Ansprache am Beginn der Städtekonferenz am 3. März 2005 in Freiburg (Thomaskirche)


Liebe Schwestern und Brüder!

Die Erkenntnis ist nicht neu. Aber erst in jüngster Vergangenheit wird sie wieder fruchtbar. Ich spreche von der Erkenntnis, dass das Thema Kirche in der Stadt ein eigenes uns besonderes ist, das auch zu ganz eigenen Einsichten und Handlungskonsequenzen nötigt. Die großen Städte unserer Landeskirche, aber auch anderswo, erfinden gegenwärtig ihre Leitungsstrukturen jeweils ganz neu. Und dabei ist das nur ein Symptom der These von der gänzlichen Andersartigkeit der Kirche in der Stadt.

Vieles ist anders in der Stadt: Die verdichteten und bisweilen auf’s Engste zusammengeballten Lebensräume. Die Anschauungen und das Lebensgefühl. Die Problemlagen und die Zerbrechlichkeit der überkommenen Strukturen.

Man könnte diese These von der gänzlichen Andersartigkeit nun heftig beklagen, weil in den Städten die Säkulalarisierungsschübe weitaus heftiger vor sich gehen. Man könnte sie einfach bestreiten und die ländliche geprägte Kirche zum Zukunftsmodell auch für die Stadt erheben. Dann wäre die Stadt – und dieses Eindruck kann ich mich gegenwärtig nicht erwehren – einfach ein Konklomerat verdichteter Dorfgemeinden. Dann bliebe also auch in der Stadt die Kirche einfach im Dorf. Man könnte aber einfach auch wahrnehmen und konstatieren, was ist - und daraus unaufgeregt, aber auch mit der nötigen Klarheit und Entschiedenheit Konsequenzen ziehen.

Ich gebe zu: Diese letztere Option ist mir bei weitem die sympathischste. Und ich will ihr an dieser Stelle zumindest soweit Raum geben, als ich einige biblische und kirchenhistorische Linien zum Thema Stadt andeuten möchte, um derart vielleicht doch zu weiterer Klarheit im Verhältnis von Stadt und Kirche zu kommen. Wie gesagt: Hier bleibt nur Raum für angedeutete Linien. Das Thema wäre also weiteren Nachsinnens wert.

Vielleicht haben sie das in diesem Kreis ja alles schon längst gemacht. Schließlich bin ich zum ersten Mal in dieser Runde. Dann wäre es um so besser. Denn der zweite Blick erhöht die Einsicht. Und dass die Thematik sich erledigt hätte, wird wohl keine aus unserer Mitte zu behaupten wagen.

Die Stadt ist keine Erfindung der Moderne. Sie ist im Grunde so alt wie die Menschheit selber. Schon auf einer der ersten Seiten der Bibel lesen wir: „Kains Frau gebar den Henoch. Und er baute eine Stadt, die nannte er nach seines Sohnes Namen Henoch.“

Die Stadt als eine Gebilde in der Tradition des Bruder mörder Kains – das ist an sich schon eine erste klare Botschaft. Zum Urbild der bösen Stadt wird dann aber erst wirklich Babylon. Nicht nur die Verwirrung der Sprache nimmt dort ihren Ausgang, sondern die Zerstörung des die Gemeinschaft Tragenden überhaupt. Babylon ist der Ort der Fremde und des Exils. Das Sinnbild einer Stadt, in der für Gott kein Raum und in dem der Mensch selber das Maß aller Dinge ist. Kein Wunder, wenn die Johannes-Apokalypse am Ende der Bibel dann von der Hure Babylon spricht.

Aber dies ist allemal nur die halbe Wahrheit. Denn Babylon, die gefallene Stadt hat ein kräftiges Gegenüber; jenen Ort, dem Gott selber Gefallen gefunden und dort Wohnung genommen hat. Jetzt spreche ich von Jerusalem. Irdisch Sitz des Tempels als der Wohnstadt Gottes. Perspektivisch das Sinnbild der erneuerten Welt Gottes, wenn dieses Stadt als himmlische Jerusalem aus dem Himmel herabfährt wie eine geschmückte Braut.

Dennoch hat die Stadt immer mit dem Nimbus zu kämpfen, Ort der Beheimatung des Bösen zu sein. So schreibt etwa Austinus in seinem gewaltigen Werk von der Gottesstadt: „Wo es ihnen (erg.: den Städten) doch offensichtlich an der Gerechtigkeit fehlt: Was sind die Städte dieses Zeitalters anderes als gewaltige Verbrecherbanden.“ Also auch hier wieder die Stadt als Sinnbild des organisierten Verbrechens. Der Hang zum Abgleiten ins Weltliche und damit ins Böse hat die Städte auch zum bevorzugten Ort missionarischer Bemühungen werden lassen. Aber gerade dadurch doch allemal zugleich zu einem erfolgreichen Ort. Schließlich garantierte die hohe Verdichtung der dort anzutreffenden Menschen zugleich schon von vornherein schon eine gesteigerte Trefferquote der inszenierten missionarischen Bemühen. Und sie hielt zugleich immer schon eine funktionierende Infrastruktur vor, derer man sich bedienen konte. Der konvertierte Jude Paulus hatte keinerlei Skrupel, dieses Starvorteil in den Dienst seines Missionierungsprogrammes zu stellen. Paulus war ein Städter. Und dementsprechend entwickelte er seine Handlungsstrategien.

Ähnlich gingen später auch die Predigerorden vor. Allerdings hatten sie dafür noch einmal einen zusätzlichen Grund. In den Städten versammelte sich die Bildungseliten. Die eigens entwicklete Strategie der Predigerkirchen machte das Christentum darum gerade für diese Zielgruppe höchst interessant.

Genau an diesem Punkt setzt am Ende des Mittelalters dann die Reformation ein. Diese war von allem Anfang in besonderer Wesie eine Bildungsbwegung. Die Ansprechbarkeit durch argumentierende vorgetragene Texte war eines ihrer Mittel. Und die Fähigkeit, die aufgrund der Erfindung des Buchdrucks schnell den Markt überschwemmenden Flugblätter und Druckschriften lesen zu können. Reformatorisches Handeln und reformatorische Theologie sind in ganz besonderer Weise mit den Städten verbunden. Umso mehr kann es einem nur wundern, wenn wir die Städte kirchlich längst wieder zu Ansammlungen von Dörfern zurückentwickelt haben. Nicht zuletzt darum stehen wir heute vor der großen Aufgabe von neuem zu lernen was es heißt, Kirche in und für die Stadt zu gestalten.

Weit wichtiger als ein engmaschig gestricktes parochiales Netz ist dabei die Unterscheidbarkeit der einzelnen kirchlichen Angebote und deren Qualität. Angesichts der Mobilität unserer Gesellschaft wage ich sogar hinzuzufügen: Auf’s ganze gesehen gilt dasselbe längst auch für den ländliche Raum. Auch dort wird sich Kirche nur noch so lange in nebeneinander angebotenen vergleichbaren Programmensembles darstellen lassen, wie die Gemeinden in der Lage sind, diese zu finanzieren. Weniger Zentren in der numerischen Zahl, diese aber mit profilierten Angeboten in hoher Qualität erzeugen nicht zwangsläufig mehr Kosten, verlangen aber die Bereitschaft, ein Modell des Kircheseins wenn nicht aufzugegeben, dann doch zu modifizieren. Bange sein muss uns um die Kirche darum aber noch lange nicht.

Der, den wir als Herr der Kirche bekennen, ist Herr auch über unsere strukturellen Annäherungsversuche, die ohnedies nie mehr sein können als ein Stammeln in Satzungen und Paragraphen – wie Glaube sich eben immer in stammelnder Annäherung ausspricht, ehe er ganz dem staunenden Schweigen verfällt.

Der Basler Theologe Albrecht Grötzinger schreibt dazu: „Christinnen und Christen, die Kirchen und die Theologie bekommen die Aufgabe beizutragen, dass unsere Städte wohnliche Orte werden. Die Bilder von der Stadt Gottes zeigen uns eine sehr wohnliche Stadt. Wir müssen nicht die Stadt Gottes auf der Erde errichten. Das wäre eine menschliche Selbstüberschätzung. Aber wir können den Hoffnungsbildern, die die Bibel uns vor Augen stellt, einen Platz in unserer Herzen einräumen.“ Soweit Albrecht Grötzinger.

Der Hoffnungsüberschuss, der das Bild des himmlischen Jerusalems nährt, die sichere Wohnung in der Nähe Gottes, könnte uns dabei beflügeln, unsere Wohnstädte menschlicher zu machen:

· Durch das gelingend gestaltete, geschwisterliche Miteinander von Menschen in all ihrer Verschiedenheit.

· Durch die verantwortliche Planung und Bereitstellung menschenfreundlicher Orte, an denen Gottes Gegenwart gefeiert wird und an denen Menschen zu Recht staunend ausrufen: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen.“

Wer wollte nicht in dieser Stadt leben! Amen.

Gebet

Du nimmst da Wohnung, Gott, wo Menschen anzutreffen sind. An Orten bedrohter Existenz. An Orten angefeindeten Lebens. An Orten unsicheren Wohnens. Und zugleich aber auch da, wo unser Wohnen zum Sinnbild der Stadt Gottes wern kann. Da, wo wir unser Zusammenleben ausrichten an den Geboten verwirklichter Gerechtigkeit. Da, wo wir in unserer Nachbarschaft uns einübern in das geschwisterliche Miteinander. Da, wo nicht einfach unser Vorteil, sondern die Perspektive des Reiches Gottes unsere Gesetze und unsere Hoffnungen prägt. Deine Stadt, du menschenfreundlicher Gott, sie soll uns zum Vorgeschmack werden einer Welt, in der zu leben sich lohnt. In der nicht stark oder schwach, groß oder klein, schwarz oder weiß unsere Aussichten bestimmen, sondern die Intensität, in der deine Schöpfung und die Quelle deiner Liebe durch uns hindurch unsere Welt und unsere Städte wohnlich machen. Daran wollen wir arbeiten mit Deiner Hilfe und unter deinem Segen. Amen.


Traugott Schächtele

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