PREDIGT ÜBER RÖMER 3,21-28
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 31. OKTOBER 2004 (REFORMA-TION)
IN DER MELANCHTHONKIRCHE IN FREIBURG-HASLACH


Kein Zweifel, heute geht’s um die Reformation, liebe Gemeinde. Gleich drei verschiedene Zugänge zu diesem Thema kommen mir in den Sinn.

Da gibt es – zum einen - eine ganze Reihe von markanten Ereig-nissen im Umfeld der Reformation: den Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg etwa, heute vor 487 Jahren. Den Reichstag zu Worms. Die Speyrer Protestation, der wir unseren Namen als Protestantinnen und Protestanten verdanken. Um nur einige wenige zu nennen.

Da erinnere ich mich zum zweiten - und vielen wird es ähnlich gehen – an eine ganze Liste entscheidender Begriffe: Gesetz und Evangelium. Die Freiheit eines Christenmenschen. Die Rechtfer-tigung allein aus Glauben. Das allgemeine Priestertum. Auch die-se Liste ließe sich fortsetzen. Alles Begriffe, die zwar verrtaut sind, deren Verständnis uns aber einiges abverlangt.

Und dann gibt es zum dritten die Namen von Menschen, die bis heute wenn nicht in aller dann doch in vieler Munde sind. Philipp Melanchthon etwa, den gebildeten Schöngeist, dem ihrer Kirche ihren Namen verdankt. Martin Bucer, auf den die Wurzeln unse-rer Konfirmation zurückgehen. Oder etwa Jakob Otter, der schon ein Jahr nach dem Thesenanschlag nur wenige Minuten von hier in Wolfenweiler im Sinne der Reformation gepredigt hat und spä-ter der Reformator der Reichstadt Esslingen wurde.

Erinnert sei auch an die meist weniger bekannten Frauen im Kreis im Umkreis der Reformation. Und ich meine jetzt keines-wegs nur Katharina von Bora, nach der in Weingarten seit kur-zem endlich eine Straße benannt ist, sondern etwa Olympia Fla-via Morata in Heidleberg oder Wibrandis Rosenblatt in Basel, die gleich drei der bekanntesten Reformatoren als deren Ehefrau ü-berlebt und die Reformationin ihrem Umkreis unterstützt und mitgeprägt hat.

Und erinnert sei natürlich an Martin Luther, mit dessen Namen die Reformation bei uns bis heute untrennbar verbunden ist. All den eben genannten Menschen und vielen anderen ist etwas ge-meinsam: Die Vorgänge um die Reformation haben ihr Leben entscheidend beeinflusst. Ja sie haben die Theologie gewisser-maßen in ihr Leben gezogen. Sie bewahrt und bewährt, gewagt und weiterentwickelt. Theologie ist allemal mehr als das Bemü-hen, den Glauben denkerisch zu durchdringen und in Worte zu fassen. Theologie muss sich als lebensentscheidend und lebens-gestalten erweisen, wenn sie etwas wert ist. Sie muss sich hinter-fragen und korrigieren lassen. Und sie muss unser Ringen nach Erkenntnis der Wahrheit sichtbar machen. Und uns für unser Le-ben Orientierung bieten.

Martin Luther hat sein persönliches Ringen immer transparent gemacht. Hat sein Leben und seine theologischen Erkenntisse und Entscheidungen auch für seine Mitmenschen sichtbar werden lassen. Selbst und gerade auch in ihren Irrungen. Das Gewitter, in das er in Stotternheim gerät und das ihn zum Versprechen bringt, in ein Kloster einzutreten. Sein sogenanntes Turmstübchenerleb-nis, in dem seine Einsichten zu Klarheit und Präzision finden. Sein Thesenanschlag, der seine Einsichten öffentlich macht. Sei-ne Heirat mit Katharina von Bora, gegen alle Regel und Konven-tion für beide. Theologie zielt ins Leben. Oder sie ist keine wirk-liche Theologie. Spricht nicht von Gott und vom Menschen. Son-dern ist kluges Wortgeklingel.

Hilfreich können dabei sichtbare Zeichen werden. Handfest Haftpunkte, die helfen, dass ein Gedanke, eine Erkenntnis sicht-bar und be-greif-bar werden können. Durch die Altarkunst haben sie sich an den beiden letzten Sonntagen schon in der Fähigkeit geübt, Zeichen und Botschaft in Beziehung zu setzen. Dem Sichtbaren das zugleich Mitgesetzte und Mitgesagte abzuspüren, es zu erahnen und zu erkennen. Einige solcher Merkzeichen möchte ich uns heute in Eriinerung rufen.

Ein anderes von Martin Luther hochgeschätztes Medium, um den Glauben ins Leben zu ziehen, war die von ihm hochgeschätzte Liedkunst. Jene Lieder, die wir heute als Choräle bezeichnen und die so etwas wie ein reformatorisches Markenzeichen sind. Auch hier geht es ihm nicht einfach um gereimte Lehre, sondern um Lebensweisheit in Versform. Ich möchte darum eines seiner be-deutensten Lieder mit dem vorgeschlagenen Predigttext in Bezie-hung setzen. Weil auf diesen Weise auch der steil formulierende Theologe Paulus verständlicher wird. Der fü+r heute vorgeschla-gene Predigttext steht im dritten Kapitel des Briefs des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom in den Versen 21 bis 28.

Das Lied, das ich meine, finden sie im Evangelischen Gesanbuch unter der Nummer 341. Es ist das Lied: „Nun freut euch, lieben Christeng’mein“. Sprachlich ist es ein Kind seiner Zeit. Im Dur-schimmern der persönlichen Erfahrung aber durchaus modern. Wir singen zunächst die Strophen 1 und 2:

EG 341,1+2: Nun freut euch, lieben Christeng’mein

Die an Jesus Christus glauben, werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für unseren Glauben hingestellt ... zum Erweis seiner Gerechtigekit, in-dem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerech-tigkeit zu erweisen, indem er uns zu der Erkenntnis verhilft, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus Christus.


Martin Luther hat ein Leben lang mit dem Teufel gerungen. Auf-gewachsen war er in der Lebenswirklichkeit des Mittelalters, die voll war von Geistern und dunklen Mächten, einer Welt, in der der Teufel buchstäblich überall zu finden war und nicht nur im Detail, sondern in allem steckte, was von Bedeutung war. Luther hört ihn des Nachts, wenn er im Bett liegt. Er hört ihn am Tag, wenn er an seinem Scheibtisch arbeitet.

Und auch heute genau vor einem Jahr, bei meinem letzten Be-such auf der Wartburg, erzählte man uns wieder, wie Luther mit einem Tintenfass nach dem Teufel geworfen habe. Dieses Tinten-fass, das er vermutlich so nie geworfen hat, ist also dennoch ein wichtiges und einprägsames Merkzeichen, um diesen Luther zu verstehen. Ein Symbol für den Grenzgänger zwischen Mittelalter und Neuzeit, ja auch zwischen Gott und den Menschen.

Gott und de TeufelBeide sind sie für Luther gleichermaßen wirk-lich. Und neiamnd anders ist der Kampfplatz, auf dem sich beide um die Vorherrschaft streiten, als eben der Mensch. Einen Tribü-nenplatz, von dem aus wir als unbeteiligt Zuschauende diesen kosmichen Kampf verfolgen könnetn, gibt es nicht. „Man wird entweder von Gott geritten oder vom Teufel“, sagt er einmal. Und „wo immer Gott uns ein Haus baut, setzt der Teufel gleich eines nebendran.“ So erscheint ihm die Reformation als die große endzeitliche Auseinandersetzung um das endgültige Schicksal der Welt.

Und wenn er gerade kein Tintenfass zur Hand hat, oder weil Kä-the auf allzuviele Tintenflecken an der Wand wohl mit ungehal-tenen Reden reagiert hätte, schreibt er – und das wissen wir ver-bürgt von ihm selber mit Kreide “baptizatus sum“ auf seinen Schreibtisch, zu deutsch: Ich bin getauft - – so als käme diesen Worten eine magische Schutzwirkung zu. Auch dieses Stück Kreide, das an dieses Verhalten Luthers erinnert, ermöglicht ein Stück reformatorische Erinnerung. Und es ist zugleich ins Leben gezogene Auslegung der Worte des Predigttextes: „Wir werden gerecht durch die Erlösung, die durch Jesus Christus geschehen ist.“

Der Teufel gleicht also einem aus dem Amt geputschten Tyran-nen. Und unsere Aufgabe besteht darin, desssen Machtverlust öffentlich zu machen. Dbei ist die Zahl der Tyrannen, die an der Macht über uns interessiert sind, heute gewiss nicht kleiner als damals. Bestenfalls haben sich die Namen geändert.

Was haben wir also bisher gefunden bei unserer reformatorischen Spurensuche? Allemal einen von den Mächten des Bösen zutiefst bedrohten uns verunsicherten Menschen Luther. Und zugelich dennoch einen, der durch sein Gottvertrauen – er würde sagen im Glauben an diesen Christus – in der Lage ist, dem Leben trotz seiner vielfältigen Bedrohugnen und gegen alle Widrigkeiten ei-nen tragenden Sinn abzugewinnen.


EG 341,3+4: Mein guten Werk die galten nichts

Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtikeit Gottes offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Pro-pheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit Gottes, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: Alle haben ge-sündigt und die Herrlichkeit veroreb, die Gott ihnen zuge-dacht hatte.

„Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ Wie kann ich vor Gott bestehen, wenn meine Leistung für ihn niemals ausreicht und ihn auch mein Erfolg doch nie zufrieden stellt? Das war die Lebens-frage Martin Luthers, die ihn, wie er einmal schreibt, „mit wil-dem und irrem Gewissen rasen ließ“.

Diese Frage habe sich überholt kann man heute oft lesen. Oder es seien andere Fragen an ihre Stelle getreten. Etwa die Frage, ob es überhaupt einen Gott gebe. Oder die Frage, wo ich einen Sinn, einen tragenden Grund für mein Leben finden kann.

Tilman Moser, der Freiburger Psychoanalytiker, ist vor drei Jahr-zehnten mit er Kirche hart isn Gericht gegangen. „Gottesvergif-tung“ nannte sich sein kleines Bänchen, in dem er mit der Kirche seiner Eltern und seiner Kindheit abrechnete. Vor wenigen Jahren hat er in einem Aufsatz darauf hingewiesen, er würde dies so nie mehr schreiben. Heute würde er die Farge Luthers variieren und fragen: Wie kriege ich einen erträglichen Gott? Einen Gott, der mich sein lässt, wie ich bin. Und der mir Raum läßt auch anders zu werden?

Die Frage nach Schuld und die Frage nach Vergebung ist eben noch lange nicht erledigt. Aber eben nur in diesem Zusammen-hang. Indem wir von Schuld immer nur unter dem Horizont der Möglichkeit reden, von ihr entlastet zu werden.

Luther verwendet dafür den heute anscheinend 0etwas schwer verdaulichen Begriff der Buße. Der Umkehr. Am 31. Oktober 1517 übergibt er ein Baltt mit 95 Sätzen zu diesem Thema der Öffentlichkeit. Heftft es, so erzäjlt man sich, an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg. Dieses Datum hat er dabei nicht ohne Bedacht gewählt. Am darauffolgenden Tag würde das be-liebte Allerheiligenfest besonders viele Menschen in die Kirche locken. Zudem sollte am selben Tage eine große Ausstellung mit wertvolen Reliquien eröffnet werden.

Zunächst noch handschrischtlich und in lateinischer Sprache hat Luther seine Sätze, seine Thesen zu Papier gebracht. Das Faksi-mile einer der ersten gedruckten Ausgaben soll das nächste Merkzeichen, das nächste reformatorische Symbol sein.

Buße oder Umkehr ist kein isolierter kirchlicher Akt, schreibt Luther. Nein, unser ganzes Leben soll unter diesem Vorzeichen der Umkehr zum Leben, der Umkehr zu Gott stehen, heißt es gleich in der ersten These. Und radikalisiert auf diese Weise das Bußverständnis seiner Zeit.

Unser ganzes Leben soll Buße sein – damit ist doch gemeint, wir sollten aufhören zu glauben, wir könnten uns selber aus allen Sümpfen unseres Lebens ziehen. Könnten den Sinn unseres Le-bens selber kreieren.

Unser ganzes Leben soll Buße sein – damit ist doch gemeint, wir sollten endlich aufhören zu glauben, wir hätten alle Probelem des Lebens im griff und könnten mit den Erlenntnissen der Wissen-schaft das Paradies verwirklichen.

Unser ganzes Leben soll Buße sei – damit ist gemeint, wir sollten endlich aufhören zu glauben, Krieg und Gewalt kämen einfach so über uns und seien unvermeidlich. Und die Bergpredigt gelte nur im privaten Bereich, nicht aber für Wirtschaft und Politik.

Unser ganzes Leben soll Buße sein, damit ist nicht weniger ge-meint als dass wir so zu leben versuchen, wie wir es nach Gottes Willen tun sollen. Dass wir so leben sollen, als hinge das ganze Wohlergehen, ja das ganze Überleben von uns ab. Dies ist nach Luther das Gesetz, von dessen Erfüllung wir nicht entbunden sind. Dies aber in dem Wissen, dass alles, auch unser Erfolg und unser gelingen, sich Gott verdanken. Geschenk sind. Und dies genau ist das Evangelium.

Ein Grenzgänger zwischen Gesetz und Evangelium, zwischen Anspruch und Zuspruch, zwischen berechtigter Forderung und unverdientem Geschenk – das ist Martin Luther zeitlebens geblieben. Das ist das Spektrum, in dem sich unser aller Leben abspielt. Oder noch einmal in der Sprache des Predigttextes. „Al-le haben gesündigt.“ Alle bleiben hinter ihren Möglichkeiten zu-rück. Aber niemand muss deswegen sein Leben verwerfen, nie-mand muss ich klein reden und klein machen lassen. Niemand muss sich aufgeben. Weil Gott sich nicht zu schade war, sich klein zu machen und zu werden wie wir.

Gott ist gerecht, indem Gott uns gerecht macht. Gott ist selber Liebe, weil Gott uns liebenswert macht. Akzeptiert und ins recht setzt. Sünderin udn Sünder bleieb wir – und zugleich, ja noch vielmehr von Gott angenommen und -in der Sprache der Refor-mation – von Gott gerechtfertigt.


EG 341,9+10: Gen Himmel zu dem Vater mein

Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Ge-setzes Werke, allein durch den Glauben.

Knapper kann man diese Erkenntnis nicht zusammenfssen! Iesem theologisch so brisanten und und zugleich hochkompliziten Satz Öffentlichkeit und Breitenwirkung verschafft zu haben – das ist das bleibende Verdienst Martin Luthers. Und weil er selber so sehr überzeugt ist von dem, was ihm aufgegangen ist wie ein Lciht in der Nacht, darum wird er frei zum Engagement in dieer Welt.

Doch Martin Luther ist keineswegs ein Heiliger. Will es gar nicht sein. Das „alle haben gesündigt“ des Paulus gilt auch für ihn. Seine Gegner hat er oft in unerträglicher Weise verteufelt. Die aufständischen Bauern lässt er ins offene Messer der Fürsten lau-fen. Die Juden, die sich von ihm nicht überzeugen lassen, gibt er der Verachtung preis.

Nichts anderes war Martin Luther als ein Mensch seiner Zeit. Und mitten in dieser festen Verwurzelung zugleich ein Grenz-gänger. In vielfacher Hinsicht. Auch ein Grenzgänger zwischen der vergehenden und der kommenden Welt. Darauf nimmt ein weiteres Symbol Bezug.

„Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Niemand hat je nach-weisen können, dass dieser Satz tatsächlich von ihm stammt. A-ber treffend für ihn ist er auf alle Fälle. Er könnte ihn so oder so ahnlich tatsächlich gesagt haben.

