PREDIGT
ÜBER 2. KORINTHER 9,6-15
GEHALTEN AM 3. OKTOBER 2004 (ERNTEDANKFEST)
IN DER MATTHIAS-CLAUDIUS-KAPELLE IN FR-GÜNTERSTAL


Der Apostel Paulus hat kein Tabu gescheut, liebe Gemeinde. Grenzen waren für ihn vor allem dazu da, um überschritten zu werden. Ein ums andere mal hat der große Theologe aus der Anfangszeit des Christentums seine Gegner genauso vor den Kopf gestoßen wie seine Anhänger. Erst ein gnadenloser Widersacher der ersten Christinen und Christen, steigt er aus und macht bei denen Karriere, die er gerade eben noch verfolgt hat. Er ist nicht zufrieden damit, dass nur die jüdische Welt den Markt für seinen missionarischen Feldzüge abgibt und öffnet sich für die Menschen des römisch-hellenistischen Weltkreises. Auch die asia minor, das sogenannte Kleinasien auf dem Gebiet der heutigen Türkei, engt seinen Wirkungskreis bald nur noch ein. Und er wendet sich nach Europa.

Mit jeder Grenzüberschreitung weitet sich für Paulus auch sein theologischer Horizont. Doch wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn. Das bekommen ein ums andere Mal diejenigen zu spüren, die konzilianter agieren als er. Oder die seinem Kurs nicht folgen können. Petrus, den er in Antiochia öffentlich zur Rede stellt und vorführt, ist nur der prominenteste unter ihnen. Andere, Unbekannte und Unbenannte, gibt es in großer Zahl. „Wenn einer euch ein anderes Evangelium verkündigt als ich – und sei es ein Engel vom Himmel -, verflucht sei er.“ So ungnädig agierend finden wir den großen Gandenapostel in den ersten Versen seines Briefes an die Gemeinde in Galatien.

Gerade auch in theologischer Hinsicht haben es seine Zeitgenossen schwer, ihm zu folgen. In Athen wagt er die Auseinandersetzung mit dem unbekannten Gott. Und eröffnet so in gewisser Weise den bis heute unabgeschlossenen interreligiösen Dialog.

Und er kann sich – mitten in höchster theologischer Bedrängnis – einfach dem schnöden Mammon zuwenden. So als sei es mitnichten ehrenrührig oder deplatziert, im Angesicht Gottes den materiellen Besitz in Augenschein zu nehmen und gar zum Thema zu machen.

Genau dies tut er im sogenannten 2. Korintherbrief. Sogenannt, weil wir sicheren Grund zu der Annahme haben, dass Paulus weit mehr Briefe nach Korinth geschrieben hat. Und dass sich unser zweiter Korintherbrief aus mehren Briefen zusammensetzt. Gleich zwei Kapitel beschäftigen sich mit einer Sammlung, die Paulus zugunsten der verarmten Gemeinde in Jerusalem organisiert. Paulus - also nicht nur der große Theologe, sondern auch der große Spendeneinwerber – eine Synthese, die ihn womöglich zum Vorbild moderner Kirchenstrategen machen könnte?!

Einige Sätze aus seinem Spendenaufruf sind der für den heutigen Erntedanksonntag vorgeschlagene Predigttext. Ich lese aus 2. Korinther 9 die Verse 6 – 15:

Ich meine aber dies: Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen. Ein jeder, wie er's sich im Herzen vorgenommen hat, nicht mit Unwillen oder aus Zwang; denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.

Gott aber kann machen, dass alle Gnade unter euch reichlich sei, damit ihr in allen Dingen allezeit volle Genüge habt und noch reich seid zu jedem guten Werk; wie geschrieben steht: »Er hat ausgestreut und den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit bleibt in Ewigkeit.« Der aber Samen gibt dem Sämann und Brot zur Speise, der wird auch euch Samen geben und ihn mehren und wachsen lassen die Früchte eurer Gerechtigkeit. So werdet ihr reich sein in allen Dingen, zu geben in aller Einfalt, die durch uns wirkt Danksagung an Gott.

Denn der Dienst dieser Sammlung hilft nicht allein dem Mangel der Heiligen ab, sondern wirkt auch überschwänglich darin, dass viele Gott danken. Denn für diesen treuen Dienst preisen sie Gott über eurem Gehorsam im Bekenntnis zum Evangelium Christi und über der Einfalt eurer Gemeinschaft mit ihnen und allen. Und in ihrem Gebet für euch sehnen sie sich nach euch wegen der überschwänglichen Gnade Gottes bei euch. Gott aber sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!


