„VATER UNSER IM HIMMEL -
DIE ERFINDUNG DES GESCHLECHTES GOTTES“
PREDIGT AM SONNTAG, DEN 25. JANUAR 2004
(3. SONNTAG NACH EPIPHANIAS)
GEHALTEN IM RAHMEN DER PREDIGTREIHE ZUM VATERUNSER
IN DER CHRISTUSKIRCHE IN FREIBURG


Jeder Mensch betet, liebe Gemeinde. Nicht nur Sie und ich, die wir heute morgen in dieser Christuskirche gemeinsam Gottesdienst feiern. Nicht nur all diejenigen, die in irgend einer Weise kirchlich oder religiös gebunden sind. Jeder Mensch betet. Das glaube ich entgegen alle Umfragen, die hier nur Widersprüchliches zu Tage fördern. 64 Prozent sind es, die noch beten, sagt die eine Umfrage, nur noch 17 Prozent eine andere. Und was Deutschland betrifft, beteten im Westen auf alle Fälle dreimal so viele Menschen wie im Osten, so kann man lesen. 10 Prozent haben noch nie gebetet, wie man einer dritten Umfrage entnehmen kann.

Aber nicht einmal diese Zahl glaube ich. Jeder Mensch betet. Dies ist meine feste Überzeugung. Nur in gänzlich unterschiedlichen Formen. Liturgisch oder frei. Zielgerichtet oder ins Ungewisse. An den bekannten oder den unbekannten Gott. In den Worten der einen oder in denen der anderen Religion. Bewusst oder unbewusst. In konkreter Absicht oder als spontane Regung des eigenen Inneren.

Jeder Mensch betet. Wenn ich das hier einfach behaupte, fasse ich das Gebet sehr weit. Verstehe ich es als Grundregung des Lebens überhaupt. Als Ausdruck meiner Sehnsucht, dass ich Zukunft habe; selbst dann, wenn ich sie nicht einmal sehe.

Beten, so verstanden, hieße dann, in gänzlich unterschiedlicher Weise dialogisch leben. Und den Bannkreis des eigenen ich’s überschreitend. Beten meint dann unseren Versuch, zumindest in Ansätzen immer wieder alle Verkrampfungen und Verhärtungen, alle Verbiegungen und alles Verdunsten der Hoffnung, für einen Moment außer Kraft setzen. Sich – und sei’s nur für den Moment - zu öffnen. Dem Leben geöffnet und bittend entgegenzutreten. Wissend, dass das Wesentliche uns zufällt. Dass es erbeten sein will. Und sich eben nicht erzwingen oder machen lässt. Wer betet, verzichtet darauf, nur immer ein homo faber sein zu wollen.

Anders als betend in diesem Sinn kann man gar nicht leben. Kommt dem Leben, der Anspruch, mehr zu sein als feststellbare Vitalität im biologischen Sinn, gar nicht zu. Das Symbol dieser betenden Haltung sind die geöffneten, die empfangenden Hände. Und nicht der raffgierige Griff, das verkrampfte Festhalten wollen des Lebens, weil Geiz eben geil ist.

So verstanden ist das Gebet als ein wesentliches Grunddatum des Menschlichen verstanden. Sein reflektierter und institutionalisierter Ort ist die Religion. Neben dem Opfer ist das Gebet gewissermaßen das unveränderliches Kennzeichen des Religiösen. Merkmal der Öffnung und der Transzendenz der engen Räume. Der begrenzten Möglichkeiten. Der eingeschränkten Optionen, die sonst oft unser Leben bestimmen. Und Sinnbild dieser Lebenshaltung, die ganz bewusst offen ist für die Grenzüberschreitung, ist der Bezug auf jenen Ursprung und Urgrund alles Lebendigen, den wir Gott nennen.

Christliches Beten steht dabei in enger Verbindung mit dem jüdischen Urgrund, dem starken Wurzelstrang im Wurzelgeflecht unserer Art, unser Leben mit der Wirklichkeit Gottes in Beziehung zu bringen. Beten als menschliche Grundhaltung ist dann das eine, dass allgemeine. Beten im Sinne der hochentwickelten Religionen, Beten im Kontext des Christentums dann unsere besondere und zugleich wieder vielfältige Weise, Gott im Spiel unseres Lebens zu halten.

Als Urform des christlichen Gebets gilt das Vaterunser. Es macht schon Sinn, diesen Text einmal als Jahresthema auszuwählen, wie Sie das hier in der Christusgemeinde getan haben. Das Vaterunser-Gebet ist einer der ganz zentralen Texte unserer christlichen Religion und Tradition. Mehr noch: längst doch auch unserer Kultur. Aber womöglich mit sinkendem Kurs an den Börsen des Religiösen.

