ANDACHT
AM BEGINN DER SITZUNG DES ERWEITERTEN VORSTANDS
DES EVANGELISCHEN PFARRVEREINS IN BADEN
AM DONNERSTAG, DEN 28. APRIL 2005 IN KARLSRUHE


Die Bildzeitung brachte es wieder einmal auf den Punkt. Wir sind Papst! Dieses Mal müssten wir der Bildzeitung sogar recht geben und ihr dankbar sein. Schließlich sagen wir Protestanten das schon seit fast 500 Jahren. Mit den Worten unserer Ober-Reformators: Wer aus der Taufe gekrochen ist, ist schon zum Priester und zum Papst geweiht. Darum sind wir eben Papst. Und zwar alle. Und nicht nur irgendwie symbolisch anteilnehmend. Sondern wirklich. Weil der Gedanken eines Weihepriestertums kein evangelisches Gut ist.

Doch erstaunlich war es schon: Da mutiert ein ganzes Fernsehvolk zu Vatikan-Experten. Kennt sich aus mit den Riten am Ende und am Beginn eines Pontifikats. Und lässt sich faszinieren von den farbenprächtigen Bildern eines Gremiums rotberockter älterer Männer. Frauen waren darunter nicht zu entdecken. Anscheinend faszinierend. Und in wenigen Wochen werden viele der kurzzeitigen Bewunderer in ihrer Ortsgemeinde unter eben diesen Bedingungen wieder zu leiden haben.

Aber im Ernst. Die Tochter eines Bekannten, die für einige Jahre in Italien gelebt hat, bekam neun Glückwunschanrufe für den deutschen Papst aus Italien. So als entspringe das Ergebnis des schnellen Konklaves einer Art nationalen Verdienstes. Eine Art von Nachklang auf den Erfolg der Fußball-WM 1954 ins Kirchliche gewendet. Eine Erhebung in den theologischen Adelsstand gleich für eine ganze Nation. Und insbesondere eines Stammes in der Süd-Ost-Ecke.

Doch Bild zum Trotz: Insgesamt waren die Reaktionen vor allem aus evangelischer Sicht doch eher angemessen verhalten und wohltuend nüchtern. Zur Panik ist aber auch allemal kein Anlass. Dieser Ratzinger-Papst ist mir lieber als irgend ein Opus-Die-Kardinal aus welchem Winkel der Welt auch immer. Auch von dem wäre weder eine Aufhebung des Zölibats noch ein gemeinsames Herrenmahl in allernächster Zukunft zu erwarten gewesen. Ratzinger bewegt sich, was die theologische Bildung angeht, auf höchstem Niveau. Das sollten wir Protestanten durchaus zu schätzen wissen. Und er kennt die Situation in Deutschland, die mit ihren spezifischen Problemen aus anderer, globaler Perspektive in vielen Punkten doch nur eine Fußnote wert ist, aus eigener Erfahrung.

Zudem haben wir allen Grund, damit zu rechnen, dass das neue Amt, das schließlich auch durch einen neuen Namen, nämlich den Benedikts XVI. gekennzeichnet ist, auch in inhaltlicher Hinsicht einen Wechsel markiert. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man als Glaubenshüter oder als Oberhirte eingesetzt ist – wobei ich die eine wie die andere Aufgabe für eine Überforderung halte. Dieser Papst soll Kontinuität garantieren in einer Institution, die sich über die nötigen Weichenstellungen offensichtlich erst noch neu verständigen muss. Unter diesen Rahmenbedingungen war es doch wohl eher eine weise Wahl.

Verstehen kann ich, dass diejenigen, die unter dem Glaubenshüter Ratzinger gelitten haben, dies anders sehen. Daher ist die Enttäuschung in reformwilligen katholischen Kreisen durchaus verständlich. Leornardo Boff und Hans Küng sind dabei nur die bekannteren Namen. Wobei ich in der causa Küng eine überraschende Wendung gar nicht ausschießen möchte. Gegen Ende eines Lebens und eines theologischen Wirkens steht womöglich doch auch der Versuch, eine zerbrochene Beziehung noch einmal aufzuarbeiten. War es doch eben dieser später verfemte Hans Küng, der Ratzinger einst an die Tübinger Fakultät geholt und diesem in mehr als nur einem Vorwort seiner Veröffentlichungen herzlich gedankt hat.

Zudem: Wenn es stimmt, dass man im Alter von seinen Wurzeln lebt und wenn nicht starrsinnig, dann milder wird – da kann es uns nur recht sein, wenn Josef Ratzinger einiges aus der eigenen Versenkung holt. Auch einiges vom Aufbruchsgeist des Konzils, der ihm damals die Feder geführt hat, als er die von Kardinal Frings vorgetragenen Verisse der Kurientexte formulierte.

Im übrigen: Wir haben gut reden. Und gut werten und bewerten. Schließlich sind wir alle hier evangelisch. Und das, wie es in einem einschlägigen Werbeslogan einer anderen Landeskirche heißt, doch aus gutem Grund.

Wenn wir aber alle zurecht selber Papst und Päpstin sein wollen, sind wir nur scheinbar auf der sicheren Seite. Der Verständigungsprozess darüber, wie wir Kirche verstehen, ist eher am Anfang als am Ende. Das evangelische Amts- und Ordinationsverständnis lässt die Wogen hochgehen. Und nicht nur in Rom. Man muss nur an den Rezeptionsprozess der entsprechenden Papiers der VELKD denken. Und etwa den Beitrag von Gunter Wenz in der vorletzten Ausgabe des Deutschen Pfarrerblattes lesen. Es ist eben immer leichter zu sagen, was man nicht sein will, als das, was man sein will oder sogar soll. Und das alles ausdrücklich in ökumenischem Geist.

Schließlich sollen wir uns nicht dankbar darauf ausruhen, dass wir hier in unserer Landeskirche in jeder Hinsicht und in vollem Sinne Kirche sind. Wir sollten uns auch fragen oder fragen lassen, wie wir die Zusammengehörigkeit aller Christinnen und Christen – und sei’s in diesem Fall sogar einmal nur auf die Evangelischen gewendet – öffentlich und für alle sichtbar zum Ausdruck bringen. Kirche und Theologie dürfen immer lokal verortet sein. Aber sie sollen sich nie auf’s Provinzielle beschränken.

Dieser neue Papst hat theologisch selbstbewusste und theologisch auskunftsfähige Päpste in presbyteraler Sukzession auf evangelischer Seite allemal verdient. Und gewiss auch den ihm zukommenden Respekt. Auf meiner Schulbank in der 5. Klasse, der Sexta im damaligen Sprachgebrauch, stand ein Satz, den ich wegen seiner Schlichtheit bis heute nicht vergessen habe. Da stand in das Holz eingekratzt zu lesen: „Heiliger St. Benedikt, schon wieder bin ich eingenickt“. Dieser Satz war schon damals nicht besonders hell. Heute können wir ihn uns aus aktuellem Anlass schon gar nicht mehr leisten.

Am Ende bleibt doch einiges an theologischer Herausforderung und Arbeit an uns hängen. Nicht zuletzt die, wie wir unsere Verantwortung zur Weitergabe dessen, wovon wir selber leben, an die nachfolgende Generation wahrnehmen. Damit wir etwas zu sagen haben, wenn uns unsere Kinder fragen. Oder wir überhaupt erst wieder einen Weg finden, der in ihnen das Interesse an solchen Fragen weckt. Dazu werden wir nachher von OKR Trensky sicher noch einiges Interessante hören.

Ich möchte schließen mit einem urprotestantischen Gebet von Kurt Marti schließen, das uns aber dennoch auch in ökumenischem Geist vereinen könnte:

Du willst uns noch einmal ganz neu haben, beleben mit deinem Geist, du, Gott, der du alles verwandelst. Lass uns, wenn’s drauf ankommt, im Gegner den Bruder, im Störer den Beleber, im Unangenehmen der Bedürftigen, im Süchtigen den Sehnsüchtigen, im Prahlhans den einst Gedemütigten und im Schwarzmaler den Licht- und Farbenhungrigen erkennen. Leicht ist das nicht. Es bräuchte dazu, o Gott, die Gegenwart deines Geistes. Amen.


Traugott Schächtele

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