ADVENTLICHE GEDANKEN
ZU VORWEIHNACHTLICHER ZEIT
VORGETRAGEN AM DONNERSTAG, DEN 11. DEZEMBER 2003


Schon seit Wochen, aber auch auf dem Weg hierher, hat sich niemand den Spuren der längst wahrzunehmenden Veränderung unserer Stadt entziehen können. Am deutlichsten und sicher auch am schönsten fällt uns immer wieder der Lichterschmuck in die Augen. Der über den Straßen, den sich die Stadt – gottseidank! – immer noch leistet. Der in den Schaufenstern und der in den privaten Wohnungen.

In den Schaufenster haben sich – neben der Lichtintensivierung - auch die Auslagen verändert. Verschenkbares und zu Verpackendes liegt da vor den neugierigen Augen derer, die sich ihre Nasen platt drücken, wenn sie denn dazu überhaupt noch Zeit haben. Aus der Zeitung fällt schon seit Wochen täglich ein dicker Stoß buntbedruckten Propagandamaterials. Vom Rathausplatz her hört man den ganz spezifischen Geräuschteppich des Weihnachtsmarktes, zusammengewoben aus Menschengemurmel und weihnachtlichen Liedkonserven, vermengt mit Bratwurstgeruch und Glühweinduft.

Das deutlichste Anzeichen der sechsten Jahrszeit – wenn man denn den Narren die fünfte zugesteht – ist der Platzmangel in der Straßenbahn und im Parkhaus - und die deutlich erhöhte Durchschnittszahl an Menschen pro Quadratmeter in der Kajo – wie nicht nur meine Kinder die Kaiser-Joseph-Straße liebevoll nennen - , in der Bertoldstraße- und in der Salzstraße und in beinahe jedem Geschäft dazu.

Kein Zweifel: es weihnachtet. Und es regieren die drei vorweihnachtlichen K’s: Kunde, Kaufrausch und Kredite. Es weihnachtet? Vorsicht! Gegenwärtig ist doch erst einmal Advent! Und dem Advent soll darum auch dieser heutige Abend – oder zumindest mein Beitrag dazu – zuallererst einmal gehören.

Adventliche Gedanken zu vorweihnachtlicher Zeit – so habe ich meine adventliche Zeitansage heute Abend überschrieben. Vorweihnachtlich-festlich soll sie – so bin ich sicher – auch noch sein. Zu Herzen soll sie gehen und uns einstimmen auf eine Jahreszeit, die uns „alle Jahre wieder“ in Beschlag nimmt, ob wir wollen oder nicht. Abstand soll sie uns ermöglichen zu den belastenden Anforderungen des tagtäglichen Lebens – Abstand zu dem, was auf uns einströmt: in Form unerquicklicher Nachrichten aus den Medien. In Form der eigenen kleinen Belastungen, die wir vor den anderen verborgen halten und die doch von allergrößtem Einfluss sind auf unser Wohlbefinden und auf unsere Fähigkeit, das Leben zu bewältigen.

Eigentlich müsste es der Advent leicht haben, unser aller Herzen zu gewinnen. Er steht nicht so unter Erwartungsdruck wie die Weihnachtszeit, der man es übel nimmt, wenn sie das Versprechen von Harmonie nicht einlöst. Und er ist schon gar nicht so trist oder gar mit dem Tod verbunden wie die vorausgehenden Novembertage mit Allerheiligen und Allerseelen, Volkstrauertag und Ewigkeitssonntag. Der Advent kann seine Vorzüge allmählich entfalten: „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier“ – ein Licht wird nach dem anderen entzündet. Der Advent hat viel Zeit.

Leicht kommen seine Tage daher. Die Erwartung einer Wende zum Guten widerspiegelnd, aber eben ohne die Verpflichtung, selber dann auch dafür einstehen zu müssen. Was hindert uns daran, die Vorzüge des Advent doch einfach zu genießen! Machen wir doch ernst und feiern wir doch einfach Advent. Doch zuvor sollen wir verstehen, was wir uns da eigentlich wirklich vornehmen; müssten wir uns erst einmal klärend annähern an jene Zeit, die wir so sorglos Advent nennen.

