BILLIGE GNADE – TEURE GNADE
PREDIGT IM RAHMEN DER BONHOEFFER-PREDIGTREIHE
DER AUFERSTEHUNGSGEMEINDE FREIBURG
AM FREITAG, DEN 25. MÄRZ 2005 (KARFREITAG)


Eine illustre, buntgemischte Gesellschaft, die sich da im Schatten der drei Kreuze versammelt. Freunde und vor allem Freundinnen Jesu. Verwandte. Wohl auch seine Mutter. Römische Kriegsknechte. Und deren Dienstvorgesetzte. Angehörige der einheimischen Jerusalemer Führungseliten. Nicht zuletzt – wie immer an solchen Orten – die Schar der Gaffer. „Das Volk stand da und sah zu.“

Der inszenierte öffentliche Tod dreier Menschen in Absicht der Stabilisierung des Systems als Volksbelustigung. Im Unterschied zu heute fehlen nur noch die Vertreter der Medien, die diejenigen auf dem Laufenden halten, die nicht dabei sein können. So wie wir uns am Bildschirm und im Internet live über das schleichende Sterben von Terri Schiavon in Florida auf dem Laufenden halten können.

Eine merkwürdige Koalition von Menschen unterschiedlicher Qualitäten der Betroffenheit hat sich da eingefunden auf diesem Todeshügel, dieser Schädelstätte vor den Toren Jerusalems. Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um nur nichts zu versäumen vom Geschehen das vor sich geht. Nachfolgerinnen und Nachfolger dieses Jesus von Nazareth in ganz unterschiedlicher Absicht und Gestimmtheit. Vom schier unerträglichen Schmerz gezeichnet die einen. Zufrieden über den Ganz der Dinge andere. In Erwartung der Befriedigung ihres Voyerismus und ihrer Sehnsucht nach dem bis heute unterhaltsamen Spiel um Leben und Tod die dritten.

Alle eint, dass sie ganz nah dran bleiben wollen am Geschehen. Dass sie Augenzeuginnenn uns Augenzeugen sein wollen des Ergehens dieses zugleich eigentümlichen wie einzigartigen Menschen. Das zumindest haben sie uns allen gemeinsam voraus. Alle waren sie zumindest für diese wenigen Stunden Nachfolgerinnen und Nachfolger dieses Jesus aus Nazareth - in je eigener Weise. Menschen, die es sich etwas kosten lassen, hier dabei gewesen zu sein. Menschen, die auf ihre Kosten kommen.

„Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.“ Der berühmte Satz der Gräfin Orsina aus Lessings Emilia Galotti beschreibt die Absurdität dieser Situation womöglich am zutreffensten. Man kann über diesen Freitag, der unter das Leben dieses Mannes im Alter von gerade drei Jahrzehnten einen Schlussstrich ziehen sollte, seinen Verstand sehr wohl verlieren. Man kann darüber aber auch sein eigenes Leben gewinnen.

Zum Vorläufer und Begleiter, zum Wegweiser und theologischen Zeichendeuter auf diesem Weg soll uns heute Morgen einmal mehr Dietrich Bonhoeffer werden. Um ihn soll es auch heute, an diesem Karfreitagmorgen, erneut gehen, liebe Gemeinde. Und doch in gleicher Weise, mit gleichem Recht und mit gleicher Notwendigkeit um uns selber. Karfreitag war nicht einfach nur. Er war uns zugut. Bleibend zugut. Kein Wunder, das er im englischen good friday heißt. Guter Freitag.

Bonhoeffers Programm, in das wir ganz bewusst an diesem Karfreitag einen Blick werfen wollen, heißt Nachfolge. So lautet auch der Titel des Buches, dem sich das Thema dieser Predigt verdankt: Billige Gnade – teure Gnade.

Bonhoeffers Buch Nachfolge entsteht als theologischer Ertrag der gut zwei Jahre, in denen er das Seminar zur Ausbildung der Vikare in Finkenwalde bei Stettin geleitet hat. Gegründet wurde das Seminar im Frühsommer des Jahres 1935. Am Anfang ist es noch die offizielle Ausbildungsstätte der Bekennenden Kirche der altpreußischen Union insbesondere für die pommersche Kirche. Doch dann ändert Hitler plötzlich die Grundlinien seiner Kirchenpolitik. Er lässt Kirchenausschüsse einsetzen. In ihnen sollen alle kirchenpolitischen Richtungen vertreten sein. Bonhoeffer bezeichnet diese Ausschüsse - plastisch und drastich zugleich - als die „spanische Wand, hinter der die Kirche erdolcht wird“. Und er spielt darum dieses Spiel der Anpassung nicht mit.

In diesem scheinbar milden kirchenpolitischen Klima wird Finkenwalde schon sehr bald zur Ausbildungsstätte desjenigen Teils der Bekennenden Kirche, der sich der Anpassung an die Kompromisslinie widersetzt. Finkenwalde wird zu einem Synonym für die innerkirchliche Opposition. Die Kirche der Kirchenausschüsse und die Bekennende Kirche stehen nach seiner Meinung in diametralem Gegensatz. Wieder bringt er es treffsicher auf den Punkt: „Wenn man in den falschen Zug einsteigt, nützt es nichts, wenn man im Gang entgegen der Fahrtrichtung läuft.“ Am Ende ist die Einrichtung nicht mehr zu halten. Als illegale Einrichtung wird sie im September 1937 von der Gestapo geschlossen.

Die beiden Finkenwalder Jahre sind für Dietrich Bonhoffer prägende und entscheidende Jahre. Zusammen mit Freunden gründet er eine evangelische Kommunität, das Bruderhaus. Als das Seminar ausgelöst wird, übergibt er seinen Mitbrüdern jeweils ein Exemplar seines Buches Nachfolge. Er ist überzeugt: „Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter im Leben seiner Nachfolger.“ Heute würde er auch die Nachfolgerinnen hinzufügen. Schließlich sind die Frauen schon beim ersten Karfreitag mutiger als die Männer.

Bonhoeffer gründet sein Verständnis von Nachfolge auf dem unbedingten Gehorsam gegenüber Christus. Programmatische Grundlage ist dabei die Bergpredigt. Er will nicht missverstanden werden. Ihm geht es nicht um den Aufbau einer christlichen Gegenwelt. Radikale Nachfolge verwirklicht sich mitten im Leben. Aber zugleich im Widerspruch zum Vorfindlichen. Solche Theologie lässt sich nicht dingfest machen hinter Kirchenmauern, um die Welt draußen dann ihren Eigengesetzlichkeiten zu überlassen. Vor allem dem Spiel um Einfluss und Macht.

Eine solche Theologie wie die Bonhoeffers unterliegt immer dem Sog, sich in klaren Konzepten der Weltgestaltung auszudrücken und auszusprechen. Sie wird – um es plakativ zu sagen - immer auch politisch sein. Nicht einfach als politisches Programm. Aber als Rahmenbedingung und Impuls ebenso wie als Messlatte. Weil sie nach der Verwirklichung der Gerechtigkeit Gottes fragt. Und sich als gelebte Nachfolge Christi versteht.

Kein schlimmeres Missverständnis kann es für Bonhoeffer geben als dieses: sich schon am Ziel zu wähnen, ehe man sich auf den Weg gemacht hat. Sich die Guttat des Karfreitags gewissermaßen unter den Nagel zu reißen, um sich vor den Anforderungen der Nachfolge davonstehlen zu können. Schließlich sei am Karfreitag doch schon alles geschehen. Gewissermaßen als Gnadenvorrat zu unser aller Verfügung. An uns sei es nur noch, uns zu bedienen. Billige Gnade nennt das Bonhoeffer. Ein unerträgliches Angebot, das ins Gegenteil verkehrt, worauf es eigentlich ankommt. Nachfolge zu Dumpingpreisen würde man heute dazu sagen. Erfahrung der befreienden Gegenwart Gottes zum Dauertiefstpreis.

Schon lange vor der totalen Durchdringung der Welt durch die Eigengesetzlichkeit der Ökonomie legt Bonhoeffer einen Maßstab an Kirche und Theologie an, der sich eines zentralen Begriffspaares der Wirtschaftssprache bedient. Die beiden Begriffe billig und teuer haben sich schon so sehr tief in unser Denken eingegraben, dass wir die Herkunft dieses Sprachspiels schon gar nicht mehr wahrnehmen. Nicht um gut oder schlecht geht es hier. Also um Qualität. Auch nicht um gut oder böse. Also um die beiden Grundgegensätze unseres Denkens und Handelsn überhaupt.

Es geht um billig oder teuer. Es geht um den Preis. Und der wird immer vom Marktwert bestimmt. Er hängst davon ab, wie nötig wir ein Produkt haben oder haben wollen. Und wie reichlich oder spärlich es vorhanden ist. Welchen Preis deu Konkurrenz verlangt. Wieviel an Zahlungsmitteln zur Verfügung steht.

Gnade – Gottes bedingslose Zuwendung zu uns Menschen, die darauf verzichtet, uns an unseren Vorleistungen zu messen – solche Gnade in der Terminologie des Merkantilen und des Ökonomischen. Unvorstellbar. Ein Widerspruch in sich. Gnade als etwas Käufliches. Wo doch schon im lateinischen Wort für Gnade, nämlich gratia, das deutsche Wort gratis anklingt. Gnade ist immer umsonst. Und hat doch ihren Preis. Aber sie ist nicht ohne Wert. Und sie ist nicht einfach wohlfeil zu haben. Doch es sind mitnichten wir, die darüber zu verfügen hätten.

Dietrich Bonhoeffer nennt es ein Fehlverständnis der reformatorischen Entdeckung Martin Luthers, wenn man glaube, die Erkennntnis der allem zuvorkomenden Gnade Gottes entbinde uns von der Notwendigkeit der Nachfolge. Von einem solchen Verständnis wendet sich Bonhoeffer mit Grausen ab. Dagegen erhebt er in seinem Buch Nachfolge in großem Ernst und mit an Deutlichkeit nicht zu überbietenden Worten seine Stimme: „Billige Gnade“ – so scheibt er – „ ist der Todfeind unserer Kirche. Gnade als Schleuderware. Verschleuderte Vergebung. Verschleuderter Trost. Verschleudertes Sakrament. Gande als unerschöpfliche Vorratskamer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenslos und grenzenlos ausgeschüttet wird. Auf die bezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Billige Gnade ist Rechtfertigung der Sünde, nicht Rechtfertigung des Sünders.“

Dieser Angriff ist keiner, der nur die Kirche zur Zeit Bonhoeffers trifft. Er bringt auch uns heute immer zum Taumeln. Unsere volkskirchliche Struktur, die es allen und bei jeder Gelegenheit recht machen will. Unsere Konzepte einer niedrigschwelligen Kirche, die alles, was Befremden auslösen könnte – und sei’s über den je eigenen Lebensentwurf - vermeidet. Unsere ökumenischen Bemühungen, die nur am Gemeinsamen ansetzen und das Strittige immer wieder erst einmal vornehm außen vor- oder der theologischen Fachgelehrsamkeit überlassen. Immer da, wo wir uns vor allem erst einmal wohlfühlen wollen; immer da, wo wir zuerst auf Beifall und Zustimung und dann erst auf die Frage erchetr Nachfolge aus sind – wenn überhaupt - immer da findet die billige Gnade womöglich am ehesten ihr Schlupfloch.

