ANSPRACHE ZUR BEERDIGUNG VON
U.B.
AM 14. FEBRUAR 2005


Lieber J.liebe M.
liebe K., lieber A.

liebe Angehörige und Freunde von Herrn B.,

liebe Trauergemeinde!

Nun ist ein gutes Jahr nach der Mutter und Oma auch der Vater und Opa gestorben. Nicht hier in G. – sondern ganz in Eurer Nähe in H. Er hatte es am Ende doch noch „ganz schön weit gebracht“– wie er es in der ihm eigenen Art des stillen Humors selber ausdrückte. Dies ist gewiss kein Zufall. Ihr seid euch am Ende tatsächlich noch einmal ganz nah gekommen. Weit über den räumlichen Sinn hinaus. Und das war in dieser Situation des Abschiednehmens beruhigend und tröstlich und darum gewiss gut so.

Man kann es auch noch einmal anders sagen: Nach etwas mehr als einem Jahr der Trennung sind U. und I.B.nun beide wieder vereint. So wie sie in mehr als 60 gemeinsamen Ehejahren auch für Außenstehende sichtbar miteinander verbunden waren.

Ich möchte Sie und Euch einladen, jetzt gemeinsamen einen Weg des Gedenkens miteinander zu gehen. Ein Weg, der zugleich aber auch ein Weg des trostreichen und hoffnungsvollen Ausblicks sein soll. Ein Weg, in dem noch einmal vieles von dem aufleuchten soll, worüber wir, lieber J. und liebe M., vor einigen Tagen noch einmal lange und ausführlich miteinander gesprochen haben.

Der Weg soll ein dreigeteilter sein. Und über jedem Teilabschnitt soll gewissermaßen als Wegweiser und Merkzeichen ein kurzes Bibelwort stehen. Zu einem Weg der Erinnerung möchte ich daru zunächst einladen. Dann zu einem der Orientierung. Und zuletzt zu einem der Vergewisserung.

Zunächst zum Weg der Erinnerung. Wir haben die zahlreichen Lebensstationen deines Vaters und später dann deiner Eltern, J. im Gespräch noch einmal aufleuchten lassen. Sind ihnen gedanklich gewissermaßen fast durch ein ganzes Jahrhundert hindurch gefolgt. Manches war dann sogar für Dich, M., noch neu. Und kein Satz schien uns passender als jener Vers aus dem Hebräerbrief, den wir alle kennen, der biblischen Überschrift über die erste Wegstrecke:

WIR HABEN HIER KEINE BLEIBENDE STADT,
SONDERN DIE ZUKÜNFTIGE SUCHEN WIR.

U.B. ist vor gerade zwei Wochen und zwei Tagen 93 Jahre alt geworden. Den Geburtstag habe ihr noch miteinander feiern können. Und du hast sogar noch mit ihm Schach gespielt, lieber A. Ihr habt sicher gefeiert eingedenk der Tatsache, dass euer Vater, Schwiegervater und Opa ein hohes Alter erreicht hat. Aber gewiss ohne sicher zu ahnen, dass es der letzte Geburtstag sein würde. U.B. hat die Grenze des biblischen Alters von „siebzig oder wenn’s hochkommt achtzig Jahren“ am Ende weit überschritten.

Ein gesegnetes Alter hat er erreicht, habt ihr in der Traueranzeige geschrieben. Ich darf das sicher noch in dem Sinn ergänzen, dass er ein gesegnetes Leben hat leben können. In der Vielgestaltigkeit, in der Segen in unserem Leben konkret wird. In der so lange gelebten Ehe und Partnerschaft. In dir, J., und den deinen. Im der bis zum Ende erhalten gebliebenen Offenheit gegenüber dem Leben. In der erhalten gebliebenen Neugier gegenüber vielem. In der Begegnung mit den Menschen hier vor Ort. Zuletzt in der letzten Phase der Nähe in H.

Sein Leben war eingespannt in die lange Entwicklung der politischen Geschichte aus der Zeit der Monarchie und des Kaisers über das dritte Reich hinein in die unruhige Bundesrepublik. Wieviel gab es allein dadurch zu verarbeiten!

Wieviel aber auch durch ein Leben mit so zahlreichen Ortswechseln! Ul.B. hatte immer wieder von neuem die Erfahrung zu machen, hier keine bleibende Stadt zu haben. Geboren 1912 in Radom in der Provinz Posen. Prägend der frühe Verlust des Vaters im Alter von fünf oder sechs Jahren. Prägend gewiss die Flucht nach Schlesien, wo Neusalz zur neuen Heimat wurde. Dort machte er seine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten. Dort heiratete er 1942 auch seine Frau I.

Nach amerikanischer Kriegsgefangenschaft in Frankreich hatten die beiden mit Millionen anderen das Schicksal der Flucht zu teilen. Ein Schicksal, dass aber zugleich doch auch eines der neuen Sesshaftwerdung war. Neue Heimat fanden die beiden in F. Im Pfarrhaus bei Familie T. Und später dann auch in der eigenen Doppelhaushälfte. In diese Zeit fällt dann 1951 auch deine Geburt, lieber J. Was für ein Weg lag damals schon hinter deinem Vater und deinen Eltern.

Nach dem Ruhestand wurde Ende der siebziger Jahre G.als neues Domizil ausgewählt. Länger als jeder andere Ort zuvor ist tatsächlich die Wohnung in der Blumenstraße in G.zur bleibenden Stadt in einem zuvor lange unruhigen Leben geworden. Die vertrauten Mitbewohnerinnen und Mitbewohner. Der Blick auf den Kandel! Die unendlich vielen Spaziergänge zum Lehenkreuz und zu anderen Zielen.

Keine bleibende Stadt in einem gewissen Sinn also auch in G.. Aber in einem durchaus weiterführenden. Einem, der die Umgebung in konzentrischen Kreisen vom Ortskern bis zur weiteren Umgebung erschlossen hat. Und der sich zum Ende hin aber wieder ganz eingeengt hat. Ehe er sich noch einmal überraschend nach H. öffnete.

Nach einem Leben im Wechsel der Stationen ist nun am Ende die zukünftige Stadt die, wo die Eltern und Großeltern B. Heimat gefunden haben. Und im Sinne des Hebräerbriefs ist das kein anderer Ort als jener Ort, den keine und keiner von uns kennt. An dem Gott alle unsere Wege enden lässt. „Sondern die zukünftige suchen wir.“

Violine

*****

Das Leben deines Vaters glich einer Suchbewegung, hast du, J. gesagt. Und diese Lebensbeschreibung führt uns auf den zweiten Teil unseres Weges des gemeinsamen Nachdenkens. Des Weges der Orientierung, wie ich ihn vorhin genannt habe. Auch hier ein Wegzeichen aus der Bibel. Dieses Mal aus dem Johannes-Evangelium. Dort sagt Jesus einmal:

IN MEINES VATERS HAUS SIND VIELE WOHNUNGEN.

Dieser Satz beschreibt, da bin ich sicher – nicht nur die Zeit jenseits unseres Todes. Er macht eine Aussage über die weiten Möglichkeiten unseres diesseitigen Lebens. Und man müsste ihn darum viel häufiger in Erinnerung rufen. Gott lässt uns in vielen Wohnungen heimisch werden. Und an vielen Orten Heimat finden. Die vielen bunten Facetten der Wahrheit entdecken.

Und was für U.B. zur Erfahrung im ursprünglichen Sinn des Worte geworden ist, galt auch für seine geistige und geistliche Orientierung. Kirchengemeinderat ist er in F. gewesen. Und er hat im Kirchenchor gesungen. Auch hier in G. war die Gemeinde mit ihren Angeboten Anbieterin mancher Wohnung Gottes.

Aber er hat sich auch über den klassisch kirchlichen Horizont Gedanken gemacht. Sich mit Phänomenen beschäftigt, die den Horizont unseres Verstehens sprengen. Und auch andere immer wieder in das Gespräch darüber miteinbezogen. Er ist im Grunde immer ein Suchender geblieben. Hat sein Leben als Suchbewegung gestaltet. Und sicher auch gestalten müssen.

