PREDIGT ÜBER GENESIS 3,1-19.22-24
AM SONNTAG, DEN 13. FEBRUAR 2005 (INVOCAVIT)
IN DER MATTHIAS-CLAUDIUS-KAPELLE
IN FREIBURG-GÜNTERSTAL


Mit der heutigen Predigt will ich sie verführen, liebe Gemeinde. Theologisch natürlich. Aber gewiss nicht ohne den spannenden Reiz der Verführung. Zum Genuss einer köstlichen Frucht will ich sie verlocken. Genauer gesagt besteht die Frucht in einem Verzicht. Das passt ja aber ganz gut in die beginnende Fastenzeit. Allerdings geht es mir nicht um einen Verzicht für sieben Wochen. Sondern um einen Verzicht auf Dauer. Verlocken will ich sie zur Aufgabe eines theologischen Gedankens. Und zur Preisgabe einer theologischen Rede, der wir nicht mehr viel Gutes abgewinnen können. Und das alles, in dem ich sie zum Genuss der köstlichen Frucht neu erworbener Freiheit verführe. Sie dürfen also gespannt sein.

Hilfreich bei diesem Unternehmen ist der heutige Predigttext. Eine lange Geschichte aus dem dritten Kapitel der Bibel. Eine der ganz großen Geschichten. Die Geschichte vom sogenannten „Sündenfall“. Sie nimmt das ganze dritte Kapitel des 1. Mosebuches in Anspruch. Eine großartige Erzählung. Das Drama, ja die Tragödie der Menschheit, hineinprojeziert in die Anfänge der biblischen Berichte vom Ur-Anfang.

Der besseren Verträglichkeit der Frucht wegen will ich die Geschichte etwas portionieren. Die Frucht also gewissermaßen Schnitz für Schnitz präsentieren. Und erst gegen Ende wird klar werden, worin die Frucht ihren Kern hat. Und woher ihr Aroma rührt. Sie müssen sich also noch etwas gedulden. Hören sie also zunächst wie alles anfing:

Genesis 3,1-5

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten? Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet! Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Noch lebt es sich gut im Paradies. Paradiesisches Zustände allenthalben. Unsere Welt so, wie wir sie uns wünschen, wenn wir uns zurücksehnen nach der ach so heilen Welt der Vergangenheit. Eine Welt ohne Krieg und Katastrophe. Eine Welt ohne die großen Verletzlichkeiten durch Krankheit und Tod. Ein Paradies ohne Kinderprostitution und Tsunami. Die Welt des großen Angebots ohne jede Einschränkung. Von einer einzigen Ausnahme abgesehen.

Adam und Eva - so hören wir – hatten die Freiheit, unter paradiesischen Bedingungen zu leben. Und dabei den Auftrag, den schönen Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Der Genuss aller Früchte des Lebens stand ihnen frei. Mit zwei Ausnahmen. Dem Baum des Lebens. Und dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. „An dem Tag, an dem ihr von seinen Früchten kostet, bezahlt ihr mit eurem Leben.“

Verbote haben ihren eigenen Reiz. Den Reiz, sich an der Grenzüberschreitung zu üben. Die Schlange nützt den Hang des Menschen, seinen Horizont zu erweitern, schamlos aus. „Sollte Gott wirklich gesagt haben?“

„Ja, sollte Gott gesagt haben?“ Jede Generation der Menschheit kennt die je eigenen Spielarten und Variationen dieser Frage. „Ja solle Gott denn gesagt haben, nicht alles, was wissenschaftlich möglich ist, dürft ihr auch ausprobieren? Sollte Gott gesagt haben, vom Klonen embryonaler Stammzellen sollt ihr unter allen Umständen die Finger lassen? Sollte Gott wirklich gesagt haben, eine Gesellschaft muss ihre schwächsten Glieder schützen? Durch angemessene Arbeitsplätze auch für behinderte Menschen. Durch einen teuren medizinischen Eingriff an einem Hochbetagten. Sollte Gott gesagt haben, nicht jede Erfahrung, die ihr machen könnt, tut euch gut?

Wollt ihr denn wirklich darauf verzichten, euer Paradies vollkommen zu machen. Indem eure Wahlfreiheit durch nichts mehr eingeschränkt wird.