Dabei machen volkskirchliche Offenheit, niederschwellige Angebote und ökumenischen Einsatz nicht zuletzt eben genau das aus, was mir – und vielen anderen mit mir – an der Kirche wichtig ist.

An Bonhoeffer, an seiner Unterscheidung von billiger und teurer Gnade, an seiner Frage, wie an Karfreitag doch schon alles geschehen ist und dennoch für jede einzelen und jeden einzelen von uns nach wie vor alles auf dem Spiel steht – an dieser Frage kommen wir alle auch heute nicht vorbei. Mühsam müssen wir Ausschau halten, was zeitbedingte und durch den konkreten Konflikt verursachte Positionierung ist – und was heute noch genauso gesagt werden könnte und müsste. Mit allem Ernst müssen wir uns fragen lassen, wo wir, wenn’s zum Kern des Ganzen geht, selber der billigen Gnade Vorschub leisten.

Gut und entlastend, dass Gott mich – um eine kleine chassidische Erzählung variiert zu zitieren - am Ende nicht fragen wird, warum ich nicht Dietrich Bonhoeffer gewesen bin. Mit der Frage, wo ich meine eigene Beauftragung verfehlt habe, werde ich noch genug zu schaffen haben. Vorschnell trösten darf mich, darf uns das nicht, sole der Trost nciht der Gefahr unterliegen, eher der Lüge als der Wahrheit zu dienen.

Was bleibt - was uns herausführen kann aus dem Karfreitags-Dilemma – ist Bonhoeffers Antwort auf die Frage, was denn die teure Gnade ausmache. „Teuer ist diese Gnade, die in die Nachfolge ruft. Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft. Teuer ist sie, weil sie den Menschen das Leben kostet. Gnade, weil sie ihm gerade so das Leben schenkt.“ Der Karfreitag ist der Tag, der Gott selber das Leben kostet – im Leben dessen, in dem Gott mitten in der Welt seiner Menschenfreundlichkeit ein Gesicht gegeben hat.

Für Bonhoeffer ist klar, dass nur die ehrliche und ernsthafte Nachfolge der Weg sein kann, damit der dunkle Karfreitag zu einem „good Friday“, einem guten Freitag für uns wird. Und das Maß dieser Nachfolge ist die gelebte Bereitschaft, es sich am Ende alles kosten zu lassen. „An Hypothesen stirbt man nicht“, hat Peter Handtke einmal gesagt. Nachfolge ist der Verzicht, sein Leben auf Hypothesen zu gründen. Nachfolge ist die Bereitschaft, sich mit seinem Leben ganz auf einen anderen und nicht auf unsere wohlerworbenen Sicherheiten zu gründen. Nichts anderes meint Glauben.

Billig ist ein solches Leben nicht zu haben. Und wir können Gott dankbar sein, wenn uns ein Ende erspart bleibt, an dem wir für die Verweigerung der billigen Gnade wie Dietrich Bonhoeffer mit unserem Leben teuer bezahlen müssen.

„Fürwahr, dieser ist ein frommer Mann gewesen.“ Der römische Hauptmann wird von dieser Erkenntnis überwältigt. Im Angesicht des Kreuzes. Den Henkern Dietrich Bonhoeffers wird es kaum anders ergangen sein. “Das ist das Ende. Für mich der Beginn des Lebens.“ Bonhoeffers verbürgte letzte Worte. Teure Gnade, die ihn das hat leben und sagen lassen. Teure Gnade – wenn sie auch uns leben lässt. Gnade, die ihren Preis hat. Weil sie in die Nachfolge ruft. Die uns aber, weil sie ihre Ursprung in Gott hat, am Ende – und durch’s Ende hindurch – leben lässt. Gnade eben. Darum ist Leben möglich. Gerade jenseits des Karfreitags. Aber billiger ist es nicht zu haben. Wenn es bei Gott seinen unverbrüchlichen Wert hat, sollte es uns teuer genug sein. Amen.
Traugott Schächtele

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