PREDIGT ÜBER EPHESER 3,14-21
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 23. MAI 2004 (EXAUDI)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


Es geschah am 7. Dezember 1970. Also vor mehr als 33 Jahren. Am Abend dieses Tages geht ein Bild von unglaublicher Sym-bolkraft um die Welt. Ein Bild, das ein Ereignis festhält, das die Wahrnehmung der damaligen Bundesrepublik mehr prägt und zum Positiven hin verändert als viele politische Aktionen zuvor. Bundeskanzler Willy Brandt war beim Besuch der deutschen De-legation am Denkmal des Aufstands im Warschauer Ghetto für etwa 30 Sekunden auf seine Knie gesunken. Auch zur Überra-schung all derer, die ihn damals begleiteten. „Ich tat, was Men-schen tun, wenn die Worte versagen“, sagte Brandt später erläu-ternd über seinen Kniefall.

Der Kniefall als Ausdrucksmöglichkeit, wenn die Worte versa-gen! Wenn man sich einer Wirklichkeit gegenübergestellt sieht, die die vertrauten Dimensionen sprengt. Vielmehr noch, die uns mit gänzlich neuen und analogielosen Dimensionen konfrontiert. Die uns zur Stellungnahme herausfordert gegenüber dem, was wirklich von Bedeutung ist in einem Menschenleben.

Die Liebe ist das und der Tod. Schuld und die Erfahrung der Wirksamkeit des Bösen. Die Gewährung des überraschenden Neuanfangs und die elektrisierende Herausforderung durch das, was uns heilig ist.

Der Kniefall ist Symbol einer solchen Begegnung und setzt zugleich auch selber Wirklichkeit. Er bringt das Erschrecken über die Dimension des Gegenüber zum Ausdruck. Und er ermöglicht gleichzeitig eine Art des Umgangs, die Kommunikation ermög-licht, wo Worte längst überfordert sind.

Der Predigttext für diesen Sonntag hat seinen theologischen Ort genau an der Grenze zwischen dem, was Worte zum Ausdruck bringen können und Bekenntnis zum Unsagbaren. Dass er den-noch auf Worte nicht verzichtet, liegt wohl einfach daran, dass auch der Kniefall, mit dem er beginnt, an dieser Stelle ein mit Worten vermittelter und somit zunächst kein wirklicher ist. Und dass die Worte, die dann dennoch nachfolgen, ohnedies nichts anderes sind, als der Versuch, das Schweigen vorzubereiten. Und somit ohnedies kaum zu predigen, sondern bestenfalls nachzu-sprechen und in unser Denken zu übersetzen sind.

Der Text, auf den ich mich beziehe und der der Predigttext für diesen heutigen Sonntag Exaudi ist, steht im 3. Kapitel des Ephe-serbriefes in den Versen 14-21.Dort heißt es:

Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,

der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden,

dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch sei-nen Geist an dem inwendigen Menschen,

dass Christus durch den Glauben in euren Her-zen wohne

und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.

So könnt ihr

mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,

auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Got-tesfülle.

Dem aber,

der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,

dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.



Die Rückkehr des Heiligen, liebe Gemeinde, ist in vollem Gange. Und die Entdeckung, dass das uns das Heilige in verdeckten oder in veränderter Form niemals wirklich verlassen hat. Fast neun Jahrzehnte ist es her, dass das Buch „Das Heilige“ zu einem Bestseller wurde. Das Heiligen ist für den Autor Rudolf Otto das "ganz andere", das in die Welt einbricht und sich unserem ratio-nalistischen Zugriff entzieht Die Erfahrung des Heiligen versetzt die Menschen einerseits in Angst und Schrecken - Otto spricht dann vom Tremendum - und es lockt und begeistert die Menschen. Dann spricht Otto vom Faszinosum.

Ein Dreiviertel Jahrhundert Triumph des Rationalen, des Sieges-zugs der modernen Naturwissenschaften und des Zerbrechens der alten Weltordnungen und der überkommenden Werte – sie haben dem Heiligen am Ende nicht den Garaus machen können. Heute spielt sich vor unser aller Augen ein faszinierendes Schauspiel ab. Überall in einer ihre Mündigkeit reklamierenden säkularen Welt geben die Platzhalter des Heiligen ihre wahre Identität zu erkennen. Werden längst überwunden geglaubte Sehnsüchte of-fengelegt. Wird überhaupt erst wieder Raum geschaffen, sich dem Heiligen auszusetzen. Oder dem, was wir dafür halten.