Einige wenige assoziative Wortverbindungen; die Rede von Saat und Ernte, die Erwähnung von Brot und Früchten – reicht das aus, einen Text zum Erntedanktext zu machen? Sind - nach dem Tabubrecher Paulus - diejenigen, die die Predigttexte ausgewählt haben, womöglich ebenso Tabubrecher wie er – nur gewissermaßen in der zweiten Reihe?

Ist Gott tatsächlich ein Früchte- und Feldgott? Ist die Welt der natürlichen Lebensgrundlagen der Stoff, aus dem sich Religion zusammensetzt? Ganze Passagen der hebräischen Bibel, unseres Alten Testaments, haben nichts anderes zum Ziel, als eben dieses Missverständnis abzuwehren. Baal, Astarte - und viele andere, von den Menschen verehrte Fruchtbarkeitsgottheiten des Orientes – sie haben immer wieder den Zorn der Propheten aus göttlichem Auftrag heraufbeschworen. Die Altäre, die ihnen gebaut wurden – sie sind Gott ein Gräuel, so haben sich die Propheten ein ums andere Mal vernehmen lassen.

Und Paulus, der Schreiber des Briefes, über den heute gepredigt wird – auch er wird doch nicht müde zu betonen, das Reich Gottes gehe nicht auf in Essen und Trinken. Trotzdem gehören Erntefeste zum ältesten Bestand der Festkalender beinahe aller Religionen. Der christliche Festkalender ist dagegen über Jahrhundert sehr zögerlich geblieben. Das Erntdeankfest wurde erst im 18. Jahrhundert in den Festzyklus aufgenommen – eine späte Reminiszenz an christliche Vorbehalte?

Erntefeste verfolgten die Absicht, die Götter gnädig zu stimmen. Sich ihres Wohlwollens zu versichern. Sie durch Dankopfer dazu zu bringen, sich in Form einer neuen Ernte als Garanten des eigenen Überlebens zu erweisen. Der Erntesegen und die reife Frucht – sie waren Manifestationen der Gegenwart Gottes. Kein Wunder, dass man zuallererst denen seinen Dank abstattete, denen man mit seinem Schicksal und seinem Überlegen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Dahinter war die Einsicht verborgen: Wenn ich recht opfere, dann kannst ich womöglich mit weiterer Zuwendung der Götter rechnen. Erntefeste unterlagen einem Wenn-Dann Schema. Einem himmlischen do, ut des. Wobei der Mensch immer in Vorlage zu treten hatte.

Gerade dies aber feiern wir als Christinnen und Christen nicht an Erntedank. Wir sichern uns nicht unser Überleben. Dagegen spricht schon die Realität des Hungers der großen Mehrheit auf diesem Planeten. Was aber tun wir dann in diesem Gottesdienst? Auf alle Fälle – und vor allem anderen! - feiern wir den, der unser Überleben längst zu seiner Sache gemacht hat. Ohne dass die Wirklichkeit dies schon in jeder Hinsicht widerspiegelt und abbildet. Aber doch allemal so, dass diese gute Wahrheit über uns und diesen Planeten uns zum Danken bringt. Weil die unumkehrbar eingeschlagen ist.

Schauen wir beim Predigttext aus dem Brief des Paulus noch einmal genauer hin. Womöglich lernen wir dabei doch mehr. Und nicht zuletzt Entscheidendes über das rechte Verständnis dieses Erntedank-Festes.

Was Paulus hier theologisch offenlegt und zu beschreiben sucht, lässt uns einen dritten Tabubruch erahnen. Dieses Mal gewissermaßen von der Seite Gottes aus initiiert. Und alles über den Haufen werfend, was anscheinend so unverbrüchlich Bestand haben sollte. Ein Verständnis des Schöpfergottes ohne den, in dem wir Gottes Angesicht erkennen, ausschließend. Einem Bekenntnis zu Gott nur im ersten Artikel des Glaubensbekenntnisses, das den zweiten einfach ausklammert, im Wege stehend.

Die von Paulus in Gang gebrachte Spendenaktion für die Gemeinde in Jerusalem bietet geradezu einen idealen Verstehensgrundlage. Dabei bietet Paulus alle rhetorische Kunst auf, den Ausdruck Sammlung oder gar Solidaritätszuschlag gar nicht erst zu verwenden. Von Diakonia, also vom Dienst, spricht er stattdessen. Von Charis, also von einer Gnadengabe. Ja, selbst als litourgia, als Litirgie, kann er seine Aktion bezeichnen. Nichts anderes ist sein Projekt also als eine besonders Form des Gottesdienstes. In unserer Weise, im Gottesdienst Kollekten einzusammeln, finden wir im Grunde nur noch einen verkümmerten Rest eines zentralen Bestandteiles gottesdienstlichen Feierns im Verständnis des Paulus vor.

Liturgie und Gottesdienst – das ist Teilhabe und Teilgabe an der Wirklichkeit Gottes. Und wir geben teil, weil wir teilhaben. Gottesdienst – recht verstanden - ist also gerade nicht die unverzichtbare Bedingung, um den Raum der Wirklichkeit Gottes erfahren zu können. Gottesdienst ist lebendige Entsprechung. Ist ein dankbares Widerspiegeln des erfahrenen und erlebten Dienstes Gottes an uns und an dieser Welt. In konzentrierter Form. Aber gerade nicht aus dem Leben ausgegrenzt. Sondern Leben in Form der Konzentration. Und in besonderer Intensivierung.

Aber Leben pur, Leben in konzentrierter Zuspitzung, Leben in aufs Wesentlich reduzierter Intensität – das ist ein hoher Anspruch. Aber allemal das Maß, an dem wir uns messen lassen müssen. Leben, zumal solches Leben, lässt sich nicht anordnen. Solches Leben lässt sich im Grunde nur feiern. Feiern unter dem Vorzeichen der Freiheit eines Christenmenschen, wie Martin Luther das genannt hat. Feiern als Fest des Dankes für die all unserem Bemühen vorausgehende Lebensgabe Gottes.

Dies Lebensgabe - diese unaussprechliche Gabe wie Paulus sie nennt – das sind eben nicht die Früchte. Das ist der, der von sich selbner gesagt hat: Ich bin das ewige Leben. Und ich bin die Tür, durch die ihr Zugang zum Leben findet. Dies feiern wir – auch an Erntedank. Inmitten der Früchte, die auch Lebensgaben sind. Aber eher in Gestalt von Erinnerungszeichen. Als Merkmale des Lebens. Es ist gerade nicht die Natür, die göttlich wird. Sondern es ist Gott, der sich in den Zeichen des Menschlichen zu erkennen gibt. Der in aller menschlichen Begrenztheit seine Grenzenlosigkeit nicht einbüßt. Für den Fürsorge nicht ein erzwungener Gnadenerweis ist. Sondern Ausfluss der gerade durch ihn ermöglichten Freiheit. Als ein Aktivität im Modus der Entsprechung.

Dies hat aber allemal Konsequenzen. Weil Lebensmittel und Früchte, weil Nahrung und auch die Luft, die wir atmen, uns nur ale Merkmale des Lebens hilfreich sein können. Und nicht als uns vor Augen gestellt Belege der Veschwendung oder gar der Vernichtung. Gut ist, was dem Leben dient und das Leben fördert. Dazu gehören auch menschenwürdige Lebensumstände. Eine ausreichende Grundversorgung. Ein Dach über dem Kopf. Ein geregelter Ausgleich zwischen arm und reich. Ein Arbeitsplatz, der uns Raum gibt, unsere Gaben zu entfalten. Ernte im Maß des Segens ist uns dabei zugesagt. Wenn wir im selben Maß gesät haben.

„Danke für unsere Arbeitsstelle“ heißt es in dem bekannten Lied von Martin Gotthardt Schneider, das wir eingangs gesungen haben. „Diese Strophe kann man heute gar nicht mehr singen lassen“, sagte vor einiger Zeit jemand zu mir. „Bei der hohen Zahl von Arbeitslosen“. Doch das stimmt nicht. Wer Arbeit hat, hat doch allemal Grund zur Dankbarkeit. Aber eben auch die Verpflichtung, es bei seinem eigenen Haben nicht bewenden zu lassen. Nicht aus der Solidarität auszusteigen. Weil Gott nicht aus der Solidarität mit uns aussteigt. Sondern sich unsere Sache zur seinen macht.

Darum ist Erntedank immer auch mehr als ein Dankfest. Es ist auch das Fest des weiten Perspektive und des offenen Blickes. Damit wir dem Leben zum Durchbruch zu verhelfen. Aus Entsprechung. Und in Freiheit. Es als Erntedankfest auf Dauer zu stellen.

Das Abendmahl, zu dem wir jetzt gleich eingelaen sind, ist dafür ein schönes Zeichen. Auch hier stehen Früchte im Mittelpunkt. Die Früchte des Feldes und die Früchte des Weinstocks. Aber eben als Merk- und Glaubenszeichen. Als Verweis auf Leben jenseits unserer Begrenztheit. Im Glauben an den, mit dem Gott das Tabu der unüberwindlichen Grenze zwischen sich und uns gebrochen hat.

Eingeladen sind wir, den Tisch des Herrn als Ort des Dankes zu sehen. Und als Ort der Grenzüberschreitung. Und das Abendmahl zu feiern als Fest der Gemeinschaft. Als Fest der Verlockung, dankbar das Leben selber zu feiern. In seiner vorweggenommenen Fülle im Angesicht Gottes. Eben Erntedank! Amen.

Traugott Schächtele

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