Im Neues Testament wird das Vaterunser zweimal überliefert. Bei Matthäus im Zusammenhang der Bergpredigt. Zum anderen bei Lukas. Dort heißt es einleitend:

Und es begab sich, dass Jesus an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater unser im Himmel!

„Lehre uns beten!“ Diese Aufforderung steht also am Beginn der einzigartigen Wirkungsgeschichte dieses Gebetes. Wieso das Beten lernen, wenn doch, wie ich eingangs zu begründen versucht habe, ohnedies alle Menschen beten?

In der jüngsten Mitgliedschaftsstudie der EKD, die im Oktober des Vorjahres erschien, werden Grundmerkmale des Evangelisch Seins genannt, die den Befragten zur Bewertung vorgelegt wurden. Dass man getauft und konfirmiert ist. Dass man zur Kirche geht. Dass man in der Bibel liest. Dass man versucht, nach den 10 Geboten zu leben. Das Gebet wird als Möglichkeit erst gar nicht mehr genannt. „Herr, lehre uns beten!“ Ein Ausruf also mit Aktualität allemal auch noch heute. Aber doch wohl auch schon zur Zeit Jesu. Wer danach fragt, wie man betet, bekennt sich damit gewissermaßen zum Beten als unverzichtbarer Grundregung und Grundhaltung des Lebens. Spürt aber zugleich, dass auch beim Beten die Übung zwar nicht den Meister macht, aber die Möglichkeiten weitet und den Horizont näher heranrücken lässt.

„Herr, lehre uns beten!“ Mit diesen Worten begegnet und die Bedürftigkeit der ersten Sympathisantinnen und Sympathisanten Jesu, die von ihm konkrete Lebenshilfe erwarten. Die nach dem Besonderen des Gebets im Kontext seiner Gottesbotschaft und Gottesbeziehung fragen.

Elementar sind die Worte, die Jesus dann vorschlägt. Nichts Überflüssiges. Nichts Geschwätziges. Die Gottesannäherung verlangt Konzentration. Und der Beginn dieser Konzentrationsübung, die erste Orientierung und Ausrichtung des Gebets, das sind die wenigen Worten der Anrede. Diese wenigen Worte, die dem Gebet seinen Namen gegeben haben – bis heute. Das ist dieses „Vater unser im Himmel“!

In der Anrede liegt schon das ganze Gebet. In der Anrede liegt die Ausrichtung. In der Anrede ist das Bekenntnis verborgen, dass alle Worte, die noch kommen, keine vergeblichen sein werden. Was nach der Anrede noch folgt, ist Entfaltung. Ist der Versuch, in Worte zu fassen, was im Angesicht Gottes kaum noch Worte bedarf. Was im Kern schon ausgesprochen ist.

Kein Gebet an Jesus als Platzhalter Gottes ist das Vaterunser. Sondern eines mit ihm; eines in enger Anbindung an ihn. Als Teilhabe an seinem ganz besonderen Gottesverhältnis. Und darum bringt uns das Nachdenken über diese Weise der Anrede Gottes ganz besonders nah an den Kern des Gottesglaubens Jesu selber heran. Und eröffnet uns gerade dadurch eigene Lebensmöglichkeiten.

„Herr, lehre uns beten!“ Mindestens ein Dreifaches können wir lernen aus diesen wenigen Worten der Gebetsanrede. Weil wir in drei Richtungen Antwortspuren gebahnt finden.

Zunächst überraschend die Anrede „Vater unser“? Warum nicht „mein“ Vater, „mein Gott“? Warum dieses einschließende „unser“? Weil auf diese Weise das Wissen gewahrt ist, dass mein Gottesglaube mich mit anderen verbündet. Mit anderen vernetzt. Es ist immer mein Glaube. Aber eben nicht exklusiv. Sondern inklusiv. Und darum ist mein Gebet zugleich eines, das Teil hat an der Gottsuche vieler anderer. Eines, das uns im Grunde geschwisterlich mit unseren Mitmenschen in Beziehung setzt.

Es bleibt die Möglichkeit, „mein“ Gott zu sagen. Aber das andere, das verbindende „wir“ ist dann zugleich immer schon mitgesetzt. Wie in den ersten Worten des Nicaenums, das unser Bekenntnis mit den Worten einleitet: „Wir“ glauben an den einen Gott. Und nicht wie in dem uns vertrauten apostolischen Bekenntnis, in dem es heißt: „Ich“ glaube an Gott, den Vater.

