ANSPRACHE
ANLÄSSLICH DES ÖKUMENISCHEN GOTTESDIENSTES
AM BEGINN DER AMTSZEIT DES NEUEN GEMEINDERATES
DER STADT FREIBURG
AM 14. SEPTEMBER 2004 IN DER ADELHAUSER KIRCHE
„IHR SOLLT EIN SEGEN SEIN!“


„Ihr sollt ein Segen sein!“ So lautet das Motto dieses ökumenischen Gottesdienstes. Manchen werden diese fünf Worte womöglich bekannt vorkommen. Schließlich hatten sie es vor etwas mehr als einem Jahr zu einer gewissen Prominenz gebracht. Tauchten sie für wenige Tage in Zeitungsmeldungen und Nachrichtensendungen auf. „Ihr sollt ein Segen sein!“ Das war das Motto des 1. Ökumenischen Kirchentages, der Ende Mai /Anfang Juni 2003 in Berlin stattfand. Weit mehr als 100.000 Menschen haben damals daran teilgenommen. Wenige Monate zuvor, im März 2003 hatte ein kleiner Freiburger Kirchentag immerhin auch schon mehr als 3000 Menschen auf die Beine gebracht. „Ihr sollt ein Segen sein!“ Ein Motto also - ökumenisch erprobt - und inhaltsreich genug, um es auch an den Anfang des Weges des neuen Gemeinderates zu stellen.

Wenn es eine biblische Figur gibt, durch die das Thema Segen beispielhaft ins Leben gezogen wird, in der das Thema Segen gewissermaßen Fleisch und Blut angenommen hat, dann ist das Abraham. Den Anfang der Abrahamserzählungen haben wir eben in der Lesung gehört.

Abraham ist der Vater aller Ökumene. Wahrhaftig nicht nur der zwischen Evangelischen und Katholischen. Abraham verbindet auch die großen monotheistischen Weltreligionen: das Christentum, das Judentum und den Islam. In all diesen Religionen spielt er eine herausragende Rolle. Abraham ist die geeignete Brücke, die über Jahrhundert Getrenntres wieder zu verbinden vermag.

Abraham, das ist der, der sich aufmacht in Neues, Unbekanntes. Und der dabei den Segen Gottes erfährt. Nicht selten erst auf Umwegen. Nach langem Warten. Und gegen Widerborstigkeiten. Aber am Ende ist Abraham eben immer der, der als vom Leben und vom Segen Gezeichneter zurückbleibt.

Segen – nur beim oberflächlichen Hinhören und Hinsehen findet man Weiterführendes nur in der verstaubten Mottenkiste der Religionen. Nein, die Rede vom Segen führt uns mitten ins Zentrum der Religion, mitten ins Herz des Christentums.

Für den Altorientalen Abraham ist klar, was mit Segen gemeint ist: gute Weidegründe. Wachstum der Herden. Eine sichere Versorgung im Alter durch eigene Nachkommen. Eigentlich ein fast modern anmutendes Segensprogramm. Gerade in Zeiten, in denen vieles wegbricht oder weggebrochen wird, was über Jahre und Jahrzehnte selbstverständlich zu den Grundvoraussetzungen der eigenen Lebensgestaltung und Lebenssicherung gehört hat. Segen unter den Bedingungen des Jahres 2004 – heruntergebrochen in die Wirklichkeit einer Kommune wie der Großstadt Freiburg, was könnte das heißen – auch für Ihre Arbeit?

Doch wohl kaum ungebremstes Wachstum. Und doch wohl kaum stetig nach oben ansteigende Entwicklungskurven. Segen lässt sich nicht in Tabellen und Statistiken zwängen. Segen lässt sich auch nicht prognostizieren. Segen lässt sich wahrnehmen mit den Augen, die hinter die Dinge sehen. Mit den Augen, die auch jenseits dessen, was wir selber machen und bestimmen können, eine Wirklichkeit wahrnehmen. Segen sehen heißt, sein Leben wahrzunehmen aus der Perspektive Gottes. Und dabei zu entdecken, dass wir allemal Beschenkte sind.

Das deutsche Wort segnen kommt vom lateinischen Wort signare. Das heißt bezeichnen. Etwas mit einem Signum, einem Zeichen versehen. Von diesem lateinischen Wort signare leitet sich aber auch ein anderes deutsches Wort ab. Nämlich signieren. Nicht ohne Grund reihen sich Menschen immer wieder in lange Schlangen ein, um sich von einem Autor ein Buch signieren zu lassen, indem er oder sie den Namen in das Buch hineinschreibt.

