Taufansprache für Jonathan R.


Liebe Familie R.,
liebe Taufgäste,

Kinder sind ein Maßstab für das Wesentliche im Leben. An unserem Umgang mit Kindern wird unser eigenes Inneres offengelegt. Dies ist eigentlich eine moderne Erkenntnis. Schließlich ist die Entdeckung der Kindheit als eigene Lebensphase noch gar nicht so lange her. In früheren Zeiten waren Kinder einfach nur als Arbeitskräfte interessant. Oder als Altersicherung, als es noch keine Renten gab. Kinder waren kleine Erwachsene. Und das Ziel der Erziehung bestand darin, sie für ihre spätere Rolle vorbereiten. Ein eigenes Recht auf die Kindheit als eigene Lebensphase gab es noch nicht.

An dieser Sicht hat sich mittlerweile einiges geändert. Gottseidank! Kinder haben ein Recht auf ihre Kindheit. Sie bekommen Zeit. Und sie können sich auf den Wegen ihres Lebens ausprobieren. Mit mutmachenden Menschen an Ihrer Seite.

Doch auch heute ist nicht alles Gold, was glänzt. Längst sind Kinder als Markt entdeckt. Werden den Zwängen der Mode unterworfen. Sind – zumindest in vielen Ländern immer noch – billige Arbeitskräfte. Oder werden gar als Kindersoldaten missbraucht. So als stünde uns Leben inflationär zur Verfügung.

Was mich auch bei uns bedenklich stimmt: Immer weniger Menschen haben noch den Mut, sich auf das große Lebensabenteuer Kinder einzulassen. Kinder sind im Weg. Weil sie Arbeit machen. Weil die Erziehungen eine große Herausforderung darstellt. Weil Kinder Karrierehinderlich sind. Renate Schmidt brachte s kürzlich auf den Punkt, indem sie sagte, wir seien ein kinderentwöhntes Land.

Immerhin haben Sie, liebe Familie R., eigentlich Glück. Glück, dass sie in Freiburg wohnen, wo die Welt des Aufwachsens für Kinder eigentlich so schlecht gar nicht ist. Vor allem aber haben sie Glück mit ihrem Jonathan. Und er mit Ihnen. Ein Jahr gemeinsamer Zeit haben sie nun schon hinter sich. Ein Jahr des Kennenlernens und des sich Einübens in die neue Familienbalance. Ein Jahr glücklicher familiärer Ernstfall. Ein Jahr Grund zur Dankbarkeit für das Glück, das Jonathan ihnen gebracht hat. Und bringt.

Eigentlich ist das aber auch kein Wunder, dass sie sich dem Abenteuer Kind – oder dem Abenteuer Kinder – stellen. Schließlich sind sie beiden in großen Familien aufgewachsen. Und bringen also einschlägige Erfahrungen mit.

So ist dieses heutige Fest nicht zuletzt ein Fest des Ausblicks in die Zukunft. Und zugleich ein Fest des Dankes. Aber eigentlich noch mehr. Es ist auch ein Fest der Selbstverpflichtung. Ein Fest des kleinen Lebensbundes, den sie mit Jonathan geschlossen haben. Zumindest möchte ich ihre beiden Taufsprüche in diesem Sinn interpretieren.

Zunächst den einen, der uns in verschiedenen Versionen als Sprichwort überliefert wird. Es gibt ihn ganz ähnlich in östlicher wie in westlicher Tradition:

SOLANGE KINDER KLEIN SIND, GIB IHNEN WURZELN. WENN SIE ÄLTER GEWORDEN SIND, GIB IHNEN FLÜGEL.

Wurzeln zu haben und Flügel. Darauf kommt es an, wenn man im Leben bestehen will. Wurzeln, das bedeutet Urvertrauen, Heimat, Menschen, die einem nahe stehen und einem tragen. Vermittelt wird das zunächst durch sie, die Eltern. An ihnen lernt ihr Jonathan, ob er diese Welt als vertrauenswürdig erleben kann. Sie helfen ihm, Wurzeln zu schlagen. Sie einzulassen auf diese nun wahrhaftig nicht immer leicht zu ertragende Welt.

Aber Wurzeln sind das eine. Das uns im Boden verankernde. Aber eine andere Kraft zieht uns nach oben. Verlockt uns, Schritte zu wagen in unbekanntes Land. Lässt uns die Freiheit schmecken. Dann brauchen wir Flügel. Um uns erheben zu können. Um Grenzen hinter uns zu lassen. Um neue Dimensionen zu erschließen. Um das, was uns belastet, in seiner wahren Dimension erscheinen zu lassen. Als klein. Und keineswegs als unüberwindlich.

Auf eine noch einmal ganz andere, eine transzendierende Dimension verweist der biblische Taufspruch. Er entstammt jener kleinen Erzählung aus dem Leben Jesu, die wir vorhin gehört haben:

WER DAS REICH GOTTES NICHT SO ANNIMMT, WIE EIN KIND, DER WIRD NICHT HINEINKOMMEN.

LUKAS 18,17


Als Präzedenzfall des rechten Lebens werden uns Kinder hier vor Augen gestellt. In ihrer Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit. In ihrer Direktheit und Unverkrampftheit. Wieviel unnötige Energie verschleudern wir auf dieser Erde, um Kindern dies alles auf dem Weg zum Erwachsenwerden mühsam abzugewöhnen. Anstatt von ihrem Beispiel zu lernen.

Vertauen ohne Vorbedingung könne man von ihnen lernen, haben sie selber in unserem schönen Taufgespräch gesagt. Und den Verzicht auf Dogmen und Institutionen. Vielleicht ginge es ohne bisweilen einengende Institutionen in dieser Welt chaotischer zu. Aber unsere vorgelebte anscheinend gut durchstrukturierte Alternative ist nun auch nicht in jeder Hinsicht wirklich überzeugend.

Schön, dass der Taufspruch diese Unmittelbarkeit der Kinder direkt mit der Frage nach Gott in Beziehung setzt. Unser verstandesmäßigen Einsprüche, unser Denken in vorgefertigten Schablonen; ja auch unsere Sehnsucht, alles in ein System zu zwängen, sind uns eher hinderlich, wenn wir uns auf Gottes Welt einlassen wollen.

Die Taufe ist ein Zeichen dieser all unsere Horizonte überschreitenden neuen Lebensperspektive. Jonathan ist doch viel mehr als nur ein kompliziertes lebendiges System. Er ist ein einzigartiges Geschöpf. Ein Original, das es so kein zweites Mal gibt. Ein Wunder des Lebens, das voller Überraschungen steckt. Seine Wurzeln reichen hinein in die Geschichte seiner Vorfahren. Mit der Wahl der Namen bringen sie das anschaulich zum Ausdruck. Darauf komme ich nachher noch einmal zurück.

Seine Wurzeln reichen aber auch hinein in jene Geschichte der Zuwendung und der Fürsorglichkeit, die Gott dieser Welt angedeihen lässt – gegen alles Augenschein. Seine Wurzeln verbinden ihn mit allen, die sich vor ihm – und vor ihnen – auf die Suche nach dem tragenden Grund des Lebens gemacht haben, den wir Gott nennen.

Seine Taufe verleiht im noch einmal ganz andere Flügel als die der Loslösung von ihnen und die des Aufbruchs zu neuen Ufern. Die Flügel der Taufe lassen ihn in seiner einzigartigen Würde unendlich hoch hinaufsteigen über die begrenzten Horizonte unserer Weltsicht. Und die Grenzen eines von Zwängen und Ängsten, von Krieg und Gewalt bedrohten Lebens. Gott ist Liebe, heißt es an einer anderen Stelle der Bibel. Und in der Dimension dieser Liebe können wir unsere Grenzen überschreiten. Und gerade so zu unserer Mitte finden.

Kinder sind ein Maßstab für das Wesentliche im Leben. Und gerade darin sind sie Gott näher als wir von Erfahrungen geprägten und von unserem Verstand ans Eindimensionale gebundene Erwachsenen. Der wahre Maßstab des Wesentlichen ist Gott selber. Kein Wunder, dass Gott einst in einem Kind wurde wie wir. Und eigentlich immer neu wird. Jeder Tag auf’s Neue.

Aus dem Gesicht ihres Jonathan leuchtet ihnen die Gottesebenbildlichkeit des Menschen entgegen. Darum sind Kinder wichtig. Und darum ist es richtig – und ein Grund zum Feiern – dass sie mit der Entscheidung zur Taufe auch Protest einlegen. Protest gegen all jene todbringenden Mächte und Geschichten, an die uns auch dieser 60. Jahrestags des Kriegsendes wieder erinnert. Mit seiner Taufe gehört Jonathan schon jetzt zur großen Familie derer, die bekennen: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein. Krieg nicht. Auch nicht Gewalt und Hass.

Klein fängt diese Hoffnungsgeschichte mit ihrem Jonathan an. Aber mit welch einer Perspektive! Wo sich selbst Gott selber nicht zu schade ist, sich in das Leben ihres Jonathan liebevoll einzumischen. Mit dieser großen Hoffnung aus kleinen Ursprüngen kann er gut durchs Leben kommen. Und wir anderen alle auch. Amen.


Traugott Schächtele

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