IHR WERDET SEIN WIE GOTT
ZUM VERHÄLTNIS VON
GOTTESEBENBILDLICHKEIT UND AUFERSTEHUNGSGLAUBEN
IN DER PREDIGT
Konvent
der Prädikantinnen und Prädikanten
im Kirchenbezirk Freiburg
am 18. Oktober 2004
in Merzhausen


BIBLISCH-THEOLOGISCHE VORAUSSETZUNG DES AUFERSTEHUNGSGLAUBENS
A Der Mensch vor dem Fall („prae- bzw. supralapsarisch“)


1. Der Mensch wird von Gott (1) aus dem fruchtbaren Ackerboden (aus dem Wort „adamah“ wird er Name Adam gebildet) geformt und erhält (2) den Atmen Gottes als belebendes Element eingehaucht.

2. In der Mitte des Gartens Eden stehen (a) der „Baum des Lebens“ und (b) der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“. Es besteht ein ausdrückliches Gebot, die Früchte dieses Baumes nicht zu essen. Die Folge einer Übertretung wäre der Tod. Nach Augustinus ist der Mensch in diesem „Status“ durch die Möglichkeit des „non posse peccare“ = nicht in der Lage zu sündigen) charkaterisiert.

3. Attribute Gottes wären demnach (a) die Unsterblichkeit und (b) die Fähigkeit, gut und böse zu unterscheiden.

4. Gott formt dem Menschen aus seiner „Mitte“ ein Gegenüber: Eva (= die Lebendige).

5. Die Schlange (=die verführende Kraft) verlockt den Menschen, vom Baum der Erkenntis zu essen: „Ihr werdet keinesfalls sterben“, sagt sie. „Ihr werdet sein wie Gott!“

6. Die Konsequenz ist eine doppelte: (1) Der Mensch verliert seine „Sorglosigkeit“ (Schmerzen, Mühe der Arbeit). Sowie (2): Um den Menschen davor zu bewahren, sich durch den Genuss der Früchte vom Baum des Lebens Unsterblichkeit zu erlangen, wird er zu seinem Schutz aus dem Garten „ausgegrenzt“.
B Der Mensch nach dem Fall („postlapsarisch“)

7. Der Zustand des Menschen nach dem „Fall“ ist jetzt – mit den Worten Augustins – charakterisiert durch das „non posse non peccare“ (nicht in der Lage sein nicht zu sündigen).

8. Aus diesem Zustand bietet die religiöse Tradition zwei Auswege an (deren Verhältnis noch eigens zu bestimmen wäre): (1) Den Weg der Überwindung durch das (ausschließliche) Tun des Guten, d.h. in der Sprache der jüdischen Tradition der Einhaltung der „Weisung“ Gottes (= der Ausdruck „Gesetz“ bringt hier zu negative Zwischentöne). (2) Den Weg der Überwindung durch die Zusage einer neuen, zugesprochenen Kreatürlichkeit: Die christliche Tradition sieht diesen Weg nur durch die „Gleichgestaltung mit Christus“ als gangbar an.
C Der Mensch „nach“ oder „mit“ Christus

9. Voraussetzung dafür, in den Genuss dieser neuen Geschöpflichkeit zu kommen, ist der Glaube an diesen Christus als „Platzhalter Gottes“ inmitten der Schöpfung.

10. Die „Brücke“, die dies ermöglicht und gleichsam die verlorengegangene und von unbegrenzter Lebendigkeit gekennzeichnete Gottesebenbildlichkeit ermöglicht, ist das Geschehen von Karfreitag und Ostern.