So lade ich Sie und Euch ein zu einer adventlichen Erkundungsreise mit Worten – zu einem Gespräch gleichsam unter Adventsexperten, die alle von ihrer Warte aus ein Licht auf ihn werfen – eben den Advent. Ein kleines festliches Adventssymposion soll’s heute also geben – und der Einfachheit halber werde ich mir alle zur Klärung nötigen Beiträge selber zu eigen machen. Vier adventliche Experten sitzen hier nun also zum klärenden Streitgespräch zusammen - Euch und Sie alle jetzt erst einmal noch gar nicht mitgerechnet.

Lassen wir den ersten zu Wort kommen – er hat die Rolle des weltunkundigen Beobachters, der gewissermaßen ohne Vorkenntnisse - einfach aus der Marsmenschenperspektive, aus der Perspektive dessen, der nichts weiß und nur sieht - wahrnimmt, beobachtet und Fragen stellt.

Der weltunkundige Beobachter

Zum Thema Advent soll ich Euch etwas sagen. Gar nicht so einfach. Ja, eigentlich fast unmöglich! Denn allzu viel höre und sehe ich nicht mehr vom Advent. Einem grün geflochtenen Kranz mit vier aufgesteckten Kerzen habt ihr den Namen Adventskranz gegeben. Jeden Sonntag wird eine Kerze mehr zum Brennen gebracht. Die vier Sonntage vor Weihnachten nummeriert Ihr durch und sprecht vom ersten und vom zweiten, vom dritten und vom vierten Advent. Kalender gibt es bei euch, die nur 24 Tage zählen und bei denen Tag für Tag ein Türchen geöffnet oder – in zunehmender Weise - auch ein Päckchen ausgepackt wird. Adventkalender sagt ihr dazu.

Eigene Adventslieder gibt es bei Euch, wie etwa das bekannteste: „Macht hoch, die Tür!“ Oder: „Es kommt ein Schiff geladen“. Aber in der Konkurrenz mit den Weihnachtsliedern gehen sie fast unter. Überhaupt: So sehr ich es versuche: Es gelingt mir immer weniger, den Unterschied zwischen Advent und Weihnachten zu begreifen. Genauso wie den zwischen dem Nikolaus und dem Weihnachtsmann.

Um Geschenke und um Lichter scheint’s vor allem zu gehen. Und im Hintergrund muss ein Beweggrund aus dem Bereich der christlichen Religion stehen. Denn die Kirchen feiern Adventsgottesdienste und veranstalten Advents-Basare. In der Kirche wechselt die liturgische Farbe auf Violett. Und Brot-für-die-Welt und Adveniat starten ihre immer noch erfolgreichen Sammelaktionen.

Eure Lieder handeln vom Warten und von der Geduld. Aber Euer Handeln spricht eine andere Sprache. Nie wartet Ihr so ungern wie im Advent. Nie habt ihr so wenig Zeit. Der Advent – das ist, wenn ich richtig beobachtet habe, nur noch der Vorlauf für Weihnachten. Die immer mehr nach hinten verlängerte Anlaufspur, ehe ihr in das weihnachtliche Vergnügen hineinspringt. Mehr habe ich über den Advent nicht in Erfahrung bringen können.

Gesprächsleiter

Vielen Dank, lieber Beobachter. Du bist also an Grenzen gestoßen. Fragen wir darum einen, der es wissen muss. Einen Liturgiewissenschaftler mit dem Schwerpunkt der Adventskunde. Wir dürfen gespannt sein, was er uns zu sagen hat:

Adventskundiger Liturgiewissenschaftler

Gut, dass ich endlich zu Wort komme. Und höchste Zeit, dass ich Eurem Nichtwissen auf die Sprünge helfe. Natürlich ist der Advent ein kirchliches Fest. Und ein sehr altes dazu. Allerdings keineswegs eines der ganz alten. Karfreitag und Ostern sind viel älter. Älter auch als Weihnachten. Und erst als sich das Weihnachtsfest durchgesetzt hatte, kam der Advent überhaupt erst in den Blick.