Seine Suche hat jetzt ein Ende. Er ist uns jetzt voraus. Er ist angekommen. Und den Suchenden begegnet Gott allemal mit dem größtmöglichen Interesse. Sie sind ihm womöglich lieber als diejenigen, die immer schon vorschnell finden, noch ehe sie sich überhaupt auf die Suche gemacht haben. Wenn es bei Gott viele Wohnungen gibt, wird U.B. jetzt die seine entdecken können. Und all das verstehen, was ihn hier in Unruhe und im Suchen hat verharren lassen. Und ihn für die Menschen an seiner Seite gewiss auch nicht immer einfach gemacht hat.

Gott weist dem allem seine Relation zu. Hilft, all dies zu verarbeiten und einzuordnen. Bei Gott kommt unser Suchen ans Ende. Unser Werten und Bewerten. Unser Denken in den Kategorien der Leistung und Belohnung wird bei Gott an absurdum geführt. Es zählt nur noch das Angekommensein. Es zählt nur noch, dass unsere Namen, wie es im dritten biblischen Merksatz heißt, bei Gott aufbewahrt sind.

Violine

*****

Und damit sind wir jetzt auf dem dritten und letzten Teil unseres Weges des Nachdenkens. Des Weges der Vergewisserung. Auch hier soll am Anfang wieder eine biblische Wegweisung stehen.

FREUT EUCH, DASS EURE NAMEN
IM HIMMEL GESCHRIEBEN SIND.

Freude inmitten der Trauer. Bleibendes inmitten von Vergänglichem. Ich will noch einmal einen Blick auf die Traueranzeige werfen. Er ist für immer von uns gegangen, steht da zu lesen. Es ist richtig. Aber es ist doch bestenfalls die halbe Wahrheit. Nur aus unserer Perspektive geschrieben. U.B. ist nicht nur gegangen. Er ist auch angekommen. In der Unendlichkeit Gottes. Und auf ganz andere Weise doch auch wieder bei euch.

Er ist von uns, von euch, gegangen. Und bleibt euch doch ewig. Nicht nur in der Erinnerung. Er bleibt euch verbunden auf jene geheimnisvolle Weise, in der jene, die uns in den Tod voraus gegangen sind, mit uns immer ganz tief und fest verbunden bleiben. Die Lücke des Verlustes eines lieben Menschen, die wir nie wirklich auffüllen können, ist ein Beleg dafür. Weil der die Lücke offenhält, den wir haben hergeben müssen. Die Erfahrung vieler belegt das. Und der Glaube, dass gerade diese bleibende Verbindung zu den schönen Geheimnissen Gottes gehört. Unerklärlich – und doch Grund zur Freude mitten in aller Trauer.

Am Ende unseres Lebens steht nicht das Nichts. Am Ende steht ein neuer Anfang. Die Verwandlung ins Wesentliche – um die biblische Lesung von vorhin noch einmal aufzunehmen. Dem Tod verfällt nur, was sterblich an uns ist. Genau dies werden wir in wenigen Wochen am Ostermorgen wieder feiern. Am Feststag des auferstandenen Christus, der für uns der Modellfall, Präzedenzfall des bei Gott und durch Gott für immer bewahrten Lebens ist.

Diese Einsicht hilft uns, den Menschen loszulassen, den wir haben hergeben müssen. Sie hilft uns aber auch, unser eigenes Leben zu gestalten, ohne dass die Angst vor dem eigenen Tod sich wie lähmender Mehltau auf uns legen kann. Die H.er Erkenntnis von U.B.in seinen letzten Lebenstagen – die Erkenntnis, dass er es weit gebracht hat, spiegelt nicht nur seinen Humor wieder. Sie ist auch die knapper Zusammenfassung einer erfüllten Lebensbilanz. Einer Lebensbilanz allerdings, die sich nicht zufrieden gibt mit den Kriterien des Wirtschaftlichen und des berechenbaren Erfolgs.

Wir werden es alle weit bringen in unserem Leben. Vor allem dann, wenn sich auch unser Leben weitet hin zur Unendlichkeit Gottes. Hin zu Gottes Nähe, in der wir Heimat finden können auf Dauer. In jener Stadt, in der alles Fragen sich erledigt und alles Suchen ans Ende kommt. An diesem Ort und in dieser Heimat der Wohnungen Gottes wissen wir U.B.gut aufgehoben, bewahrt und geborgen. Es wird für uns alle ein guter Ort sein. Amen.


Traugott Schächtele

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