DAS ENDE DER WÜSTENZEIT
PREDIGT ÜBER LUKAS 3,1-14.18
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 12. DEZEMBER 2004 (3. ADVENT)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN WOLFENWEILER


„Wo könnte man Weihnachten besser verbringen als in der Wüste? Statt Weihnachtsgans und Rotkohl gibt es Lamm am Spieß über dem Lagerfeuer gebraten, leckere Bricks und süßes Gebäck. Der Ort, eine romantischer, von hohen weißen Mauern umgebener Innenhof, überdacht mit einem reich geschmückten Sternenhimmel. Trommelrhythmen und der unverwechselbare Klang der Beduinen-Flöte durchdringen die Nacht.“

Mit diesen verlockenden Sätzen, liebe Gemeinde, wirbt ein großes Reisebüro auf seiner Internetseite für eine weihnachtliche Reise in die Wüste Tunesiens. Wanderreisen durch die Wüste sind der neue Hit im Reiseangebot. Über Weihnachten schon für 1.348 € zu haben. „Die Wüste ist der ideale Ort zum Abschalten und Auftanken“, heißt es dann weiter auf der Werbehomepage. „Viel Bewegung, gesundes Essen und neue Eindrücke sind eine echte Abwechslung zum Alltag. Vergessen Sie einmal den Alltag und genießen Sie die Ruhe und Weite der Wüste!“

Die Wüste – der so ganz andere Ort, um in Kontakt mit den großen Lebensfragen zu kommen. In der Seele Verschüttetes kommt endlich zu seinem Recht. Schon mehr als einmal habe ich Menschen begeistert von einer solchen Reise erzählen hören. Warum ich Ihnen das erzähle?

Der Predigttext für den heutigen 3. Advent führt uns auch in die Wüste. Und er bringt uns in Kontakt mit jenem Menschen, der wie kein anderer das Urbild des Wüstenbewohners ist. Zumindest in der Bibel. Nur mit einem Fell soll er bekleidet gewesen sein und sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt haben. Spätestens jetzt ahnen sie, um wen es heute geht. Um Johannes, den Täufer.

Einen Ort des Ruhe und des Rückzugs – so wie ihn die Reisebüros anpreisen, hat Johannes in der Wüste nicht gefunden. Er unterhielt eher eine Art geistliches Zentrum. Die Menschen müssen, so lesen wir’s gleich mehrfach in den Evangelien, zu Hunderten zu ihm hinausgepilgert sein. Und das nicht ohne Grund. Es waren – wie heute - Menschen auf der Suche. Aber nicht auf der Suche nach einer kleinen Verschnaufpause. Sie waren auf der Suche nach Sinn. Auf der Suche nach Leben. Und nach Orientierung. Sie wollen wissen, worauf es ankommt im Leben.

Hört also jetzt, was der Evangelist Lukas im dritten Kapitel berichtet:

Im fünfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius, als Pontius Pilatus Statthalter in Judäa war und Herodes Landesfürst von Galiläa und sein Bruder Philippus Landesfürst von Ituräa und der Landschaft Trachonitis und Lysanias Landesfürst von Abilene, als Hannas und Kaiphas Hohepriester waren, da geschah das Wort Gottes zu Johannes, dem Sohn des Zacharias, in der Wüste. Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden, wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja: »Es ist eine Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen.« Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiss gemacht, dass ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buße; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken. Es ist schon die Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun? Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso. Es kamen auch die Zöllner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun? Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist! Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!

Kein angenehmer Wüstenaufenthalt wird das gewesen ein, liebe Gemeinde. Johannes hat die Menschen nicht geschont, die sich zu ihm auf den Weg gemacht haben. Er hat ihnen gehörig ins Gewissen geredet. Eigentlich wollten die Menschen von ihm ja getauft werden. Die Taufe des Johannes war etwas ganz Neues zur damaligen Zeit. Es war eine öffentlicher Zeichenhandlung. Ein Bekenntnis, dass man bereit ist, sein Leben zu ändern. Sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Und auf Gewalt zu verzichten.

Heute würde man sagen: Wer mit Johannes in den Jordan stieg, um getauft zu werden, der oder die wollte es in Zukunft mit der Frage nach dem rechten Tun – wir können auch sagen - mit der Ethik – etwas genauer nehmen. Die Taufe durch Johannes – wer sich ihr unterzogen hatte, der war auf der Höhe der Zeit in jenen unruhigen Tagen. Der gehörte zu denen, die wussten, was angesagt war im Moment, wenn man dazugehören wollte.

Wir können ja ziemlich genau sagen, wann sich diese Welle des Wüstentourismus abgespielt hat. Wie immer legt der Evangelist Lukas Wert darauf, seinen Bericht von den Lebensumständen Jesu historisch genau einzuordnen. Wir kennen diese Vorliebe ja auch aus dem Weihnachtsevangelium, in dem vom Kaiser Augistus die Rede ist und von jener Zeit, in der Quirinius Statthalter in der Provinz Syrien war.

Hier nennt Lukas das 15. Regierungsjahr des römischen Kaisers Tiberius. Er erwähnt Pontius Pilatus, den wir aus der Passionsgeschichte kennen sowie Herodes und dessen Bruder, beides Söhne jenes Herodes, der in der Weihnachtsgeschichte eine wenig rühmliche Rolle spielt. Zuletzt, als sei auch das noch nicht genug, bringt Lukas auch noch zwei der damaligen Hohepriester ins Spiel, nämlich Kaiphas und Hannas. Damit ist klar, dass wir uns mit größter Wahrscheinlichkeit im Jahr 28 oder 29 n.Chr. befinden.

Aber nicht nur dieses Jahr an sich ist von Bedeutung. Die Einordnung in den geschichtlichen Horizont bewahrt den Text – und das ganze Evangelium – davon, irgendwie im Schatz der Mythen aus grauer Vorzeit abgelegt zu werden. Was ich euch berichte, will Lukas hiermit sagen, hat sich tatsächlich so zugetragen. Ist eine Geschichte von Menschen aus Fleisch und Blut. Eine Geschichte die den Rahmen bildet für jene andere Geschichte von der Menschenwerdung Gottes, die sich ja auch genau datieren lässt.

Es gibt überhaupt eine ganze Reihe von Übereinstimmungen zwischen dem Bericht von Johannes dem Täufer. Und jenem von Jesus aus Nazareth. Beide sind kunstvoll ineinander verwoben. Wobei Lukas eine klare Rollenzuweisung vornimmt. Der eine, nämlich Johannes, ist der Vorläufer. Der, der dem anderen gewissermaßen den Weg bereitet. Der andere, Jesus, ist der, um den es eigentlich geht.

Zu Lebzeiten der beiden war dieses Verhältnis nicht einfach schon in dieser Weise geklärt. Der Kreis um Johannes und der Kreis um Jesus standen in Konkurrenz zueinander. Und manche Ausleger vermuten sogar, Jesus habe zunächst selber zu den Anhängern des Johannes gehört, ehe er sich gewissermaßen selbständig gemacht habe. Zwischen beiden gibt es Übereinstimmungen. Aber ebenso auch Unterschiede.

Beide predigen die Nähe des Reiches Gottes. Und zugleich die Notwendigkeit der Umkehr. Beide lassen die Menschen wissen, dass ein neues Leben, ein Leben unter veränderten Vorzeichen, ein Leben in Verantwortung vor Gott, möglich sei. Beide machen sie die Erfahrung. Diese Botschaft ist gefragt. Diese Botschaft bringt Menschen dazu, nach ihren Möglichkeiten der Umkehr zu fragen.

„Was sollen wir denn tun?“ Gleich dreimal kommt im Predigtext diese Frage vor. Wir haben es vorhin ja sehr eindrücklich gehört. Nicht ganz allgemein wird hier gefragt. Sondern sehr konkret im Blick auf die je eigenen Lebensumstände. Zunächst ist es das Volk insgesamt, das so fragt. Das heißt, es geht hier wohl um die Frage, die die Menschen wohl am meisten beschäftigt. Die alles entscheidende Frage. Und Jesus gibt ihnen den Rat, das, was sie haben, mit denen zu teilen, die leer ausgegangen sind.

Was so banal und einfach klingt, ist es womöglich gar nicht. Es werden nicht in erster Linie die Reichen gewesen sein, die sich auf den Weg in die Wüste gemacht haben. Das bedeutet, die, denen Jesus diesen Rat gibt, sind Menschen, die selber nur mit dem Allernötigsten ausgestattet gewesen sind. Wenn sie zum Teilen aufgefordert werden, dann geht es für sie ans Eingemachte. Und dies deswegen, damit auch die anderen überleben können.

Wir erleben in Deutschland gegenwärtig eine nach wie vor heftige Diskussion um Hartz IV. Eben ist dieses Wort zum Wort des Jahres 2004 gewählt worden. Die Diskussion hat schon viel Staub aufgewirbelt. Und dies deshalb, weil die Menschen ein sehr genaues Gespür für die Fragen der Gerechtigkeit haben. Und weil sie zurecht danach fragen, ob der Mangel, den der Staat mit diesem Gesetz verwaltet, gerecht verteilt wird. Ob er den einen viel mehr aberverlangt als den anderen. Auch gesellschaftlich verordnete Zumutungen müssen gerecht verteilt werden. Sonst leidet die Glaubwürdigkeit. Und das Gemeinwesen nimmt Schaden.

Kein Wunder, dass Jesus den Steuereinnehmern darum diese Rat gibt: „Fordert nicht mehr, als euch vorgegeben ist.“ Das verloren gegangene Maß der Gerechtigkeit ist die häufigste Quelle großer Auseinandersetzungen. Was für die Gerechtigkeit gilt, gilt auch für die Gewalt. „Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und lasst euch genügen an eurem Sold!“ Das ist die Antwort des Johannes an die Soldaten, die auch die Frage an ihn richten: „Was sollen wir tun?“

„Haltet das rechte Maß ein. Und lasst euch nicht dazu verlocken, auf die Möglichkeiten eures Reichtums und die Möglichkeiten eurer Macht zu vertrauen. Gebt eurem Leben eine andere Grundlage. Speist euch aus anderen Wurzeln. Damit ihr andere Früchte bringen könnt.“

All das klingt wie eine harte Forderung. Aber es ist sehr wohl anders verstanden worden. Und mit vielem anderen mehr ermahnte er das Volk und verkündigte ihm das Heil. Das ist der letzte Vers des Predigtextes. Das rechte Handeln begründet das Heil der Menschen. Dies ist auf den Punkt genau das, was Johannes den Menschen gesagt hat. Und was sie ihm wohl auch abgenommen haben.

Eigentlich ist der Advent eine Zeit, um genau darüber nachzudenken. Im Ablauf des Kirchenjahres ist der Advent wie die Passionszeit eine Zeit der Besinnung und der Vorbereitung. Das Violett am Altar erinnert daran. In der Realität ist der Advent längst zur Vorweihnachtszeit geworden. Das mag zwar unseren Sehnsüchten entsprechen. Aber es nimmt uns eine gewaltige Chance. Die Chance nämlich, uns auf Weihnachten einzustellen. Die Chance, an Weihnachten den Stern über dem Stall ganz neu leuchten zu sehen. Und die Botschaft der Engel mit ganz neuen Ohren zu hören: Euch ist heute der Retter geboren.

Kein Wunder, dass Johannes der Evangelist des Advent ist. Dass er der ist, der uns Hilfestellung geben will, uns auf das Fest der Weihnacht recht einzustellen.

Und doch bleibt ein unüberbrückbarer Unterschied zwischen Johannes und Jesus. Genau wie zwischen Advent und Weihnachten. Johannes legt und Menschen auf unsere Möglichkeiten fest. Erwartet, das wir diese Umkehr zu einem anderen Leben nicht nur wollen. Wir sollen sie auch ins Leben ziehen. Mit aller Kraft. Und all unseren Möglichkeiten. Dass diese Botschaft so viele in die Wüste zieht, ist ein Signal. Mehr noch: es ist ein Bekenntnis. Ein Bekenntnis der Menschen, die wissen, dass die Frage: „Was sollen wir tun?“ auch die entscheidende Frage ihres Lebens sein könnte

Um die Erfahrung der Wüste kommen wir im Leben nicht herum. Wie unterschiedlich diese Wüsten im Einzelfall auch sein können. Es ist längst nicht immer nur die eigene Bequemlichkeit. Ebenso häufig sind es Sachzwänge. Ist es der Druck, dem wir uns ausgesetzt fühlen. Oder sind es Verletzungen, die und den Rückweg ins Leben versperren. Im Grundsatz ist die Wüstenerfahrung durchaus eine heilsame. Jesus selber hat sich immer wieder in die Wüste zurückgezogen, um neu zu Kräften zu kommen. Und um Gott ganz nahe zu sein. Insofern haben die Reiseveranstalter, die Wüstenreisen anbieten, durchaus etwas Richtiges bemerkt.

Aber Jesus ist nicht in der Wüste geblieben. Er hat sich immer wieder neu dem Leben zugewandt. Und er hat gefeiert. So wie wir nach dem Advent an Weihnachten zum Feiern eingeladen sind. Jesu Botschaft ist darum barmherziger als die des Johannes. Und sie ist zugleich auch realistischer. Sein Leben wird selber zum sichtbaren Beleg dafür, dass wir den Erfolg nicht machen können. Von ihm können wir lernen, dass uns das Wesentliche im Leben als Geschenk widerfährt. Gratis. Dass wir es nicht mit eigenen Kräften richten müssen.

Buße, Umkehr sind nicht käuflich. Genau das war ja auch das Thema der Reformation. Und es hat die Menschen damals nicht weniger elektrisiert als zur Zeit des Johannes. Wie gehen wir heute mit der Erfahrung um, dass wir trotz aller Anstrengung auch scheitern können? Und dass uns auch die Erfahrung von Schuld nicht erspart bleibt? Keinem und Keiner. Diese urmenschliche Frage hat sich nicht erledigt. Sagten die Menschen damals. „Wir haben doch Abraham zum Vater?“, so hat es ihnen die Verantwortung zu einem selbstbestimmten Leben und zum rechten Verhalten nicht abgenommen. Genauso wenig können wir uns heute aus dem Staub machen. Weder mit der Gnade der späten Geburt. Noch mit Wegschauen. Oder dem Rückzug in die eigenen vier Wände. Oder mit hektischer Aktivität.

Was nicht bearbeitet und verarbeitet – was nicht vergeben ist, holt uns immer wieder ein – wenn wir auf dem Weg des Johannes verbleiben. Der, auf den Johannes verweist, lässt und noch andere Möglichkeiten offen stehen. Und war sich nicht zu schade, unsere eigenen Grenzen zu seinen zu machen. Und sie am Ende zu überwinden. Und er hat so den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt heilsam unterbrochen. Hat uns den Ausweg aus der Wüste freigemacht. Und uns die Tür ins Leben von neuem geöffnet. Hat die Frage: „Was sollen wir tun?“ verwandelt zur Frage: „Wer können wir sein?“ Und niemand anders sind wir, als die zum Leben Befreiten. Schwestern und Brüder alle derer, die nach Gott fragen wie wir. Schwestern und Brüder dessen zugleich, in dessen Zügen wir Gottes Menschenfreundlichkeit selber erkennen können. In dem Gott selber wurde wir.

Wie der Advent, so hat auch die Wüstenzeit ein Ende. Darum müssen wir gerade Weihnachten eben nicht in der Wüste feiern. Sondern mitten im Leben. Damit wir aus eigener Erfahrung singen können, was Jochen Klepper in seinem schönen Adventslied in die Worte gefasst hat:

Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und –schuld.

Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld.

Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr.

Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.


Amen.


Traugott Schächtele

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