11. Äußeres Zeichen dieser Gleichgestaltung ist nach Paulus (Römer 6) die Taufe. Wir werden „in seinen Tod getauft“ , damit wir in der Gleichgestaltung mit Christus am neuen Leben mit ihm teilhaben. Selbstverständlich hat die Taufe auch Folgen: Sie beruft in ein Leben nach den Vorgaben Gottes, dessen Konsequenzen aber immer neu zu erringen sind („Funktion der „Buße“)

12. Diesen Status der Gleichgestaltigkeit Christi zu erhalten, bleibt eine lebenslange Aufgabe. Augustinus spricht davon, der Mensch sei jetzt in der Lage des „posse non peccare“, d.h. des Vermögens, nicht zu sündigen.
D Die biblische Terminologie des Auferstehungsglaubens

13. Für das Fest der Erfahrung der bleibenden Gegenwärtigkeit des gekreuzigten Christus kennt das Neue Testament mindestens vier verschiedene begrifflichkeiten: (a) Christus ist „auferstanden“ / Mk 16,6, u.ö., (b) er wurde „auferweckt“ / Apg. 2,32 u.ö., (c) er ist „erschienen“ resp. „gesehen worden“ / 1. Kor 15,5f u.ö.und (d) er wurde „erhöht“ / Phil 2,9 u.ö.

14. Die Rede von Auferstehung, Auferweckung, Erscheidung oder Erhöhung nimmt ein vertrautes analoges Geschehen in seiner Begrifflichkeit auf, um ein analogieloses Geschehen zu umscheiben, für das keine Begrifflichkeit zur Verfügung steht.

15. Obwohl den Begrifflichkeiten verschiedene Modelle der Deutung des Geschehens vom Ostermorgen zu Grunde liegen, „verschwimmen“ die Terminologien bzw. sie werden parallel und synonym gebraucht.
E Systematisch-theologischer Ausblick

16. Wer heute theologisch verantwortlich vom Auferstehungsglauben spricht, muss klären und offen legen, was er/sie damit meint. Auf alle Fälle ist der Auferstehungsglaube zu unterscheiden von Versuchen, sein Leben (bis ins Unendliche) zu verlängern oder es – etwa nach einem Unglücksfall – zeitlich begrenzt erneut wiederzuerlangen

17. Die Rede vom Auferstehungsglauben macht nur vor einem theologischen Horizont Sinn. Es geht nicht um Lebensverlängerung, sondern um eine in unseren zeitlichen Dimensionen nicht beschreibbare, unbegrenzte „Lebensqualität“ bei Gott („Ewigkeit“).

18. Die Erfahrungen des Ostermorgens beschreiben Jesus von Nazareth gewissermaßen als den Präzenzfall dieses neuen Lebens. Nach 1. Kor. 15,23 ist Jesus der „Erstling“ derer, die von der Auferstehung betroffen sind. Danach ist – nach Paulus in 2 Kor 5,16 – jeder Rekurs auf seine irdische Existenz ohne Bedeutung. Dies steht durchaus in einem spannungsvollen Verhältnis zur Bedeutung einer an Jesus orientierten und theologisch einflussreichen „Imitationstheologie“.

19. Darum hängt auch Erlangung dieser neuen Lebensqalität nicht vom Ende unseres irdischen Lebens ab (Joh 5,24), aber sie muss sich an dieser bewähren.

20. Wenn wir den Auferstehungsglauben mit dem erneuten in Kraft setzen unserer Gottesebenbildlichkeit (wie verhält sich diese zum „Fall“ des Menschen? Ist sie nicht bleibend?) und dem Verlust der paradiesischen Freiheit vom Zwang zu sterben in Beziehung setzen, stehen wir durchaus in der Gefahr, das Leben vor den Pforten des Paradieses gegen alle Erfahrung klein zu reden und madig zu machen. Darüber kann die Predigt scheiter!

21. Viele leben (in unseren Kreisen der wohlhabenden Nordhalbkugel) gut vor den Toren des Paradieses. Mehr noch: Die „Vertreibung“ hat das, was wir Kultur nennen, im Grunde erst ermöglicht. Der Mensch hat – durchaus erfolgreich!“ - alle Vernunft eingesetzt, die Folgen der Vertreibung zu minimieren. Und er greift erneut nach den Früchten des Baumes des Lebens und droht damit, die Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf aufzuheben.