Advent heißt Ankunft. Gemeint ist natürlich die Ankunft Christi. Aber in einem doppelten Sinn. Zum einen soll der Advent eine Zeit auf die erste Ankunft Christi vorbereiten, die wir an Weihnachten feiern. Genauso steht aber auch die zweite Ankunft Christi am Ende der Zeit im Blick. Darum wird er im Kirchenjahr auch als Zeit der Besinnung und der Einkehr begangen. In der Kirchensprache heißt das als Buß-Zeit.

Dies ist schon lange so. Denn das älteste sicher Zeugnis für die Existenz des Advent stammt aus dem fünften Jahrhundert. Bischof Perpetuus von Tours verlangte von seinen Gläubigen, sie sollten die Zeit zwischen dem 11. November und dem Erscheinungsfest am 6. Januar als Fastenzeit begehen. Der 6. Januar ist ja der ursprüngliche Termin des Weihnachtsfestes. Und für einen Teil der orthodoxen Kirche ist es es ja bis heute.

Folgt man der damals üblichen Praxis, an Samstagen und an Sonntagen nicht zu fasten, kam man auf genau 40 Fastentage. Und die 40 Fastentage sind das untrügliche Zeichen dafür, dass man die Adventszeit eben schon immer als Buß-Zeit verstanden hat. Übrigens. Dass diese Zeit am 11. November ihren Ausgang nahm, hat Nachwirkungen bis heute. Nicht deswegen, weil am 11.11. alljährlich auch das närrische Treben beginnt. Nein, am 11.11. ziehen die Kinder mit ihren Laternen durch die Straßen. Damit begehen sie diesen Tag als Lichterfest. Und sie eröffnen damit gleichzeitig schon ein wenig den Advent.

Jetzt fällt ihm ein Zeitgenosse ins Wort.

Zeitgenosse 1

Jetzt aber genug von diesem Adentsgesülze. Die Wirklichkeit sieht doch ganz anders aus. Klingglöckchenklingelingeling und Kassengeklimper an allen Orten. Das ist doch das Thema der Vorweihnachtszeit. Der Advent interessiert nicht mehr. Das ist nicht einmal mehr Tradition. Das ist Vergangenheit. Fragment einer versunkenen Kultur. Lichter brennen, weil’s dunkel ist. Und weil es die Kaufkraft erhöht.

Und ohne Musik geht heute sowieso nichts mehr. Hauptsache die Geräuschkulisse stimmt. Ob Weihnachtslieder oder Pop-Musik. Das ist doch egal. Auf die Stimmung kommt es an! Advent interessiert mich nicht.

Ein anderer Zeitgenosse unterbricht ihn.

Zeitgenosse 2

Du hast Recht. Der Advent ist nicht mehr. Eigentlich könnten wir bestenfalls noch einen Nachruf auf den Advent sprechen: „Hier ruht die letzte Gelegenheit, noch einmal zur Ruhe und zur Besinnung zu kommen. Sie wurde geopfert auf dem Altar von Konkurrenz und Eigensinn und Kommerz.“ Jedes Jahr im August oder spätestens im September beginnen die Trauerfeierlichkeiten. Wenn die ersten Schockoladen-Nikoläuse und die ersten Lebkuchen in den Regalen liegen. Und nach der lauten, heiligen Nacht folgen dann sofort die Vorbereitungen für die närrischen Nächte.

Aber ganz tot ist der Advent gar nicht. Denn das, was wir zu verlieren drohen, haben wir umso nötiger. Drei adventliche Sehnsüchte möchte ich nennen.