Infam, aber nur zu vertraut, wie die Schlange das macht: „Ziert euch doch nicht so. Greift ruhig nach den Früchten, die Gott euch vorenthalten will. Dann werdet ihr Gott in nichts mehr nachstehen. Dann werdet ihr eure eigenen Götter schaffen. Ja sogar selber sein wie Gott.“

Hören wir, wie sich die ganze Geschichte weiterentwickelt:

Genesis 3,6-13

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze. Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten. Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich. Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen? Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum, und ich aß. Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.

Manchmal kann selbst das Paradies zur Hölle werden. Und Gott wird mit einem Mal zum Großinquisitor. Zumindest aus der Perspektive derer, die das „Sollte Gott gesagt haben“ als Aufruf zum Widerstand interpretieren. Die der Versuchung nicht widerstehen können.

Adam und Eva essen von der Frucht des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen. Die erste Konsequenz ist erbärmlich. Die Droge der Göttlichkeit, die die Schlange ihnen angedealt hat, bekommt ihnen mitnichten. Nicht gottgleich finden sie sich wieder. Vielmehr erkennen sie die entscheidende Differenz. Nehmen zuallererst ihre eigene Bedürftigkeit wahr. Sie erschrecken über die Erkenntnis, was ihnen fehlt, um Gott gleich zu sein. Sie schämen sich voreinander. Und vor Gott.

Anstatt mit Gott zu verkehren als gleiche unter gleichen und auf derselben Augenhöhe verstecken sie sich. Es ist Gott, der die Kommunikation aufrecht hält. Und gerade dadurch endgültig den großen Unterschied enthüllt. Indem Gott sie anspricht, nehmen sie die elementare Unterschiedenheit von Geschöpf und Schöpfer wahr. Der zuvor nahe Gott rückt ihnen fern. Die gestörte Kommunikation zwischen Gott und Mensch ist das Urbild dessen, was wir in der Sprache der Kirche und der Theologie mit Schuld meinen. Oder mit Sünde.

Kein Wunder darum wie sich alles weiterentwickelt. Eva und Adma nehmen sich in ihrer Entfremdung wahr. Und in ihrer Gottferne. Und setzen nun– auch das ist urmenschlich – den großen Kreislauf der Ent-Schuld-ung in Gang. Das Spektakel der öffentlich inszenierten Reinwaschung. Wie am Dienstagabend, als Robert Hoyzer sich bei Johannes B. Kerner auf dem Entschuldungsstuhl Platz nahm. Adam und Eva wären in jeder Talkshow jetzt willkommene Gäste.

Der Mann sagt: „Die Frau war’s. Doch nicht ich. Dieses Frau, die du, Gott, doch selbst geschaffen und mir zugesellt hast. Du bist doch selber schuld.“

Die Frau sagt: „Die Schlange war’s. Nicht ich. Dein ureigenes Geschöpf hat mich verführt und betrogen. Du bist doch selber schuld.“

Befehlsnotstand und Sachzwänge. Und das schon im Paradies. „Ich hab’ ja nur getan, was ich tun musste. Weil andere es von mir erwartet haben.“ Den eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen und einen anderen oder eine andere für mich hängen lassen. Am Ende will’s auch schon im Paradies niemand gewesen sein. Am Ende muss Gott selber herhalten. Er hätte uns und seine Welt ja auch perfekter schaffen können.

Doch Gott spielt dieses Lieblingsspiel von uns Menschen nicht mit. Die Konsequenzen treffen die, die sie durch ihr Verhalten verursacht haben.

Hören wir also, wie die Geschichte weitergeht:

Genesis 3,14-19

Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang. Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen. Und zu der Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Manne sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen -, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.

Jetzt erst trifft sich diese biblische Geschichte von der Urzeit der Menschen mit unser je eigenen Lebensgeschichte. Der Traum vom Paradies – er hat seinen Ursprung in der Erfahrung, dass unsere Lebensumstände und dieser Globus überhaupt oft alles andere als paradiesisch sind.

Der Zustand der Gegenwart drängt zur Einsicht in die Ursachen. Das Böse hat seine Quelle in unseren Schatten. Drängt ins Leben in Gestalt der Schlange. Wird abgespalten von den Lebenszusammenhänger der an sich guten Schöpfung. Am Boden soll sie kriechen. Und derart ihre Unterlegenheit offenkundig machen.