Das auffälligste Kennzeichen der Neuentdeckung des Heiligen ist die neue Rolle, die den Bildern in unserem Leben zukommt. Die Rückkehr des Heiligen ist nicht zu denken ohne die Rückkehr der Bilder. Und die neue Kraft des Religiösen erhält eben durch diese Bilder ständig neue Nahrung. Im Wort vom Bildersturm, der eine nicht unwesentliche Begleiterscheinung der Anfänge des Protes-tantismus gewesen ist, ist der Genetivus objektivus zum Geneti-vus subjektivus geworden. Es sind die Bilder selber, die mit einer Vehemenz um den Globus und durch unsere Köpfe stürmen und eilen, dass wir uns dagegen kaum mehr wirksam zur Wehr setzen können. Bilder zugleich, die ihre Wirkung auf uns kaum verfeh-len. Bilder, die den Designern der neuen Rituale fast priesterliche Würde zuweisen.

Und zum Garanten dieser neuen Möglichkeiten wird der Mensch selber. Der Mensch, der sich selber als heilig setzt und heilig spricht. Aber nicht in seiner Abhängigkeit von dem, den wir in der Sprache der Religion selber den Heiligen nennen. Sondern im Versuch der eigenen Makellosigkeit. In der Selbstinszenierung der eigenen Möglichkeiten der Grenzüberschreitung. Im neuen Kult der körperlichen Selbstperfektionierung. Heilig ist das uns unter den Gesetzmäßigkeit einer nicht selten überfordernden Welt heilmachende. Und zugleich das, was vor allem anderen unsere Augen heilig sprechen.

Der Predigttext aus dem Epheserbrief konfrontiert diese Sicht unübersehbar mit einem Gegenentwurf. Zugleich leitet er einen hilfreichen Kurswechsel ein, der die Neuentdeckung des Heiligen vor purer Oberflächlichkeit zu bewahren vermag. Auch er setzt ein mit einem Kniefall. Und damit mit der Begegnung mit der Dimension einer unsere Erfahrungen sprengenden Macht.

„Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ Den Text hier nur der patriarchalischen Engführung zu bezichtigen, hieße – zumindest dieses Mal - ihn gründlich misszuverstehen. Bedeute-te, an der Oberfläche, auf der Bildebene stehen zu bleiben.

Das Bild mag man zurecht kritisieren. Die zentrale Subbotschaft des Textes setzt tiefer und grundsätzlicher ein. Denn um nichts anderes geht es, als um die Dimension der Gottesbegegnung. Ei-ner Gottesbegegnung, die sich an der Begegnung mit dem fest-macht, der eine solche Erfahrung nach der Überzeugung des Briefschreibers überhaupt erst möglich macht. Einer Gottesbe-gegnung in Gestalt einer Begegnung mit Christus. Weil er zu-sammenbindet, was sonst auseinander fällt. Schöpfer und Ge-schöpf. Himmel und Erde. Leben und Tod. Gott und Mensch.

Darum ist die Wahrung dieser neu errungenen Einheit dann auch das Thema der Fortsetzung des Epheserbriefes: „ein Herr, ein Glaube, eine Taufe und ein Gott, der da ist über allen, durch alle und in allen.“ Als Wirkung dieser Gottesbegegnung rückt der Epheserbrief die Erneuerung der Schöpfung und die Erneuerung des Menschen in den Blick. Aber nicht in den aufwendigen For-mend des modernen Körperkultes. Sondern darin, dass wir – wie es im Brief nach Ephesus heißt – „durch seinen Geist nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit stark werden am inwendigen Menschen.“ Das Programm einer ganz anderen Erneuerung wird uns hier vor Augen gemalt. Das Programm einer Erneue-rung aus der Mitte und dem Zentralen heraus. Einer Erneuerung am inwendigen Menschen.

Diese Erneuerung lässt sich nicht erzwingen. Sie lässt sich nicht erjoggen und nicht erarbeiten als Ergebnis von neu erschlossener Naturerfahrung und ganzheitlicher Körperarbeit. Diese Erneue-rung erschließt sich nur in der Öffnung hin zum ganz anderen. Zum unsere Erfahrung weit Übersteigenden.

Diese Erfahrung entzieht sich überhaupt allen Möglichkeiten des Machbaren. Erschließt sich nur in der Begegnung mit dem Heili-gen. In der Anerkenntnis der alles überwältigenden Dimension jener Kraft, die „überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen“ – um noch einmal den Predigttext sel-ber sprechen zu lassen.

Hier wird tatsächlich am Heiligen gerührt. Hier wird das Grund-datum des Religiösen und der Religion beschrieben. Und zugleich die Urerfahrung wahrer Menschwerdung. Aber eben nicht in abstrakten Formeln, sondern in konkreter Zuspitzung. Am inwendigen Menschen erneuert werden, heißt daher mit der Herrschaft des Christus rechnen. Damit, dass dieser Christus ges-taltend beteiligt ist an der Veränderung der Welt. Damit, dass die Liebe die bleibende Grundmotivation unseres Handelns ist. Und bleibt.

