Die Seele vom Eis befreien
oder wie wir aus Ostern mehr machen als ein Frühlingsfest

Fünf kleine österliche Lebens-Umbrüche


„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche durch des Frühlings holden, belebenden Blick ...“ Der Osterspaziergang aus Goethes Faust ist zunehmend dabei, so habe ich zunehmend den Eindruck, die biblischen Osterberichte zu verdrängen. Ostern mutiert immer mehr zum Frühlingsfest. Winter ade! Frühjahrsputz. Endlich die Gartenmöbel abgestaubt und der aufbrechenden Natur nachgespürt. Merkwürdig bleibt nur noch, dass der Termin zwischen Ende März und Ende April hin und her oszilliert. Ansonsten ist die Bagatellisierung und Trivialisierung des Österlichen fast abgeschlossen. Ganz unschuldig sind die Kirchen nicht daran, dass diese Botschaft manchmal mehr in die Welt hineinstolpert als dass sie so sehr hindurchfegt, dass nichts mehr beim Alten bleibt. Die Fastenzeit hat ihre Wiederentdeckung längst hinter sich. „Sieben Wochen ohne“ – diese Aktion des kleinen, individuellen Verzichts findet jedes Jahr größeren Zulauf. Ostern muss derzeit noch warten. Dabei ist Ostern doch ein Fest mit Power. Neues Leben ist nicht nur möglich. Neues Leben geschieht. Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Und macht nicht einmal vor dem Tod Halt. Dem großen, immer noch nicht abgewickelten Ärgernis der Religion des „Weiter so!“. Nicht ohne Grund ist ein leeres Grab ist das Ur-Bild dieses Festes. Weniges, richtig akzentuiert, könnte helfen, dass dieses große Thema sich in die Routinen unseres Lebens hinein widerspiegeln kann. Indem es sie unterbricht. Damit wir an Ostern nach aufbrechendem Leben selber. Einige „“Ostereier der besonderer Art“ in Form von Wegen der Wiederentdeckung des Österlichen seien nachfolgen aufgezählt. Das Grundprinzip ist dabei ganz einfach. Ostern ist das Fest des Super-GAU, des größten anzunehmenden Umbruchs im Leben. Eine Hauptquelle des Gottesglaubens der christlichen Kirchen.

1. Umbruch: EIgentlich könnten sie in diesem Jahr doch wirklich einmal bis Ostersamstag warten, ehe sie die Wohnung österlich schmücken. Ostern ist doch früh genug. Wenn die Wohnung schon seit dem Valentinstag in österlichem Schmuck erstahlt und die Zweige mit bemalten Eiern behängt sind, worauf warten sie dann noch an Ostern?!

2. Umbruch: EIgentlich könnten Sie doch zu einer kleinen Osterbegrüßung einladen. Um das Ende der Fastenzeit gebührend zu feiern. Ein richtiges kleines Fastenbrechen. Nicht üppig. Eher exemplarisch. Behutsam und zart. Ein Fest des Umbruchs. Sie sollten nicht zu früh damit beginnen. Die ersten Osterbotinnen machen sich vor Sonnenaufgang auf den Weg. Also warten sie ab – auf alles Fälle bis sie näher an Mitternachts sind als an der Tagesschau.

3. Umbruch: EIgentlich braucht das Fasten (auch das, das sich nicht auf das Essen bezieht) doch ein Gegenüber. Eine Fortsetzung des Verzichts in ein neues Handslungsmuster. Die Ermöglichung von etwas Neuem. Die Verlebendigung von etwas Abgestorbenem. Einer Beziehung, die man eigentlich aufgegeben hat. Einem Kontakt, der irgendwie im Sande verlief. Ein kleiner Lebenstraum, der verschüttet wurde, und den sie von Neuem ins Leben ziehen. Nehmen sie sich ein kleines Lebensprojekt vor. Aber anders als an Sylvester. Ein ernsthaft gesetztes Ziel, in das sie ihre österliche Energie investieren.

4. Umbruch: EIgentlich ist es schade, wenn sie keine persönlichen österlichen Rituale kennen. Kreieren Sie dann einfach einen Ihnen entsprechenden Osterbrauch, der sich alljährlich wiederholen lässt. Schreiben Sie einen Osterbrief. Holen Sie sich Osterwasser von einer nahegelegenen Quelle ins Haus. Erzählen sie sich Lebensgeschichten. Pflanzen sie etwas. Wiederholungen verankern. Und worin brauchen wir mehr Verankerung als im Leben selber.

5. Umbruch: EIgentlich ist es die gottesdienstliche Entdeckung der letzten Jahre: die Feier der Osternacht. Spät oder ganz früh am Morgen. Auch wenn das bisher eher wenige zu ihren österlichen Gewohnheiten gehört hat: Feiern Sie unbedingt einen Ostergottesdienst mit! Die Ostergottesdienstes sind die gottesdienstliche Entdeckung der letzten Jahre. Ein dunkler Raum, den das österliche Kerzenlicht allmählich seinen Schrecken nimmt. Eine großartige und – sogar ohne Worte! – beredtere Inszenierung der Osterbotschaft kann man sich kaum vorstellen. Und im Osterfeuer bricht sich der Glaube an die elementare Wucht des Lebens Bahn. Kein Wunder, dass Gott dem Mose in einem Feuer erschienen ist.

Übrigens - falls es Ihnen gerade doch nicht geläufig war: Ostern wird immer am ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühjahrssonnenwende gefeiert. Drei Umbrüche auf einmal. Einen besseren Termin kann es eigentlich gar nicht geben.


Traugott Schächtele

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