MEINE THEOLOGIE UND MEINER ERFAHRUNGEN IN DER KIRCHE – EINE ZWISCHENBILANZ
VORTRAG BEIM TREFFEN DES FREIBURGER PFARRSENIORENKREISES
AM 19. JANUAR 2004


„An der Tatze erkenne ich den Löwen.“ Dieses römische Sprichwort kam mir in den Sinn, als Sie, lieber Herr Schmoll, mir Ihr Wunschthema für diese heutige Begegnung vorgeschlagen haben. Um es gleich noch genauer zu sagen. Sie, Herr Schmoll sind nicht die Tatze und sie alle, als Kreis der Emeriti nicht der Löwe. Nein. Die Tatze, das war das mir vorgegebene Thema. Wer dann der Löwe ist, lässt sich aus dem Vorgegebenen dann problemlos folgern.

„Meine Theologie und meine Erfahrungen in der Kirche – ein Zwischenbilanz“. Sie haben mir dieses Thema zu richtigen Zeitpunkt vorgeschlagen. Zum einen, weil ich gegenwärtig tatsächlich für mich selber immer wieder am Bilanzieren bin. Das hat wohl mit meiner Lebensphase zusammen. In den Jahren der zweiten Hälfte der Vierziger soll einem ja mit ziemlicher Sicherheit die sogenannte Midlife-Crisis einholen. Ob es das ist, was mich zur Zeit beschäftigt? Vielleicht sogar eine besondere Spezies, nämlich die ekklesiogene Midlife Crisis. Ich weiß es nicht.

Denn das besondere Kennzeichen der Midlife-Crisis ist ja eigentlich, dass man irgendwie plötzlich aus den gewohnten Bahnen geworden wird. Und dass man dann darüber nachsinnt, wie man wieder in seine Lebensspur zurückfindet.

Was meine Wahrnehmung der Theologie und meine Erfahrungen mit der Kirche angeht, geht es mir aber geradezu umgekehrt. Ich nehme wahr, ja ich bin auf’s Tiefste beunruhigt und irritiert, dass da alles in derselben Spur weiterläuft als sei dies unsere vordringlichste Aufgabe. Und dass viel zu wenige sich auf das Wagnis einlassen, neue Wege zu suchen neue Spuren und Furchen zu ziehen. Wo man uns doch allenthalben die Weisheit vorhält: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. Vielleicht ist das aber ja gerade auch das besondere Kennzeichen dieser besondern Krise. Dass wir das Neue scheuen, obwohl wir mir dem Bewährten kaum noch weiterkommen und Boden gewinnen.

Ich weiß, man kann es auch umgekehrt sehen. Und viele tut das auch. Vor lauter Haschen nach dem gerade Modischem und der Heiligsprechung des Neuen verlören wir den Kurs und drehten uns bestenfalls noch im Kreis, so kann man hören, anstatt - und sei’s auch noch so langsam und mühsam – vorwärts zu kommen. Auch dazu ist ein passendes Sprichwort auf dem Markt. Etwa das: Wer nach allen Seiten offen ist, der kann nicht ganz dicht sein.

Die eine wie die andere Sentenz trifft nicht, worum es mir geht: Die eine ist mir zu undifferenziert. Die andere zu banal.

Darum will ich das, worum es mir geht, aus meiner ganz persönlichen Sicht beleuchten. Und ich vermute wohl zu recht, dass das Thema so auch gemeint war. Gut, dass ich erst bei der Zwischenbilanz angelangt bin. Wobei ich glaube, dass wir so lange wir leben, über die Zwischenbilanz nie wirklich hinauskommen. Weil die endgültige Bilanz dem Letzten und dem Endgültigen vorbehalten bleibt und besser bei dem angesiedelt ist, dem es um uns Menschen geht. Und nicht einfach irgendwie bloß um das Erhabene.

