LEBEN - DAMIT DIE SEELE MITKOMMT
PREDIGT ÜBER 1. PETRUS 2,21-25
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 25. APRIL 2004
(MISERICORDIAS DOMINI)
IN OPFINGEN


Manchmal, liebe Gemeinde, manchmal muss uns die Bibel wie eine große Zumutung vorkommen. Da muten uns ihre Aussagen an wie Bruchstücke aus einer fernen und fremden Welt, die es schwer haben, ins Herz zu dringen. Da drängt es uns zu widersprechen und wir sind nur mühsam davon abzuhalten, dem, was uns da scheinbar entgegentönt, mit einem unüberhörbaren „Nein!“ entgegenzutreten.

Es sind dann gar nicht die Widerborstigkeiten des Unglaubens, die uns zu einem derartigen Tun verlocken. Es sind gerade die Früchte einer ernsthaften, tiefen Prägung durch die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes, die uns daran hindern, alles einfach nur zustimmend zur Kenntnis zu nehmen.

Da sind wir uns - gottseidank! – längst einig, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Dass wir als Geschöpfe Gottes alle von gleichem unüberbietbaren Wert sind. Dass Sklaverei ein folgenschwerer Irrtum in der Geschichte der Menschheit war.

Was wir dann aber im Zusammenhang des heutigen Predigttextes lesen, scheint von einer ganz anderen Überzeugung geprägt. Da steht im 1. Petrusbrief in einer sogenannten Haustafel, einem Text, der konkrete Lebenshilfe für Frauen und Männer, für Alte und Junge geben will, folgendes zu lesen:

Ihr Sklaven, ordnet euch in aller Furcht den Herren unter, nicht allein den gütigen und freundlichen, sondern auch den wunderlichen. Denn das ist Gnade, wenn jemand vor Gott um des Gewissens willen das Übel erträgt und leidet das Unrecht. Denn was ist das für ein Ruhm, wenn ihr um schlechter Taten willen geschlagen werdet und es geduldig ertragt? Aber wenn ihr um guter Taten willen leidet und es ertragt, das ist Gnade bei Gott.

Unrecht erleiden; das Leiden in der Sklaverei – eine Gnade bei Gott? Das ist aus unserer heutigen Sicht doch einfach unmöglich! Das kann und darf nach Gottes Willen nicht sein liebe Gemeinde!

Es ist gut, dass der Text, den ich eben gelesen habe, da nicht schon aufhört. Dass er weitergeht. Denn die Begründung dieser Duldungserklärung zugunsten der Sklaverei, das ist der Predigttext für diesen Sonntag vom Guten Hirten. Und womöglich, so dürfen wir hoffen, ist diese Begründung tragfähig. Und nur die gezogene daraus gezogene Konsequenz ein Irrtum. Oder eben ein Übrigbleibsel aus den Tagen am Ende des ersten Jahrhunderts, als dieser 1. Petrusbrief geschrieben wurde.

Petrus, der als Schreiber dieses Briefes gilt, war damals übrigens schon lange tot. Aber in seiner Autorität versuchte man, die Kirche in wahrhaftig schwierigen Zeiten und unter schwerer Verfolgung, durchzubringen. Am Leben zu erhalten. Wobei allerdings das, was im 1. Petrusbrief zu lesen steht, eher den theologischen Geist des Paulus atmet.

Hört also, was dieser uns unbekannte Briefschreiber den Menschen in der Sklaverei vor 2000 Jahren – und womöglich doch auch uns heute – zu sagen hat. Dabei stammt nur der letzten Satz vom Briefschreiber selber. Alles andere hat er – zum einen - bei Paulus gelernt und – zum anderen - aus dem Jesajabuch abgeschrieben. Aber allein schon sein letzter Satz macht diesen Text lesenswert und zu einem kleinen biblischen Juwel. Da heißt es also:

Christus hat ja gelitten für euch
und euch ein Vorbild hinterlassen,
dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußtapfen;
er, der keine Sünde getan hat
und in dessen Mund sich kein Betrug fand;
der nicht widerschmähte, als er geschmäht wurde,
nicht drohte, als er litt,
er stellte es aber dem anheim, der gerecht richtet;
der unsre Sünde selbst hinaufgetragen hat
an seinem Leibe auf das Holz,
damit wir, der Sünde abgestorben,
der Gerechtigkeit leben.
Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.
Denn ihr wart wie die irrenden Schafe;
aber ihr seid jetzt umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.


