PREDIGT ÜBER JESAJA 29.17-24
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 14. JULI 2005 (12.S.N.TR.)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG


Liebe Gemeinde!

Wenn Gott im Spiel ist, geht es immer um Vollkommenheit. Um Vollkommenheit als Hoffnung auf Veränderung. Um Vollkommenheit als Ziel unserer Sehnsucht. Um Vollkommenheit als Charakteristikum Gottes selber.

Die Welt, so wie sie ist - so wie wir in ihr leben -, entbehrt dieser Vollkommenheit. Darum ist es nicht selten gerade die Kraft dieser Sehnsucht, die uns am Leben hält. Es sind die Bilder günstiger Perspektiven, die unseren Hoffnungen Flügel verleihen. Unglaublich, aber doch vorstellbar, wie alles sein könnte! Und je düsterer die Wirklichkeit, desto glanzvoller die Bilder davon, wie wir uns diese Welt vorstellen.

Der Predigttext für diesen 12. Sonntag nach dem Fest der Dreieinigkeit entfaltet ein solches Hoffnungsgemälde. Er setzt Bildausschnitte zu einem Ganzen zusammen, die die Zeit seiner Entstehung vor beinahe zweieinhalbtausend Jahren widerspiegeln. Und die unseren Welt doch näher stehen, als wir ahnen. Dass diese neue Welt nur eine sein kann, in deren Zentrum die Gottesbeziehung steht, wird uns nicht wundern. Die Möglichkeit, Vollkommenheit zu denken außerhalb der Wirklichkeit Gottes ist eine Variante der Moderne.

Im 29. Kapitel des Jesajabuches wird eine Sammlung unterschiedlich gearteter Gerichtsworte gegen Juda und Israel, aber auch gegen sein Nachbarn, gegen Ägypten und gegen Assyrien, überliefert. Gegen diesen düsteren Kontext hebt sich der Abschnitt ab, der der heutige Predigttext ist: Das Bild von der neuen, vollkommenen Welt Gottes! Hören wir also, wie wir uns diese vollkommene Welt vorstellen können:

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden. Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen. Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände - seine Kinder - in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten. Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.


„Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen man wartet.“ Diese sprichwörtliche Liebeserklärung aus Billy Wilders Film „Manche mögen’s heiß“ kann einem in den Sinn kommen, wenn man diese Wortgemälde hört und vor das innere Auge stellt. Dieser kleine Satz am Rande ist eine damals in den Film hineinkomponierte liebevolle Anspielung des Filmautors auf die notorische Unpünktlichkeit von Marilyn Monroe, eine der Hauptdarstellerinnen des Films. Sie kommt auch in ihrer Filmrolle als Sängerin Sugar wieder einmal zu spät, als der, der auf sie wartet, ihre Entschuldigung mit eben diesen Worten kommentiert: „Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen man wartet.“

Mit diesem Bild des Predigttextes vor Augen müsste sich das Warten also doch aushalten lassen. Dabei scheint das lange Warten ohnedies bald zu Ende zu sein. Schließlich beginnt der Text mit den Worten: „Wohlan, es ist noch eine kleine Weile.“

Wenn die Vision so stark ist, kann die Hoffnung gut leben. Gleich mehrfach dreht diese angekündigte Wende die Wirklichkeit einfach um. Und immer geht es um mehr als nur um eine leichte Retusche. Die Welt wie sie ist wird nicht verbessert. Sie wird verwandelt. Grundsätzlich. Und in jeder Hinsicht. Vollkommenheit ist nicht die Perfektionierung dessen, was ist, sondern seine völlige Erneuerung.

Verwandelt wird im Bild des Predigttexte die Natur: Ödes, unfruchtbares Land wird zu einem Naturparadies in Gestalt eines vor Leben strotzenden Waldes. Vom Waldsterben war damals noch nicht die Rede.

Verwandelt wird der eingeschränkte, nicht in jeder Hinsicht funktionstüchtige Mensch: Seine Sinne sind wieder in der Lage, ihre Aufgabe zu erfüllen. Taube können wieder hören. Blinde können wieder sehen. Auch Jesus wird dieses Bild später als Zeichen der neuen Welt Gottes aufgreifen. An eine Optimierung des Menschen zur effizienteren wirtschaftlichen Nutzung als verwertbares Humankapital dachte man damals nicht.

Verwandelt werden ungerechte soziale Verhältnisse: Den Armen und den Schwachen wird eine gute Zukunft zugesagt. Sie werden, wie es heißt „fröhlich sein in dem Heiligen Israels“. Die Betrachtung menschlicher Fürsorge vor allem als Aufwand und Kostenfaktor war damals unvorstellbar.

Verwandelt werden auch unterdrückungsreiche politische und zersetzende gesellschaftliche Verhältnisse. Beschrieben wird dies mit einer Formulierung, die an Aktualität nichts zu wünschen übrig lässt: Es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen. Schon damals war der Mensch dem Menschen eben häufig ein Wolf. Und es ist den Wölfen und der Gefahr, die von ihnen ausgeht, nicht weniger geworden.

Nur eine kleine Weile noch, ehe all das wirklich wird, was wir uns von einer bessere Zukunft erhoffen. Und was wir uns von eines gerechteren Welt versprechen. Nur eine kleine Weile noch, ehe die Vollkommenheit der Verhältnisse den trostlosen Zuständen ein Ende macht.

Die Weile dauert. Sie dauert seit den Tagen Noahs bis zum Vorabend des Tages, an denen diese Welt endgültig an ihr Ende kommt. Sie dauert seit den ersten Seiten der Bibel, als Kain den Abel erschlägt, bis zur Zukunftsschilderung der Offenbarung des Johannes auf den letzten Seiten der Bibel -, bis dahin, wo berichtet wird, wie Gott aller Gewalt und aller Krankheit, allen Tränen, ja sogar dem Tod selber einst den Garaus machen und sagen wird: Siehe, ich mache alles neu!

Die kleine Weile dauert seit den Tagen um die Mitte des ersten Jahrtausends vor Christi Geburt, als dieser Text geschrieben wurde, bis heute – bis zum 14. August 2005. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Wohin man schaut, hat es die Hoffnung schwer. Und ist das Ende des Weges zur Vollkommenheit Gottes nicht abzusehen. Im Gegenteil.

Was wir erleben an politischen Strukturen in weiten Teilen der Welt, führt uns vor Augen, wie ein Despot den anderen ablöst. Und eine Ideologie die andere in der Verächtlichmachung des Wertes des Menschen übertrifft.

Was wir erleben an Umsetzungsversuchen von Modellen bewahrter und ermöglichter Gerechtigkeit, lässt denen auf der Sonnenseite des Lebens, meist das, was sie haben - und nicht selten viel mehr als sie brauchen. Wer aber draußen ist, hat Mühe, sich Einlass in dieses Kartell der Dazugehörigen zu verschaffen. Und dies nicht nur in den entfernten Winkeln dieser Erde. So ist etwa die Wahrscheinlichkeit, dass ein Bildungssystem soziale Verhältnisse einfach reproduziert, statt Chancen neu zu verteilen, gerade in unserem Land nachgewiesenermaßen mit am höchsten.

Was wir einlagern als strahlendem Müll strahlt weiter, wenn sich längst niemand mehr an uns erinnern wird. Was wir erfinden an Gerätschaften, um Kriege zu führen, wird weiter entwickelt und verbessert, damit der Einsatz umso mehr gerechtfertigt und chirurgisch exakte Zielgenauigkeit den Erfolg umso mehr garantieren kann.

Was wir investieren an Kräften, die all dem Einhalt gebieten wollen, hält doch kaum Stand, weil die Sachzwänge dagegen sprechen. Weil wir Gerechtigkeit nicht mehr finanzieren können. Weil es global-politisch nicht korrekt ist, sich in die Angelegenheiten anderer einzumischen und sie an die Vollkommenheit Gottes zu erinnern.

Doch ist dies allemal nur die einer Seite der Wirklichkeit. Unbestreitbar ist doch auch: Vieles ist zum Guten verwandelt worden im Gang durch die Jahrhunderte und Jahrtausende: Wir haben sehr wohl ein Gespür entwickelt für Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist längst weltweit im Blick. Und nicht nur im Überleben der eigenen Sippe und Familie.

Die Notwendigkeit, unsere Schöpfung zu bewahren, ist längst zum politisch relevanten Ziel geworden. Keinesfalls unumstritten, aber doch auch ohne den Erfolg im Detail. Und dass viele Krankheiten ihren Schrecken verloren haben, dass die Lebenserwartung heute mit erstaunlicher Dynamik immer weiter steigt, ist ohne Zweifel eine Erfolgsgeschichte, bei der medizinische Errungenschaften und vielfache Einsichten in die Zusammenhänge des Lebens Hand in Hand gearbeitet haben.

Dass allen Kriegen und allen militärischen Auseinandersetzungen zum Trotz unüberhörbar Lieder des Friedens gesungen werden; dass Menschen sich zwischen die Fronten waren, dass Frieden gefordert und erforscht wird – all dies zeigt, dass die Mauer des Krieges zwar nicht gefallen ist, aber doch längst an der Bresche gearbeitet wird. Dem Frieden eine Bahn ist nicht länger nur ein frommer Wunsch.

Nicht dass die Vollkommenheit schon in Sichtweite wäre – doch ohne Erfolg ist das menschliche Bemühen am Ende doch auch nicht gewesen. Das Ziel einer Welt in der Vollkommenheit Gottes lässt jedoch auf sich warten. Die große Wende, die Menschen seit eh und je mit ihrem Gottesglauben in Verbindung bringen – sie ist ein Hoffnungsbild immer noch ohne festes Datum.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile. Doch wie lange Gott, wie lange müssen wir noch warten? Auszuhalten ist dieses Warten doch allemal nur, weil es eben am Ende nicht darauf ankommt, wie lange, sondern worauf und auf wen wir warten. Und erst hier kommt die Botschaft des Textes ans Ziel. Erst hier lassen wir uns wirklich von ihrem Kern anrühren.

Unsere Hoffnung richtet sich eben nicht einfach auf die Veränderungen der Verhältnisse. Verwandelt wird zuallererst und zuallerletzt die entscheidende Beziehung, der tragende Grund unseres Seins. Die Beziehung zum Ursprung all dessen, worauf sich unsere Hoffnungen richten und woraus sich unsere Sehnsüchte speisen.

Die Gegenwart bietet hier einen Markt von Angeboten der Leben gewährenden Mitte. Die Welt zur Zeit der Entstehung dieses Textes ordnet diese Mitte dem Gott der Befreiung zu. Dem Gott, der Wege weist in Wüstenzeiten. Dem Gott, der Nahrung gibt in der Zeit der Dürre. Dem Gott, der ein Ziel hat mit dieser Welt. Dem Gott, der sein Wesen offen legt, in dem er das, was ist, verwandeln will zum Guten. Und für immer.

Unser eigener Glaube wird zum Angebot, diese große Wende in Beziehung zu setzen mit dem Leben und der Botschaft Jesu von Nazareth. Einen Wandel setzt er in Gang, beginnend zart wie ein Hauch und doch voll unwiderstehlicher Kraft. Ein Bild des Menschen stellt er uns vor Augen, der nicht in der Überhöhung des Menschen ans Ziel kommt, sondern in der durchgehaltenen Solidarität mit denen, denen man die Menschlichkeit vorenthält. Dass Blinde sehen und Lahme gehen – genau das wird zu seinem bleibenden Erkennungszeichen.

Ja, nicht einmal sein Tod vermag denen noch in die Hände zu spielen, die wissen, dass Gottes neue Welt ihrem todbringenden Treiben unwiderruflich ein Ende setzt. Die Vollkommenheit bei Gott, sie kommt ans Ziel nicht in der Perfektionierung der menschlichen Natur, sondern in der Wahrheit des Lebens durch all seine Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit hindurch. In durchgehaltener Geschwisterlichkeit, die nicht angewiesen ist auf den Nimbus scheinbarer Unzerstörbarkeit. Gott wird Mensch, wahrer Mensch. Und gibt sich nicht damit zufrieden, sich in Sicherheit zu bringen in unerreichbarer himmlischer Höhe und hinter der schützenden Mauer im Jenseits verbleibender Göttlichkeit.

Was bleibt und was trägt, das ist die Lebendigkeit in ihrer Fülle; das Bekenntnis zu dem, der diese Welt ins Leben rief; das unberührbar Heilige in unserer Mitte; – all dies verweist auf den, den der Text selber den Heiligen nennt: Gott – nahbar und uns Menschen zugewandt; unaussprechlich und doch nicht ohne Ort in dieser Welt: Gott, der große Verwandler, damit auch „die, die irren, Verstand annehmen“.

Gott, der unseren Verstand erneuert. Durch seinen alles verändernden, heilmachenden und heiligen Geist, in dem Gott selber uns entgegenkommt.

Wohlan, es ist noch eine kleine Weile! Warten – nicht auszuhalten, wüsste ich nicht, worauf ich warte. Gott selber in unserer Mitte! Und nichts ist mehr wie es war. Diese Welt vollkommen anders. Nicht auszudenken. Was für ein Wunder!

Amen.

Traugott Schächtele

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