Indem, was ich Ihnen nun in aller gebotenen Kürze zu Gehör bringe und vor Augen male, will ich mich auch an die Reihenfolge der Themenvorgabe halten, das heißt: mit der Theologie beginnen. Wobei diese Aufgabe die weitaus schwierigere ist. Wir werden dann schnell an den Punkt kommen, wo Sie merken, dass für mich das eine, die Theologie, vom anderen, den Erfahrungen mit Kirche, mitnichten getrennt werden kann.

Meine Theologie

Nun also die erste Zwischenbilanz: meine Theologie. Ich will zunächst mit einem ersten Blitzlicht gleichsam von hinten beginnen. Drei Fortbildungsveranstaltungen haben mich in den letzten Jahren am meisten geprägt; sind mir gewissermaßen unter die Haut gegangen. Und sie sind einander so sehr entgegengesetzt, wie es weiter nicht sein kann. Sie beschreiben aber exakt das Dreieck, in dem ich mich bewege.

Bei der ersten Veranstaltung, die ich hier nennen möchte, ging es – ganz im Sinne des heutigen Themas – um’s Bilanzieren. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich habe einen einwöchigen Crash-Kurs (so hieß das damals auch in der Ausschreibung) in BWL belegt. Habe gelernt, Gewinn- und Verlustrechnungen zu erstellen und zu lesen. Habe Bilanzen erstellt mit Aktiv- und Passiv-Seite. Und habe es genossen, mich mit etwas wirklich Mess- und Benennbaren zu beschäftigen, um am Ende ein klares Ergebnis zu haben. Kennziffern wie den Cash Flow oder die Umsatzrendite zu erkennen und zu bewerten.

Nicht aus purer Neugier habe ich diese Veranstaltung besucht, sondern aus purer Notwendigkeit. Weil ich es permanent mit vielen Zahlen zu tun habe. Im Bezirk und in der Diakonie. Übrigens auch im Evangelischen Pfarrverein. Die Kirche als Institution stand da im Blick, die die Gesetze der Welt kennen und teilweise auch ihnen arbeiten muss. Befreiend und hilfreich waren diese Tage. Und zugleich haben sie mich aber auch nachdenklich gestimmt.

Die zweite Veranstaltung, die ich hier nennen möchte – es war gleich eine ganze Veranstaltungsreihe – war ein sogenanntes Führungstraining. Um Führen und Leiten in der Kirche ging es da also. Weniger um Techniken, als vielmehr darum, sich selber in dieser Rolle wahrnehmen zu lernen. Seine Wurzeln zu ergründen. Seine Verhaltensmuster zu durchschauen.

So etwas hat es in früheren Jahrzehnten in der Kirche gewiss nicht gegeben. Erkenntnisse der Wirtschaft haben hier Pate gestanden. Aber diese gemeinsamen Tage haben gut getan und waren äußerst hilfreich. Und ich wünschte mir, ich hätte auch als Gemeindepfarrer dieses Möglichkeit schon gehabt. Nötig wäre es allemal auch gewesen. Die Kirche als Organisation stand da im Blickpunkt, die entwickelt und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geführt werden. Und dies alles aber unter gänzlich anderen Rahmenbedingungen, als wir sie aus CA 7 kennen.

Auch hier blieben die Fragen nicht aus. Begeben wir uns nicht in Konkurrenz zum Leiten des heiligen Geistes, dem die Kirche – und so glauben und bekennen wir es ja – doch anvertraut ist? Weiter gefragt: Wird Kirche nicht auf allen Ebenen und von allen gemeinsam geleitet? Und eben nicht top – down (von oben nach unten) und auch nicht bottom up (von unten nach oben) wie es neudeutsch längst heißt.

Gänzlich anderer Art war die dritte Veranstaltung, die ich hier nennen möchte: Eine Woche Arbeit unter der Überschrift: Liturgische Präsenz. Leiter dieser Veranstaltung war Thomas Kabel, Regisseur und Schauspieler und zugleich in der praktisch-theologischen Ausbildung verschiedener Landeskirchen ein gefragter Mann.

