, ja zur Feindschaft, hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich umgekehrt. Die entscheidende Frage der ökumenischen Bewegung der Gegenwart ist die nach einer neu zu erringenden Einheit, wie immer diese auch konkret auszugestalten sein wird.



Teil D
Mauern fallen, Dämme brechen - oder wie die Grenzen zwischen den Konfessionen verschwimmen


Die einstigen Mauern, die schier unüberwindlich zwischen Christenmenschen standen, sind gefallen. Und niemand wird sie von neuem aufrichten können. Da bin ich sicher. Das Selbstverständnis der Konfessionen ist einem starken Veränderungsprozeß ausgesetzt. Die einst so deutlich markierten Grenzen sind gehörig ins Schwimmen geraten. Im Rahmen ökumenischer Begegnungen hat darum auch nicht mehr die Farge nach dem Trennenden, sondern die nach dem Vorrat an Gemeinsamkeiten deutlich Übergewicht. Und das ist gut so!

Für die Gegenwart sehe ich mindestens drei verschiedene Wege der Neubestimmung des Verhältnisses zwischen den Konfessionen.

Weg 1 ist die begrenzte Zusammenarbeit unter grundsätzlicher Beibehaltung der alten konfessionellen Grenzen, d.h. man könnte auch von der Ökumene der Amtskirchen bzw. von der Verwaltungsökumene sprechen. Hier der Evang. Oberkirchenrat, dort das Erzbischöfliche Ordinariat - jeweils in Verbindung mit einem großen personellen Apparat. Die Konfessionszugehörigkeit und vor allem die Kirchensteuerpflicht ist genau geregelt. Man trifft sich zu offiziellen Anlässen, tauscht Freundlichkeiten miteinander aus, führt durchaus gewinnbringende theologische Gespräche. Aber jede Seite ist von ihrer Existenzberechtigung nach wie vor fest überzeugt. Man nähert sich an, kommt sich aber nur begrenzt nahe. Die jeweils übernommene Verantwortung steht dem am Ende immer im Weg.

Weg 2 ist nach der großen Ökumene die kleine Ökumene vor Ort in den Gemeinden. Ich möchte das die praktische Ökumene der konkreten kleinen Schritte nennen. Wo die Kirchenleitungen weit weg sind, ist vieles möglich, was eigentlich noch gar nicht sein darf - bis hin zu gemeinsamen Eucharistiefeiern. Man redet beinahe über alles; vor allem aber beklagt man die ökumenische Unbeweglichkeit der beiden Riesentanker der sogenannten offiziellen Kirchen. Das gehört bei dieser Form der Ökumene immer auch dazu. Das Klagen hat ja immer auch etwas Entlastendes.

Der dritte Weg, der verläuft nun mitten oder sogar quer durch die beiden Konfessionen. Diese Erfahrung kennen Sie ja sicher auch: Da stehen einem Menschen aus einer anderer Kirche - es kann neben der katholischen Kirche auch eine othodoxe oder eine Freikirche sein - viel näher, gerade auch glaubensmäßig näher, als manche Mitglieder der eigenen Konfession.

Hier verläuft, denke ich, der wahre Riss durch die Kirche der Gegenwart. Die einen wünschen sich die Kirche modern, zeitgemäß und engagiert politisch, die andern drängen darauf, sie solle sich auf das "Eigentliche" ihres Wesens beschränken, ganz abgesehen davon, dass jeder und jede etwas anderes für das "Eigentliche" hält. Die Christen im konziliaren Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und die Bekenntnisbewegung "Kein anderes Evangelium" markieren auf unserer evangelischen Seite dabei so etwas wie die beiden Brennpunkte der kirchlichen Ellipse.

Diese völlig veränderten Grenziehungen haben ihre Ursache vor allem darin, daß die alten Fronten des 16. Jahrhunderts zusammengebrochen sind.

Wahr - im Blick auf das Ergebnis unserer Spurensuche in der Vergangenheit - ist auf alle Fälle folgendes:

1. Der Streit um die Rechtfertigung ist - allen Nachhutgefechten zum Trotz - beendet. Hans Küng hat die grundsätzliche Übereinstimmung der beiden Kirchen an diesem Punkt bereits in seiner Dissertation aus dem Jahre 1957 – d.h. in meinem Geburtsjahr - herausgearbeitet. Verkürzt dargestellt, betont heute auch die katholische Theologie den all unserem Tun vorausgehenden Charakter der Gnade Gottes. Demgegenüber läßt sich die evangelische Theologie auch wieder auf den Gedanken der Verdienste und der Notwendigkeit menschlicher Werke ein, indem sie diese an das göttliche Gnadenhandeln in dem Ereignis der Menschwerdung Gottes in Christus zurückbindet. Gute Werke sind nötig, aber sie sind eine Folgeerscheinung und nicht die Voraussetzung dafür, daß wir Gott recht sind.

Unter dieser Voraussetzung ist es zu bedauerss, daß die Unterzeichnugn der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre den Prozess des Aufeinanderzugehens nicht wirklich beschleunigt hat. Aber der festgestellte Konsens in Grundwahrheiten muss eben in mehr bestehen als in mühsam zusammengezimmerten Kompromissformeln. Und das in einem Schreiben des Vatikna noch vor der Unterzeichnung gebrauchte Stichwort von der cooperatio von Gott und Mensch „bei der Erlangung der Fähigkeit zur Annahme des göttlichen Willens“ ist eben ökumenisch durchaus unsensibel gewählt. Ebenso der noch vor der Unterzeichnung geäußerte Zweifel an den synodalen Entscheidungsstrukturen der evangelischen Kirchen. Dennoch sollte man die mit diesem Dokument dargebotene ausgestreckte Hand bei aller vermeintlichen und tatsächlichen Mangelhaftigkeit nicht leichtfertig ausschlagen. Hinter dieses Dokument können wir nicht mehr zurück.

2. Überwiegend aus der Welt geschafft ist letztlich längst auch der Streit um das Verständnis des Abendmahls bzw. der Gegenwart Christi in den Elementen der Eucharistie. Hier waren ohnedies erst einmal innerprotestantische Klärungen notwendig. Gerade an diesem Punkt ist ja bekanntlich schon im Jahre 1529 beim sogenannten Marburger Religionsgespräch die reformatorische Einheit zerbrochen. Die reformierten Vertreter, d.h. vor allem die Anhänger der oberdeutschen und der schweizer Reformation sahen in Brot und Wein nur Symbole einer überweltlich-himmlischen Realität. Luther und seine Anhänger sahen dagegen Christus selber gegenwärtig, ohne daß sich dabei allerdings Brot und Wein in ihrer Substanz veränderten.

Mehr als dreihundert Jahre hat es gedauert, ehe sich Lutheraner und Reformierte in den verschiedenen Kirchenunionen im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts teilweise wieder zusammenschlossen. Zu nennen sind hier die Kirchen der altpreußischen Union. Aber auch die Union in Baden. Diese wurde, nicht zuletzt dank des Einsatzes von Johann Peter Hebel, im Jahre 1821 geschlossen. In der Gemeinschaft der UEK, der Union evangelischer Kirchen, wollen sich die bisherigen Kirchen der altpreußischen Union und der Arnoldshainer Konferenz ab morgen in Erfurt neu zusammenschließen.

Nach wie vor gibt es aber auch im Bereich der Evangelischen Kirche in Deutschland lutherische Landeskirchen (Hannover, Bayern, Württemberg etc.), aber auch reformierte Kirchen und Gemeinden.