Gesegnet sein, heißt darum signiert sein. Von Gott mit seinem Namen signiert sein. Würde zugesprochen zu bekommen. Seine Begabungen entfalten zu können. Gerade unsere Gaben sind das bemerkenswerteste Zeichen unserer je eigenen Besonderheit und Würde. Wir alle sind Signierte Gottes.

So signiert, sind wir aber auch aufgerufen, andere zu signieren. Den Segen weiterzugeben. Denn von allem anderen unterscheidet sich der Segen gerade dadurch, dass er sich vermehrt, indem er geteilt wird. Niemand kann sich auf seine eigene Würde, seinen eigenen Segen berufen, wenn er oder sie ihn nicht weitergibt. Anderen ebenfalls zugesteht, was wir selber gerne als selbstverständlich annehmen.

Einbehaltener Segen verkümmert und verwandelt sich ins Gegenteil. Wird – in der Sprache der Bibel – zum Fluch. Wird zum Sprengsatz der eigenen vermeintlichen Sicherheiten. Im fünften Buch Mose sagt Gott zu den Menschen: „Ich habe euch heute Leben und Tod vorgelegt. Segen und Fluch. Wählt das Leben, damit ihr am Leben bleibt. Ihr und eure Nachkommen.“

Darum geht es. Auch in ihrer Arbeit als Gemeinderätinnen und Gemeinderäte. Darum geht es eigentlich immer. Sich zu entscheiden für das Leben. Und für die Weitergabe dessen, was wir selber auch nur empfangen haben. Die Quelle des Segens lässt sich nur wahrnehmen mit den besonderen Augen des Glaubens über die Grenze dessen hinaus, was wir selber machen können. Nein, der Segen Gottes ist nicht einfach verfügbar. Aber er ist erfahrbar. An uns selber. Und an anderen – durch uns! „Ihr sollt ein Segen sein!“ – das ist darum Zuspruch und Anspruch zugleich. Ein Anspruch, eine Inanspruchnahme, die uns deswegen nicht überfordert, weil wir weitergeben, was uns selbst anvertraut ist: Zeit etwa, Solidarität, materielle Unterstützung, Einsatz für andere, denen man alle Grundlagen der Würde und der Gerechtigkeit vorenthält. Auch den Einsatzt für den weltweit geschundenen Frieden und die nach Luft ringende Schöpfung.

„Ihr sollt ein Segen sein!“ – leichter gesagt als umgesetzt in dem, was auf sie zukommt. Gerade deshalb ist es ein gutes Motto für fünf lange Jahre Mitarbeit im Gemeinderat. Für fünf wichtige Jahre Verantwortung für diese Stadt. Und nicht zukletzt für die, die auf unseren Einsatz beonders angewiesen sind. Abraham, der, der sich aufmacht in Neues, in unbekanntes Land, kann Ihnen heute für diesen Weg ein gutes Vorbild sein.

Abraham glaubt, dass Gottes Zusage Leben möglich macht. Auch gegen den Augenschein. Nicht selten gegen alle Vernunft. Aber nie gegen das Leben selber. In diesem großen Glauben Abrahams sind wir gut aufgehoben mit unserem kleinen Glauben. Und einmal mehr – da bin ich sicher – erweist sich Gott als der, der Zukunft gewährt und ermöglicht.

Von allem Anfang – von diesem Aufbruch an ist Abrahams Weg gezeichnet von nachhaltigen Erfahrungen, die sich auf je eigene Art als Gottesbegegnung erweisen. Und im Kern geht es – damals wie heute - allemal um Zukunft – eine Zukunft in Gerechtigkeit und Frieden. Und es geht eben um Segen.

Weil wir durch Gottes Hand signiert sind, können wir weiterschreiben an der großen Geschichte dieser Welt. In kleinen und in großen Buchstaben. Am Arbeitsplatz oder im Gemeinderat. Privat oder öffentlich. Eine andere Wahl haben wir eigentlich gar nicht. Und wir haben sie auch nicht nötig. Mehr ist von uns auch gar nicht erwartet als ins Leben zu ziehen, was Gott uns zusagt: „Ihr sollt ein Segen sein!“

Amen.

Traugott Schächtele

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