Um’s Üben am gottesdienstlichen Detail ging es da. Ein halber Tag nur Arbeit am Schlusssegen. Ein ganzer Tag an der Lesung biblischer Texte. So hatte ich das noch nie erlebt. Aber jedem und jeder gewünscht. Dabei war wichtig: Nicht wie Thomas Kabel sollen wir uns als Liturgin oder Liturg verhalten, sondern so, wie es uns selber entspricht. Damit die Menschen spüren können, da ist einer oder eine ganz bei der Sache und ganz präsent.

Die Kirche als Ort des Feiern der Gegenwart und der Menschenfreundlichkeit Gottes stand da im Blick. Und geübt wurde an dem, wo es unübersehbar Defizite gibt. Wo es nicht einfach um Korrektheit, sondern um Authentizität und um Wahrhaftigkeit geht.

Wenn ich mich in diesem eben skizzieren Dreieck bewege – persönlich als Christenmensch und zugleich aber auch professionell, d.h. in Ausübung meines Berufes und meines Amtes, dann werde ich mir zunehmend meiner Wurzeln und meines Wachstums, ich könnte auch sagen meiner Entwicklungen klar.

Wenn ich nun doch versuche, meine Theologie zu beschreiben, will ich mich einfach auf drei Stichworte oder Themenkreise beschränken, die für mich von großer Bedeutung sind. Sie können daran aber sehr wohl ablesen, was für mich theologisch prägend war und gegenwärtig bedeutsam ist.

Ich habe zwischen 1978 und 1984 Theologie studiert. Meine Studienorte waren – in der Reihenfolge – Tübingen, Freiburg, Basel und Heidelberg. Nach einer zweijährigen Experimentierphase als Hausmann habe ich zwischen 1986 und 1988 dann noch eine Dissertation angefertigt.

Es war eine Zeit des Studiums, die weniger als bei den meisten von Ihnen von Namen geprägt war. Im Mittelpunkt standen viel eher große Themen. Dies hat nichts damit zu tun, dass die theologischen Lehrer weniger an Qualität zu bieten hatten. Vielmehr stand dahinter ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel der Formen des Lernens. Was zum einen sicher eine Befreiung war, erlebe ich im Rückblick durchaus auch als Defizit. Wir haben gewissermaßen vaterlos studiert – und uns derart öfter auch alleingelassen gefühlt. Gegenwärtig gestaltet sich die Entwicklung, so habe ich den Eindruck, wieder gegenläufig. Wahrscheinlich liegt die Wahrheit auch hier in der Mitte zwischen personaler Bindung und thematischer Orientierung.

Manche der Träger „großer Namen“ habe ich zumindest noch direkt oder indirekt kennen gelernt. Hans von Campenhausen vermittelt durch Adolf Martin Ritter, meinem Doktorvater. Hans Walter Wolff als regelmäßigen Gottesdienstbesucher in unserer Wohngemeinde in Heidelberg-Handschuhsheim, wo meine Frau als Gemeindediakonin gearbeitet hat – und wo wir auch dem Ehepaar Schmoll zuerst begegnet sind. Gerhard von Rad habe ich – neben der Lektüre seiner Theologie des Alten Testaments – in Form der Nachwirkung der Kirschen in seinem Garten kennengelernt, die uns als junge Familien seine Frau einige Frühssommer lang ernten ließ: aber nur die, die am höchsten hingen, „die da oben“, wie sie immer sagte; die anderen hatte sie selber geerntet.

Aber nun zurück zu den drei Stichworten, von denen ich schon gesprochen hatte. Sie wissen, dass ich – um die heutige Bibellese aus 1. Korinther 3 aufzunehmen – meine erste geistliche Milch in einem von pietistischer Frömmigkeit geprägten Haus dargereicht bekam. Mein Vater war Prediger bei einer landeskirchlichen Gemeinschaft. Dies hatte zum einen tägliche Andachten am Mittagstisch zur Folge. Zum anderen konnte ich eine Organisation studieren, die von hoher Verantwortung von Menschen geprägt war, die kein offizielles kirchliches Amt innehatten.

