Zum Verhältnis von Bildung und Diakonie




Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

Worte am Beginn eines solchen Tages sind Worte der Ausrichtung. Worte, die den Horizont beschreiben, auf den hin wir uns an diesem Tag orientieren können. Der Tagesimpuls hat das Vorrecht der Aufmerksamkeit des frischen Geistes, der klaren und der noch unbelasteten Ohren. Und er hat damit die Chance, dem Referenten noch ein kleines Stück zuvor zu kommen.

Die Tageslesung für den vorgestrigen Tag haben wir eben gehört. Und damit die Brücke zum Thema dieser heutigen Pfarrkonferenz gewonnen. „Wie kann ich verstehen, wenn mich nicht jemand anleitet?“ So antwortet der Kämmerer auf die Frage des Philippus „Verstehst du denn, was du da liest?“ mit einer Gegenfrage.

Das dieser Frage korrespondierende Wort ist das Thema des heutigen Tages. „Die Bedeutung der Lehrerpersönlichkeit für den RU“. Und ich packe die Gelegenheit beim Schopf, auch diesem Thema zuvorzukommen. Und zwar in der Form, dass ich nach der Bedeutung des RU – und eigentlich der Bedeutung der Bildung – für die Kirche frage. Damit wir erkennen, wie das, was wir heute tun, tatsächlich auf festem Grund steht. Und ich bin sicher, dass dieses Nachfragen allemal der Anstrengung wert ist, auch wenn es nicht erbaulich daherkommt.

Die Bildung gehört nicht zu den klassischen Erkennungsmerkmalen der Kirche, zumindest dann nicht, wenn man CA 7 zugrunde legt. Dort reicht es aus, dass das „Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente diesem Evangelium gemäß gereicht werden“. Bildung ist – so hat es den Anschein - also nicht konstitutiv für die Kirche. Und man hat bisweilen den Eindruck, daraus ließe sich in Zeiten knapper werdender finanzieller Ressourcen kirchenpolitisch erfolgreich schon ein Programm machen, das nichts anderes im Sinn hat, als Kirche auf Kerngemeinde zu reduzieren.

Nun haben es schon die Generation der Väter und Mütter der Reformation besser wissen können. Und vielfach auch besser gewusst. Schließlich kam die Reformation – und man kann das nicht oft genug wiederholen – im Gewand einer Bildungsbewegung daher. Nicht zuletzt war die Errichtung von Schulen eines ihrer politischen Kernanliegen. Lange vor PISA waren Luther und vor allem Melanchthon. Martin Luther hat eigens eine Schrift an die Ratsherren aller deutschen Städte geschrieben, in der er zur Errichtung von Schulen auffordert. Philipp Melanchthon trägt gar den Ehrennamen „Praeceptor Germaniae“, d.h. der Lehrer Deutschlands, weil unser Schulwesen ohne seine Initiativen gar nicht zu denken ist.

Doch zu den Kennzeichen der Kirche haben weder Luther noch Melanchthon die Bildung gerechnet. Sie vielmehre eher im Raum der Konsequenzen des Glaubens verortet. Nun könnte man zwar den Spagat wagen, und die Bildung als Sonderfall der Verkündigung werten. Aber den neueren religionspädagogischen Konzepten wird dies gewiss nicht gerecht. Und auch mir wäre ein Weg, der der Bildung zumindest in einem höheren Sinn eine Art sakramentalen Charakters zuschriebe, allemal noch lieber. Schließlich ist das, was das Thema der Bildung ausmacht - zumal der im Bereich der Religionspädagogik - , durchaus eine – wenn auch immaterielle – Gottesgabe.

Ich will diesen Weg nicht weiterverfolgen. Stattdessen folge ich anderen Vordenkern im Glauben, die die feiernde und die predigende Kirche durch die diakonisch handelnde und die lehrende ergänzen. Letzteres, also lehrend, ist die Kirche etwa im Bereich der Schule wie des Konfirmandenunterrichts, im Bereich der Erwachsenenbildung wie der Theologischen Lehre in unseren Hochschulen, um nur die wesentlichen Felder zu nennen.

Wobei mir der Ausdruck lehrende Kirche dann aber auch gleich wieder Mühe macht. Lehren ist als Begriff fast schon diskreditiert, lässt an eine Einbahnkommunikation und an die Eintrichterung von Faktenwissen denken. Und gerade von diesem Lehrbegriff haben wir uns doch eher verabschiedet. Warum also nicht von der „bildenden Kirche“ sprechen – und sich damit die Option offen lassen, sowohl die Intension des gemeinsamen Lernens offen zu halten als auch den in einem weiteren viel weiteren Sinn persönlichkeitsbildenden Aspekt dieses Handelns der Kirche.

Natürlich ist Bildung – so verstanden – nicht exklusiv für die Kirche zu reklamieren. Im Gegenteil: Die bildungspolitischen Impulse der Reformationszeit haben sich längst in säkulare Programme hinein emanzipiert. Und wir müssen darüber nicht einmal unglücklich sein. Wenn man als Salz der Erde Wirkung entfalten will, muss man sich gefallen lassen, dass man diese Wirkung letztlich nur um den Preis der Auflösung ins Säkulare hinein erzielen kann. Wer sein Salzprogramm in abgeschlossenen und hygienisch sauberen Glasbehältern präsentiert, mag die Augen der Salzästheten – wenn es die denn gäbe – zum Leuchten bringen. Aber die Welt drum herum bliebe fade wie eh und je.

Das Programm von Bildung – so verstanden – lässt sich für mich in zwei Begriffspaaren zum Ausdruck bringen. Zum einen in der Aufgabe des Entdeckens und des Aufdeckens. Zum anderen in der des Beförderns und des Befähigens.

Zum einen bestimmen Entdecken und Aufdecke die Perspektive unseres Handelns. Entdecken meint die Aufgabe, die Blickrichtung von der Totalen auf das Detail hin zu verändern. Meint, mir darüber klar zu werden, welche Zielrichtung ich meinem bildenden Handeln gebe, ohne mich im Ungefähren zu verzetteln. Der Aspekt des Aufdeckens beschreibt dann die gemeinsam veränderte Sichtweise. Das Offenlegen der lebenswichtigen Zusammenhänge nicht zuletzt aus dem Blickwinkel einer Position, die sich nicht damit zufrieden gibt, die Welt nur aus ihren immanenten Zusammenhängen zu erklären. Sondern aus der Einsicht – soll ich sagen aus der Weisheit - heraus, dass sich alles Leben – und auch wir selber verdankt. Dass wir nicht zum Dasein als Schöpfer verdammt sind, sondern befreit zum Leben in der Gewissheit, dass Gott der Urgrund unseres Seins und unseres So-Seins ist. Und dass wir gerade deshalb eine so unendlich weite Handlungsperspektive haben.

Befördern und Befähigen – das beschreibt den anderen Aspekt unseres Bildungshandelns. Befördern – das ist die gezielte Intervention auf die Erkenntnis der Bedürftigkeit – welcher Art auch immer. Die zielgerichtete Aktion, die auf eine reflektierte und analysierte Situation reagiert. Oder einfach als spontanes Handeln dem Impuls der Menschlichkeit keinen Riegel vorschiebt.

Doch ohne das Befähigen wäre alles nichts. Verbliebe alles im vorherigen Zustand. Wer befähigt wird, bleibt nicht länger in einem Verhältnis der Abhängigkeit und der Entmündigung. Befähigte sind emanzipiert im Sinne des Wortes. An ihnen wird anschaulich, was Bildung, zumal eine aus dem Geist der Freiheit des Evangeliums wirklich meint.

Für die Kirche als bildende Kirche habe ich eben plädiert. Und darauf verwiesen, dass dem Erkennungszeichen der Bildung das des diakonischen Handels an die Seite gestellt wird. Und das nicht ohne Grund. Bildung und Diakonie verhalten sich gewissermaßen wie zwei Brennpunkte einer Ellipse. Beiden geht es um das Entdecken und das Aufdecken. Wie auch um das Befördern und Befähigen. Und im einen wie im anderen Zusammenhang ist unsner Handeln in erkannter Bedürftigkeit begründet. Nur liegt der Rahmen das eine Mal eher im Bereich des Leibes, das andere Mal eher im Bereich des Geistes. Wobei wir den Zusammenhang beider nicht zerstören dürfen. Bildung ist Diakonie als Mündigmachung im Kontext der gesellschaftlichen Realitäten. Und Diakonie ist Bildung im Bereich der Überlebensnotwendigkeiten und der Realisierung des menschlich Angemessenen. Noch knapper gesagt. Lebenshilfe für die Opfer unserer Art der Weltgestaltung.

So müssen wir immer auch das diakonische Handeln im Blick behalten, wenn wir von Bildung im Sinne eines Erkennungszeichens der Kirche sprechen. Und wir können in den Persönlichkeiten der Lehrerinnen und Lehrer – und nicht nur im Bereich des Religionsunterrichtes – hochkompetente Gesellschaftsdiakoniker suchen – und womöglich auch entdecken.

Das macht die Herausforderung vielleicht nicht leichter. Aber es macht die Aufgabe des Unterrichtens anspruchsvoller. Und stellt sie in einen Rahmen, der über die schulischen Belange im engeren Sinn ebenso hinausreicht wie über eine kirchlich-institutionelle Verzweckung. Am Ende soll dieses Bildungshandeln schließlich doch einfach den Menschen zugute kommen. Und sie in der Freiheit der Kinder Gottes zum Leben verlocken. Damit sie – wie der Kämmerer – ihre Straße fröhlich ziehen können.

Lernende und selber der Bildung Bedürftige werden wir dabei alle ein Leben lang bleiben. Und eine schönere Aufgabe nirgends finden.

Amen.
Traugott Schächtele

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