DAS FEST DER NEUEN AUSFAHRT FEIERN

PREDIGT ÜBER LUKAS 18,18-30
AM SONNTAG, DEN 30. JANUAR 2005 (SEXAGESIMAE)
GEHALTEN AUS ANLASS DES FESTES 50. JAHRE LUKAS-KIRCHE


Lukas feiert, liebe Gemeinde! Und alle feiern mit! Kein Wunder. 50 Jahre Lukaskirche und Lukasgemeinde sind ja wahrhaftig ein Goldenes Jubiläum. Ein Lukas-Predigttext sollte es heute auch sein. Der festliche Anlass rechtfertigt ein Abweichen von der bewährten Zusammenstellung unserer Predigttexte.

Doch zunächst erst einige Gedanken zum Namen ihrer Kirche und zu den Namen der evangelischen Kirchen in Freiburg überhaupt. Daraus kann man einen eigenes theologisches Programm entwickeln.

Da gibt es zunächst - als Referenz an den damaligen Großherzog -(1) Ludwig als Namensgeber der ersten evangelischen Kirchengründung in Freiburg. Danach und daneben finden wir (2) Christus – als Herr der Kirche - und die großen theologischen Väter (3,4,5) Paulus, Luther und Melanchthon. Dann stößt man schon auf die vier Evangelisten. (6) Lukas eröffnet diesen Namens-Reigen, ehe die anderen Evangelisten (7,8,9) Markus, Johannes und Matthäus auf den Plan treten. Damit ist das Freiburger Kirchenprogramm aber noch nicht zu Ende. Drei theologische Schlüsselbegriffe finden wir bei (10, 11, 12) Kreuz, Auferstehung und Frieden. Dazu vier weitere biblische Personen mit (13,14,15) Thomas, Petrus, Zachäus und seit wenigen Monaten der ersten Namen einer Frau, nämlich der von (16) Maria Magdalena. Ergänzt wird diese Liste durch zwei Namen aus der Reihe der Glaubenszeugen, nämlich (17,18) Matthias-Claudius und Dietrich-Bonhoeffer.

Zwischen Kirche und Welt als der einen Achse und Bibel und Bekenntnis als der anderen ist das Namensprogramm der Freiburger Kirchen also aufgespannt. Und mittendrin fest verankert das heutige Geburtstagskind: Die Lukasgemeinde.

Ich weiß nicht, warum man sich für Lukas als ersten in der Reihe der Namensgeber aus dem Kreis der Evangelisten entschieden hat. Aber die Väter und Mütter werden ihre guten Gründe dafür gehabt haben. Eine mutige Entscheidung war es allemal. Denn Lukas ist ein gefährlicher, bisweilen durchaus einseitiger Theologe, der uns einiges zumutet. Sie werden gleich verstehen warum!

LASST UNS KIRCHE ANDERS SEHEN – so lautet das Motto der Lukas-Jubiläumsfeierlichkeiten. Kirche anders sehen lernen. Bei Lukas kommen wir nicht darum herum. Der Predigttext, den ich für diesen Festgottesdienst ausgewählt habe, ist nur ein möglicher Weg, uns Lukas näher zubringen. Es ist ein den meisten bekannter Text. Und doch bringt Lukas noch einmal ganz neue Aspekte ins Spiel.

Jung oder alt ist diese Lukaskirche. Jung, wenn man sie mit vielen anderen, jahrhundertealten Gotteshäusern vergleicht. Aber doch auch wieder alt im Vergleich zu den zahlreichen später gebauten Kirchen in Freiburg. Ähnliches finden wir im heutigen Predigttext. Ein junger Mann sei die Hauptperson gewesen, so berichtet es Matthäus. Nichts davon lesen wir bei Lukas. Der beschreibt einen gestandenen Erwachsenen. Hören wir also genauer, wie Lukas von jener bemerkenswerten Begegnung eines Menschen mit Jesus berichtet.

Und es fragte ihn ein Oberer und sprach: Guter Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben ererbe? Jesus aber sprach zu ihm: Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis reden; du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren!« Er aber sprach: Das habe ich alles gehalten von Jugend auf. Als Jesus das hörte, sprach er zu ihm: Es fehlt dir noch eines. Verkaufe alles, was du hast, und gib's den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach! Als er das aber hörte, wurde er traurig; denn er war sehr reich. Als aber Jesus sah, dass er traurig geworden war, sprach er: Wie schwer kommen die Reichen in das Reich Gottes! Denn es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme. Da sprachen, die das hörten: Wer kann dann selig werden? Er aber sprach: Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.

Die Geschichte beginnt mit der zentralen religiösen Frage schlechthin: Was muss ich tun, damit nach dem Tod nicht alles aus ist? Diese Frage bewegt die Menschen heute nicht weniger als damals. Deswegen interessieren sie sich für Religion. In diesem Leben kommen sie meist ganz gut ohne Gott zurecht. Aber wenn der Tod von sich Reden macht – wenn ein Angehöriger oder ein nahestehender Mensch stirbt; wenn einem eine schwere Krankheit erfasst, oder wenn uns ein Unglück der Dimension des Seebebens vom zweiten Weihnachtstag ins Nachdenken bringt, dann stellt sich mit einem Mal die Frage nach dem danach. Die Frage, was denn danach sein wird. Und eben die, was ich mit meinem Leben dazu beitragen kann, damit es ein Danach – und ein erträgliches dazu – überhaupt geben kann.

Luthers Frage, wie man sich Gott gnädig stimmen kann, kommt mir in den Sinn. Was muss ich tun, damit ich auch bei Gott Zukunft habe. Keine guten Werke, allein der rechte Glaube kann hier weiterhelfen, sagten die Reformatoren. Jesu Antwort hat noch einmal eine andere Richtung. Sie nimmt das Wissen auf, dass unser Verhalten in diesem Leben nicht ohne Belang bleibt für die Frage nach dem, was Jenseits unserer Wirklichkeit ist. Der Tradition seiner eigenen jüdischen Religion gemäß verweist Jesus auf die Grundlage aller menschlichen Ethik. Auf die Zehn Gebote. Das vierte bis achte Gebot zählt er auf. Du sollst deine Eltern ehren! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht ehebrechen! Du sollst nicht stehlen! Du sollst gegenüber deinem Nächsten keine falschen Aussagen machen!

Wer diese Gebote wirklich einhalten konnte, galt etwas im Bereich der damaligen Religion zur Zeit Jesu. Der Fragesteller scheint zu diesem Kreis zu gehören. Er ist einer, der etwas gilt. Und der alles dafür tut, auch dafür gehalten zu werden. Als Angehöriger der Oberschicht stellt ihn Lukas darum vor. Und nicht als Playboy aus gutem Hause, wie wir es aus der vertrauten Erzählung vom sogenannten „reichen Jüngling“ her zu wissen meinen. Der Fragesteller ist auch in religiöser Hinsicht ein Profi. „Das kenne ich doch alles schon“; gibt er zur Antwort. „Und ich habe doch auch schon seit meiner Kindheit ernst damit gemacht.“

Nein, von diesem Jesus hat er auch nichts wegweisend Neues zu erwarten. Wenn da nicht der Nachsatz Jesu wäre. Jetzt kommt der Theologe Lukas auf den Plan. Der Namensgeber dieser Kirche. „Nein!“, hören wir Jesus sagen. „Nicht alles, nur fast alles ist dir möglich gewesen. Was dir fehlt, ist der letzte Schritt. Verkaufe, was du hast. Lass deinen Besitz los. Mach dich frei von dem, was dich in Beschlag nimmt. Und folge mir nach!“

Jetzt kommt es doch noch auf einen anderen Punkt als den der Ethik. Der Frage des rechten Verhaltens. Jetzt kommt es tatsächlich darauf an, was zählt im Leben. Woraus wir für unser Leben letzte Sicherheit zu gewinnen glauben. Jetzt sind wir bei dem, was die Reformatoren bei diesem großen Lehrer aus Nazareth gelernt haben. Bei der Nachfolge. Und dem unbedingten Gottvertrauen.

„Lass los, was dich am Ende doch nicht halten kann.“ Und das ist – so lesen wir es gerade bei Lukas immer wieder – zuallererst die Sorge um den Besitz. Der Fragesteller spürt, dass es ernst wird. Und er spürt seine eigenen Grenzen. Und er wird traurig, lesen wir weiter. Denn er war ein sehr reicher Mann.

Wir wissen nicht, wie sich dieser Mann am Ende entscheidet. Bei Lukas geht er nicht enttäuscht davon wie der junge Mann bei den anderen Evangelisten. So kann er weiter zuhören. Und es lohnt sich. Auch für ihn. Denn jetzt gibt es doch noch mehr zu lernen. „Reiche haben es schwer, ins Reich Gottes zu kommen“, fährt Jesus weiter fort. Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel.“ Lukas lässt uns das aus dem Mund Jesu wissen. Der Lukas, dem diese Kirche seinen Namen verdankt. Der Lukas, der uns lehren will, die Kirche anders sehen zu lernen. Nicht nur hier sagt er das.

Und es liegt nah, an jenen andere, viel bekanntere Figur aus dem Lukas-Evangelium zu denken. Jenen erfolgreichen Kornbauern. Der wird zum Narren erklärt. Er hat zwar seine Scheunen gefüllt. Sich aber keine Schätze gesammelt bei Gott. Eben genau das, worauf Lukas vor allem anderen unser Augenmerk und unsere Aktivitäten richten will – und zuallererst die in Sache Religion. Schwer im Magen kommt uns dieser Lukas am heutigen Festtag zu liegen. Und er mutet uns einiges zu, wenn es darum geht, Kirche anders sehen zu lernen, wo wir doch andauern über das Geld reden. Und sei’s nur über das, was immer weniger wird.

Resignieren lassen könnte uns dieser Text. Denn er teilt nicht einmal mehr ein in Reiche und Arme. Die Frage aus dem Kreis der Zuhörer sieht uns plötzlich alle in einem Boot: „Wer kann dann überhaupt selig werden?“ Oder mit den Worten des vornehmen religiös interessierten Fragestellers: „Was bleibt dann noch, damit wir nicht am Besitz zugrunde gehen. Damit der Tod nicht das Letzte ist?“

Nichts bleibt! Nur Gott bleibt! Und Gottes Möglichkeiten, die unsere Vorstellung und unsere Vernunft in jeder Hinsicht überschreiten. Die Antwort Jesu, die Lukas uns überliefert, ist keine zeitgebundene. Und keine theologischen Schachzüge und Raffinessen können und darüber hinwegtäuschen. Es gibt Dinge, die uns über Gebühr in Beschlag nehmen. Und die uns daran hindern, weiter Zugang zu haben zu den Quellen des Lebens

„Es fehlt dir nur noch eines“, sagt Jesus zu dem Suchenden in Sachen Religion. „Eins aber ist Not“, wie es in der alten kräftigen Sprache Martin Luthers heißt. „Du musst Loslassen lernen.“ Lukas legt seinen Finger in die Wunde des materiellen Besitzes. Er ist einseitig. Bewusst einseitig. Und das aus gutem Grund. Weil die ersten Leser seines Evangeliums vor allem unter den Wohlhabenden zu finden sind.

Entscheidend ist aber die Ausgangsfrage des Ratsuchenden, der sich an Jesus wendet. Die Frage: „Wie kann ich von Gott etwas in Erfahrung bringen? Was muss ich tun, um Anteil zu bekommen an der ewigen Welt Gottes?“

Wer bestehen will auf dem Markt der Religionen muss auf diesen Frage eine Antwort geben können. Muss benennen können, was der Erfahrung der Gegenwart Gottes womöglich im Weg steht. Muss mutig das einen benennen, auf das es ankommt. Das eine, das Not ist. Oder noch besser: Das unsere Not wendet. Jenseits alles rechten Verhaltens. Wer dieses eine kennt, auf das es jeweils ankommt, der wird auf offene Ohren stoßen. Selbst dann, wenn die, die es hören sollen, wie unser Fragestelle zunächst traurig zurückbleiben.

Den Menschen solche hilfreichen, Not-wendenden Worte weiter zu sagen - diesem Ziel ist all unser Bemühen in Sachen Kirche unterzuordnen. In dieser Lukasgemeinde sind in 50 Jahren viele solche hilfreichen Lebensworte weiter gesagt worden. Durch Hauptamtliche. Aber doch viel mehr noch durch unzählige und oft ungenannte Ehrenamtliche.

Menschen auf die entscheidenden Fragen ihres Lebens eine Antwort zu geben - auf dieses Ziel hin sind all unsere kirchlichen Aktivitäten am Ende auszurichten. Auch unsere oft mühsamen Diskussionen über Strukturen. Schließlich sind Strukturen kein Selbstzweck. Auch unser Umgang mit dem zur Verfügung stehenden Geld. Denn schließlich haben es uns andere anvertraut.

Und wie oft im Leben eines Einzelnen ist auch für diese Kirche – für all unsere Gemeinden - Loslassen angesagt. Und der Mut ist gefragt, den Blick nach vorne zu richten. Den Ruf Jesu in die Nachfolge in konkrete Lebenspraxis zu übersetzen. Jeweils neu auf die konkrete Situation bezogen. Jede und jeder von uns steht vor dieser Aufgabe. Aber auch unsere Gemeinden insgesamt. „Man sonnst sich gern im alten Glanz vergangner Herrlichkeit. Und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit.“ So hat Martin Gotthard Schneider schon vor mehr als 40 Jahren gedichtet. In seinem Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“. Fast also noch ein Wiegenlied für diese Lukasgemeinde.

Ein Geburtstag wie der heutige – das ist doch eine gute Gelegenheit, sich an dieses Wiegenleid zurückzuerinnern. Und miteinander das Fest der neuen Ausfahrt zu feiern. In die Sprache dieses Festtages übersetzt heißt das doch nichts anderes als eben: LASST UNS KIRCHE ANDERS SEHEN! Lasst sie uns sehen mit den Augen dessen, bei dem möglich ist, was für uns unmöglich bleiben muss. Lasst uns unsere Kirche und unsere Gemeinden sehen im Vertrauen auf den, der uns Kamelen durch’s Nadelöhr hilft. Vielleicht ist dies das eine, das uns heute fehlt: Kirche noch einmal neu und anders sehen lernen.

Lukas kann uns dabei helfen. Der Evangelist. Und diese Gemeinde, die seinen Namen trägt. Damit wir das Leben gewinnen. Leben bei Gott. Amen.


Traugott Schächtele

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