Der theologische Weg meines Elternhauses ist nicht der meinige geworden. Zumindest vordergründig nicht. Aber der Wurzelgrund war durchaus nährstoffreich. Aus heutiger Sicht ist mir – neben der häuslichen eingesogenen Bibelkunde - über die ich heute längst froh bin, die mir damals aber nicht immer wie ein Labsal einging – mein großes theologisches Thema geblieben: das allgemeine Priestertum. Ich habe dieses Stichwort in meinem Studium nach vielen Seiten hin durchdekliniert. Am intensivsten dann in meiner Arbeit über das „Verständnis des allgemeinen Priestertums bei Augustin“.

Die gewonnenen Einsichten bestimmen bis heute mein Selbstverständnis als Pfarrer. Und es gehört zugleich zu den ersten ernüchternden Erfahrungen als Gemeindepfarrer, als ich entdeckte, dass die allgemeinen Priesterinnen und Priester oft sehr froh waren, dass da einer anderer da war, der es für sie richten soll. Ich erinnere mich an einen leitenden Polizeibeamten in meinem Ältestenkreis, den ich für mich immer den Hauptmann von Kapernaum nannte. Einmal sagte er zu mir: „Herr Schächtele, sie sind hier der Capo. Sie müssen uns sagen, wo’s lang geht.“

Es hat geraume Zeit gebraucht, bis ich ihn zumindest ein Stück weit verstanden habe. Aber das Verhältnis von real erlebter und ausgeübter Leitungskultur und theologischem Anspruch ist für mich Thema geblieben.

Das zweite Stichwort, das mich theologisch programmatisch prägt, ist das der Ökumene. Ökumene war in der theologischen Welt, der ich entstamme, kein Thema. Mit den Ebringern sollten wir nichts im Sinn haben, hörte ich, die seien katholisch und – noch schlimmer – sie feierten Fasnacht. Der einzige binnenevangelische und zugleich ökumenische Partner war die örtliche Kirchengemeinde. Hier hatte ich dann auch als engagierter Jugendarbeiter meine Heimat gefunden. Hier wurden auch die ersten Spuren ins Theologiestudium gelegt.

Doch um Ökumene kommt nicht herum, wer wie ich, weil meine Frau in Freiburg studierte, in Freiburg sein Theologiestudium aufnahm. Die erste Annäherung an Karl Barth habe ich bei Karl Lehmann und seinem Assistenten Maaß genossen Ich habe die Möglichkeiten, ökumenische Erfahrungen zu sammeln reichlich genutzt. Heut kommt mit das sehr zu gute. Es war für mich wie eine Befreiung, mich im Blick über den eigenen Tellerrand zu üben. Mein Ökumene-Verständnis weitete sich. Bald auch über den kirchlichen Horizont hinaus.

Jahrelang hatte ich für die Evangelische Gemeindejugend auf landeskirchlicher Ebene Begegnungen mit Jugendlichen und Erwachsenen der jüdischen Gemeinde Mannheim organisiert. Dieses Thema ist für mich bis heute ganz zentral geblieben. Und immer noch weitet sich der Kreis. Anderes kommt neu dazu und in den Blick.

Damit wäre der dritte für mich wesentliche Themenkreis benannt: Der Mensch in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit, zugleich die Welt, die uns umgibt und in der wir unser Leben gestalten. Nicht nur einfach das Feld der Ethik ist damit gemeint. Vielmehr auch der Dialog mit Menschen, die ihren Lebenssinn ganz anders definieren und scheinbar auch begründen können. In anderen religiösen Entwürfen. Außerhalb der Religion sogar. Das Gespräch mit denen, die immer nur auf der Suche sind. Das Gespräch aber auch mit denen, die Verantwortung tragen und die wissen wollen: Was sagt die Kirche, was sagst du selber dazu.

Auf diesem Gebiet der Weltverantwortung leben wir als Kirche gegenwärtig noch weit unter unseren Verhältnissen und verkennen geradezu die Chancen, die wir haben. Aber dies ist allemal ein Lernfeld. Weil wir Festgezimmertes loslassen und uns der Mühe unterziehen müssen, in dem, was gestern scheinbar noch vom Teufel war, Möglichkeiten Gottes zu entdecken. Die Liste dieser Felder, die nicht zuletzt von den Naturwissenschaftlern bestellt werden, ist lang. Jedes Stichwort ist eines eigenen Dialoges wert. Das gegenwärtig wohl wichtigste und zugleich auch das umstrittenste ist sicher das mit dem Stichwort der Gentechnik umschriebene Feld.

Zwischenbilanz

Dies waren in Kürze also in aller Vorläufigkeit und Knappheit Blitzlichter in das Feld meiner Theologie. Die Zwischenbilanz kann nur dahin gehen, dass wir da die Rede von Gott im Schwange halten müssen und mit Gott rechnen sollen, wo wir auf die Menschen treffen. Auf reale Menschen und nicht auf irgendwelche Konstruktionen. Und dieser reale Mensch, wenn ich das einmal so sagen darf, ist zunächst einmal nicht in der Kirche zu finden, sondern da, wo Leben gestaltet und viel zu oft auch erlitten wird: in familiären Bezügen oder als Single. An der Werkbank oder im Labor. Im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Im Parlament oder im Unternehmensvorstand. In den vielen Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt, die oft viel näher vor unserer Haustür liegen, als wir vermuten.

Als Aufgabe an die Kirche bleibt aber gerade in der Konzentration auf den Menschen keineswegs die Wehleidigkeit oder der Rückzug. Die Kirche ist gefragt als Ort, an dem wir das Leben im Angesicht Gottes dankbar feiern. Als Ort, an dem wir Orientierung finden können. Als Ort, an dem unsere Würde erlebbar ist und an dem nicht schon wieder unsere Leistungsfähigkeit gefragt ist. Als Ort, an dem es wirklich um Wahrheit und nicht um Rechthaberei und um unsere Einpassung in diffizil entwickelte Systeme geht, die uns sagen, wie wir eigentlich zu sein hätten. Als Ort, an dem wir um Gottes und um unserer selbst, nicht aber um irgendwelcher Interessen willen sein dürfen.

Mit diesen Sätzen sind natürlich zugleich Ansprüche an die Theologie, speziell an die wissenschaftliche Theologie verknüpft, wie sie nach wie vor an den Fakultäten gelehrt wird – und natürlich zugleich an die theologische Ausbildung.

Meine Bebachtung ist: Die Theologie kommt nicht nur in den Gemeinden immer weniger vor und weniger an. Dies gilt zugleich auch für die Hauptamtlichen in unserer Kirche. Diese Beobachtung kann verschiedene Gründe haben. Sie kann schlicht und einfach falsch sein. Sie kann aber auch darin ihren Grund haben, dass manches von dem, was theologisch angeboten wird,– zumindest für die besondere Perspektive vor Ort – belanglos geworden ist. Dass anderes zu sehr in alten Konzepten verharrt.

Es kann aber eben auch nicht mehr funktionieren, dass man am Beginn seines Studiums gewissermaßen sein theologisches Handwerkszeug erwirbt und damit über drei Jahrzehnte arbeitet. Der Handwerker, wenn ich schon dieses Bild wähle, kann das heute schließlich auch nicht mehr. Das Kontaktstudium kann, so gute es ist, dass es diese Möglichkeit gibt, dieses Defizit nicht oder nur zum Teil auffangen.

Theologin und Theologe sein heißt lebenslanges Lernen. Und zwar auch in institutionalisierter Form. Und nicht nur von der subjektiven Zufälligkeit und Lust abhängig. Es darf nicht sein, dass sich jemand rühmt, er habe seit eineinhalb Jahrzehnten kein theologisches Buch mehr gelesen. Und empfinde dies auch nicht als Defizit. Wobei ich Theologie ausdrücklich sehr weit verstanden wissen möchte. Diese Öffnung muss sich aber auch in der Ausbildung niederschlagen. Eine Pfarrerin oder ein Pfarrer muss die Milieus kennen, in denen sich gelebtes Leben abspielt. Muss wissen, womit sich die Welt gerade beschäftigt. Der Blick dafür kann nicht früh genug geschärft werden.

Die mangelnd Nachfrage nach der Theologie hat aber auch etwas mit deren Angeboten zu tun. Die wissenschaftliche Theologie darf den Blick auf die praktische Relevanz und die – erlauben Sie mir diese Formulierung – Endverbraucher nicht außer Acht lassen. Schon gar nicht, wenn sie Zahl der Studienanfängerinnen und –anfänger immer weiter zurückgeht. Theologie und Kirche brauchen den ständigen Austausch – und nicht offizielle Begegnung der Verantwortlichen - auf welcher Ebene auch immer.

Wie dies gehen könnte, kann man zunehmend an den Fachhochschulen lernen. Auch an unserer Freiburger. Im zu Ende gehenden Wintersemester hatte ich die Gelegenheit, zusammen mit Prof. Schneider-Harpprecht eine Veranstaltung in Pastoral-Theologie durchzuführen. Die Studentinnen und Studenten hatten dabei u.a auch die Aufgabe, sich gewissermaßen in ersten Feldstudien zu üben. Sie haben gemeindliche Phänomene wahrgenommen und hatten die Aufgabe der Konzeptentwicklung. Solche Exkursionen wären auch im Theologiestudium hilfreich. Dagegen steht die strikte Trennung zwischen theoretischer und praktischer Ausbildung. Aber auch hier gilt, dass die erste ernsthaften Überlegungen über Wege zu einer Veränderung gegenwärtig in Gang kommen.

Und damit wären wir schon beim zweiten Teil des Themas angelangt – bei meinen Erfahrungen in der Kirche. Wobei vieles in diesen ersten Teil längst eingeflossen ist.

Erfahrungen in der Kirche

Ich habe sehr genau registriert, dass in der Themenvorgabe von Erfahrungen in der Kirche und nicht mit der Kirche die Rede ist. Diese Unterscheidung ist sehr wesentlich. Es ist einfach, von Erfahrungen mit der Kirche zu reden und womöglich in die Klagelieder einzustimmen, von denen jeder und jede eine oder mehrere Strophen singen kann.

Wenn ich aber auf die Erfahrungen mit der Kirche den Blick lenke, bringe ich die Kirche in Gegensatz zu mir. Demgegenüber möchte ich daran festhalten, dass wir alle Kirche, ja dass wir alle auch kirchenleitend sind. Dies ist ein unaufgebbares evangelisches Prinzip. Dass wir es zunehmend vernachlässigen, ist Teil der Zwischenbilanz, von der ich heute spreche.

Wie ich Kirche in ihren Grundaufgaben umschreiben – gewissermaßen als Heimat in der Unbehaustheit und als Ort der vorweggenommenen Feier der Fülle des Lebens - habe ich oben schon vorgetragen.

Ich habe Kirche in den noch nicht ganz fünf Jahrzehnten meines Lebens zuallererst als Freiraum und Gestaltungsraum erlebt. Als Kind im Kindergottesdienst. Später in den Jahren, in denen ich mich in meiner Heimatgemeinde auf dem Feld der Jugendarbeit engagiert habe. Vieles von dem, was mir heute hilft, habe ich damals lernen können.

Weitere Erfahrungen damit, dass mir Menschen innerhalb der Kirche Vertrauen entgegengebracht haben, habe ich dann während meines Zivildienstes in einer Freiburger Gemeinde und als Vorsitzender der Landesleitung der Evangelischen Gemeindejugend Baden machen können.

Wo immer ich dann als Student gelebt habe, habe ich mich in den jeweiligen Wohngemeinden engagiert. Zugleich habe ich dabei mein Theologiestudium unheimlich genossen. Es eröffnete mir einen Freiraum, den kaum ein anderes Studium so noch bieten kann.

Den Einstieg in die Hauptamtlichkeit habe ich dann schon als heftigen Bruch, ja manchmal fast als Seitenwechsel und zunächst als gewissen Verrat an der von mir hochgeschätzten Idee des allgemeinen Priestertums erlebt. Deshalb habe ich zunächst ja auch gar nicht Pfarrer werden wollen.

Nun bin ich’s auch schon wieder eineinhalb Jahrzehnte in unterschiedlicher Weise. Dabei habe ich mir neben den Grundanforderungen an den Gemeindepfarrer und an den Dekan immer auch Lust zur theologischen Ausbildung und zur Religionspädagogik zu erhalten und zu bedienen versucht. Daneben habe ich als ein für mich durchaus neues Feld die Verantwortung im Bereich der Diakonie kennen und schätzen gelernt.

Grund und Material genug zur Zwischenbilanz gibt es also allemal – aber eben immer nur in aller Vorläufigkeit.

Dabei will ich bei diesem Teil auch ein bisschen anders vorgehen, indem ich einfach aufliste, was mir über das bisher schon Gesagte hinaus weiter wichtig ist. Und zwar in Form von Beobachtungen, manche in eher zögerlicher, tastender oder gar fragender Form.

1. Ich bin sehr der Überzeugung, dass die Herausforderungen, vor denen wir stehen und die anstehenden Veränderungen von vielen in ihrer Notwendigkeit und in ihrer Tragweite noch längst nicht erkannt worden sind. Es geht, und jetzt nehme ich eine Formulierung aus der gegenwärtigen Diskussion um die Steuerreform auf, längst nicht mehr nur um einen Umbau. Vieles muss ganz neu „gebaut“ werden.

Zur Disposition steht aber nicht die Kirche. Zur Disposition steht ein über Jahrhunderte erfolgreiches Prinzip, nämlich das der flächendeckenden Angebote; das der volkskirchlich üblichen Zuordnung zu einer Gemeinde aufgrund des Wohnsitzes. Die Entwicklung wird – davon bin ich fest überzeugt – dahin gehen, dass sich gewissermaßen geistliche Orte profilieren: Gemeinden mit deutlich erkennbarem Schwerpunkt. Arbeitsbereiche, wie etwa Diakonie und Erwachsenenbildung, die Gemeindestrukturen eigener Art aufbauen. Menschen, die stärker prägend wirken als alles Strukturen. Oasen zum Auftanken. Orte der Vergewisserung und zugleich des offenen Dialogs. Die Menschen sind dann aber in der Wahlsituation. Und wir müssen kirchlich der Qualität unserer Angebote werben und überzeugen.

Ob die feststellbare zunehmende Tendenz, Predigten vermehrt aus dem Internet herunterzuladen, diesem Anliegen Rechnung trägt? Hier bin ich dezidiert anderer Meinung. Ich will als Zuhörer wissen, wie es dem Prediger mit dem Text ergangen ist. Und nicht, was er ohne Quellenangabe als Eigenes zu Hören gibt.

2. Gegenwärtig erlebe ich auch in der Kirche eine zunehmende Tendenz, die Bedeutung von Strukturen zu stärken. Ein Teil meiner Arbeitskraft investiere auch in dieses Feld. Das ist richtig – und bietet doch auch Gefahren. Der Umbau ist nötig, habe ich vorhin gesagt. Ob aber die Schaffung einer corporate indentity durch Logos und Themenvorgaben hier wirklich zum angestebten Ziel führt? Ob die Straffung der Leitungsstrukturen, die Verstärkung der Verfassungsdiskussionen in der Kirche, das – in aller Vorsicht gesprochen – Drehen an der Balanceschraube der Machtverteilung am Symptom oder an der Ursache der Krankheit „Relevanzverlust“ ansetzt? Ich habe leise Zweifel, ohne es gleich besser zu wissen.

Meine Überzeugung ist, dass als Folge des Rückgangs zugewiesener Finanzen durch die entsprechenden Eigeninitiativen vieler Gemeinden nicht nur nicht nur deren Haushaltsvolumen wächst, sondern auch deren Selbstbewertung– und dass wir es zunehmend mit Gemeinden zu tun bekommen, die von einer nachhaltigen Veränderung des Verhältnisses zwischen Landeskirche und Einzelgemeinde nachhaltig ausgehen. Wenn dies auf der Grundlage des allgemeinen Priestertums und nicht nur als Machtkampf gestaltet wird, können wir uns auf einen spannenden Prozess gefasst machen.

3. Ökumene ist mir sehr wichtig, habe ich vorhin ausgeführt. Aber je wichtiger die Ökumene wird – und ich meine jetzt die der Kirchen und Konfessionen hier bei uns – desto mehr müssen wir unsere eigenen Voraussetzungen klären. Mit der Ökumene des kleinsten gemeinsamen Nenners haben wir kaum etwas gewonnen.

Daher müssen wir den – erlauben Sie mir diese Bemerkung – der Verdunstung des Protestantischen energisch entgegensteuern. Dabei geht es mir jetzt keineswegs um kirchliche Pfründe, sondern um die Grunddaten dessen, was das protestantische Prinzip ausmacht. Aber nicht als protestantische Orthodoxie, sondern in ständiger Übersetzungsarbeit. Und die gängigste Übersetzung unseres Traditionsschatzes ist doch die Übersetzung der Rechtfertigung in die Felder der Spiritualität bzw. des Ausgestaltung des Glaubens, in das Feld der Gerechtigkeit und in das Feld der Bildung – womit ich zugleich meine Zwischenbilanz diesem Feld beschrieben habe.

4. Ein vierter und letzter Punkt dieses Teils. Ich spüre, dass die Identifikation mit der Kirche nachlässt. Viele gehören ihrer Kirche (noch) an, aber die Bindekräfte werden lockerer. Die Gemeindeglieder vermissen die Präsenz. Die Hauptamtlichen die Solidarität. Und beide zusammen beklagen das zunehmende Auseinandertriften oder gar die Herausbildung von unten und oben in der Kirche.

Wenn dies denn so ist – und sei’s nur in der Tendenz, liegt die Ursache nicht nur auf einer Seite. Also womöglich nur „oben“. Hier bedingen sich Verhaltensweisen, die wie Schlüssel und Schloss zusammenpassen. Doch werde wir hier als Kirche ganz eigene Wege aus der Krise gehen müssen. Denn die Lernerfahrungen aus der Wirtschaft haben im Blick auf die besondere Gestalt der Kirche ihre Grenzen. Weil die Kirche eben kein „Unternehmen“ und schon gar nicht wie ein solches zu leiten ist. Daher ist es allerhöchste Zeit, einen großen ekklesiologischen Konsultationsprozess in gang zu setzen. Zeit dafür, dass wir uns darüber verständigen, was Kirche ist. Aber nicht mit den Formulierungen des 16., sondern mit denen des 21. Jahrhunderts.

Zwischenbilanz

Bei all dem ist meine Zwischenbilanz ein positive. Denn darüber sollte es gehen. Und nicht um die Gewinn- und Verlustrechnung. Wenn Sie im Blick die Erfahrungen mit mir in der Kirche meine Frau oder meine Kinder fragen würden, würden Sie noch einmal anderes zu hören bekommen, was Sie aber aus eigener Erfahrung auch kennen. Einen Vater, der oft zu wenig Zeit für die Familie hat. Und auch zu wenig nötige Zeit der Muße für sich. Und der dann, wenn er zu Hause ist, immer noch anderes im Kopf hat. Diese Teilbilanz ist wahrhaftig ebenfalls sehr nach oben zu korrigieren. Und das unter der Voraussetzung, dass mir mein Beruf nach wie vor Spaß macht – wie gesagt. In der Summe! Denn auch hier gibt es Phasen, in denen man eher welkt als blüht.

Und in der Summe würde ich wieder Theologie studieren. Und auch wieder Pfarrer werden. Doch zugleich in der Hoffnung, manches anders und einiges doch auch besser und vieles davon zusammen mit anderen machen zu können. Dazu habe ich aber hoffentlich noch Gelegenheit. Es ist ja gerade erst Zeit für die Zwischenbilanz.

Ich danke Ihnen.


Traugott Schächtele

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