Die zweite Spur der Anrede des Vaterunsers führt in den Himmel: „Vater unser - im Himmel“. Wo sollen wir Gott denn sonst suchen? Aber die Frage ist weniger selbstverständlich als es den Anschein hat. Natürlich beschreibt der Himmel in unserer religiösen Vorstellung die Welt Gottes. Aber wenn Gott uns nicht ferne rücken soll, müssen wir ihn doch auf der Erde suchen. Und finden.

Doch der Himmel ist eben gerade nicht der uns entzogene Raum. Wo immer wir vom Himmel reden, beschreiben wir weniger einen Ortswechsel, als einen Perspektivenwechsel. Nehmen wir unsere Welt, unsere Lebensorte aus der Perspektive ihrer Möglichkeiten im Angesicht Gottes in Augenschein.

„Vater unser im Himmel“. Diese Worte wollen unserem Denken und unserer Sehnsucht Richtung geben. Wollen unser Hoffen frei machen von Kleinkariertheit und Blindheit im Angesicht der Realitäten. „Vater unser im Himmel“ – das ist eine Variation des „Erhebet eure Herzen“, die die Feier des Abendmahls einleiten. Der Blick in den Himmel – er geht nicht in die Ferne. Sondern bringt uns unendlich nah an die Gegenwart Gottes heran.

Bleibt das dritte Thema der Anrede. Die Anrede Gottes als Vater. Vater unser – im Himmel. Bei diesen Worten scheiden sich ein um’s andere Mal die Geister. Bis dahin, dass manche sich außer Stande sehen, diese Worte mitzubeten. Vater unser – da schwingt unüberhörbar das über Jahrhunderte gepflegte männliche, ja patriarchalische Gottesbild mit. Wie auch sonst noch oft in unserer christlichen Tradition. Wenn wir den Gottesdienst eröffnen „im Namen des Vaters und des Sohnes“; wenn wir Gott in allen denkbaren männlichen Variationen und Sprachspielen ansprechen und denken.

Warum bedient sich Jesus dieser Worte? Warum dachte er – wenn es denn seine Worte sind – warum denken so viele Gott in männlichen Kategorien? Beten zu ihm als Vater? Und warum werden auf der anderen Seite so viele Emotionen frei – werden so heftige Anwürfe in die Welt gesetzt und gar der Verrat am Bekenntnis ausgerufen, wenn andere es dann wagen, Gott als Frau zu denken. Und Gott im Gebet als Mutter anzurufen?

Welches Geschlecht hat denn nun der liebe Gott? Männlich? Weiblich? Oder noch einmal ein ganz anderes? Weil Gott doch göttlichen Geschlechts ist. Wir haben als Lesung vorhin den biblischen Bericht von der Erschaffung des Menschen gehört: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn. Und er schuf ihn als Mann und Frau.“

Nicht der Mann und nicht die Frau sind hier als Abbild und Gegenüber Gottes beschrieben. Sondern der Mensch. Der Mensch in seiner Polarität und in seiner Komplementarität. In der fruchtbaren Spannung und der spannungsvollen Beziehung von Mann und Frau. Abbild und Gegenbild Gottes ist der Mensch. Spezifische Möglichkeit. Mann oder Frau. Schwarz oder weiß. Christ oder Jüdin. Gottgläubig oder Atheist. Konkreter Mensch. Einzigartig. Voller Möglichkeiten. Zugleich aber auch mit klaren Grenzen.

Scheinbar unendliche Vielfalt ist uns in die Wiege gelegt. Aber zugleich doch immer nur ein mir zugedachter Ausschnitt aus der Unendlichkeit Gottes. Ein Mensch mit einem wertvollen, einzigartigen Bündel an Möglichkeiten. Aber eben nicht wie bei Gott: die Fülle. Und auch wenn wir an Weihnachten in der Geburt Jesu die Menschwerdung Gottes in einem Jungen, einem Mann gefeiert haben, dürfen wir keinem Irrtum verfallen. Gott wird Mensch. Und nicht ein Mann.

Gott hat kein Geschlecht. Zumindest nicht in unserem Sinne. Weil Gottes Wirklichkeit von anderen Gesetzmäßigkeiten geprägt ist als die unsere. Weil Gott Schöpfer ist. Und nicht Geschöpf. Weil Gott in sich vielfältig ist und kommunikativ. Spannungsreich und produktiv. Nach innen. Aber eben auch nach außen. Seine Grenzen überschreitend und über sich hinausweisend.

Doch weil unser Geist und unsere Vernunft die Unbegrenztheit Gottes nicht zu fassen vermögen, sind wir auf Bilder angewiesen. Auf Erfahrungen, die wir übertragen. Auf Analogien, die deutungsoffen sind.

