PREDIGT ÜBE MATTHÄUS 24,1-14
GEHALTEN IN DER CHRISTUSKIRHE IN NEUSTADT
AM SONNTAG, DEN 5. DEZEMBER 2004 (2. ADVENT)


Liebe Gemeinde,

wie stellen sie sich das Ende der Welt vor? Wie die Astronomen, die davon ausgehen, dass in ca. 4 Milliarden Jahren die Erde im Rahmen astrophysischer kosmischer Prozesse aufhören wird zu existieren? Oder glauben Sie, dass wir Menschen diesem Planeten schon weitaus früher den Garaus machen: als Folge eines eskalierenden militärischen Konflikts, an dessen Ende nur noch pure Zerstörung steht? Durch die fortlaufende Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen, indem wir unsere Nahrung und unsere Luft gleichermaßen vergiften? Durch Eingriffe in das Erbgut der Menschen, deren Folgen unabsehbar sind?

Halten sie’s lieber mit denen, die nach dem Prinzip „Nach uns die Sintflut“ einfach drauf los leben – ohne die Folgen ihres Tuns und Lassens zu bedenken? Oder lassen sie sich durch einen Glauben trösten, der sich die Frage nach dem Ende aller Dinge selbst verbietet und der mit im Schoß übereinander gelegten Händen einfach abwartet, was die Zukunft bringt?

Das Ende der Welt – ist das überhaupt eine angemessene Frage mitten im Advent? Der Advent ist schließlich die Zeit, in der wir uns auf das Fest einer besseren Zukunft einstellen. Die Zeit, in der wir den Blick nach vorne richten und uns lösen sollen von dem, was uns den Rest des Jahres plagt und in Beschlag nimmt.

Seit alters her ist die Frage nach dem Sinn böser Zeit die Frage der Kirche am zweiten Advent. Damit wird öffentlich gemacht: Advent ist nicht die Zeit, die Augen zu verschließen. Advent ist die Zeit, der Realität ins Auge zu schauen. Auch der Realität des Bösen. Der Realität, dass wir uns womöglich selber den Garaus machen.

Der Predigttext für diesen zweiten Sonntag im Advent schont uns darum nicht. Und seine Bilder sind so eindrücklich, dass wir es schwer haben, sie von uns zu schieben und sie - je nachdem – in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu verorten. Ich lesen aus Matthäus 24 die Verse 1-14:


Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde. Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhandnehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.


Kaum vorstellbar, liebe Gemeinde, wie den Menschen zumute gewesen sein muss, die am 27. November 1944 abends gegen halbneun das Freiburger Münster verlassen haben. Rauch und die Rufe nach vermissten Angehörigen, Schutt und die Schreie verletzter. Verstört umherirrende Menschen. Tote unter den Trümmern. Die den Münsterplatz umgebenden Gebäude halb oder ganz zerstört. Und – wie ein Wunder als Finger Gottes in den Himmel ragend – das beinahe unversehrt gebliebene Münster. „Du wirst nicht fallen, mein geliebter Turm / Doch wenn des Richters Blitze Dich zerschlagen / Steig in Gebeten kühner aus der Erde.“ So hatte Reinhold Schneider nur wenige Monate vorher in fast prophetischer Vorausahnung gedichtet. In einem ökumenischen Gottesdienst im überfüllten Münster haben wir die Erinnerung an diese Nacht des Schreckens begangen.

„Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ So fragen die Jünger im heutigen Predigttext ihren Meister. Ob es tatsächlich diese Frage war, die in den Menschen damals vor 60 Jahren aufgestiegen ist? Die Sehnsucht nach dem Kommen Christi hatte sich in die Frage nach den Möglichkeiten des nackten Überlebens übersetzt. Und in die Hoffnung gegen allen Augenschein, den einen oder die andere doch noch dem Tod entreißen zu können.

„Und es wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.“ Der große Trost Freiburgs mitten in der noch größeren Katastrophe war nicht allen beschieden. Die alte Ludwigskirche an der Habsburger Straße und die alte Lutherkirche bei den Uni-Kliniken waren nur noch Trümmerhaufen.

