GRUSSWORT ANLÄSSLICH DES EMPFANGS
ZUM 50. JAHRESTAG DER EINWEIHUNG
DER NEUEN LUDWIGSKIRCHE


Sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Gäste an der Geburtstagstafel dieser Ludwigskirche,

Wer im zwanzigsten Jahr nicht schön, im dreißigsten nicht stark, im vierzigsten nicht klug, und im fünfzigsten nicht reich ist, der darf danach nicht hoffen. Von Martin Luther stammt diese kurze Beschreibung der Möglichkeiten jedes vollen Lebensjahrzehnts, die ich an den Anfang meines Grußes aus Anlass des 50. Geburtstages dieser Ludwigskirche stellen möchte.

Zum 50. Geburtstag dieser Kirche möchte auch ich Ihnen von Herzen gratulieren – und ich tue dies sowohl als Dekan für den Kirchenbezirk Freiburg wie auch als stellvertretender Vorsitzender des Kirchengemeinderates für die Evangelische Kirchengemeinde Freiburg.

Martin Luther hat den eingangs zitierten Satz sicher nicht im Blick auf eine Kirche formuliert. Und doch entfaltet er seine Wahrheit sehr wohl auch im Zusammenhang dieses heutigen Festtages; hat es doch keine zwanzig Jahr gedauert, um die Schönheit dieses Gotteshauses wahrzunehmen; und keine dreißig, um der Möglichkeiten der eigenen Stärke gewahr zu werden.

Die Klugheit der vierzig Jahre hat sich in mancher Entscheidung der Verantwortlichen widergespiegelt – von der Trennung zwischen Gemeindepfarramt und Dekanat über den Zusammenschluss der beiden ehemals selbständigen Pfarrgemeinden bis hin zur Errichtung der Stiftung zugunsten der Kirchenmusik – um nur wenige Beispiele dieser Klugheit anzuführen.

Der Reichtum der 50 Jahre ist darin aber genauso wenig begründet wie in der Tatsache, dass die Ludwigsgemeinde gewiss nicht zu den ärmeren Pfarregemeinden unserer Kirchengemeinde gezählt werden muss.

Der Reichtum der Ludwigsgemeinde kommt – wie der Reichtum anderer Gemeinden auch – zuallererst in den hier beheimateten Gaben der Menschen zum Ausdruck, die dieser Ludwigsgemeinde verbunden sind. Dabei erweist sich die Ludwigsgemeinde sicher allemal als eine reich beschenkte Gemeinde.

Reich beschenkt ist diese Ludwigsgemeinde aber gewiss auch mit diesem Gotteshaus. Hier ist der Ort der allsonntäglichen Gottesdienste. Hier ist der Ort von Sonntagsrede und Feier des Herrenmahls. Hier ist zugleich der Ort, an dem die Gabe der Kirchenmusik immer wieder vielen Menschen zum geteilten Reichtum wird.

Ob die fünfzig Jahre, die diese Kirche heute alt ist, eine kurze oder eine lange Zeitspanne beschreiben, ist davon abhängig, mit welcher Zahl diese 50 Jahre in Relation gesetzt werden. Es war für mich schon eine überraschende Einsicht festzustellen, dass die Mehrzahl der evangelischen Kirchen Freiburgs jünger ist als ich selber, der ich bis zur Erreichung der fünfzig immer noch eine kleine Gnadenfrist habe.

Im Rahmen eines Menschenlebens befindet man oder frau sich mit fünfzig doch schon deutlich jenseits der Lebensmitte. Ein Kirchengebäude ist mit 50 Jahren aber immer noch sehr jung, wenn auch der Grund dieses vergleichsweise jungen Alters in der Tragödie des zweiten Weltkrieges begründet liegt.

Es ist aber allemal Anlass für einen dankbaren Rückblick, wenn aus die Not der Bombardierung der alten, ersten Ludwigskirche vor knapp 60 Jahren schon längst wieder zu einem Zeichen des Reichtums im Rahmen der jetzt 50-jährigen Lebensgeschichte dieser Kirche hat entwickeln können.

Darum haben wir allen Grund, diesen fünfzigsten Geburtstag gebührend zu feiern. Zum einen ist doch die 50 das Erkennungszeichen des goldenen Jubiläums. Und zum anderen hat die Zahl fünfzig doch gerade in biblischem Licht betrachtet eine hohe Affinität zur kirchlichen Geburtstagsfeier. Es waren fünfzig Tage seit der Entdeckung des leeren Grabes, als sich jene Ereignisse der ersten Pfingsten ereigneten, die heute so gerne als Geburtstag der Kirche bezeichnet werden. Und an die auch die Rotfärbung der Fenster von Harry Mac Clean in ihrem den Engeln gewidmeten Teil erinnert.

Um so mehr freue ich mich, dass am fünfzigsten Geburtstag Ihrer Kirche ein neues kirchliches Geburtstagskind, gleichsam als Nachzügler, das Licht der Welt erblickt hat. Heute Vormittag wurde im neuen ökumenischen Kirchenzentrum im Stadtteil Rieselfeld der erste Gottesdienst gefeiert – und dies in ökumenischer Verbundenheit zweier großer Konfessionen. Es ist ein Zeichen großer Hoffnungen, dass wir in schwierigen Zeiten nicht nur vergangener Kircheneinweihungen gedenken oder den Verkauf von Gotteshäusern befürchten müssen, sondern auch den ersten Gottesdienst in einer neuen Kirche feiern können.

Dass diese neue Kirche nicht mehr den Namen eines der Herrschenden ihrer Zeit, sondern den einer Auferstehungszeugin aus biblischer Überlieferung trägt, kann man getrost als Ergebnis gemeinsamen ökumenischen Lernens bewerten.

Mit einem Zitat habe ich begonnen. Mit einem Zitat will ich auch schließen. Mit fünfzig hat jeder das Gesicht, das er verdient hat George Orwell einmal gesagt. Das Gesicht dieses Ludwigskirche ist – ohne die in Stein sich widerspiegelnden Zeichen der viel älteren Geschichte an den Wänden zu übersehen - allemal das einer jungen und begeisterungsfähigen Kirche - einer Kirche, in der Predigt und Musik in einer ausgewogeneren Balance stehen, als es die Mütter und Väter dieses Kirchbaus damals schon haben ahnen können.

Kirche zeigt hier Gesicht in einem zeitgemäßen und werbenden Sinn. Mögen ihr Schönheit und Stärke, aber doch auch Klugheit und Gabenreichtum nicht abhanden kommen und immer neu Grund zur Hoffnung geben.

In diesem Sinn ein frohes Feiern und Gottes Segen auf dem Weg in die nächsten fünfzig Jahre!


Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn