ANSPRACHE ANLÄSSLICH DER GEDENKFEIER
DER STADT FREIBURG ZUM VOLKSTRAUERTAG 2004 AUF DEM HAUPTFRIEDHOF
GRENZENLOSE KRIEGSVERHÜTUNGSTRAUER MACHT ZUKUNFT MÖGLICH


Sehr geehrte Damen und Herren,

machen Gedenktage Sinn? Sie sind an diesem Sonntagvormittag gewiss nicht ohne Grund der Einladung zur Gedenkstunde am Volkstrauertag gefolgt. Der Volkstrauertag – genauer gesagt – die Art und Weise, wie wir ihn begehen – ist immer ein Spiegel unseres Umgangs mit unserer Geschichte gewesen. Dies gilt nicht nur für die Zeit, in der er in den Diensten einer menschenverachtenden Ideologie den Kriegstod als Heldentod verklären helfen sollte. Immer hat uns der Volkstrauertag vor die Frage gestellt, wie wir die Institution des Krieges als politische Option bewerten oder einfacher gefragt: wieviel uns ein Menschenleben – und das Überleben der Menschheit – wert ist.

Ich spreche heute zu ihnen als jemand, der 12 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegens geboren wurde. Darum sind für mit den Erinnerungen an meine Kindheit trotz der gewiss materiell bescheidenen Verhältnissen einer neunköpfigen Familie gottseidank keine Kriegserinnerungen verbunden. Beide Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts traten für mich zunächst in den vielfachen Erzählungen meines Vaters und meines Großvaters in den Blick. Und noch einmal ganz anders in den Schilderungen der Erfahrungen meiner Mutter. Dies aber unter dem Vorzeichen: Sie alle hatten ja überlebt. Obwohl natürlich auch in der Verwandtschaft meiner Eltern genügend Kriegsopfer zu beklagen waren.

Dieses Jahr 2004 ist mehr als andere Jahre zuvor von Gedenktagen dessen geprägt, was vor 60 Jahren unselig und leidvoll Geschichte gemacht und Geschichte geprägt hat. Die Landung der Allierten in der Normandie am 6. Juni 1944. Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Der Beginn des Warschauer Aufstands am 1. August 1944 – und dann jener unsinnige Bombenabend des 27. November, der die Innenstadt Freiburgs und weitere Stadtteile in kürzester Zeit verheert und verwüstet hat. Rund 14.000 Sprengbomben, abgeworfen in gerade 20 Minuten, haben am Ende knapp 3.000 Menschen den Tod gebracht und abertausende Überlebende obdachlos gemach hat. In einem ökumenischen Gottesdienst im Münster werden wir in knapp zwei Wochen dieses Anlasses gedenken.

Machen Gedenktage, macht dieser Volkstrauertag Sinn? Die kürzlich inszenierte Diskussion um die Abschaffung des 3. Oktober als nationalem Gedenktag der deutschen Einheit hat diese Frage auch in die öffentliche Diskussion eingeführt. Und ich bin sicher, dass nicht nur der Wunsch nach einem arbeitsfreien Tag zu dem nachfolgenden Sturm der Entrüstung und der Forderung nach der Beinehaltung dieses Tages geführt hat. Gedenktage stiften Identität. Darum müssen wir um so mehr und um so sensibler darauf achten, dass sie nicht dem Missbrauch zum Opfer fallen und in den Dienst der Übermittlung ganz anderer als der beabsichtigten Botschaften gestellt werden. Was den Tag der deutschen Einheit angeht: Es wäre gut, ihn unter europäischem Vorzeichen zu feiern oder ihm gar einen Europa-Feiertag an die Seite zu stellen. Damit ganz klar ist, dass wir uns für das erst ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende wieder vereinte Deutschland eine andere als eine europäische Zukunft gar nicht mehr vorstellen können – und wollen.

Der Volkstrauertag richtet seinen Blick zunächst zurück auf die schrecklichen Ereignisse der Vergangenheit. Wir erinnern uns – zum einen – der Toten, der Opfer der beiden großen Weltkriege des 20. Jahrhunderts. Ihre Zahl und die Zahl der unverheilten Wunden ist zu groß, als dass wir uns der Aufgabe dieses Gedenkens einfach entledigen könnten. Aber wenn dieser Tag nach wie vor helfen soll, Identität zu stiften, kann dies – zum andern - nur im Blick auch in die jüngere und jüngste Vergangenheit geschehen. Bewähren muss sich diese Identität am Ende ohendies im Blick nach vorne. Die Vergangenheit können wir zu verstehen suchen und sie interpretieren. Gestalten können wir nur die Zukunft.

Das markanteste Datum der jüngeren Vergangenheit, das auf ein aktuelles Verstehen des Volkstrauertages einwirkt, ist das des 11. September 2001. Seitdem ist die Vokabel von der Notwendigkeit des Krieges – dieses Mal des gegen den Terrorismus zu führenden – wieder hoffähiger geworden. Dass wir uns als Bundesrepublik Deutschland nicht dazu verführen ließen, in die alliierten Kriegskoalition im Irak einzutreten, hat allemal – auch – mit den besonderen Erfahrungen eines vor 60 Jahren kriegszerstörten Landes zu tun. Die Entwicklungsgeschichte des Irakkrieges hat einmal mehr gezeigt, dass wir diese Welt aus der Position der vermeintlichen oder wirklichen Überlegenheit heraus nicht wirklich besser machen können. Gelingen wird uns dies nur, wenn wir stattdessen die besseren Pläne und Visionen für den Frieden haben. Gerade an einem Tag wie dem heutigen Volkstrauertag kommen wir deshalb gerade nicht darum herum zu sagen: Es bleibt höchste Wachsamkeit geboten, damit das Bekenntnis der ersten Vollversammlung des Weltrats der Kirchen - formuliert im Jahre 1948 in Amsterdam - das Bekenntnis nämlich, dass „Krieg nach Gottes Willen nicht sein soll“, nicht klammheimlich oder gar öffentlich auf dem Altar des tagespolitischen Pragmatismus und scheinbarer unabänderlicher Notwendigkeiten geopfert wird.

Gedenktage können hier tatsächlich helfen – und Sinn machen. Die Erinnerung an zentrale Daten ebenso wie der Volkstrauertag. Natürlich ist es nicht damit getan, die Aufgabe, ja die drängende Notwendigkeit der Erinnerung auf einen Tag zu reduzieren. Aber dieser eine Tag – diese besonderen Tage der konzentrierten Erinnerung - entfalten als exemplarische, stellvertretende Tage eine enorme Kraft. Sie bewahren vor dem Vergessen, indem sie Vergangenes wachhalten. Sie führen zur Auseinandersetzung, indem sie uns zum Blick in die Geschichte nötigen. Sie ermöglichen Zukunft, weil sie uns Trauerarbeit und Erinnerung in heilsamer Distanz ermöglichen; Erinnerung gewissermaßen erträglich machen, ohne dass gleich wieder alle Abwehr- und Verdrängungsmechanismen zum Einsatz kommen.

Nur vor einem möge uns die geschichtliche Distanz auf Dauer bewahren. Vor Geschichtklitterung und vor Verklärung. Selbst der Mut derer, die im Widerstand ihr Leben riskierten und viel zu häufig auch verloren, verleiht dem verheerenden Un-Sinn politisch-rassistichen Größenwahns auch im Nachhinein keinen Sinn – nicht einmal den, dass wir uns mit denen trösten, die dem Bösen die Stirm geboten haben. Das Leben der Opfer bleibt sinnvoll, über ihren Tod hinaus. Nicht aber die Überzeugungen und das Handeln derer, die den Mut der Widerstehenden provoziert haben.

Darum ist es sehr wichtig, dass dieser heutige Tag nicht nur ein Gedenktag ist wie jeder andere. Er ist vielmehr ein Tag, der die öffentliche, stelvertretende Trauer als Thema hat. Nur wenn wir die Unfähigkeit zu trauern, von der Alexander und Margarete Mitscherlich schon vor fast vier Jahrzehnten gesprochen haben, wirklich überwinden, kann dieser Tag seinem Anspruch auf heilsame und zukunftsgestaltende Erinnerung wirklich gerecht werden. Und wie jedem Krieg am Ende vor keiner Grenze mehr Halt macht, auch nicht vor der der letzten, sinnlosen Gewaltanwendung gegenüber allem, was Menschen heilig ist, so muss auch die ihm korrespondierende Trauerarbeit eine nicht nur individuelle und persönliche sein. Sie ist dem Gemeinwesen als ganzes auferlegt und auf die öffentliche Reaktion angewiesen. Tage und Gedenkstunden wie diese spiegeln diese Einsicht wieder.

In der friedenspolitischen Diskussion der letzten Phase des Ost-West-Konfliktes hat man das Wort von der intelligenten Feindesliebe geprägt. Gemeint war dami die Aufforderung, in die eigenen Überlegungen hinsichtlich des Umgangs mit den sogenannten Feinden immer auch das Bild einzubeziehen, das andere von uns gewonnen haben. Vieleicht sollte man darum auch von der intelligenten Trauer sprechen. Damit meine ich diejenige Form der Trauer, die danach fragt, wo wir selber für andere die Notwendigkeit der Trauer mitverursacht haben. So verstanden hängt die Zulunft des Volkstrauertages entscheiden davon ab, inwieweit es uns gelingt, diese Trauer in den Dienst der Kriegsvermeidung zu stellen. Sie also gewissermaßen zur grenzenlosen Kriegsverhütungstrauer werden zu lassen.

Ziel dieser Kriegsverhütungstrauer ist vor allem die Vermeidung der unglückseligen Wiederholung. Gelingen kann die Vermeidung nur, wenn wir unsere je eigene und doch zugleich öffentlich wirksame Verstrickung in die Ursachen der Kriege und der Katastrophen wahrnehmen. Die daraus resultierende und angemahnte Änderung unseres Denkens, diesen Wille zur Umkehr in unserem Denken und Handeln, nennen wir in der Sprache der Kirche Buße. Dass wir dieser Buße vor einem Jahrzehnt den Tag der konzentrierten und zugleich stellvertretend im gottesdienstlichen Ritual begangenen Wertschätzung genommen haben, hat es dem Volkstrauertag nicht leichter gemacht – ihm gewissermaßen die Feiertagsschwester an seiner seite weggerissen. Als Zeichen der sehenden Auges selbetgewählten wertebezogenen Selbstkorrumpeirung hält uns dieser Verlust bis heute einen beschämenden Spiegel vor.

Dieser Volkstrauertag 2004 ruft uns zur Umkehr – zur Umkehr in eine hoffentlich gerechtere, kriegsärmere und friedlichere Zukunft. Er nimt uns in die Pflicht mitzuwirken am Aufbau einer Welt, in der – wie es im 85. Psalm heißt – „Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“. Und ich möchte hinzufügen: Der Volkstrauertag erinnern uns an unsere Verantwortung, diese Welt so zu behandeln, dass sie auch den nach uns Kommenden als liebenswerter Lebensraum erhalten bleibt.
Traugott Schächtele

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