Von dort wird er kommen, zu richten …
Thesen zum wiederkommenden Christus als Richter


A Bibel und Bekenntnis

1. Die Rede von Christus als dem wiederkommenden Richter findet sich in allen drei altkirchlichen Bekenntnissen. Damit bleibt festzuhalten: Der Glaube an den wiederkommenden Richter gehört zum Grundbestand des überlieferten Glaubens der Kirche.

2. Dessen ungeachtet hat das Glaubensbekenntnis an keinem anderen Punkt einen vergleichbaren Substanzverlust hinnehmen müssen wie gerade im Blick auf die Gerichtsaussagen. Neuformulierungen von Glaubensbekenntnissen verzichten auf diesen Aspekt der Christologie ebenso wie zeitgenössische Predigten. Gefragt ist der „liebe Gott zum Anfassen“, nicht etwa der Richter. Die Theologie ist auf der ganzen Linie auf einen „Schmuse-Kurs“ eingeschwenkt.

3. Sucht man nach den biblischen Grundlage der Rede vom wiederkommenden Richter, so stellt man folgendes fest;

a) Das Richteramt Gottes ist selbstverständlich bereits den Menschen des Alten Testamentes bekannt: vgl. 5. Mose 1,17; Psalm 1,5; Prediger 12,14 u.v.a.m.

b) Im Gegensatz zum allgemeinen und ständigen Richteramt Gottes sprechen Matthäus und Lukas von einem zukünftigen letzten, abschließenden Gericht Gottes, dem „Jüngsten Gericht“ (Matthäus 12,41f // Lukas 11,31f); ganz ähnlich (aber ohne diesen Begriff die Offenbarung des Johannes (20.4)

c) Einen eigenständigen, gegenwartsbezogenen (präsentischen) Gerichtsbegriff entwickelt Johannes (vor allem 5,19-30): „Wer mein Wort hört und glaubt dem der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.“ Dementsprechend ist bei Johannes die „Wahrheit über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.“ (16,11)

d) Wenn bei Johannes das Gericht dem Sohn übertragen ist (5,22), der dadurch richtet, dass er die Nicht-sehenden sehend und die Sehenden blind macht (9,39), so verortet er den Gerichtsgedanken in seiner (ebenfalls präsentischen) Christologie: Mit der Entscheidung für oder gegen Christus spricht man sich selber sein Urteil!

e) In anderer Weise bindet Paulus den Gerichtsgedanken an die Vorstellung des wiederkommenden Christus (Römer 2,16; 2. Korinther 5,10 und in paulinischer Tradition 2. Timotheus 4,1; „…Jesus Christus, der da kommen wird zu richten die Lebenden und die Toten) – Nebenbei bemerkt: Das Richteramt hat Christus auch im islamischen Glauben inne!

4. Diese letztgenannte Verbindung zweier nicht schon immer verknüpfter Aussagen (nämlich Wiederkunft Christi und Gerichtsgedanke) machen die Vermittelbarkeit dieses Teiles unseres Bekenntnisses nicht gerade leichter. Wir müssen nämlich klären:

a) Wie halten wir es mit dem Glauben an den göttlichen Richter? – und

b) Wie halten wir es mit dem Glauben an die Wiederkunft Christi?

B Systematische Überlegungen

5. In der Dogmatik gehört die Rede vom Jüngsten Gericht in die Lehre von den letzten Dingen. Ihr gehen Aussagen zur Auferstehung von den Toten voraus; nachfolgend wird das Ende der Welt verhandelt.

6. Unsere Vorstellung des Richteramtes Gottes ist überlagert von der Ineinssetzung von Richten und Strafen. Gottes „gutes Gedächtnis“ wird am Ende entsprechend unseren Werken immer nur zu einem Strafgericht.

7. Demgegenüber hielte ich es für angemessener, von Gottes Richten als einem Zurechtbringen“ zu sprechen: Dass Gott richtet, ist geradezu eine Konsequenz seines gnädigen Handelns an uns Menschen; vgl. Jesaja 2,3f: Wo Gott „Weisung gibt, richtet und zurechtweist“, da werden die Schwerter zu Pflugscharen! Hier zeigt sich die Nähe der Aussagen über das Richteramt des wiederkommenden Christus zur Rechtfertigungslehre. Spätestens jetzt (in Wahrheit aber schon viel früher) wird die Bedeutung von Luthers Frage nach dem gnädigen Gott offenkundig!

8. Auffällig ist, dass Gruppen, die das individuelle Weiterleben des Individuums stärker betonen, nur ein geringes Interesse an der Zukunft der Welt als solcher zeigen. Umgekehrt haben die auf diesem Gebiet Engagierten oft keine ausgeprägte und lebenstragende Vorstellung einer persönlichen Auferstehung.