Erst vor gerade 30 Jahren wurden in der sogenannten Leuenberger Konkordie aus dem Jahre 1973 (diese Übereinkunft wurde in einem Tagungszentrum auf dem Schweizer Leuenberg getroffen) zwischen den meisten evangelischen Kirchen die Kirchengemeinschaft ganz offiziell wieder hergestellt. Auszüge aus der Leuenberger Konkordie sind auch im Anhang des Evangelischen Gesangbuches abgedruckt.

Die evangelische und die katholische Kirche haben sich insofern erheblich angenähert, als die Bezeichnung der katholischen Messe im Heidelberger Katechimus als "vermaledeite Abgötterei" zurückgenommen wurde; ebenso die Bezeichnung des Papstes als "Antichrist". Letzteres mag uns heute wie eine Selbstverständlichkeit vorkommen. Zu fragen bleibe dann nur, wieso diese Selbstverständlichkeit über mehr als vier Jahrhunderte auf ihre Durchsetzung warten mußte.

Der Streit um die Gegenwart Christi in den Elementen des Abnedmahls ist insofern weitgehend entschärft, als die Realpräsenz - so der Fachausdruck - letztlich als Glaubensaussage und nicht mehr als naturwissenschaftlich überprüfbare Feststellung im Hinblick auf die Substanzen Brot und Wein verstanden wird.

3. Wenn wir zumindest offiziell nach wie vor kein gemeinsames Abendmahl feiern können – eine der großen enttäuschten Erwartungen im Zusammenhang des ökumensichen Kirchentages in Berlinb - , liegt der Grund dafür in der Ämterfrage. Mögen unsere katholischen Kollegen uns evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer im Sinne der kleinen praktischen Ökumene als Pfarrkollegen akzeptieren - für die offizielle katholische Kirche bin ich ein Laie und zur Verwaltung der Sakramente nicht berechtigt. Dies einzig darum, weil ich nicht in der ununterbrochenen Kette bischöflicher Handauflegungen seit Petrus stehe. Um die Ämterfrage geht der letzte erhebliche und trennende ökumenische Streit. Ungültig ist das evangelische Abendmahl, weil es nicht von einem ordnungsgemäß geweihten Priester vollzogen und geleitet wird.

Dennoch sind wir auch auf diesem Weg ein gutes Stück vorangekommen. Die sogenannten Lima-Erklärungen aus dem Jahre 1982 enthalten u.a. auch konkrete Überlegungen, auch hinsichtlich der Einheit des Amtsverständnisses begehbare Wege und Brücken zu finden.


Teil E
Ein zweiter Blick in den Spiegel - oder was heißt denn nun heute evangelisch sein?


Wenn die Grenzen auf der kirchlichen Landkarte ohnedies neu gezogen werden müssen, wenn sie sich überhaupt noch ziehen und festlegen lassen - woran erkennt man denn dann das protestantische Profil? In 10 - und zu unser aller Schutz nicht in 95 - Thesen will ich abschließend dazu Stellung nehmen,

1. Evangelisch sein heißt Theologe oder Theologin sein; die Theologie nicht den Fachleuten überlassen und als sogenannter Laie kritisch beobachten, wie andere Kirche gestalten. Bibelkundig und theologisch fundiert nachdenken und mitwirken am Aufbau und an der Entwicklung kirchlicher Strukturen und gemeindlicher Aktivitäten.

Wir erinnern uns. Es war die Frage eines Christenmenschen nach der Gerechtigkeit vor Gott, die Luther zum Reformator werden ließ.

2. Evangelisch sein heißt Christ sein vor Ort, heißt in basisnahen und gemeindeorientierten Strukturen seinen Glauben leben, heißt die Bedeutung hierarchischer Strukturen zurückdrängen. Gemeindeübergeordnete Funktionsträger haben eine dienende – heute würde man sagen eine Service-Funktion gegenüber der Ortsgemeinde - nicht umgekehrt! Aber die eine Funktion ist der anderen weder über- noch untergeordnet.


Gerade hier ist die Reformation Martin Luthers gegenüber den Bestrebungen der Schweizer Reformatoren Zwingli und Calvin deutlich zurückgeblieben, was dem Erfolg der radikalen Täuferbewegung deutlich Auftrieb gegeben hat.

Dass die evangelische Kirche immer wieder auch mit deutlich erkennbarem Zungenschlag als Pastorenkirche beschrieben wurde, kann nichts an der Tatsache ändern, daß das Priestertum aller Gläubigen wohl die wertvollste gemeindlich umsetzbare Mitgift aus reformatorischen Zeiten darstellt. Pfarrerinnen und Pfarrer sind diesbezüglich „professionelle Animateure“, aber eben keine Priester. Die Christen bedürfen keiner Vermittlungsinstanzen zwischen ihnen und Gott!

3. Evangelisch sein heißt profiliert sein, mit deutlich erkennbaren Kennzeichen, mit Ecken und Kanten, mit öffentlich formuliertem Gestaltungsanspruch, der sich nicht begnügt mit erfolgreicher Besitzstandswahrung und Machterhaltung.

Gerade in einer Minderheitensituation und in einer Außenseiterposition hat der Protestantismus in besonderer Weise immer wieder seine Attraktivität entwickelt.

4. Evangelisch sein heißt darum ganz betont auch parteiisch sein. Hätten es die Reformatoren allen recht machen wollen, wäre ihr Unternehmen bereits im Angangsstadium gescheitert. Parteiisch war die evangelische Kirche - ungeachtet aller späteren enthüllenden Kritik - auch in der ehemaligen DDR, parteiisch, wenn auch in einem nicht ausreichenden Maße, in Gestalt der Bekennden Kirche zur Zeit des Dritten Reiches; parteiisch in einem auch ökumenisch nicht zu unterschätzenden Maße ist sie zugunsten der Frauen, die Pfarrerin werden können und zugunsten Geschiedener und Wiederverheirateter, denen der Gang zum Altar nicht verwehrt bleibt.

Protestanten haben sich die Evangelischen seit 1529 genannt. Dieser Name kann nicht nur kirchengeschichtliche Zutat sein; er muß sich von jeder Generation neu erarbeitet und verdient werden.

5. Evangelisch sein heißt seit den Anfängen des Protestantismus demnach auch politisch sein, heißt, sich einzulassen auf die konkreten Lebensumstände der Welt um uns herum. Sich einlassen meint hier nicht nur die Einnahme eines Tribünenplatzes, von dem aus wir wie ein Schiedrichter über das Tun und Lassen der politisch tätigen Menschen wachen. Sich einlassen meint auch sich einmischen: durch Denkschriften und Stellungnahmen ebenso wie etwa durch Kirchentage und polititische Nachtgebete; nicht zuletzt aber auch durch eigene Aktivitäten auf dem Feld der Politik. Bewußt, ja selbstbewußt evangelische Christen haben immer schon auch in der poltischen Landschaft Farbe bekannt.

6. Evangelisch sein heißt auch wandlungsfähig sein. Die äußere Gestalt der Kirche, veränderte Wertvorstellungen, neue Einsichten - sie alle verlangen nach veränderten Reaktionsmustern. Unveränderliche Wahrheiten, ex cathedra verkündet, sind evangelische Sache nicht.

Wir müssen Antwort geben auf die Fragen der Menschen von heute. Das heißt: Wir müssen die Reformation auf Dauer stellen. Reformation ist kein historisches Ereignis der Vergangenheit, sondern eine Weise, sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Ecclesia semper reformanda heißt das dazugehörige Schlagwort. Die Kirche – und doch nicht nur die evangelische - bedarf immer wieder und immer wieder von neuem - der Reformation.

7. Evangelisch sein heißt fromm sein. Fromm sein meint, seinen Glauben zu leben in einer Vielfalt der Möglichkeiten. Die Herrnhuter Tageslosung kann hier ebenso dazugehören wie Formen der Meditation, Bibelarbeit ebenso wie soziales Engagement.

