VERABSCHIEDUNG VON SUSANNE ERLECKE
ALS PFARRERIN DER LUKAS-GEMEINDE FREIBURG
AM SONNTAG, DEN 24. JULI 2005


Lied: Wenn Lust am Leben Sinne weckt

ÜBERLEITUNG/VORSTELLUNG DES ANLASSES

Liebe Gemeinde! Es ist nun ja wahrhaftig ein offenes Geheimnis. Und eine volle Kirche und die Mitwirkung vieler machen es unübersehbar: In diesem Gottesdienst soll Pfarrerin Susanne Erlecke als Pfarrerin ihrer Lukasgemeinde verabschiedet werden. Der Abschied einer Gemeindepfarrerin hat viele Stationen. Es ist gut, dass dieser Abschied auch eine gottesdienstliche Station hat. Hier liegt eine der großen Aufgaben, die ihre Pfarrerin in 13 Jahren mit großer Sorgfalt und mit viel Herzblut wahrgenommen und gestaltet hat. Hier haben wir in besonderer Weise die Möglichkeit, Gott um seinen Segen zu bitten: für die, die geht. Und für die, die bleiben. Und das ist in aller Aktivität, die wir entfalten, die Grundlage, das Fundament all dessen, was uns zu tun aufgetragen ist.


ANSPRACHE

Liebe Susanne, kein Zweifel – du bist eine gute Wahl. Du warst das für diese Lukasgemeinde. Und du bist das auch für deine neue Aufgabe als Pfarrrein in Salem und Dekanin im Kirchenbezirk Überlingen-Stockach.

Dennoch wirst du es ja auch selber wissen: So hatten es sich die meisten nicht vorgestellt. Da feiert die evangelische Lukas-Kirche stolz ihren 50. Geburtstag. Und unter dem Mott0 „Lasst uns Kirche anders sehen!“ wird der Blick auf die Kirche – die vor Ort und die weltweit – neu eingeübt. Und manch neue Wegstrecke in die Zukunft wird erst zögerlich und dann umso mutiger gegangen. Doch am Ende ist nicht nur der Geburtstagstisch bunt und vielseitig gedeckt. Am Ende bleibt ein wichtiger Stuhl leer zurück.

Lasst uns Kirche anders sehen - das heißt nun für die Lukasgemeinde auch, sich an den leer gewordenen Stuhl zu gewöhnen. Und Aktivitäten zu entfalten, wie er neu besetzt werden kann, wo du noch nicht einmal weg bist.

Auf der anderen Seite führt nun also kein Weg mehr an der Einsicht vorbei, dass Du Freiburg und die Lukasgemeinde nach mehr als 13 Jahren verlässt. Dem ersten Schrecken ist eine abgeklärtere Sicht der Dinge gefolgt. Und in die Stimmung des Abschieds und der Trauer hat sich längst auch etwas Stolz gemischt. Denn du gehst ja weder im Zorn noch im Konflikt. Schließlich war es ja der Landesbischof, der dich gewissermaßen abgeworben hat. Und die Bezirkssynode deines neuen Kirchenbezirks hat sich den Vorschlag zu eigen gemacht und hat dich gewählt.

Es ist schon ein ordentliches Kontrastprogramm, das jetzt auf dich zukommt. Vom Schwarzwaldrand an den Bodensee. Von der Verantwortung einer Gemeindepfarrerin, die du ja zwar auch dort in Salem bleiben wirst, zur zusätzlichen Verantwortung einer Dekanin. Vom Kontakt mit uns bodenständigen Menschen hier in Freiburg zur Hofpfarrrein der markgräflichen Familie.

Es sind gewiss keine leichten Zeiten für dieses Amt einer Dekanin. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen begleitet, Strukturen geändert und neue Formen der Zusammenarbeit erprobt werden. Kirche wird uns sie muss sich ändern. Nicht nur hier bei uns. Umso mehr habe ich Grund zur Freude, dass dir dieses Amt zugemutet und zugetraut wird. Nicht nur, weil du mir als Kollegin erhalten bleibst. Sondern weil ich sicher bin, dass Du auch für Deine neue Aufgabe eine gute Wahl bist.

Dieser 9. Sonntag nach Trinitatis ist ein guter Sonntag für Deine Verabschiedung. Sein Leit-Thema sind die anvertrauten Gaben. Und wenn es noch einer hilfreichen Erklärung bedurft hätte, um endgültig klar zu machen, worum es heute geht, werden wir beim Wochenspruch fündig. Der Wochenspruch lautet nämlich:

WEM VIEL GEGEBEN IST, BEI DEM WIRD MAN VIEL SUCHEN.
UND WEM VIEL ANVERTRAUT IST,
VON DEM WIRD MAN UMSO MEHR FORDERN.


Kein Zweifel, die bei dir offenkundig vorhandenen Gaben haben dich bei der Suche nach einer neuen Dekanin für den Kirchenbezirk Überlingen-Stockach in den Blick gerückt. Und dies nicht, obwohl du bist, wie du bist. Sondern weil du so bist wie du bist.

Voller Tatendrang und voller Ideen. Bereit, immer wieder auch den unkonventionelleren Weg ans Ziel zu wählen. Mit einem Gespür für das, was die Menschen bewegt. Und worauf sie eine Antwort suchen. Und dabei mit den Gabe einer guten Theologin ausgestattet, die das Gottesthema überzeugend im Gespräch hält und den Menschen die Antwort nicht schuldig bleibt. Wie in einem Brennpunkt spiegeln sich diese Kennzeichen in deinen Schaukastengestaltungen. In ausgewählten Aufnahmen in Form eines Kalenders haben deine Werbeflächen in Sachen Kirche auch mich immer wieder fasziniert und begleitet.

WEM VIEL GEGEBEN IST, BEI DEM WIRD MAN VIEL SUCHEN.
UND WEM VIEL ANVERTRAUT IST,
VON DEM WIRD MAN UMSO MEHR FORDERN.


Dennoch hat dieser Wochenspruch auch eine bedrohliche, weil fast überfordernde Ausstrahlung. Viel wird man suchen. Und umso mehr fordern. Dies könnte einem fast Angst machen. Und immer wieder die Frage provozieren: Bin ich diesen Anforderungen überhaupt gewachsen? Aber gemeint ist etwas anderes. Es ist ein Satz, der in Verantwortung nimmt. Der aber zugleich auch schützt. Nicht mehr wird uns zugemutet als das, was zuvor in uns hineingelegt worden ist. Und wenn Gott viel in uns investiert, viel in uns hineinlegt, warum sollen wir dann bei der Ernte kleinlich sein?!

Einige wenige Gaben, die dir bei deinem neuen Amt als Dekanin hoffentlich nützlich sein werden, möchte ich dir von hier und von mir aus mit auf den Weg geben:

(1) Die erste Gabe ist die des Zusammenbindens, gewissermaßen die der integrativen Kraft. Ein Kirchenbezirk hat so viele unterschiedliche Facetten und Interessen. Aber auch so viele auseinanderstrebende Kräfte. Da ist es gut, wenn man sich verbunden weiß, ohne sich gegenseitig einzuengen. Dazu hilft das Band des Friedens: Im Epheserbrief heißt es dazu:

SEID DARAUF BEDACHT, DIE EINIGKEIT IM GEIST ZU WAHREN
DURCH DAS BAND DES FRIEDENS.


- Bandübergabe -

(2) Zu den Aufgaben der Pfarrerin wie auch der Dekanin gehört die Bereitschaft, anderen Menschen beizustehen und so mitzutragen, was ihnen sonst alleine zu schwer ist. Es geht um die Gabe der Solidarität mit den Schwachen. Schon Paulus schreibt ja an die Gemeinde in Galatien:

EINER TRAGE DES ANDEREN LAST,
SO WERDET IHR DAS GESETZ CHRISTI ERFÜLLEN.


Taschenübergabe -


(3) Die dritte Gabe, die du auch weiterhin benötigen wirst, ist die der sogenannten theologischen Kompetenz. Wenn du gefragt wirst, wie man dies oder jenes als Christenmensch einzuschätzen hat, erwartet man eine kompetente Antwort von Dir. Schließlich heißt es im 1. Petrusbrief:

SEID ALLEZEIT BEREIT ZUR VERANTWORTUNG VOR JEDERMANN,
DER RECHENSCHAFT VON EUCH FORDERT ÜBER DIE HOFFNUNG,
DIE IN EUCH IST.


Diese theologische Auskunftsfähigkeit erhältst du dir am besten durch gute theologische Lektüre.

- Gutscheinübergabe -

(4) Doch nur zu lesen, das tut nicht gut. So steht im biblischen Predigerbuch ganz am Ende zu lesen:

ÜBER ALL DEM ANDEREN LAS DICH WARNEN:
DES VIELEN BÜCHERMACHENS IST KEIN ENDE,
UND VIEL STUDIEREN MACHT DEN LEIB MÜDE.


Die Gabe der Pflege von Leib und Seele ist hier angesprochen. Und dazu gehört insbesondere das Kontrastprogramm und die Pflege von Freundschaften. Diese Einsicht längst beherzigend hast du dich immer dem Tennisspiel hingegeben. Dafür steht die vierte kleine Erinnerungsgabe an uns hier im Kirchenbezirk Freiburg, an deine Lukasgemeinde und an uns alle, die wir sehr gerne mit dir zusammengearbeitet haben.

- Tennisballübergabe –

Vom Fördern und Fordern ist derzeit in der aktuellen politischen Diskussion viel die Rede. Und die Opfer der vielfältigen Überforderungen des Lebens sind uns in besonderer Weise ans Herz gelegt.

Ich wünsche dir die Erfahrung, dass der, der ohne Zweifel immer wieder viel von uns fordert – und nicht nur von Pfarrerinnen und Pfarrern, sondern von uns allen – dich auch in Zukunft begleitet und dass du auch in Zukunft im Vertrauen auf seinen guten und fördernden Geist lebst. Und deine Wege unter seinem Segen fröhlich ziehst. Weil du weißt, dass auch an deinem neuen Ort Gottes gute Wahl unserem Wählen vorausgeht. Amen.


Traugott Schächtele

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