C Homiletische Konsequenzen: Die Rede vom Gericht in unserer Predigt

- 10 Regeln –


I. Wo ein Predigttext den Gerichtsgedanken anklingen lässt, darf der Prediger / die Predigerin nicht von vornherein den „Weg des Jona“ gehen und diesem ausweichen. Wo wir nicht umhin kommen, den wiederkommenden Christus als Richter zu predigen, predigen wir den, der will, „dass alle Menschen gerettet werden“ (1. Timotheus 2,5), und insofern immer den gnädigen Gott.

II. Niemals darf dem Prediger / der Predigerin der Mut fehlen, sich gegebenenfalls zur eigenen Hilflosigkeit und zum eigenen Schweigen angesichts der Ankündigung des göttlichen Gerichts zu bekennen. Das ist aber etwas anderes, als diesen Gedanken in der Predigt einfach mit dem Angebot „billiger Gnade“ zu übergehen.

III. Das Gericht ist Sache Gottes. Der Prediger / die Predigerin muss gerade dies betonen, um nicht etwa an Gottes Stelle das Gericht über die Predigthörer/innen auszurufen.

IV. Eine platte Übertragung von Gerichtsankündigungen damals in die Situation heute ist nicht möglich. Nach biblischem Zeugnis werden Menschen zur Ankündigung des Gerichts (oft wider den eigenen Willen) berufen. Die konkrete Situation, in der das geschieht, darf niemals außer Acht gelassen werden

V. Sieht der Prediger / die Predigerin Parallelen zwischen der gerichtsauslösenden Situation damals und der unseren heute (vgl. Amos 5; Jeremia 5 u.ö.), kann er/sie nur auf die damaligen Konsequenzen aufmerksam machen. Für heute gilt mit Klagelieder 3,22: „Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“

VI. Im Blick auf die Wiederkunft Christi ist (mit Bohren, Predigtlehre, S. 234f.) darauf hinzuweisen, dass wir eine apokalyptisch geprägte Naherwartung mit dem Neuen Testament nicht teilen. Insofern predigen wir nicht den einst wiederkommenden, sondern zuallererst den im Glauben gegenwärtigen Christus und stehen als solche, die mit ihm rechnen, in einer besonderen Weise der Nah-Erwartung.

VII. Hüten sollen sich Prediger/innen tunlichst, sich in Ausmalungen des zukünftigen Gerichts zu ergehen. Nicht wie Gott richtet, sondern dass er es tut und unser Handeln jetzt Konsequenzen hat über den Tod hinaus, ist das Entscheidende.

VIII. Wenn wir (mit Johannes) selber das Urteil über uns sprechen, kann gerade die Predigt eines Gerichtstextes zum Anlass genommen werden, das gegenwärtige Richteramt Christi zu betonen.

IX. Seelsorgerlich wird ein Gerichtstext, wenn wir den Gedanken der ausgleichenden Gerechtigkeit Gottes betonen: Der Tod ist nicht der große Gleichmacher, der mit einem einzigen und endgültigen Strich das „Glück der Gottlosen“ rechtfertigt und die Opfer der Gegenwart der Lächerlichkeit preis gibt. Aufs Kirchenjahr gewendet: Auf das scheinbare Aus des Karfreitag folgt Gottes großes Ja (vgl. 2. Korinther 1,20).

X. Streng genommen ist uns eine Predigt über das Gericht Gottes über Israel nicht möglich. solche Texte können uns nur zur Buße und zum Schweigen führen. Israel kann uns höchstens darin zum Vorbild werden, wie Gott es sich immer wieder neu gereuen lässt.

Lieder zum Thema Gericht

EG 289,2: „ sein herrlich Recht und sein Gericht straft nicht nach unserer Schuld.“

EG 16, 4+5: „... als wollte er belohnen, so richtet er die Welt ...“

EG 302, 4: „...den Schützt er im Gericht ...“

EG 452,4+5: „... und spricht mich selbst gerecht ... will vollen Lohn mir zahlen ...“

Tagesgebet (zum Thema: Meine Mitmenschen als meine Richter)

Wofür andere uns halten, braucht uns nicht zu kümmern, wenn du uns hältst, Gott. Was sie über uns reden, braucht uns nicht zu treffen, wenn wir uns treffen lassen von dem, was du uns zu sagen hast. Wo wir in deinem Licht leben, kann uns keiner mehr in ein schlechtes Licht setzen. Wer könnte die klein machen, die als Schwestern und Brüder deines Sohnes zum aufrechten Gang befreit sind – Zeuginnen und Zeugen deiner Gegenwart in allem was lebt und durch alle Zeiten hindurch. Amen.