Aufklärung und Pietismus haben sich in der evangelischen Theologie niedergeschlagen. Gründliche rationale Textauslegung und kleine Zellen engagiert-pietistischer christlicher Existenz haben sich auf's Ganze gesehen befruchtet, nicht nur im Wege gestanden: beides als Ausdruck christlicher Frömmigkeit.

8. Evangelisch sein heißt zugleich offen sein - offen für neue Formen kirchlicher und gemeindlicher Existenz, offen für neue Gedanken - nicht nur in der Theologie, offen für Menschen ganz anderer Prägung und Herkunft. Dies schlug sich nicht zuletzt nieder im inzwischen beinahe versandeten Dialog zwischen Christsen und Marxisten wie in den zunehmenden Gesprächen zwischen Christen und Menschen aus anderen Religionen.

Daß angesichts einer derart proklamierten Offenheit gerade die evangelischen Gotteshäuser meist verschlossen sind, ist darum bedauerlich - auch wenn es theologisch schon Sinn macht. Schließlich sind die Kirchen nach evangelischem Verständnis gerade keine ausgesonderten Orte der Gottesbegegnung, die prinzipiell überall möglich ist. Gott ist nicht an Kirchen, nicht einmal an die Kirche gebunden! Ein ausreichender Grund dafür, sie darum unter der Woche einfach abzuschließen, ist das allerdigns auch nicht.

9. Evangelisch sein heißt mit der Vielstimmigkeit leben. Die evangelische Kirche hat kein Lehramt; keine für alle verbindliche Instanz, die darüber entscheidet, was gute und was schlechte Lehre ist. Ihr Lehrer ist - der Idee nach - die Heilige Schrift, nach der Theologie der Reformatoren die Gemeinde, in der Wirklichkeit der herrschende theologische Trend, in Ausnahmefällen leider auch immer wieder ein kirchliches Spruchkollegium. Eine Lehrzucht früherer Art gibt es in Baden - gottseidank - nicht mehr.

Was wirklich evangelisch ist, muß sich bewähren auf Synoden und in Gottesdiensten, im Streigespräch und im Gebet. Mehrstimmig wird die evangelische Stimme in einer pluralen, nicht einer pluralistischen Welt allemal bleiben, ja bleiben müssen.

10. Evangelisch sein heißt nicht zuletzt, sondern zuallererst ökumenisch gesonnen sein. Nicht in Abgrenzung zu den Menschen Christ sein wollen, die einer anderen Kirche angehören - auch nicht zu denen, die keiner Kirche angehören -, sondern gemeinsam mit ihnen das Leben in seiner Vielfalt und in seiner möglichen Fülle fördern.

Evangelische Christen haben Teil an der Wirklichkeit der einen weltweiten Kirche. Christ sein ist das Allgemeine und das Grundlegende, dazu evangelisch sein das Mögliche und Besondere - ohne jeglichen Anspruch, im Besitz allein seligmachender Wahrheiten zu sein, aber mit dem radikalen Anspruch, der Wahrheit immer und überall zum Durchbruch verhelfen zu wollen.

In diesem Sinne bin ich gerne evangelisch. Aus gutem Grund.

Ich danke Ihnen.


ZUM ABSCHLUSS

F WOHIN ENTWICKELT SICH DIE EVANGELISCHE KIRCHE?


Es macht heute also sehr wohl Sinn, evangelisch zu sein. Darum will ich gegen Ende meines Vortrags auch noch ganz bewusst nach der Zukunft der evangelischen Kirche zu fragen und sieben ganz konkrete Wünsche an meine uns unsere gemeinsame evangelische Kirche formulieren. Diesen Wünschen angeschlossen werden abschließend zehn Trends, die eine teilweise gewünschte, teilweise sicher auch befürchtete Entwicklung der evangelischen Kirche skizzieren sollen.