Haben Sie auf Ihre Seele wirklich Acht, liebe Gemeinde? Der körperlichen Gesundheit wird gegenwärtig ja alle Aufmerksamkeit geschenkt. Da versiegt der unaufhörliche Strom der Jogger und Inlineskater, die an unserem Haus vorbeilaufen, nur in der Nacht für wenige Stunden. Da liegen Fitness-Zentrum und Bräunungs-Studio überall dicht nebeneinander. Da ist kaum ein Preis zu hoch, um dem Körper all das zuzuführen, was ihm an Mineralen ,Vitaminen und anderen Nährstoffen noch fehlt.

Und unsere Seele – kommt sie eigentlich noch mit bei all dem, was wir zu verkraften haben? Nach wie vor Krieg und Gewalt im Irak. Eine unglaubliche Katastrophe in Nord-Korea. Flüchtlingsströme und Hungerkatastrophen, von denen das Fernsehen schon gar nicht mehr berichtet. Unsere Seele – kommt sie da noch mit?

Entwicklungen, die wir längst nicht mehr überblicken. Die Botschaft des Lebens in unseren Genen – sie liegt nahezu offen vor den Augen der Wissenschaft. Länder an den entferntesten Punkten der Erde – in wenigen Stunden können wir dort sein. da. Informationen aller Art – wie eine Flut brechen sie über uns herein. Bilder. Farben. Lautstarke Zeichen einer unruhigen Welt, die keine Pause kennt. Nur unsere Seele – kommt sie da noch mit?

Und dann: die vielen Wunden des Alltags. Der Tod eines geliebten Menschen. Eine Krankheit, die alle Pläne über den Haufen wirft. Die Trennung, die das sicher geglaubte Glück in sich zusammen brechen lässt zu einem Scherbenhaufen. Die ersehnte Stelle, die ein andere bekommt. Die Arbeitsleistung, die plötzlich nicht mehr gefragt ist. Das böse, verletzende Wort, das einem mitten ins Mark trifft. Nichts haben wir da plötzlich noch im Griff. Und unsere Seele, wie kann sie da überhaupt noch mitkommen?

Unsere Seelen sind verletzlich. Weit mehr noch mehr als unser Körper. Verletzlicher als irgend etwas sonst. Weil man nicht sieht, wie es um unser Innerstes wirklich bestellt ist. Was da an uns nagt. Was wir mitschleppen – oft seit Jahren – und es nirgends abladen können. Bis dann der Druck zu groß – und der leise Schrei zu einem lauten wird.

Die Fürsorge für unsere Seelen ist längst ein Markt geworden, in dem viel Geld verdient werden kann. 28.000 Psychologen, dem Wort nach also Seelenkundler gibt es in Deutschland. Und 12.000 Psychotherapeuten. Aber genauso viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Seelsorgerinnen und Seelsorger. Wenn man ausrechnet, wie viel Psychologen pro Einwohner zur Verfügung stehen, kann man feststellen, dass die Psychologendichte in Deutschland in Freiburg am höchsten ist. Die Sorge für die Seelen ist die große drängende und zugleich verdrängte Aufgabe unserer Zeit. Und in unserer Region nicht weniger drängend als anderswo.