EWIGES LEBEN – WAS IST DAS?
VERSUCH EINER KLEINEN ANTWORT IN THESEN


1. Nach allgemeinem bzw. populärem Verständnis ist unter „ewigem Leben“ eine Art religiös verursachter bzw. bestimmter Unsterblichkeit zu verstehen, die Gott den Gläubigen bzw. den Frommen zusagt.
2. Der biblische Befund zeigt im Ersten Testament (der Sache nach), dass ein Leben jenseits der Grenze des Todes eine eher späte Entwicklung ist. Das Leben der Nomaden wie Abraham, Isaak und Jakob zielt noch auf Nachkommen und Landbesitz ab; Psalm 73,34 oder Hiob 19,25 sind erste Anzeichen dieser neu aufkommenden Vorstellung.
3. Das zweite, Neue Testament hat – nicht zuletzt unter hellenistischem Einfluss – von Anfang an eine auf dem Auferstehungsglauben basierende deutlich konkretisierte Vorstellung von einem Leben über den Tod hinaus. Diese Vorstellung der Auferstehungshoffnung für alle ist allerdings nicht einfach mit der vom ewigen Leben identisch. So benutzt etwa Paulus dafür die Gegensatzpaare „verweslich/unverweslich; Niedrigkeit/Herrlichkeit; natürlich/geistlich; vgl. 1. Korinther 15.
4. Ewiges Leben findet im Neuen Testament nicht zuletzt im Johannes-Evangelium und in den Johannes-Briefen den theologisch passenden Rahmen; etwa 3,16; 17,2; 1. Johannes 1,2; 2,25). Wir finden aber auch Matthäus 19,16 oder auch bei Paulus Römer 6,22 entsprechende Zitate.
5. Innerhalb der Fortentwicklung und Fixierung der theologischen Tradition der neuen Lehre des Christentums ist der Glaube an das ewige Leben auch in die großen Bekenntnisse eingedrungen: ... und das ewige Leben (Apostolicum) bzw. „.. und das Leben des kommenden Zeitalters“ (Nicaenum)
5. Theologisch-systematisch hat die Rede vom „ewigen Leben“ (a) eine qualitative (!) und eine (b) zeitliche Bedeutung.
6. Hauptbeleg für (a) ist aus meiner Sicht Johannes 5,24 (ein erstaunlicher und häufig leider übersehener Beleg): Ewiges Lebens beschreibt in der Kategorie der Gegenwart das neue Leben derer, die an Christus glauben. Gemeint ist damit also, dass unser Leben im Gottes- bzw. Auferstehungsglauben eine neue, mit unseren Worten eine lebensbejahende und befreiende Qualität gewinnt.
7. Im Blick auf die zeitliche Komponente ist also neben der Zukunft der Blick vor allem auf die Gegenwart zu richten: Am ewigen Leben haben wir schon (!) jetzt Anteil. Ewig ist eine zeitliche Kategorie, die quer und parallel zu unserem Zeitverständnis läuft. Sie ist keine Zusicherung der Unsterblichkeit unserer gegenwärtigen Existenzform für alle Zukunft.
8. Sprachtheoretisch ist „ewiges Leben“ ähnlich zu werten wie „Auferstehung“. Ein sich historischem Denken und aller Analogie entziehendes (Glaubens)ereignis wird mit den sprachlichen Mitteln und innerhalb des kausalen Denkrahmens unserer Verstehensmöglichkeiten gewissermaßen in bildhafter Sprache zum Ausdruck gebracht. Dies gilt sowohl für „ewig“ als auch für „Leben“ (keine reinen Zeit-, sondern religiöse Qualitätsaussagen; keine biologische Sichtweise).
9. Wenn wir vom „ewigen Leben“ reden, befinden wir uns also im Bereich der Sprache unseres Glaubens. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass unser Glaube uns eine neue Sicht auf unser Leben und auf die Welt/Schöpfung insgesamt ermöglicht. Dies ist eine andere Verstehensebene als die eines gewissermaßen nach vorne verlängerten Lebens. Erneuert wird also die Lebensperspektive!
10. Dessen ungeachtet bleibt die Frage: Was wird nach diesem Leben sein? Was erwartet uns nach dem Tod? Hier ist auffällig, dass die Frage nach der persönlichen Heils- und Zukunftsgewissheit mit der nach einer Welt in Gerechtigkeit (Reich Gottes) „konkurriert“, d.h. die persönlichen Theologien haben entweder beim einen oder beim anderen ihren Dreh- und Angelpunkt. Mit der Rede „vom ewigen Leben“ ist dadurch kein Wissensgewinn, sondern ein Glaubensgewinn verbunden. Wir dürfen uns als Glaubende über den Tod hinaus von Gott gehalten wissen. Wie dieses Fallen in Gott hinein aussieht, wissen wir nicht. Wir brauchen es auch gar nicht zu wissen, denn auch darüber könnten wir bestenfalls in Bildern reden. Insofern ist in den Mittelpunkt der Verkündigung die Stärkung des Vertrauens darin zu stellen, dass keine Träne umsonst geweint, kein Leid vergeblich ertragen, keine Zukunft sinnlos erträumt wird (Offenbarung 21,1-5). Gottes Zukunft kommt auf uns zu. Und wir leben in der Erwartung gleichsam schon in deren vorweggenommener Realität. Wenn wir daraus besser und glücklicher, auch getrösteter und zuversichtlicher leben können, ist das schon genug. Und schon Teil des ewigen Lebens.
Traugott Schächtele

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