Wunsch 1
Die evangelische Kirche möge sich zu einer Kirche entwickeln, die nicht ängstlich ihre Defizite beklagt, sondern ihre Stärken öffentlich macht und zugunsten der Menschen einsetzt. Dazu gehören unter anderem: Raum für eine großer theologische Freiheit in Inanspruchnahme der Konsequenzen der Rechtfertigungslehre. Nicht zuletzt in Folge davon eine Vielzahl eigenständiger Kirchen mit unterschiedlichen Leitungsstrukturen: episkopal die einen, synodal die anderen. Dazu gehören eine hohe sozial-ethische Kompetenz, ein deutlicher Akzent auf dem Sektor der Bildung, eine starke Durchdringung des Bereichs der Kultur, gleiche Möglichkeiten für Frauen und Männer – um nur einiges zu nennen. Diese Liste ließe sich fortsetzen.

Wunsch 2
Die evangelische Kirche möge die Freiheit eines Christenmenschen und die hohe Würdigung der Taufe als Grundlage des Priestertums aller in das ökumenische Gespräch einbringen und sich nichts davon abhandeln lassen. Interkonfessionelle Konsenspapiere dürfen gerade an dieser Stelle nicht das eigene Selbstverständnis auf’s Spiel setzen.

Wunsch 3
Die evangelische Kirche möge sich weiter insbesondere den Gruppen verpflichtet fühlen, die auf das stellvertretende Handeln anderer angewiesen sind. Menschen unter Bedrohung, Menschen in Ängsten, Menschen in Verhältnissen der Armut und des Hungers, Menschen, die den unterschiedlichsten Formen der Unterdrückung ausgesetzt sind.

Wunsch 4
Die evangelische Kirche möge das Verständnis ihrer Ämter als von hierarchischen Formen frei wahren. Entscheidend ist doch in erster Linie nicht die Frage nach den Möglichkeiten, den Papst als Sprecher der gesamten Christenheit zu akzeptieren, wie manche es neuerdings tun. Entscheidend ist vielmehr, die befreiende Botschaft von der Rechtfertigung des Sünders möglichst breit und einladend zu kommunizieren.

Wunsch 5
Die evanglische Kirche möge für ihr Ökumene-Verständnis werben, wie es in der Leuenberger Konkordie seinen sichtbaren Ausdruck gefunden hat. In dieser Vereinbarung aus dem Jahr 1973 haben sich die meisten evangelischen Kirchen zu voller Kirchengemeinschaft bekannt, ohne die eigene Identität aufzugeben oder alle Kirchen miteinander auch in organisatorischer Hinsicht zu fusionieren. Dieses Modell möge die evangelische Kirche als Grundlage des Dialogs auch mit der römisch-katholischen Kirche einbringen, weil derart die Möglichkeit der gemeinsamen Feier des Herrenmahls nicht bis zur Durchsetzung der kirchlichen Einheit warten muss.

Wunsch 6
Die evangelische Kirche möge ihren Kirchenbegriff profilieren und in den Dialog der Konfessionen einbringen. Diesem Wunsch liegt die Überzeugung zugrunde, dass die Reformation nicht der Auszug eines Teils der Kirche aus der größeren Gemeinschaft war, der ihr dementsprechend nur den Status der kirchlichen Gemeinschaft lässt, ein Mangel, der nur durch Rückkehr in die ursprünglich verlassene „Mutter-Kirche“ wieder geheilt werden kann. Vielmehr haben sich infolge der Reformation im Westen zwei größere und viele kleiner Teilkirchen entwickelt, die jeweils in vollem Sinn Kirche sind und die sich ökumenisch partnerschaftlich aufeinander zu bewegen können, ohne die eigene Identität aufzugeben.

Wunsch 7
Die evangelische Kirche möge nichts von ihrem dreifachen Auftrag zur Disposition stellen: dem Auftrag der tröstenden Zuwendung zu den einzelnen, dem Auftrag, sich für gerechtere Strukturen in dieser Welt einzusetzen; dem Auftrag, die Botschaft von der Freiheit auch in Bildungsprogrammen Gestalt annehmen zu lassen.

Wünsche haben es an sich, dass Ihre Realisierung noch aussteht. In der gegenwärtig auch in den Kirchen üblichen Terminologie sind meine Wünsche aber Zielvorstellungen, für deren Realisierung wir uns m.E. einsetzen müssen, wenn wir nicht den Preis der Aufgabe der eigenen Identität bezahlen wollen.

Neben diesen in der Gestalt von Wünschen formulierten Zielen will ich aber auch meine persönlichen Überlegungen, Anmerkungen und Vermutungen darüber in unser Gespräch einbringen, wie sich die evangelische Kirche mittelfristig voraussichtlich entwickeln wird. Ich übernehme hier gleichsam den sicherlich notwendigen, aber doch eher selten gespielten Part eines kirchlichen Trendforschers.

Insgesamt stelle ich zehn solcher Vermutungen an bzw. gebe Trends wieder, die sich mittelfristig einstellen werden, unabhängig davon, ob ich sie begrüße und gutheiße oder nicht.


Trend 1
Evangelisch sein wird sich zunehmend stärker als Prinzip denn als Identität einer soziologisch fassbaren kirchlichen Großgruppe realisieren, d.h. die Gruppe derer, die das Anliegen der Reformation und des Protestantismus weitertragen, wird zunehmend weniger identisch sein mit Varianten der Institution „Evangelische Kirche“.

Trend 2
Die große „Welteinheitskirche“ wird nicht kommen. Auch nicht als Folge eines intensivierten ökumenischen Prozesses. Dabei wird die evangelische Tradition stärker durch die „kleineren“ Kirchen protestantischen Ursprungs weitergetragen. Im Verlauf dieser Entwicklung werden die evangelischen Kirchen manches an Ritualen und Bräuchen, die im reformatorischen Disput und vor allem in der Phase protestantischer Identitätsfindung vorschnell aufgegeben wurden, wieder für sich zurückgewinnen – und sei’s gelegentlich auch deshalb, weil die übernommene oder zurückgewonnene Form leichter zu haben ist als eine womöglich noch angemessenere, aber erst neu zu entwickelnde. Weltliche Konkurrenzanbieter sind im „Ritual-Design“ oft nicht so zögerlich.

Die römisch-katholische Kirche wird auf der anderen Seite zunehmend in den Sog und unter den Druck weiterer Öffnung gelangen und auf diese Weise reformatorisches Gedankengut aufnehmen, weil sie einen starken Abbruch an beiden Rändern verhindern will.

Trend 3
Die zunehmende gegenseitige ökumenische Durchdringung wird es mittelfristig möglich machen, dass in der evanglischen Kirche Angehörige anderer Konfessionen Verantwortung übernehmen wie etwa jetzt schon im Kirchengemeinderat der Evangelischen Studierendengemeinde hier in Freiburg, im Kindergartenbereich und überhaupt in den Einrichtungen der Diakonie. Es ist doch durchaus denk- und vorstellbar, dass eine Gemeinde mit eigenen Mitteln einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin aus einer anderen Konfession an- oder einstellt. Dies wäre eine erstaunliche und bemerkenswerte ökumenische Errungenschaft, der Anstellungsverhältnisse auf anderen (offiziell-landeskirchlichen) Ebenen in zeitlicher Verzögerung mit Sicherheit folgen würden.

Trend 4
Innerhalb der evangelischen Kirche wird der Trend zur Differenzierung der Arbeitsformen und Angebote bestehen bleiben, ohne dass deswegen die Gemeinde als Grundform kirchlicher Existenz in Frage gestellt wird. Dies könnte aber bedeuten, dass die Existenz einer Pfarrgemeinde nicht mehr gleichbedeutend ist mit der Zur-Verfügungstellung eines landeskirchlich finanzierten Pfarrers bzw. einer Pfarrerin. Schon jetzt benennt unsere Grundordnung dafür eigentlich andere Kriterien und bietet auch andere, viel zu wenig genutzte Möglichkeiten.

Trend 5
Neben den an einer Hochschule mittels eines entsprechenden Studiums ausgebildeten Pfarrers werden Menschen pastorale Aufgaben übernehmen, die dazu in anderer Weise aus– und fortgebildet werden. Es wird zunehmend Gemeinden ohne Pfarrerin oder Pfarrer geben, in denen Ehrenamtliche wesentliche Aufgaben selbständig wahrnehmen. Dies macht Pfarrerinnen und Pfarrer nicht überflüssig: Es schreibt ihnen vielmehr sich wandelnde (und regional größere) Verantwortungsbereiche im Rahmen der erworbenen theologischen Kernkompetenzen zu.

Trend 6
Die Gemeinden werden in zunehmenden Maße Mitverantwortung im Bereich der Beschaffung finanzieller Mittel übernehmen - und derart womöglich weniger in abhängig von „offiziellen“ landeskirchlichen Strukturen sein, ohne die grundsätzliche Anbindung an die Landeskirche aufzugeben. Hier sind allerdings Konflikte vorprogrammiert, vor allem wenn der Druck zur Eigenmittelbeschaffung nicht dem eigenen Gestaltungswillen entspringt, sondern gleichsam angeordnet wird. Nicht auszuschließen ist, dass es verschiedene Abstufungen der Zugehörigkeit zur Landeskirche gibt. Dies deutet sich schon heute im Bereich des Trends der Gemeinschaften hin zu freikirchlichen Strukturen an.

Trend 7
Die Einheit der liturgischen Ordnungen – etwa des Hauptgottesdienstes – der Strukturen, der Theologien wird zusehends aufgefächert. Die Einheit muss dann verstärkt inhaltlich und nicht mehr formal definiert werden. Dieser Trend hat sich in einigen Gemeinden bereits angedeutet, die mit unterschiedlichen gottesdienstlichen Programmen arbeiten. Denkbar ist auch, dass regelmäßig Gesprächsgottesdienste, Theatergottesdienste, Videogottesdienste u.ä. angeboten werden. Womöglich bildet sich auch eine Internet-Gemeinde. Theologisch bleibt zu klären, wie der Anspruch, dass im Gottesdienst die Gemeinde als ganze feiern, dennoch nicht aufgegeben und immer wieder realisiert wird.

Trend 8
Verschiedene Institutionen und Arbeitsformen übernehmen die Verantwortung auch für Gottesdiensträume und lösen derart womöglich einige der gegenwärtigen Probleme bei der finanziell aufwendigen Immobilienunterhaltung: Die Erwachsenenbildung hat womöglich eine eigene Kirche, das Diakonische Werk, die Jugend und die Senioren. Der Trend zur Wahl setzt sich auch bei den Gottesdiensten fort.

Trend 9
Die Kirche wird vielfältiger in ihren Angeboten. Es gibt etwa verstärkt Läden in kirchlicher Verantwortung; auch in ökumensicher Trägerschaft; neu entdeckt werden evangelischerseits die Möglichkeiten, die die Trägerschaft eigener Schulen bietet. Teilweise werden Räume zu bestimmten Zeiten einfach angemietet und sonst anderweitig genutzt; oder eigene kirchliche Räume zu einer zeitlich genau festgelegten Fremdnutzung „auf dem Markt“ angeboten.

Trend 10
Der Bedarf an Spiritualität und an Orientierung in einer nüchternen und von materialistischen Werten bestimmten Welt wird nicht abnehmen. Zu welchem Anteil dabei die Kirche, auch die evangelische, in Anspruch genommen und nachgefragt wird, hängt auch davon ab, wie glaubwürdig der Spagat zwischen Zeitgenossenschaft auf der einen Seite und kritischer Reflexion des Zeitgeistes gelingt.

Traugott Schächtele

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