Dabei drohen wir das Gespür dafür, dass wir nicht nur Leib, sondern auch Seele sind, in unseren Breiten zunehmend ganz zu verlieren. Das ist nicht überall so. Von einer Himalaya-Expedition wird folgendes berichtet: Nach einem anstrengenden Aufstieg und der Bezwingung eines großes Passes macht die Gruppe eine Pause. Viel zu schnell drängt der Leiter des Expedition wieder zum Aufbruch. Doch die indischen Träger weigern sich. Alles Zureden bleibt ohne Erfolg. Ohne etwas zu sagen sitzen die Träger am Boden. Schließlich bricht einer aus ihrer Gruppe dann doch das Schweigen. „Wir können noch nicht weitergehen“, sagt er. „Wir müssen warten, bis unsere Seelen nachgekommen sind.“

Wir aufgeklärten Europäer mögen über eine derartige Seelen-Naivität lächeln. Doch wir dürfen uns schon fragen, ob unsere Unruhe, unser Drängen, unsere unaufhörliches Drehen an der Schraube des „Immer-weiter“ und des „Immer-mehr“ wirklich die bessere Alternative ist. Die Menschen in den langsameren Ländern brauchen nicht so viele Seelenheiler. Sie gehen schonender mit ihrer Seele um.

Doch wirklich heil war die Welt – und waren die Seelen - auch vor 2000 Jahren nicht. Es gibt wohl keine nur heile Vergangenheit. Die wahre Bedürftigkeit der Menschen hat sich nicht geändert seit der Zeit, als der 1. Petrusbrief geschrieben wurde. Wie käme der Briefschreiber sonst dazu, die Menschen mit dem Hinweis auf den Hirten und Fürsorger, ja den Bischof ihrer Seelen zu trösten.

Keine Frage, wer dieser Fürsorger und Hirte unserer Seelen ist. Nämlich der, dem dieser Sonntag vom Guten Hirten seinen Namen verdankt. Der, dessen leeres Grab uns vor zwei Wochen erst hat Ostern feiern lassen. Der, der von sich selber sagt, er sei Leben in der Fülle seiner Möglichkeiten: Jesus, der Christus. Der, aus dessen Gesicht uns die Menschenfreundlichkeit Gottes entgegenleuchtet.

Doch der Briefschreiber setzt zunächst nicht mit Ostern ein. Sondern mit dem Karfreitag. Mit dem leidenden Christus. Leid und Unterdrückung sind wohl die prägenden Erfahrungen seiner Zeit. Das Leben in der Sklaverei gehörte da wohl dazu. Die Aussicht, hier könnte es tatsächlich einmal eine große Geschichte der Befreiung geben, gehört nicht zu seinen Hoffnungen. Warum also auf ein Ende der Not setzen? Solch kühne Hoffnungen hatten für ihn keinen Anhalt, jeweils verwirklicht zu werden. Daher rührt wohl sein Verzicht darauf , für diese Schinderei und Entwürdigung den Garaus zu fordern. Es wäre ja doch vergebliche Liebesmüh geblieben.

Darum setzt er seine Hoffnungen auf den leidenden Christus. Und damit aber doch auch auf den, für den sein Leiden nicht das Ende bedeutete. Der durch’s sein Leiden hindurch dem Leben die Bahn bereitet hat. Weil Tod und Leid bei Gott eben nicht das letzte Wort haben. Weil am Ende eben doch die Gerechtigkeit siegt. Weil Gottes Wort über uns ein aufrichtendes und kein zersetzendes und zerstörendes ist.

Weil Gott ein Gott ist, der Halt gibt und Orientierung. Wie irrende Schafe seien wir Menschen, schreibt der Autor des 1. Petrusbriefes. Ein Bild, das unsere heutige Wirklichkeit womöglich noch besser trifft als die der Menschen zu seiner Zeit.