Doch los werden wir sie nicht. Den Garaus können wir ihr nicht machen. Denn sie hat bleibende Macht, „uns in die Ferse zu stechen“. Als Quelle der satanischen Verführung bleibt sie uns erhalten.

Den Menschen – beiden, Mann und Frau – wird das Leben zur Last. Sorgen und Mühen in allen Facetten. Rollenzuweisungen, die wir bis heute nur mühsam verändern. „Unter Schmerzen wirst du gebären!“ Und „Mit Müh’ und Plage wirst du deine Arbeit verrichten!“

Diese Erkenntnis war der Ausgangspunkt. Diese Erfahrung bringt den Menschen zum Fragen. Nach seinen Ursprüngen. Und nach dem tragenden Sinn. Das Fest der Sehnsucht nach dem Paradies wird draußen, vor den Toren des Paradieses, gefeiert. Das Ende der Geschichte ist also eigentlich ihr Anfang. Wir leben vor den Toren des Paradieses. Denn so geht die Geschichte weiter:

Genesis 3,22-24

Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

Festzuhalten bleibt doch aus unser aller Erfahrung: Die Fähigkeit, Gutes und Böses zu unterscheiden, hat uns wahrhaftig nicht nur zum Schaden gereicht. Ja, wer will ernsthaft widersprechen, wenn ich feststelle: Es lebt sich nicht selten auch ganz gut vor den Toren des Paradieses! Und auch jenseits von Eden blüht – so scheint es - der Baum der Erkenntnis. Die großen Errungenschaften der Menschheit – die Leistungen im Bereich der Kultur, der Wissenschaft, die großen Werke der Geistesgeschichte, der Kunst und der Literatur, die Ergebnisse politischen Handelns – wir verdanken sie doch allemal dem Bemühen, unser Leben zu gestalten unter den Bedingungen der Begrenztheit unserer Möglichkeiten.

Gehört haben wir eben aber auch noch dies: Zwei haben gekostet von den Früchten der Baumes der Erkenntnis von gut und böse. Eva. Und Adam. Zwei haben die Konsequenzen für sich getragen. Wirklich nur zwei? Die theologische Tradition sagt anderes. Macht Adams Fall – wie es heißt – zu unser aller Fall. Statt in Sachen Adam und Eva wird längst in Sachen des Menschen ermittelt. Und das Urteil ist vernichtend.

So stellt etwa der Kirchenvater Augustinus schon am Beginn des fünften Jahrhunderts fest: Die Menschheit ist eine „massa damnata“, eine verdammenswerte Masse. Von sich aus zu keiner guten Tat mehr fähig. Denn im Gefolge Adams stehen wir alle unter dem Zwang der Verfehlung. Bleibt das Paradies uns allen verschlossen. Das Schwert der Cheruben wehrt also längst nicht nur Adam und Eva allein. Es verwehrt uns allen den Zutritt.

Erbsünde nennt dies die Sprache der theologischen Tradition. Peccatum originale. Vererbt von Generation zu Generation - ohne die Möglichkeit auszubrechen. Erbsünde! Aus der Traum von einem Leben mit Festcharakter. Kein Raum mehr für Sinnlichkeit und Lust. Kein Recht mehr, sich seines eigenen Erfolges von Herzen zu freuen. Erbsünde – dieser Begriff ist die theologische Umschreibung der Verdorbenheit des Menschen, ja der ganzen Schöpfung. Nachweisbar – so erneut Augustin - in den beiden Kennzeichen der Begierde und des Hochmuts.

Seit Adam und Eva, so lesen wir’s etwa bei Paulus, stehen wir alle in einer lückenlosen Kette der biologischen Abstammung. Aus der Traum vom Leben ohne Entfremdung – von uns selbst und von Gott. Der Ausweg paulinischer Theologie ist sein Christusverständnis: Durch das Zeichen der Taufe sind wir alle in die Nachkommenschaft Christi aufgenommen. Geistlich mit ihm verbunden. Die Taufe wird so zum Schlüssel der Möglichkeit, dem Verhaftet-Sein in der Welt des Bösen zu entkommen. Mit diesem Zeichen des neuen Lebens versehen, geben die Cheruben den Menschen den Weg wieder frei.