22. Gottesebendbildlichkeit (und Gleichgestaltung mit dem Auferstandenen) sind von der Identität und Gleichheit zu unterscheiden. Leben in der Gottesebenbildlichkeit, Leben im Wissen um die Unterscheidung von gut und böse meint Leben in Entsprechung – bei bleibender Unterschiedenheit.
F Hinweise zur „Auferstehungspredigt“

23. Die Rede von der Gottesebenbildlichkeit und der Auferstehung bewegt sich im Raum des Glaubens.

24. Für diesen Glauben gilt: (a) Der Glaube der Kirche ist immer größer und reicher als unser individueller Glaube und diesem allemal voraus.

25. Und es gilt: (b) Meine Rede vom Glauben darf nicht vollmundiger und aufdringlicher sein als das, was ich mit meinem Glauben decken kann oder im Vertrauen auf größeren Glauben gedeckt weiß – sonst wird meine Predigt unglaubwürdig.

26. Wenn ich von der Gottesebenbildlichkeit spreche, muss ich klären, wie ich diese verstehe: Ist sie bleibend? Ist sie verlorengegangen? Ist sie verdunkelt? Finde ich sie bei allen Menschen? Welche Beziehugn zur Natur setze ich voraus?

27. Auch wenn ich von der Auferstehung / Auferweckung spreche, muss ich klären, aufgrund welchen Glaubens (bzw. welchen „Modells“) ich predige: Was hat der Ostermorgen (und der Karfreitag) mit mir zu tun? Wie verstehe resp. glaube Auferstehung? Wörtlich, symbolisch, als Begründung der Jesus-Verkündigung, als Glaubensakt, als einmaliges, aber vergangenes Geschehen, mich und andere einschließend oder außen vor haltend? Welche Bedeutung hat für mich der theologische Streit der letzten Jahre um die Frage, ob das Grab leer war?

28. Da, wo mein eigener Glaube „Lücken“ hat, schweige ich besser oder beziehe mich auf den Glauben derjenigen, die vor mir geglaubt haben oder mit mir glauben.

29. In allen Formulierungen zum Thema Auferstehung ist es ratsamer, auf allzuviele Formeln zu verzichten. Besser ist es, ganz behutsam und bewusst von dem zu sprechen und zu erzählen, was Auferstehung (mir) bedeutet.

30. Bei keinem anderen Thema können wir die Hörer/innen so gut für uns gewinnen, wie bei diesem. Vom Leben verstehen auch andere sehr viel. Aber von einem Leben, das trägt – jenseits von Unversehrtheit, Erfolg und sogar jensseits all unserer Begrenztheiten; wer von diesem Leben redet, darf sich offener Ohren sicher sein – oder enttäuscht verschlossener Ohren, wenn wir nichts anderes zu sagen haben als andere auch!
G TEXTE

Und Gott der Herr gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkennntis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du von ihm issest, wirst du des Todes sterben. (1. Mose 2,16f)

Da sprach dei Schlange zur Frau: Ihr werdet keiensfalls des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan. Und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. (1. Mose 3,4f)

Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. (1. Mose 3,22)

Denn wenn wegen der Sünde des Einen der Tod geherrscht hat durch den Einen, um wieviel mehr werden die, welche die Fülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, herrschen im Leben durch den Einen, Jesus Christus. Wie nun die Sünde des einen die Verdammnis über alle Menschen gebracht hat, so ist auch durch die Gerechtigkeit des Einen für alle Menschen die Rechtfertigung gekommen, die zum Leben führt. (Römer 5,17f)

Wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Römer 6,3f)

So auch die Auferstehung von den Toten. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. (1. Korinther 15,42-44)

Sieh, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und das plötzlich, in einem Augenblick, zur Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune erschallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden. Denn dies Verwesliche muss anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche muss anziehen die Unsterblichkeit. (1. Korinther 15, 51-53)

Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihen Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wid mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,3-5)



Traugott Schächtele

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