Orientierungslosigkeit ist ein Hauptsymptom der Seelenkrankheiten der Gegenwart. „Jetzt versteh’ ich die Welt nicht mehr!“ sagen wir manchmal, wenn wir mit einer Wahrheit konfrontiert werden, die uns herausreißt aus vermeintlicher Sicherheit. Es ist eben diese Orientierungslosigkeit, die unsere Seelen krank werden lässt. Diese Angst, irgendetwas zu verpassen. Diese Angst, irgendwo zu kurz zu kommen. Die Botschaft der heilsamen Selbstbegrenzung findet unter diesen Umständen nur schwer neue Anhänger

„Alles ist möglich!“ heißt ein Slogan unserer Tage. Doch die vermeintliche Freiheit erweist sich schnell als gefährlicher Irrtum.

Alles ist möglich – das stimmt. Zumindest meistens. „Alles ist euch erlaubt“, dass schreibt auch schon Paulus nach Korinth. Aber er setzt dann noch einen Satz dazu. „Aber nicht alles tut euch gut.“ Man könnte auch sagen: Nicht alles verkraftet unsere Seele.

Wie aber können wir diese hilfreiche Orientierung gewinnen? Der Briefschreiber gibt eine klare Antwort: Orientierung gewinnen wir am Vorbild Jesu. Nicht im Sinne einfacher Nachahmung. Die Lebenswelt Jesu und die unsere sind dazu einfach viel zu verschieden.

Aber wir können leben aus demselben Geist, aus dem auch dieser Jesus gelebt hat. Aus demselben Gottvertrauen, das auch ihn getragen hat. In der Bereitschaft zur Umkehr, die darauf verzichtet, die Augen vor der Wirklichkeit zu verschließen.

„Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe herbei gekommen!“ Das war der Kern der Botschaft Jesu. Dieser Satz hat ihn mit den Mächtigen in Konflikt gebracht. „Kehrt um!“ – das ist das Geheimnis der Nachfolge. „Kehrt um!“ – das ist die Grundvoraussetzung, um kranke Seelen wieder gesunden zu lassen.

Gelebte Umkehr bringt uns in Widerspruch! Weil Umkehr hier eine Umkehr in die Zukunft meint. Und kein Zurückgreifen auf ewig gestrige Rezepte.

Darum richtet sich diese Botschaft der Umkehr, diese Aufforderung zur Nachfolge am Ende im Namen dieses Jesus aus Nazareth sogar gegen den heutigen Predigt-Text selber. Wir müssen uns nicht mehr mit dem zufrieden geben, was bei Gott längst keine Zukunft mehr hat. Wie etwa die Sklaverei, von der wir im Brief gelesen haben. Wie etwa heute aber andere Formen der Unterdrückung, die bis heute nicht überwunden sind. Die Menschen dazu bringen, aus ihrer Heimat zu flüchten. Die Menschen arm halten, weil andere zum Teilen nicht bereit sind. Die Menschen ihre Würde nehmen, weil sie die falsche Hautfarbe haben. Die falsche Überzeugung. Oder das falsche Geschlecht.

In der vergangenen Woche hat sich zum 475. Male das Jubiläum der sogenannten Speyerer Protestation gejährt. Sechs Fürsten und vierzehn oberdeutsche Städte hatten damals gegen die geplanten Entscheidungen der Reichstagsmehrheit Protest eingelegt. Der Name Protestanten für uns Evangelische hat da seinen Ursprung. Christ-Sein oder Christin-Sein heißt also ganz gewiss auch den Mut haben zum Protestieren. Protestantin und Protestant zu sein gegen alle und alles, was Menschen klein halten und klein machen willen.

Weil Nachfolge Jesu zugleich bedeutet, allem Unrecht entgegenzutreten. Sich nicht abzufinden mit der Ansicht der Irrtümer. Sondern sich beflügeln zu lassen von der großartigen Aussicht der Umkehr in die Zukunft. Damit unsere Seele mitkommt. Und wir umkehren zum Hirten und Fürsorger unserer Seele.

Und der Friede Gottes, der all unsere Vernunft und all unser Sorgen übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne. Und eure Seele. Amen.
Traugott Schächtele

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