Und mit einem Mal erweist sich dieser Epheserbrief als Brücke zu der überraschenden Rückkehr des Heiligen in unseren Tagen. Mit einem Mal erweit er sich als modern. Und nicht, wie er oft verdächtig wird, als Dokument theologischer Verflachung in nachpaulinischer Zeit. Es war das Verdienst des Paulus, die neu erstandene christliche Bewegung für nichtjüdische Interessentin-nen und Interessenten attraktiv gemacht zu haben. Es war das Verdienst des Paulus, den Menschen in seiner Position vor Gott radikal auf die Möglichkeiten des Glaubens verwiesen zu haben.

Der Epheserbrief hat sein eigenes unverzichtbares Verdienst. Er bindet das vorläufig erst einmal konsolidierte Christentum in sei-ne religiöse Mitwelt und in den Fragehorizont der damaligen Welt ein. Macht es gewissermaßen ökumenisch anschlussfähig. Wobei der Ökumenebegriff des Epheserbriefes gleich den ganzen Kosmos mit einschließt.

Es ist das Verdienst des Epheserbriefes, dass er die Begegnung mit dem Heiligen und der Erneuerung des inwendigen Menschen ins Zentrum rückt. Dies aber nicht irgendwie allgemein religiös begründet, sondern im Rückgriff auf Christus, als der Brücke zwischen dem alten Denken und den neuen Möglichkeiten. Der Brücke zwischen den alten Religionen und der neuen, die deren Gegensätzlichkeit in sich aufhebt. Der Brücke zwischen dem Kosmos und unserer konkreten Lebenswelt. Der Brücke aber auch zwischen dem Ideal des Menschen und dem Menschen, der Gott auch in der Gebrochenheit und Zweideutigkeit seiner Exis-tenz recht ist.

Das Maß des Menschlichen ist dann aber nicht irgend ein Men-schenbild, sondern Christus selber. Das Maß des Menschlichen ist nicht der Mensch mit den Konfektionsmerkmalen des Perfek-ten, sondern der im Inneren erneuerte Mensch. Das Maß des Menschen ist die Liebe. Keine Ideologie und keine Religion kön-nen mit diesem Maß ernsthaft konkurrieren. Keine Form der Be-drohung und kein missionarischer Impetus vermögen zu rechtfer-tigen, dass der Mensch dieses Maß vergisst. Oder es außer Kraft setzt.

Wer sorglos mit dem Leben experimentiert, darf sich nicht wun-dern, wenn die Ehrfurcht vor dem Leben schwindet. Wer der Fol-ter einen Schlupfwinkel des Zulässigen bewahrt, dessen Freiheit wirkt verbraucht und marode und man wird ihm den Einsatz für eine gerechtere Welt nicht wirklich abnehmen. Wem nichts mehr heilig ist, wird auch die Rückkehr des Heiligen verpassen.

Wo das Heilige, wo der Heilige dann wirklich Raum bekommt – wo sich der Mensch in der Begegnung mit dem Heiligen seiner Würde bewusst wird, da bleibt am Ende dann nur noch Schwei-gen. Da bleibt am Ende nur noch, in Anerkenntnis der Größe Gottes seine Knie zu beugen. Um überhaupt weiter aufrecht durchs Leben gehen zu können. Erst ganz am Ende bleibt dann wirklich, das zu tun, was zu tun ist, wenn die Worte versagen.

Dem Heiligen nur einfach zu seinem Recht verhelfen, das geht nicht. Weil das Heilige kein Recht hat. Wie die Liebe. Aber den Menschen zu ihrem Recht verhelfen, das geht nicht nur. Das ist von uns gefordert. In der Verantwortung vor dem Heiligen.

Dies ist der Spielraum, den Gott uns lässt. Der Spielraum, in dem Gott uns begegnet. In Christus. In Bildern. In Brot und Wein. In den Menschen links und rechts neben uns - auf der Suche nach dem Heiligen wie wir. In den Menschen, denen wir unsere Stim-me leihen, weil sie selber keine Stimme mehr haben.

Gänzlich zu schweigen ist noch nicht an der Zeit. Gott hat uns den Freiraum gelassen, zu begreifen, „welches die Breite und die Länge, die Höhe und die Tiefe ist“, ehe uns die Fülle des Heili-gen einholt. Ehe wir tun, was zu tun ist, wenn unser Verstand an seine Grenzen stößt und unsere Worte ihren Sinn verlieren.

Bis dahin aber bleibt uns aufgetragen, worin schon Dietrich Bon-hoeffer die beiden Grundaktivitäten christlicher Existenz gesehen hat. Im Beten und im Tun des Gerechten. Ehe wir Gott in seiner Fülle begegnen. Und die Begegnung mit dem Heiligen uns zum Schweigen bringt. Und wir einstimmen in die nie mehr endende Feier des Lebens selber. Amen.

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn