"INS LICHT DER WELT ZIEHEN"
PREDIGT ÜBER JOHANNES 8,12-16
GEHALTEN AM 26. DEZEMBER 2004
(2. WEIHNACHTSFEIERTAG)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


An Weihnachten kommt vieles ans Licht, liebe Gemeinde. An Weihnachten kommt zum Vorschein, was unser Leben ausmacht. Welche Hoffnungen uns tragen. Welche Aussichten wir haben. Weihnachten ist das Fest, das wie kein zweites Nebensächliches ausblendet. Das Wesentliche verdichtet. Und konzentriert.

Und heute, am zweiten Weihnachtstag, können wir endlich unbeschwerter davon reden. Da begehen wir gewissermaßen die erträglichere Seite von Weihnachten. Noch ganz nah dran am Fest. Eigentlich immer noch – oder noch einmal –Weihnachten. Aber doch zugleich Weihnachten aus erster sachter Distanz. Und vielleicht jetzt erst wirklich Weihnacht.

Die Emotionen wieder einigermaßen im Griff. Die heikelsten Situationen überstanden. Noch immer unübersehbar Weihnachten! Aber die heftigsten weihnachtlichen Spuren beseitigt. Der Blick wieder freier. Vielleicht endlich auch: Weihnachten - nicht nur zum Feiern. Sondern auch zum Genießen. Warum nicht! Weihnacht, die ins Licht des Alltags drängt. Weihnacht, die den Alltag heilsam ins rechte Licht setzt.

Hier – in dieser befreienden Erfahrung setzt der Predigttext für diesen zweiten Christtag ein. „Wenn sie dich nicht verdammt haben, wenn kein Stein geflogen ist, dann verdamme ich dich auch nicht. Geh hin und lebe deine Zukunft anders. Ohne Sünde. In der Nähe zu Gott.“ Zu einer Frau sagt Jesus diese Worte. Einer Frau, eben ertappt beim Vertrauensbruch ihrer Beziehung. Einer Frau, gerade recht also für die, die andere so gerne vorführen. Ins bloßstellende Licht rücken. Schaut euch die an! Jene Kunst, durch andere von sich selber abzulenken. Eine Kunst, die wir heute längst perfektioniert haben.

Ihnen, den Anklägern ohne Erbarmen, denen, die andere ins Licht zerren, um sie bloßzustellen, aus der sicheren Position im eigenen Schattens heraus, ihnen sagt Jesus zweierlei. Zunächst das eine: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Und dann, gewissermaßen in Fortsetzung dieser Geschichte, die Worte des heutigen Predigttextes. Worte aus Johannes 8. die ich immer wieder mit Strophen des Liedes „Weil Gott in tiefster Nacht erschienen“ in den Dialog bringen möchte.

Hört also, wie Jesus den Gesprächsfaden mit jenen wieder aufnimmt, die eben erst die Bühne verlassen haben, weil ihnen die Steine der Anklage aus der Hand genommen wurden. Danach singen wir die erste Strophe des Liedes 56.

Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach:

Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

EG 56,1: Der immer schon uns nahe war,
stellt sich als Menschen den Menschen dar.


Licht ist das beherrschende weihnachtliche Element. Zwischen dem Licht, das die Engel auf den Hirten-Feldern ausbreiten und dem Licht des Sternes, der den drei Magiern den Weg weist – dazwischen ereignet sich Weihnachten.

Licht ist das Element der Religion schlechthin. „Es werde Licht!“ Diese Aufforderung Gottes steht am Anfang des Schöpfungshandelns. „Das Licht scheint in der Finsternis. Und die Finsternis hat’s nicht ergriffen.“ Das ist in knappster Form die Darstellung des weihnachtlichen Geschehens ganz am Anfang des Johannes-Evangeliums. Die Welt als finsterer Kosmos. Und Gott als Quelle des Lichts von allem Anfang, die sich in die Finsternis hinein ergießt. Licht und Finsternis in allerschärfster Gegenübersetzung.

„Das Licht scheint in der Finsternis. Und die Finsternis wurde ab und an ein wenig heller. Und das Grau entwickelte sich zur beherrschenden Farbe.“ Das wäre vermutlich die angemessene zeitgemäße Übertragung der Weihnachtsgeschichte des Johannes. Ein wenig Abstand gewonnen in diesen weihnachtlichen Tagen. Ein bisschen Frieden in den Krisenregionen der Erde. Ein wenig Atemholen zwischen den Jahren, ehe dann der Kreislauf von vorne beginnt.

Diese Sichtweise ließe sich noch mehr zuspitzen und auf den Punkt bringen. Ein wenig mehr Geld ins Trockene gebracht. Die alten Regeln des Bankgeschäfts wieder in Kraft gesetzt. Den gewinnbringenden Krieg über Weihnachten etwas heimlicher geführt. Kurze Zeit etwas weniger in die eigene Tasche gewirtschaftet, Es bleibt ja noch genug übrig. Ein wenig Halsstarrigkeit und die großen Hoffnungen des „Yes, we can“ sinf endlich gescheitert.

