ANSPRACHE ZUR TRAUUNG
VON PETRA UND ANDREAS L.
AM 23. JULI 2005 IN H.


Liebe Petra, lieber Andreas,

eigentlich ist es schon ein kleines Wunder, dass wir heute hier feiern! Und ein Wunder zugleich, mit dem viele gar nicht mehr gerechnet haben. Eineinhalb Jahrzehnte nachdem ihr euch kennengelernt habt; nach mehr als zehnjähriger gemeinsam gestalteter Zeit als Paar; nach bald fünfjähriger Zeit zu dritt mit Joschua; zu viert sogar, wenn man deinen Sohn Björn noch dazurechnet, liebe Petra – nach all diesen Jahren und Stationen nun endlich Anfang Juli die standesamtliche Trauung. Und heute hier der große kirchliche Traugottesdienst.

Hoppla – ist man da versucht zu sagen. Da heiraten ja zwei erfahrene und ausgebuffte Geschäftsleute. Da soll irgend ein neues Geschäft ins Laufen kommen. Da haben die beiden irgend etwas vor. Das stimmt auch. Nur ist es viel mehr als ein gemeinsames Projekt. Denn, so habt ihr es im Traugespräch ausgedrückt: Ihr seid euch gewiss, dass eure Ehe mehr ist als die Summer der zusammengesetzten Teile. Wirtschaftlich gesprochen: Wir feiern heute nicht das Fest der Fusion eurer beider Lebensunternehmungen. Mit diesem heutigen Gottesdienst nimmt ein drittes, ganz neues und gänzlich andersartiges Unternehmen seine Aktivitäten auf. Wäre das nicht so, hättet ihr euch den ganzen Rummel und die ganze Mühe der Vorbereitungen sparen können.

Die Fusion – das war der Gang zum Standesamt. Dort wird geregelt, wie ihr künftig rechtlich, im Sinne des bürgerliche Gesetzbuches, zueinander steht. Welche Verpflichtungen ihr füreinander und für die Kinder übernehmt.

Hier, in der Kirche, kommt noch einmal eine andere Dimension ins Spiel. Hier tritt zu euch beiden noch ein Dritter auf den Plan. Einer, der alles in den rechten Rahmen setzt und die rechte Dimension anzeigt. Eine dritte Kraft, die euch entlasten und die euch Orientierung geben kann, wenn die Regeln des Geschäftslebens längst an ihre Grenzen gestoßen sind. Im Business, im Geschäftsleben, kommt’s am Ende darauf an, Gewinn zu machen und sich Marktanteile zu sichern.

Bei diesem Geschäft eurer Ehe kommt’s auf’s Gelingen an und darauf, dass Gott seinen Segen darauf legt. Ihr seid auch dann nicht vor dem Scheitern gefeit. Aber ihr seid davon entlastet, dieses Gelingen selber garantieren zu müssen. Zueinander ja zu sagen in einem Gottesdienst, das bedeutet: öffentlich zu machen, vor all diesen Menschen, die hier mit euch feiern – vor Freundinnen und Freunden, vor Kolleginnen und Kollegen und vor eure Verwandten – öffentlich zu machen, dass ihr euch auch in Zukunft auf das Wagnis der Liebe einlasst. Und dass ihr dieses Wagnis der Liebe im Horizont Gottes gestalten wollt. Weil Gott selber die Liebe ist. Und weil ihr wisst, dass all euer Lieben – unser aller Lieben - in Gott seinen Ursprung hat. Und ein Abbild dieser großen Liebe und Menschenfreundlichkeit Gottes ist.

Der Trautext, den ihr euch und fachkundig-freundschaftlicher Begleitung ausgewählt habt, bringt all dies sehr schön zum Ausdruck. Er steht im Brief des Apostels Paulus an die Philipper gleich im ersten Kapitel. Da heißt es im sechsten Vers:

ICH BIN DARIN GUTER ZUVERSICHT,
DASS DER IN EUCH ANGEFANGEN HAT DAS GUTE WERK,
DER WIRD’S AUCH VOLLENDEN
BIS AN DEN TAG CHRISTI.


Ich bin darin guter Zuversicht! Das ist die Grundvoraussetzung. Zuversicht ist das, was wir am nötigsten haben in diesen Tagen. Nicht nur für eure Ehe. Dies gilt für die gesamte Gesellschaft. Uns Deutschen geht die Gabe der Zuversicht viel zu sehr ab. Wir verstehen zu jammern. Und wir klagen über all die vielen Unwegsamkeiten und Risikofaktoren unseres Lebens. Lassen uns von Umfragen einreden, alles sein auf dem absteigenden Ast. Zuversicht: Nein Danke!

Dabei brauchen wir den Vergleich doch gar nicht zu scheuen. Und sehen dabei auch gar nicht schlecht aus. Wir haben Probleme. Unbestritten. Aber wir haben auch gute Aussichten, damit fertig zu werden. Ohne eine gute Grundstimmung läuft fast nichts. Und mit unserer Zuversicht ansteckend zu wirken, ist die große Aufgabe unserer Tage. Und eurer Ehe. Darum lasst euch die Zuversicht nicht ausreden. Auch in schwierigen Phasen. Das ist dann oft schon die halbe Miete, um wieder in die rechte Spur zu kommen.

Nun hat die Zuversicht eures Trauspruches einen besonderen Grund. Da heißt es nämlich: Was ihr gemeinsam seid, was ihr gemeinsam erlebt und was ihr gemeinsam noch miteinander vorhabt, das hat ein anderer in euch inszeniert. Er hat, wie es im Trauspruch heißt, in euch ein gutes Werk angefangen/. Und er wird’s auch zu einem guten Abschluss bringen. Wie er das macht. Und was gut am Ende alles heißen kann, darüber wissen wir nichts. Das ist auch nicht die zentrale Botschaft. Sondern dass euer Leben und dass eure Liebe getragen werden. Und nicht gemacht werden müssen. Weil all euer Geschäftssinn dafür nicht ausreicht. Weil Liebe sich nicht verrechnen und eine Ehe sich nicht in Bilanzen fassen lässt.

Fehlt noch das Dritte. Das Stichwort der Vollendung. Das dauert. Das dauert bis an den Tag Christi. Das ist nicht der St. Nimmerleinstag. Und es ist auch kein Tag, der im Kalender schon seinen festen Platz hat. Der Tag Christi ist der Tag, an dem alles ans Ziel kommt. Der Tag, an dem wir hinter allem den Sinn erkennen. Hinter allem großen und kleinen Glück. Auch hinter dem unzähligen und tagtäglichen Scheitern von Liebe. Auch hinter den Verletzungen, die wir uns zufügen. Auch hinter der bösen Macht von Unfall, Gewalt und Tod. Niemandem bleibt das erspart. Auch euer beider Familien sind da nicht ausgenommen.

Die Hoffnung auf jenen Tag, den der Trauspruch den Tag Christi nennt, das ist die Hoffnung, dass hinter all den vielen belasteten Tagen einmal einer kommen wird, an dem wir endgültig aufatmen können. Weil Gott uns das Gesetz des Handels endgültig aus der Hand nimmt. Und die Liebe, die Gott ist, unsere Beziehungen verwandelt. Und ihnen alles Gift entzieht.

Darum will ich uns allen noch einmal euren Trauspruch in Erinnerung rufen:

ICH BIN DARIN GUTER ZUVERSICHT,
DASS DER IN EUCH ANGEFANGEN HAT DAS GUTE WERK,
DER WIRD’S AUCH VOLLENDEN
BIS AN DEN TAG CHRISTI.



Doch auch wenn’s in Gottes Hand liegt, sind wir nicht außen vor. Denn wenn Gott am Werk ist, ist er in uns und durch uns am Werk. Wenn sich Gottes Liebe in unserer Liebe widerspiegelt, müssen wir zum Erhalt dieser Liebe sehr wohl investieren.

Drei solcher Investitionen will ich nennen. Da ist (a) die Zeit. Ohne Zeit. Ohne Zeit füreinander und miteinander. Ohne gemeinsam verbrachte Zeit geht auf Dauer gar nichts. Diese Erfahrung habt ihr ja schon hinter euch. Aber es schadet nichts, wenn ihr euch das immer wieder auch von anderen in Erinnerung rufen lasst. Keine noch so moderne Kommunikationstechnologie, kein email und kein sms kann die direkt miteinander gestaltete Zeit ersetzen. Gottseidank ist das so.

Die zweite Investition ist (b) die in das, was ich Einübung einer Streitkultur und der Konfliktfähigkeit nennen möchte. Wo Menschen zusammenleben, seien es zwei oder mehr, sind Konflikte Teil des Geschehens. Das ist an sich auch nicht schlimm. Nur: Wir müssen immer darauf achten, dass die „Mücke nicht zum Elefanten wird“. Es bricht niemandem einen Zacken aus der Krone, einmal fünf grade sein zu lassen und nicht immer recht haben zu wollen. Es gibt immer noch Themen, wo sich der Konflikt nicht vermeiden lässt. Aber doch nicht beim Nebensächlichen. Und es gibt fast nichts, was den großen Streit wirklich lohnt.

Aber auch da sage ich euch nichts wirklich Neues. Aber ich sag’s im Grunde auch nicht nur euch. Sondern allen, die mit euch hier und heute dieses Fest feiern. Solange wir mit einem Vorschuss auf Vertrauen aufeinander zugehen, kann der Streit zur Quelle des Fortschritts werden.

Die dritte Investition ist (c) die Kommunikation mit euren Mitmenschen. Mit euern Kindern zuerst. Aber auch mit euren Familien. Die Pflege eurer Beziehungen zu euren Freundinnen und Freunden. Wer sich selbst genügt, ist arm. Und geht zugleich ein hohes Risiko ein. Die Investition in Freundschaften ist zugleich die unverzichtbare Verstärkung des Fundaments, auf dem wir leben. Denn wenn das Fundament nicht trägt, ist alles Mühen um ein schönes Lebensgebäude umsonst.

Ihr beide, liebe Petra und lieber Andreas, habt mit dem Bau von Lebensgebäuden schon einiges an Erfahrung. Dieser Bau euere Ehe und eurer Liebe ist einer der nie fertig ist. Da ist es gut, sich gelegentlich an den Architekten dieses Baus zu erinnern. Das ist der, von dem ihr sicher sein könnt: Was er in euch angefangen hat, das wird er auch zu einem guten Ende bringen. Die Gestaltung einer Beziehung aus Zuneigung und Liebe - das ist die größte und die schönste Aufgabe, die man im Leben übertragen bekommen kann. Doch zugleich die gefährlichste und riskanteste dazu.

Euer Lebensweg wird auch künftig voller Überraschungen sein. Und ihr werdet auch von Wundern nicht verschon bleiben. Gut, wenn Gott sich immer wieder neu in euer Leben einmischt. Er wird’s dabei an seinem Segen nicht fehlen lassen. Da bin ich sicher. Und das lasst uns heute feiern. Amen.

Traugott Schächtele

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