VORBEREITUNG REGIONALE INFORMATIONSABENDE FÜR ÄLTESTENKREISE
A THESEN ZUR ZUKÜNFTIGEN ENTWICKLUNG DER KIRCHEN



1. Die Kirche befindet sich gegenwärtig in einem Transformationsprozess, der in seinem Umfang und seinen zu erwartenden Auswirkungen nur noch mit den Ereignissen im Reformationsjahrhundert zu vergleichen ist.

2. Die Ursachen des gegenwärtigen Prozesses sind vielfältig. Sie sind das Ergebnis geistesgeschichtlicher, kultureller, gesellschaftlicher und religiöser Entwicklungen – lokal und global. In diesem Umgestaltungsprozess hat die Kirche Anteil an parallel verlaufenden Entwicklungen in beinahe allen Bereichen.

3. Auch der gegenwärtige Prozess markiert einen epochalen Wendepunkt. Stand die Reformation am Übergang des Mittelalters zur Neuzeit (Themen damals. Individualisierung/Gewissen, Emanzipationsprozess im Verhältnis Staat/Kirche), so markiert die gegenwärtige Entwicklung den Übergang von der (Post)moderne in eine Phase, die man zutreffend erst aus der geschichtlichen Distanz beschreiben kann. Ihre Kennzeichen sind u.a. Globalisierung, Differenzierung, radikalisierte Individualisierung, „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“.

4. Entgegen allen Unkenrufen ist die Säkularisierung kein Kennzeichen der Gegenwart (und wohl auch nicht der Zukunft). Veränderungen gibt es im Blick auf den Verlust des Sinnstiftungsmonopols der (Groß)kirchen bei gleichzeitig gegebener „Marktsituation“ des Religiösen. Religion äußert sich in anderen Formen und wird auch anders nachgefragt. Dies ist aber etwas anderes als die Rede vom Verlust der religiösen Dimension.

5. Im Blick auf die Kirchen ist zu beobachten (a) eine Verlagerung der Wachstumsprozesse von den Kirchen der Tradition zu den „neuen“ (pfingstlerisch-charismatischen) Kirchen.(44% im Jahr 2025) und dementsprechend (b) eine Verlagerung des Zentrums von der „Ersten“ in die „Dritte“ Welt, (c) ein Nachlassen der Plausibilität der traditionellen Konfessionen und (d) ein wachsendes Interesse an anderen religiösen Angeboten, aus denen man sich seine eigene Religion „bastelt“ (Patchwork-Religion)

6. In den Kirchen des „reichen“ Nordens bzw. zumindest Zentral- und Westeuropas sind – bei allen Unterschiedlichkeiten – folgende Entwicklungen zu beobachten: Allmählicher Verlust der bisherigen gesellschaftlichen Position; Abbruch der Traditionsstränge der Vermittlung des Christentums, insbesondere der Familie („religiöser Analphabetismus“); Rückgang der Mitgliederzahlen und entsprechen der zur Verfügung stehenden Finanzmittel; Änderung in den Formen ehrenamtlicher Mitarbeit („neues“ Ehrenamt mit wechselnden und zeitlich begrenzten Einsätzen); geringere Bindekräfte).

7. Eine kirchliche Strategie unter veränderten Bedingungen muss sich an folgenden Gegebenheiten ausrichten: Veränderung der Gestalt der Volkskirche (bei Beibehaltung des Grundprinzips) im Blick auf Öffnung, Niederschwelligkeit und Vernetzung; Umbau im Territorial-Prinzip; Umbau im Einsatzkonzept Hauptamtliche/Ehrenamtliche; Strategien zur Werbung („Mission!“ erwachsener Quereinsteiger; Erschließung neuer Finanzierungsmöglichkeiten; verstärkter Einsatz bei den Knotenpunkten des Lebens (Ebertz: „Wir dürfen nach dem Verlust der Schuldkompetenz nicht auch die Todes-Kompetenz verlieren“); Ausrichtung an den „Adressaten“ kirchlicher Arbeit und an den Ressourcen der Mitarbeitenden.

B ANMERKUGNEN ZUR ARBEIT DER STRUKTURKOMMISSION

1 Die gegenwärtigen Strukturdebatten und Reformansätze auch in der Region Freiburg (Kirchenbezirk und Kirchengemeinde) sind Teil des beschriebenen Transformationsprozesses und nur unter dieser Grundannahme zu gestalten und zu steuern. Wir stehen gegenwärtig überall in großen Veränderungsprozessen – die Kirche hat daran Anteil (siehe obige Thesen).

2 Die Arbeit der Strukturkommission dient dem Ziel der Ermöglichung und der Stärkung des evangelischen Kircheseins in Freiburg.

3 Die Konsolidierung des Haushaltes hat daran Anteil, ist eine notwendige, aber keinesfalls hinreichende Bedingung. Die Diskussion über die Formen kirchlicher Arbeit in der Zukunft wäre auch bei einer deutlich günstigeren finanziellen Situation zu führen.

4 Insofern bekennt sich der Strukturausschuss in seiner Arbeit zu der Reihenfolge: 1. Grundsätzliche Klärung des Zukunftskonzeptes; 2. Sanierung des Haushalts einschl. Klärung der Immobilienentscheidungen.

5 Allmählich besteht darin Konsens, dass es keinen Sinn macht, wenn wir in der Stadt „alle drei Kilometer“ ein vergelichbares komplettes Totalangebot kirchlicher Arbeit machen. Dies (1) verhindert Schwerpunktbildung; (2) nützt die Möglichkeit der Kooperation nicht aus; (3) ist in Folge vieler Doppelungen schlicht zu teuer.

6 Eine „Vergröberung des Gemeindenetzes“, das über der Stadt liegt, ist nicht einfach ein „Abbauprogramm“, sondern eine Initiative zum Ausbau von Kooperationsformen (geographisch-stadtteilbezogen und inhaltlich-funktional).

7 Dringend unterschieden werden muss zwischen der konkreten Arbeit, die in einem Gebäudeensemble geschieht, und der Organisationsform der Kirche (in Freiburg). Konkret: Die Bildung einer Region und die Aufhebung der Übergang der bisherigen Klein-Parochie in eine Regional-Parochie ändert zunächst nichts an der Tatsache, dass in bestimmten Gebäuden nach wie vor bestimmte Angebote gemacht werden.

8 Es können aber auf diesen Weise die Profile der Arbeit der „Kirchlichen Orte“ geschärft werden. Dies macht Gemeinde und Beruf attraktiver! Es muss nicht überall jede/r alles machen und alles machen können.

9 Die Einübung der Kooperation kann aber tatsächlich auch nötige Einsparungen besser auffangen. Wer nicht ausschließlich auf bestimmte Räume und bestimmte Personen fixiert ist, ist nicht einfach nur Verlierer/in, wenn bei diesen abgebaut werden muss. Nötige Abbau-Szenarien können aufgrund getroffener Prioritäten gemeinsam vorbereitet werden und werden nicht unter Zeit- und Finanzdruck getroffen.

10 Man kann auf diese Weise zu deutlichen Einsparungen kommen: 1 bis 2 Verwaltungsfachkräfte in einer Region arbeiten effizienter als gesplittete Teilzeitkräfte. Ansprechbarkeit könnte verstärkt ehrenamtlich geregelt werden. Ähnliches gilt im Hausmeisterbereich.

11 Was die Frage der Immobilien angeht: Immobilien müssen in gleichem Umfang bei allen Modellen abgebaut werden. Die Entscheidung für eines der beiden Modelle führt nicht zum Verzicht der Abgabe von Immobilien, sondern bietet m.E. den besseren Weg, weil die Akzeptanz vergrößert werden kann. Unter den Bedingungen einer vorab geklärten Zukunftskonzeption

- wird vermieden, dass man auf die falschen Gebäude verzichtet

- wird ermöglicht, dass man Umwidmungen in die Überlegungen einbezieht

- wird ermöglicht, dass die Regionen stärker beteiligt werden

- wird ermöglicht, dass die Verteilung sich „gerechter“ über die ganze Kirchengemeinde verteilt

- wird ermöglicht, dass man regionale Prioritäten setzen kann („Wenn wir einmal nur noch halb so viele Immobilien haben, dann diese!)

- kann man gezielter die Spendenbereitschaft mobilisieren

12 Erstaunlich ist, dass wir in Freiburg nach wie vor noch nie unsere Gemeindeglieder in einer Großaktion um Unterstützung gebeten haben. Dies muss geändert werden (vgl. die Beratungen der Landessynode zum Kirchgeld; Die Stadtkirchengemeinde Heidelberg „verdient“ gerade 70.000 € durch eine gezielte Spendenaktion )


Traugott Schächtele

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