Vier Jahre zuvor war eine andere großartige Kathedrale im Bombenhagel in sich zusammengetroffen. Am 14. November 1940 hatte die Luftwaffe in der Operation „Mondscheinsonate“ die Innenstadt des englischen Coventry dem Erdboden gleich gemacht. „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen?“ Die Erwartung, dass der kommt, der allein noch aus dieser Katastrophe heraushelfen kann – diese Erwartung war dem Advent womöglich um vieles näher als alles, was als Zeichen des Advent gegenwärtig um uns herum wahrnehmbar ist. Lichtergeschmückte Schaufenster und Straßen. Adventlich dekorierte Wohnungen. Einlullende Klangteppiche über Glühweinduft und Rummelmusik.

Dabei spielt sich doch auch vor unseren Augen viel mehr ab, als wir eigentlich verkraften können. Der tagtäglich Krieg im Irak und kein Ende. Millionenfaches Sterben an AIDS vor allem in Afrika. Unerträgliche und gerade deshalb kaum mehr registrierte Nachrichten über den Völkermord im Sudan. Zunehmende Verarmung, der auch politisch kaum mehr wirksam gewehrt wird – mitten in Deutschland. Ein Brandanschlag auf eine Moschee in Sinsheim – in unserem Bundesland.

Nur noch zum Heulen kann einem da eigentlich noch zumute sein. Und ich habe mir schon mehr als nur einmal gewünscht, die Generalsynode der Evangelischen Landeskirche im Großherzogtum Baden hätte vor 90 Jahren – im Jahre 1914 – dem Antrag des Heidelberger Stadtpfarrers Hermann Maas stattgegeben, den zweiten Sonntag im Advent als Friedenssonntag zu begehen.

Und ich wünsche mir auch, Carl Friedrich von Weizsäcker hätte im Jahre 1985 mehr Erfolg gehabt mit seinem Aufruf zu einem ökumenischen Konzil der Kirchen, „das den Frieden Christi ausruft über die rasende Welt“, um es mit Worten Dietrich Bonhoeffers zu sagen. Und die Welt hätte, so fährt Bonhoeffer dann fort, dieses Wort, das sie alleine noch verändern kann, „zähneknirschend zur Kenntnis nehmen müssen.“ Advent ist eben nicht nur die Erwartung des Ersehnten, sondern nicht selten zugleich auch die Erwartung des einzig Hilfreichen – und sei’s sogar gegen den Widerstand der eigenen Bequemlichkeit und der Lähmung durch den eingefahrenen Trott.

Tränen angesichts des Zustands der Welt. Tränen, geweinte und ungeweinte, heimliche oder sogar öffentliche – sie sind ebenso, ja noch vielmehr Zeichen der Ernsthaftigkeit unserer adventlichen Gestimmtheit. Und einmal mehr kommt uns der in den Sinn, dessen Ankunft wir im Advent erwarten. Jener Jesus aus Nazareth, von dem wir lesen: „Als er nahe bei Jerusalem war, sah er die Stadt und weinte über sie und sprach: „Ach, wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was deinem Frieden dient.“

Adventliche Erkennungszeichen – genau danach wird Jesus von seinen Jüngern gefragt. „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt?“ Die Antwort, die Jesus gibt, ist ernüchternd.

Zunächst: Es wird nicht besser. Im Gegenteil: Es wird alles noch schlimmer kommen. Und die Rede ist in seiner Aufzählung von Kriegen und Kriegsgeschrei, von Aufständen der einzelnen Völker und von aufbrechenden Bürgerkriegen, von Naturkatastrophen und Hungersnöten, von Gurus und falschen Propheten, von Verführung, Ungerechtigkeit und erkalteter Liebe.

Fast 2000 Jahre alt ist dieser Text. Und doch von ungebrochener, von immer wieder neu bestätigter und immer wieder auf’s Neue überbotener und übertroffener Aktualität. Und wen kann es da noch wundern, wenn es kein Jahrhundert gibt, in dem nicht von neuem das Ende der Welt angekündigt und erwartet wurde. Wen kann es da noch ernstlich wundern, dass immer wieder auch Menschen sich eben auf diesen Text bezogen haben, um zu sagen: Es musste ja geradezu so kommen! All dies, was da beschrieben wird, das sind doch die Geburtswehen der neuen und von Gott zum Guten hin verwandelten Welt.

Ein Gott wäre das, der den Karren erst in den Dreck fahren lässt, damit er ihn dann umso erfolgreicher wiederherausziehen kann. Die Vorstellung eines solchen Gottes macht mir Mühe. So kann Jesus das nicht gemeint haben. Und so ist es auch nicht gemeint.

Was uns im Predigttext als apokalyptische Zukunftsschilderungen aus dem Mund Jesu überliefert wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung als Beschreibung der Gegenwart – und zuallererst als Beschreibung der Gegenwart der Gemeinde zur Zeit der Entstehung des Matthäus-Evangeliums, also irgendwann kurz vor der Wende vom ersten zum zweiten Jahrhundert.

Ein Szenario des Schreckens spielt sich ab vor den Augen bedrohter und verfolgter Menschen. Der Kaiser in Rom ist die Personifizierung des Bösen. Und man hat allen berechtigten Grund zur Annahme, alles würde noch viel schlimmer kommen.

Doch am Ende bleibt nicht einfach nur der Untergang der Welt als einzig realistische Perspektive. Am Ende steht die Verbreitung der Guten Nachricht von der Menschenfreundlichkeit und Weltzugewandtheit Gottes. Am Ende steht die Zusage der Möglichkeit des guten Endes für alle Welt: „Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker.“ Und dann – erst dann – wird das Ende kommen!“ Was für eine große Hoffnung für die Welt und den ökumenischen Erdkreis!

Hinter aller Erfahrung des Bösen bleibt darum die Zuversicht des guten Endes der tragende Grund. „Wer beharret bis ans Ende, der wird selig.“ Wenn das keine gute Nachricht ist in diesen adventlichen Tagen, was dann?! Nicht dass alles so kommen und ins Böse gewendet werden muss, lautet darum die Botschaft des Textes. Er sagt vielmehr, dass die Welt so wie sie ist, nicht bleibt. Sie sagt, dass Gott kommt, gerade weil die Welt so ist, wie sie ist Wie wir sie beklagen. Und wie wir sie erleben. Aber eben nicht für immer.

Die, die uns diese Botschaft übermitteln, das sind die Menschen der Gemeinde des Matthäus. Das sind Schwestern und Brüder, die vor beinahe 2000 Jahren vermutlich irgendwo im heutigen Syrien gelebt haben. Keine Bildungsbürger waren das und keine Mittelschicht. Kleine Leute und doch Botschafterinnen und Botschafter einer großen Hoffnung. Der Hoffnung, dass die Strategen der Macht und des Erfolgs nicht durchkommen. Der Hoffnung, dass die Welt nicht von ihrer Ansicht, sondern von ihrer Aussicht lebt. Der Hoffnung, dass das Elend, wenn es denn schon keine Ende nehmen will, nicht das letzte ist, was Gott mit dieser Welt im Sinn hat. Der Hoffnung, dass Gottes Liebe am Ende diese Welt erneuern und zum Guten verwandeln wird.

Und je mehr wir ins Zweifeln geraten angesichts dessen, was wir mit unseren eigenen Augen sehen und mit unseren eigenen Ohren hören, desto stärker wird unsere Erwartung, Gott möge unsere Geduld nicht auf Dauer auf die Probe stellen. Desto größer wird unsere Sehnsucht nach Advent.

Advent – Gott kommt! Darum macht auch die Frage der Jünger sehr wohl Sinn: „Was wird das Zeichen sein für dein Kommen?“ Die Zeichen der Gegenwart und die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Gott kommt! Vielmehr noch: Gott ist gekommen. Doch nicht als Triumphator und Schutzpatron der Mächtigen. Gott kommt und ist gekommen als Bruder und als Schwester all derer, die ihn nötig haben. Gott kommt und ist gekommen als einer, der sich selbst nicht zu schade ist, unsere Lebensumstände mit uns zu teilen – wie apokalyptisch sie sich im einzelnen auch darstellen mögen. Gott kommt und ist gekommen, als einer, der sich rettend einmischt in die todbringenden Spiele dieser Welt.

Daran erinnert uns der Advent. Daran sollen wir uns erinnern lassen. Wir warten nicht einfach, dass wahr wird, was wir erhoffen. Wir warten, dass wir endlich mit eigenen Augen sehen, was längst wahr und wirklich ist. Diese Welt ist nicht am Ende. Diese Welt ist mitten hineinverwoben in die große Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung, die uns Befreiung und Zukunft ermöglicht. Und damit ist diese Welt immer wieder am Anfang neuer Möglichkeiten. Und nichts anderes wird das Ende sein, als dass wir Gott näher sein werden als je zuvor. Amen.

Traugott Schächtele

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