Jede Generation lebt auf ihre Weise an der Grenze, Leben zu zer-stören oder neues Leben zu eröffnen. Die Fähigkeit, alle kaputt zu machen, ist keine Erfindung unseres Jahrhunderts. Aber noch nie war diese Fähigkeit so groß. Aber sich davon nicht lähmen zu lassen. Jeden Tag neue Bäume der Hoffnung zu pflanzen, das ist die große Kunst, die wir von Martin Luther lernen können.

Wer Grenzen in den Blick rückt, eckt an. Wer auf Grenzen auf-merksam macht, weist aber zugleich auch Wege in neues, unbe-kanntes Land. Und in nichts müssen auch wir uns mehr über als darin, mutig aufzubrechen und Grenzen zu überschreiten.

Eine slche Perspektive der Grenzüberschreitung sehe ich auch im Altarbild von Ulrike Weiß. „Und wenn morgen die welt unter-ginge, würde ich heute noch ein Kunstwerk gestalten.“ So lässt sich der Satz Martin Luthers variieren. Wenn die Welt an ihrem Müll zu ersticken droht, will ich dennoch ein Zeichen des Heili-gen daraus machen. Wie ein heiliger Vorhang wirkt diese Kunst auf mich. Nicht wie eine Dornenkrone, eher wie ein Gewand.

Wenn man die Kirche betritt, wird der Christus im Fenster nicht verdeckt. Er wird interpretiert. Gedeutet. Er ragt über die Kunst hinaus. Scheint durch sie hindurch. Die Vielfalt der Welt als Ge-wand des Christus – diese Verstehensmöglichkeit kam mir in den Sinn, als ich ich das Kunstwerk von Ulrike Weiß auf mich wir-ken ließ. Eine verknüpfte, Grenzen überschreitende Welt. Auch die Grenzen unserer Konfession. Und unserer Religion. Die Got-tesverehrung ist kein christliches Privileg. Wir finden sie sehr wohl auch im Islam. Der Weg zum Selbst als Weg der Verwand-lung. Der Verweis auf die Buße als Umkehr in die Zukunft. Diese Spuren können wir auch im Buddhismus finden.

Irgendwie hat die Altarkunst von Ulrike Weiß etwas vom Apfel-bäumchen Martin Luthers. Hält sie uns einen Spiegel der Wirk-lichkeit vor Augen. Allerdings der am Beginn des 21. Jahrhun-derts nach Christus. Der Christus, nach dem wir die Jahre rech-nen, ist unser Zugang. Aber seine Wahrheit ist nicht unser Besitz. Diese Botschaft spüre ich den kleinen Papierschnipseln mit dem Bild des Christus und des Budha ab. Wahrheit, die diese Welt durchdringt. Und die wir meist nicht anders haben als im Frag-ment. Im Bruchstück. In Gestalt der Unvollkomenheit. Und die dabei doch weit über sich hinausweist. Und uns eine Ahnung von der Schönheit der Welt vermittelt. Und von der Schönheit des Himmels.

„Gott liebt uns nicht, weil wir schön sind“, sagt Martin Luther einmal. „Sondern wir sind schön, weil Gott uns liebt“. Schön sind wir also in Gottes Augen. Und gerecht. Liebenswerte Kunstwerke des Lebendigen durch die die Wirklichkeit Gottes hindurchschimmert.

Dies ist der Grund, sich Jahr für Jahr an die Reformation zu erin-nern. Reformation - so verstanden, liebe Gemeinde, bleibt eine lebenslange Lernaufgabe. Ist nie zu Ende. Steckt voller Überra-schungen. Bietet neue Perspektiven. Aber sie muss jeden Tag auf’s Neue gewagt werden. „Damit wir“, um noch einmal Ulrike Weiß zu zitieren, „damit wir wissen, wer wir sind.“ Eben lie-benswerte Kunstwerke des Lebendigen durch die die Wirklich-keit Gottes hindurchschimmert. Amen.

Traugott Schächtele

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