Zunächst: Die Geduld: Der Advent ist eine Zeit, in der das Warten neu eingeübt werden soll. Eben nicht: Ich will alles und zwar sofort. Sondern: Alles hat seine Zeit. Nur wir haben meist keine. Ich warte. Das heißt: Ich gebe dem Raum, was kommen will. Und ich genieße die Spannung, was denn am Ende wirklich kommen wird. Ich warte: Wie ich auf einen Brief warte. Wie ich mich auf ein festliches Essen am Abend freue. Das Warten gehört dazu. Und es macht das, worauf wir warten, wertvoller. „Ein Mensch, dem nicht an jedem Tag mindestens eine Stunde gehört, ist kein Mensch.“ In den chassidischen Geschichten steht diese Weisheit. Im Advent könnten wir sie von Neuem beherzigen.

Die zweite adventliche Sehnsucht ist die Stille: Wo der Lärm zunimmt, entfaltet die Stille umso stärker ihre heilsame Wirkung. Lärm verbraucht. Stille ernährt. Unser Inneres. Unser Lebenszentrum tief in uns. Stille hält die Triebfeder unseres Lebens in energievoller Spannung. „Man soll der Stille zuliebe bisweilen sogar auf gute Gespräche verzichten“, heißt es in der Regel des heiligen Benedikt.“ So weit muss man gar nicht unbedingt gehen.

Wer Stille aushält, hört die einfachen Dinge: Das Knacken eines Astes. Den Lockruf eines Vogels. Das Ticken der alten Standuhr. Wer Stille aushält, hört auch den Lärm der Stadt. Aber er wird nicht von ihm erschlagen. Sondern geht auf Distanz. Einfach einmal das Radio im Auto auslassen. Oder bei Dunkelheit am offen Fenster stehen und einfach nur hören. Auch das ermöglicht Advent. Macht hoch die Tür. Damit die Stille einen Ort findet.

Die dritte adventliche Sehnsucht – das ist die nach Einkehr und Umkehr. Nach Besinnung in der wahren Bedeutung des Wortes. Man besinnt sich. Findet seinen Sinn wieder. Kann Unsinniges endlich lassen. Traut sich Neues zu. Verlässt die eingefahrenen Gleise. Genau darauf kommt es am meisten an im Advent. Sich innerlich öffnen lassen. Platz schaffen, damit Weihnachten überhaupt eine Chance Raum findet in der Herberge unseres Denkens und Fühlens. Ohne den Weg über den Advent zu wählen, kommen wir gar nie wirklich an Weihnachten an. Feiern wir höchstens eine billige Nachahmung.

„Mach’s wie Gott: Werde Mensch!“ – so lautet ein kleines saloppe Sprichwort unserer Tage. Aber es trägt viel Wahrheit in sich. Um Menschwerden geht’s auch an Weihnachten. Und der Advent soll uns dafür den Weg bereiten. Uns helfen, selber wieder menschlicher zu werden.

Gesprächsleiter

Das war ja fast schon ein Predigt. Und allemal ein würdiges Schlusswort. Oder will jemand noch etwas anfügen?

Da meldet sich noch einmal der weltunkundige Beobachter vom Anfang. .

Weltunkundiger Beobachter

Etwas mehr verstehe ich jetzt schon von dem, was ich sehe und höre. Ein paar Zeilen möchte ich euch noch vorlesen, die ich irgendwo auf einem kleinen Stück Papier gefunden habe. Da heißt es:

Zur schlimmsten Zeit im ganzen Jahr
ein Pärchen einst auf Reisen war.
Kein Zimmer frei. Die Heimat weit.
Ein’n Stall nur aus Barmherzigkeit
wies man ihm zu für teures Geld.
Hier kam ihr erstes Kind zur Welt.
Wenn man im Kind Gott selbst erkennt:
Dann erst ist Weihnacht – und Advent.


Und damit wäre unser adventliches Symposion und die adventliche Zeitansage erst einmal zu Ende. Und unsere Gespräche – unsere womöglich adventlichen Gespräche können weitergehen. Ich danke euch!


Traugott Schächtele

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