Dennoch bleiben Fragen offen. Ja, sie müssen offen bleiben, wollen wir als Kirche von kritischen Zeitgenossen weiter ernst genommen werden. Vor allen anderen die: Wir wissen längst, dass wir in Adam und Eva Typen vor uns haben und nicht historische Menschen. Die Folge kann nur sein, dass das Motiv der biologischen Vererbbarkeit vorpersonaler Schuld entfällt. Wir können auf die Erbsünde alter theologischer Lesart verzichten. Uns ist die große Freiheit der Kinder Gottes verheißen. Und nicht schon das Büßergewand im Mutterleib. Das ist die köstliche Frucht, zu deren Genuss ich sie heute verführen will.

Doch unbestritten ist auch dies: Schuld und Scheitern sind bleibende Möglichkeiten unseres Lebens. Keinem und keiner bleiben sie erspart. Und längst nicht immer lässt sich ihr Ursprung auf eigenes Fehlverhalten zurückführen und reduzieren. Es gibt auch eine Vorfindlichkeit des Zerstörerischen, in die wir ohne eigenes Zutun hineingeraten. Es gibt das Verhängnis ohne eigene Schuld. Es gibt auch zerstörerische, ja ich nenne es jetzt so – sündhafte Strukturen. Nicht nur im globalen ökonomischen Sinn, sondern auch in den vielen kleinen Mikrokosmen unseres Lebens.

Ein Widerspruch ist das, wen wir aushalten müssen. Liegt’s dann am Ende also doch an uns, zum Teil oder ganz, wenn das Experiment unseres Lebens glücken soll? Wie so oft ist die falsche Alternative der Ursprung aller Missverständnisse. Die Ebene der theologischen Reflexion - man könnte auch sagen, die Ebene der Erkenntnis der Begrenztheit des Einzelnen im Ganzen der Schöpfung, ja auch die Ebene unserer Schuld – sie kollidiert zwangsläufig mit dem optimistischen Menschenbild der Humanwissenschaft und der Ethik. Wir müssen nicht klein reden, was uns gelingt. Was mit wir unserer schöpfungsbedingten Begabung erreichen. Was Vernunft und Verstand, was Empathie und Solidarität uns ermöglichen, dürfen wir dankbar als Gabe Gottes an uns feiern.

Einen gibt es, der wurde dafür ganz besonders zum Exempel: Jesus . der gute Mensch aus Nazareth. Und zugleich doch der, aus dessen Angesicht uns Gott selber entgegenleuchtet. Dieser Jesus ist der Präzedenzfall gelingenden Lebens zwischen den Polen höchster eigener Aktivität und tiefster Anerkenntnis des Verwurzeltseins in jener lebenschaffenden Kraft, die wir Gott nennen. Zwischen der Möglichkeit zur guten Tag. Und dem Verhängnis, oft weit hinter den eigenen Möglichkeiten zurückzubleiben.

Ob vor dem Paradies oder mitten drin, ob Himmel, ob Hölle – es ist allemal zuerst eine Frage der je eigenen Perspektive. Nicht einfach eine der theologischen Geographie. Die Sucht der Begierde lässt sich enttarnen als Sehnsucht nach Leben. Und die Anmaßung des Hochmuts als Bewusstsein der eigenen menschlichen Würde. So lässt sich auch aus den theologischen Bitterblüten des Augustinus nährender Honig saugen.

Feiern wir doch einfach das Fest der Frucht der neuen Freiheit. Der Fähigkeit, zwischen gut und böse zu unterscheiden. Das Paradies liegt nicht einfach hinter uns. Es liegt vor uns. Und der Weg hinein ist frei. Verdorbene theologische Rede ist tot. Es lebe das Leben. Die Frucht ist süß. Und wird uns bekommen.

Man kann es auch sagen mit den Worten jenes Liedes, das wir vor wenigen Wochen an Weihnachten gesungen haben:

„Heut schließt er wieder auf die Tür
zum schönen Paradeis.
Der Cherub steht nicht mehr dafür.
Gott sein Lob, Ehr und Preis.


Amen.


Traugott Schächtele

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