Doch der Jesus des Johannes-Evangeliums wäre so mit seiner Weihnachtsbotschaft schon gewaltig missverstanden. Grautöne sind mitnichten seine Lieblingsfarben. Ihm geht’s ums Ganze. Vor allem um die ganze Wahrheit. Um die rechte Unterscheidung. Damit das Licht der Weihnacht wirklich ungedämpft scheinen kann. Und damit als Finsternis benannt wird, was eben Finsternis ist.

Licht ist der Inbegriff der Sehnsucht der Menschen. Gerade weil Menschen unter dem Dunkel leiden. Und manchmal den Verlockungen der Finsternis sogar erliegen. Weil sie sich nicht selten sogar unter ihrem Gegenteil verbirgt. Wenn der Erfolg einsam macht. Oder wenn er gar ausbleibt. Weil eine Beziehung nicht mehr trägt. Oder zumindest brüchig wird. Weil die Wahrheit unzumutbar scheint. Und deshalb verdrängt wird. Oder weil sich doch ohnedies nichts wirklich ändert. Und wir uns bestenfalls besser auf die Realität einstellen. „Das Licht des Lebens, das ihr sucht“, sagt Jesus, „dieses Licht bin ich! Und wenn ihr meinem Beispiel folgt, spielt sich euer ganzes Leben im Leuchtkreis dieses Lichtes ab.“

Ein Anspruch ist das, der auf Widerspruch stößt. Und auf Widerstand. Hören wir, wie Jesu Gesprächspartner auf seinen Anspruch reagieren. Anschließend singen wir dann die zweite und die dritte Strophe des begonnenen Liedes:

Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Du gibst Zeugnis von dir selbst; dein Zeugnis ist nicht wahr. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch wenn ich von mir selbst zeuge, ist mein Zeugnis wahr; denn ich weiß, woher ich gekommen bin und wohin ich gehe; ihr aber wisst nicht, woher ich komme oder wohin ich gehe.

EG 56,2: Bist du der eignen Rätsel müd’?
Er kommt, der alles kennt und sieht.


EG 56,3: Er sieht dein Leben unverhüllt,
zeigt dir zugleich dein neues Bild.


„Ich bin das Licht der Welt!“ Der Anspruch fordert die Infragestellung geradezu heraus. Und er zieht die Forderung nach dessen Legitimierung zwangsläufig nach sich. Wie kann ich wissen, was wahr ist, wo Wahrheiten unterschiedlichster Art auf den Märkten der mancherlei Wahrheiten des Lebens in Konkurrenz zueinander stehen. Wenn alle Wahrheit im Grunde von uns zusammengebaut und konstruiert ist. Wie kann überhaupt noch etwas wahr sein, wenn alles möglich ist. Und die Postmoderne mit ihrem „anything goes“ am Ende doch recht hat.

Es ist bemerkenswert weihnachtlich, dass der johanneische Jesus gerade nicht mit allgemeinen Wahrheiten argumentiert. Vielmehr setzt er zentral bei sich selber an: „Was ich sage, ist wahr“, sagt der. „Denn ich weiß, woher ich gekommen bin und ich weiß, wohin ich gehe.“

Woher ich komme und wohin ich gehe: Weihnachten bringt es an den Tag. Weil das, was sich da verdichtet hat in den vorausgehenden Tagen und Wochen, Bilanzen sind. Jahresbilanzen. Beziehungsbilanzen. Familienbilanzen. Hoffnungsbilanzen. Leidensbilanzen. Erfolgsbilanzen und Misserfolgsbilanzen. Weil Maß und Eigenart unserer vorweihnachtlichen Belastungen einen Gradmesser unserer Weihnachtsbedürftigkeit darstellen. Weil die Stärke unserer Sehnsucht nach dem Lichtblick der Weihnacht eben dem entspricht, was sich zuvor alles angesammelt hat und dem Licht im Wege steht.

Wenn ich weiß, woher ich gekommen bin, wird mein Leben leichter. Und lichter. Wenn ich weiß, wohin ich gehe, kann ich die Schritte ins Neue mutiger setzen. Und muss mich nicht einmal mehr von möglichen Irrtümern beunruhigen lassen.

„Das Licht der Welt, das bin ich!“ - Jesus verwurzelt diesen Anspruch in der Quelle dieses Lichtes. „In ihm war das Leben. Und das Leben ist das Licht der Menschen.“ Das lesen wir im Anfang des Johannes-Evangeliums über Gott selber. Und weil Jesus selber dieser Quelle seinen Ursprung verdankt. Sich vom Vater gesandt weiß: Und wieder zum Vater zurückkehren wird, wie er es selber ausdrückt - darum ist er auch selber Licht.

Aber Licht eben nicht im bloßstellenden Sinne. Und schon gar nicht in der Absicht, andere auf eigene Kosten entwürdigend dem Scheinwerferlicht derer auszusetzen, die nur von sich ablenken wollen. Nein, der, der von sich selber sagt: „Ich bin das Licht der Welt!“ – der will anderen Anteil geben an diesem Licht. Will ihr Leben hell machen. Und dem, was sie belastet, nicht mehr Einfluss auf unser Leben zugestehen, als ihm tatsächlich zukommt. Damit Leben im Licht möglich wird. Und wir zu Erleuchteten werden. „Das ist das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.“ So klingt es uns noch einmal aus der Ouvertüre im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums entgegen.

In diesem Licht erkenne ich, was ich mitbringe. In diesem Licht erkenne ich, wohin ich unterwegs bin. In diesem Licht – mit diesem Licht wird es Weihnachten. Eingeladen sind wir abzulegen, was uns belastet. Eingeladen sind wir dem Göttlichen zu begegnen. Den Ort zu finden, wo die Grenze zwischen Licht und Finsternis verläuft. Wo Himmel und Erde sich berühren. Mitten im Menschlichen.

Eingeladen sind wir, im Leben dieses Kindes in der Krippe die unendliche Lebendigkeit zu entdecken, der sich alles Leben verdankt. Und die uns selber zum wahren Leben überhaupt fähig macht. Eingeladen sind wir, jenes Geheimnis zu feiern, das wir in Worte zu fassen versuchen, wenn wir sagen und singen, dass Gott Mensch geworden ist. Wie wir.

Die Menschenwerdung Gottes ist das eigentliche Urteil über unser Leben. Weil es uns Menschen in ein neues Licht taucht. Ein Licht, das uns schön macht. Und gerecht. Hören wir, wie das Gespräch weitergeht und zu seinem Ende kommt, ehe wir dann die beiden letzten Strophen des Liedes miteinander singen:

(Und Jesus sprach weiter:) Ihr richtet nach dem Fleisch, ich richte niemand. Wenn ich aber richte, so ist mein Richten gerecht; denn ich bin's nicht allein, sondern ich und der Vater, der mich gesandt hat.

EG 56,4: Nimm an den Christus Freundlichkeit,
trag seinen Frieden in die Zeit.


EG56,5: Schreckt dich der Menschen Widerstand,
bleib’ ihnen dennoch zugewandt!


Wer im Licht bleibt, wird selber licht. Kann weitergeben, woher er oder sie Kraft und Energie bezieht. Nicht aus dem Verurteilen anderer. Und nicht aus ängstlicher oder überheblicher Abgrenzung. Licht lässt sich gegenseitig nicht abgrenzen. Es fließt bestenfalls ineinander. „Ihr richtet nach dem Fleisch“, sagt Jesus. Man könnte auch sagen: Ihr urteilt nach menschlichen Maßstäben. Fragt nach den Erfolgsbilanzen. Seid selbst in eurem Gottesglauben vom Leistungsprinzip nicht frei. Weil ihr euch blenden lasst von Vordergründigem. Und weil ihr euch ausrichtet an den Gesetzen der Welt. Und ihrer Umsetzung in ein Meer von Grautönen.

Dabei können wir eigentlich gar nicht anders. Es sind die Früchte unseres Denkens und Handelns, die wir einzubringen haben. Und die kleinen Erfolge auf dem Weg, dieser Welt ein menschlicheres Gesicht zu geben. Aber das Urteilen ist uns verwehrt. Besser noch. Wir sind davon endgültig befreit. Seit den Tagen von Bethlehem. Seit den Tagen, die Hirten plötzlich ins himmlische Rampenlicht rückten. Und eine junge Mutter, die sich durch die Geburt ihres Kindes nicht aus der Bahn werfen ließ.

Schön und gerecht sind wir in diesem Licht der Weihnacht. Anders als in diesem Licht, werden wir uns nie darüber im Klaren sein, woher wir kommen und wohin wir gehen. Nirgendwo anders als bei dem, der von sich selber gesagt hat „Ich bin das Licht der Welt!“ werden wir den Ort finden, an dem wir uns im Licht Gottes aufrichten können. Gott recht sind. Und selber Teil haben an dem, von dem schon in den Psalmen heißt: „Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht:“

In der dunkelsten Zeit des Jahres schlägt die große Stunde des Lichts. Da ist unsere Sehnsucht nach Licht am größten. Und wir setzten unsere Hoffnung auf den, der von sich gesagt hat. „Ich bin das Licht der Welt!“. Der, dessen Geburtstag wir feiern auch an diesem zweiten Weihnachtstag. Der uns die Wahrheit erkennen lässt über unser Leben. Und uns gerade deshalb zum Feiern bringt. Und zum Singen. Amen.

Traugott Schächtele

Druckversion Seitenbeginn