Jeder Mensch betet. Doch nicht anders kann sich ein Mensch dem Urgrund des Seins öffnen. Nicht anders sein Grundvertrauen auf ein Gegenüber ausrichten als in dem, was er sich im Pool seiner beglückenden und tragenden Lebenserfahrungen als Schatz angesammelt hat.

Wer ins Gebet verfällt, wer die letzte bergende Zuflucht sucht, wird dies zur Zeit Jesu in manchem anders, und in anderem gleich machen wie wir heute. Gott als König wird zunehmend zum Bild ohne wirkliche Füllung. Schiebt Gott in die Vergangenheit ab. Auch Gott als Hirte ist wie ein Rückgriff in den Schatz einer längst zugrunde gegangenen Welt, die nur noch in Form Einsprengseln unter uns präsent ist. Der Feldherr und Gebieter der himmlischen Heerscharen ist im Grunde längst obsolet geworden.

Wir haben reichlich Mühe, die alten, die vertrauten Bilder in neue zu übersetzen. Doch zwei Bilder haben inmitten eines großen und ständigen Wandels alle Umbrüche überlebt: Das Bild vom Vater und das Bild der Mutter. Mann und Frau gehören ebenso in den Fluss der Kontinuität wie die Menschen, die als Eltern, als Bezugs- und Vertrauenspersonen unsere frühkindlichen Erfahrungen geprägt haben und unsere Einbindung in eine größere Gruppe von Menschen festlegen. Sei’s eine Familie unter welchen Definitionen auch immer. Sei’s die Gruppe meiner Verwandtschaft und die derer, denen ich durch mein Denken nahe stehe.

Der Grundtypos des Fürsorglichen –zur Zeit Jesu mag er im Oberhaupt der Sippe, in der prägenden Vatergestalt des Oberhauptes am tragfähigsten gespiegelt worden sein. Doch immer ging es um Beziehung, viel weniger um das Geschlecht. Schon gar nicht im biologischen Sinn. In der aramäischen Sprache seiner Kindheit lässt der Evangelist Markus Jesus im Garten Gethsemane seinen Gott anrufen. Abba, Papa, mein Vater.

Wie kann man die Anrufung Gottes dogmatisch domestizieren wollen. Gott hat kein anderes Geschlecht, Gott hat keinen anderen Namen als den, den wir Gott geben. Das Geschlecht Gottes entspringt unserer Vorstellung. Unseren Erfahrungen. Unseren Köpfen. Wir Menschen sind Erfinderin und Erfinder des Geschlechtes Gottes. Darum geht es, wenn es um das Geschlecht Gottes geht, immer um Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Und nicht um irgendwelche Richtigkeiten.

Der Anspruch, der dadurch an die Theologie gerichtet ist, ist darum im Grunde kein anderer als der, gender main streaming – zwar nicht auf den Himmel auszudehnen. Aber allemal auf unsere Sprache und unser reflektierendes Denken. Geschlechtergerechtigkeit ist zurecht als Anspruch an uns herangetragen. Nicht aber an den Himmel.

Darum wird Gott genauso hören, wenn wir sie als Mutter anrufen wie er gehört hat auf die vielen Vaterunser-Gebete der Welt- und der Religionsgeschichte. Dem geprägten Text des Vaterunsers muss das keinen Abbruch tun. Einen aufgefundenen Schatz muss ich nicht retuschieren. Seine Schönheit darf ihm bleiben.

Aber andere Schönheit kann sich daneben entfalten. Darf in anderer Weise und für andere Sprechhilfe anbieten. Wie Religionen mit ihren geprägten Formen des Betens vor allem dadurch zu ihrem Eigentlichen finden, dass sie - mich über alle Grenzen hinweg - einbinden in eine Gemeinschaft. Die Gemeinschaft derer, die in ähnlichen Bildern ihre Erfahrungen in Worte zu fassen versuchen. Die das Leben unter ähnliche Vorzeichen feiern.

Was liegt näher, als dass ich mich einbinden lasse in die große Gemeinschaft derer, die vor mir und mit mir gebetet haben und beten: „Vater unser im Himmel.“ Und Gott wird mir – und wird uns - in seiner alle Grenzen überschreitenden Vielfalt begegnen, als Vater oder als Mutter, als Frau oder als Mann. In vertrauten oder in noch einmal ganz neuen Formen und Farben. So, dass ich Gott erahne. Aber allemal mein Denken und meiner Ansichten und Erfahrungen überschreitend.

Und der Friede Gottes, der alles Vertraute entgrenzt und übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn