Predigt über Klagelieder 3,22-26.31+32 gehalten am Sonntag, den 11. September 2005 (16.S.n.Tr.) im Katharina-von-Bora-Haus in Hochdorf


Die ersten Jahre des sechsten Jahrhunderts vor Christi Geburt waren für das kleine Königreich Israel Jahre der bis dahin größten Katastrophe. Der babylonische König Nebukadnzar legt Jerusalem in Schutt und Asche. Im Tempel, dem für den Glauben der Menschen so wichtigen Heiligtum, bleibt kein Stein auf dem anderen. Die heiligen Geräte, die Becher und Opferschalen werden als Kriegsbeute geraubt.

Die wichtigen Menschen, die Handwerker wie die obersten Priester werden nach Babylon verschleppt. 589 vor Christus – das Jahr der großen Katastrophe. Bei den Zurückgelassenen herrscht blanke Not. Die Äcker liegen brach. Hunger bricht aus. Krankheiten machen sich breit. Plünderung und Gewalt, die dem eigenen Überleben dient an allen Ecken und Enden. Und niemand ist da, der die zerbrochene Ordnung wiederherstellen kann.

Eine drastische Schilderung dieser trostlosen Zustände finden wir in den sogenannten Klageliedern Jeremias. Eigentlich sind es nicht einfach Klagelieder. Es sind Wirklichkeitsgesänge. Lieder, die beschreiben, was ist. Lieder zugleich, die nach der Verantwortung Gottes fragen und nach seiner Gegenwart rufen. Wenige Beispiele nur:


„Wie liegt die Stadt so verlassen! Sie ist wie eine Witwe und muss nun dienen. Gott hat sein eigenes Zelt zerwühlt und hat den Sabbat vergessen lassen. Die Kinder sprechen zu den Müttern. Wo ist Brot? Und in den Gassen verschmachten die Verwundeten. Priester und Propheten – im Heiligtum werden sie erschlagen.“



Doch wo die Not am größten ist, muss der Glaube nicht untergehen. Die Klage eines Verzweifelten mündet – grundlos, aber kraftvoll – in einen Hoffnungsgesang. Dies, was geschehen ist, nehme ich zu Herzen, bekennt dieser unbekannte Dichter, Und darum habe ich die Hoffnung noch nicht verloren. Und er setzt sein Lied mit Worten fort, die auch schon im ersten Lied des heutigen Gottesdienstes angeklungen sind, dem Lied von der täglich neuen Zuwendung Gottes:



Die Güte des HERRN ist's, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß. Der HERR ist mein Teil, spricht meine Seele; darum will ich auf ihn hoffen. Denn der HERR ist freundlich dem, der auf ihn harrt, und dem Menschen, der nach ihm fragt. Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des HERRN hoffen. Denn der HERR verstößt nicht ewig; sondern er betrübt wohl und erbarmt sich wieder nach seiner großen Güte.



Wo andere Hoffnungslieder singen, brauchen wir nicht zurückzustehen. – angefangenes Lied

<>LL EG 628,2+3: Ich lobe meinen Gott

Liebe Gemeinde,

ein kleines Photo habe ich für sie alle kopieren lassen. Das Photo zeigt Reste eine Hauses in Long Beach im Staat Mississippi. Von Schmutzstreifen überzogen, kann man dieses eine Wort sehr wohl noch lesen. Believe! Glaube. Ihre inzwischen verstorbene Großmutter habe dieses Wort dort hingeschrieben, so sagte die Besitzerin Amanda Sumarall zu dem Photographen. Believe! Glaube!

Dieses Mal waren es keine widrigen Umstände. Auch nicht, die Technik, die wieder einmal versagte. Es waren auch keine Terroristen. Es war einfach die Natur. Mit Urgewalt und einer Geschwindigkeiten von mehr als 250 Stundenkilometern raste der Hurrican Katrina vom Golf von Mexiko aus über das südliche Festland der Vereinigten Staaten. 36 Stunden Vorwarnzeit reichen nicht aus, um die Katastrophe zu vermeiden.

Am schlimmsten – und weitaus schlimmer noch als erwartet - trifft es die Menschen in den Dörfern und Städten der Staaten Louisiana und Mississippi. Hunderttausende machen sich auf die Flucht. Noch weit mehr werden an jenem schwarzen Montag vor knapp zwei Wochen insbesondere in New Orleans von den verheerenden Folgen des Wirbelsturm getroffen.

Noch wissen wir nicht, wie viele Zehntausende an Opfern zu beklagen sind. Aber die Bilder, die uns allabendlich frei Haus geliefert werden, haben niemanden unberührt lassen können. Wieder einmal waren es mehrheitlich die Schwachen, die betroffen waren. Schwarze, Arbeitslose, Menschen, die ohnedies immer zu kurz kommen, wenn es um die Verteilung des Wohlstands geht. Nicht einmal mit schnelle Hilfe konnten sie rechnen. Zustände wie in den ärmsten Ländern mitten im Zentrum des mächtigsten Staates der Welt. Und wir alle sind Zeuginnen und Zeugen an den Bildschirmen. Eigentlich nicht zu glauben.

Die Wasserfalle hat die Opfer noch mehr zu Opfern gemacht. Ist das gerecht? Hielt sich Gott einmal mehr verborgen, wo seine Gegenwart doch bitter nötig war? Ende der Fahnenstange bei der Suche nach Gottes Barmherzigkeit?! Wo warst du, Gott, im Todesbad von New Orleans?

Da hatten sie sich voller Erwartung auf den Weg ins Ötztal nach Sölden aufgemacht. Auch die drei Erwachsenen aus Oberbayern und die sechs Jugendlichen aus dem Schwarzwald, gar nicht so weit von hier. Skifahren bei strahlendem Sonnenschein in fast 3000 m Höhe. Eigentlich ein Traum. Und dann zerstört ein abstürzender Betonbehälter so viele noch ungelebte und hoffnungsvolle Lebensgeschichten.

Hatte sich Gott für einen Moment einfach abgewandt, wo es ihm doch ein Leichtes hätte sein müssen, dieser unnötigen Katastrophe zu wehren. Ende der Fahnenstange bei der Suche nach Gottes Barmherzigkeit?! Wo warst du, Gott, in jenen Todesgondeln von Sölden?

Flugzeuge, die ihr Ziel nicht mehr erreichen. Und während vor Wochen in Kanada 200 Menschen wie durch ein Wunder noch rechtzeitig die Maschine verlassen, stürzen in die Wochen danach Hunderte in den Tod. Ende der Fahnenstange bei der Suche nach Gottes Barmherzigkeit?! Wo warst du, Gott, in jenen fliegenden Todeskabinen?

Unzählige weitere Kapitel, die wir noch einzufügen könnten in diese Sammelklage. Große und kleine, wahrgenommene oder im verborgenen erlittene. Die Krankheit, mit der keiner rechnen konnte. Enttäuschtes Vertrauen, das eine Beziehung zersetzt. Der verlorengegangene Arbeitsplatz. Die Stelle, die ein anderer bekommt. Und immer wieder: die quälende Lücke, die der Tod in den Kreis der uns vertrauten Menschen gerissen hat.

Und immer wieder sind sie rechtzeitig zur Stelle – die Deuter aus frommem Herzen, die für alle eine Erklärung haben. Damals, als auf den Tag genau vor vier Jahren die symbolträchtigen Türme in Manhattan in sich zusammengestürzt und mehr als 3000 Menschen unter sich begraben haben. Gott habe die Terroranschläge zugelassen, weil „Heiden und Abtreiber und Feministen“ sich in Amerika so ungestörthätten entfalten können. Jerry Falwell, die dies gesagt hat, gilt als einer der ganz Großen in der konservativen Predigerszene in den USA.

Im aktuellsten Fall hört sich das so an: „Der Herr straft die Sündigen“, sagt Donald Katz von der „Army of God“. „Und New Orleans war eine Stadt der Sünde. Nicht alle sind schlechte Menschen. Aber sie haben die Sünde in ihrer Stadt geduldet.“ Habe nicht die Wolke, die um das Hurrikanauge kreiste, ausgesehen wie ein Fötus im Mutterleib. Und nicht ohne Grund seien fünf von zehn Abtreibungskliniken in Louisiana durch den Wirbelsturm zerstört worden.

Auf diese Weise wird zwar keiner der Getöteten wieder Lebendig. Aber die Ordnung des Denkens ist wieder hergestellt. Das Unermessliche der Katastrophe hat einen Sinn bekommen. Und die Unbegreiflichkeit lässt sich zumindest einordnen. Vielmehr noch. Sie hat sogar noch ihr Gutes. Weil Gott das Böse nicht ungestraft wirken lässt. Und es sich auch nicht auf Dauer ausbreiten kann.

So weit. So gut. Oder besser noch: So schlecht. Weil Gott auf diese Weise unzulässig missbraucht wird. Weil Gott herhalten muss für Entwicklungen, für die wir Menschen allemal selber verantwortlich sind. Weil wir immer noch nicht wahrhaben wollen, dass unsere Art zu leben – im Guten wie im Schlechten – nicht ohne Folgen bleibt. Für uns. Und für die, die nach uns leben und leben wollen. Wenn wir weiter zuschauen und abwarten wollten, bis etwa die Folgen des Treibhauseffekts auf die Klimaerwärmung zweifelsfrei nachgewiesen sind, wäre es ohnedies zu spät.

Ganz fremd ist uns diese Sehnsucht, alles erklären zu können, gewiss nicht. Wo ein unerklärbarer Rest übrig bleibt, macht sich Angst breit. Da fühlen wir uns ausgeliefert. Da bietet sich ein Freiraum an für die Wirksamkeit finsterer Mächte. Da finden die selbsternannten Welterklärer ihre Bühne.

Und um ganz ehrlich zu sein: Irgendwie wollen wir es wirklich wissen. Wie verhalten sich nun die Wirksamkeit Gottes und alles Böse und alle Katastrophen in der Welt zueinander. Wo warst du, Gott, am 11. September 2001? Wo war du in der vorigen Woche in New Orleans?

Die wenigen Verse aus den Klageliedern des Jeremia, die wir vorhin gehört haben, bieten den Zugang zu einer Antwort. „Die Güte des Herrn ist, dass wir nicht gar aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu. Gott verstößt nicht ewig. Sondern er betrübt wohl und erbarmt sich nach seiner großen Güte.“

Auch diese Worte können uns in die Irre leiten. Nämlich dann, wenn wir sie verstehen als Erklärung des Handelns Gottes. Wenn wir Gott als den großen Pädagogen begreifen wollen. Als den, der ein wenig zürnt, ein wenig um sich schlägt, um uns Menschen wieder zur Vernunft zu bringen. Allzumenschlich hieße das von Gott reden. Es bedeutete, Gott einzuordnen in unser Denken. In unser Schema von Ursache und Wirkung.

Doch Gott ist und bleibt der ganz andere. Oder die ganz andere. Nicht einmal im Geschlecht uns vergleichbar. Jenseitig. Transzendent. Unerklärbar. Und doch wirksam mitten unter uns. Zum Greifen nah! Auch in seiner Andersartigkeit.

Hilfreich werden die Worte aus den Klageliedern des Jeremia, wenn wir sie als das verstehen, was sie sind: nämlich als Beleg, als Zeugnis eines persönlichen, eines individuellen Glaubens. Sie wollen nicht erklären. Sie sind gesättigt von Lebenserfahrung. Jedes Leben spielt sich ab zwischen zwei völlig entgegengesetzten Polen. Zwischen Hoffen und Bangen. Zwischen Scheitern und Gelingen. Zwischen Katastrophe und Bewahrung. Zwischen Leben und Tod.

Wir können darüber sehrt wohl den Mut oder sogar den Glauben. Wir müssen Gott nicht ins Spiel bringen. Und es gibt Menschen genug, die mit dieser Denkvariante leben. Oder es zumindest versuchen. Wir können Gott aber auch im Spiel des Lebens behalten. Auch dann, wenn’s ernst wird und um’s Ganze geht. Wir können es wagen, den Glauben, dies alles geschehe zwar nicht mit Gottes Einverständnis, aber nicht so, dass es Gott widerlegt.

Ja, es stimmt. Wir sind es, die diese Welt gestalten. Die unsere Lebenswelt doch auch mit ansehnlichem Erfolg liebenswert gemacht haben. Die ihr aber zugleich immer wieder den Atem abschnüren. Sie belasten und vergiften. Sie überziehen mit Krieg und Gewalt. Sich gegenseitig ans Leben gehen. Dass wir dennoch nicht gar aus sind. Dass wir sogar leben und immer wieder neu Hoffnungsgeschichten schreiben können – so erstaunlich ist das. Und eigentlich so gegen den Augenschein, dass da noch ein anderer seine Hände im Spiel haben muss. Gottes Güte ist es, die uns am Leben lässt. Die uns das Leben genießen und diese Welt gestalten lässt. Kein Ab ohne ein Auf. Keine Träne ohne ein Lachen. Kein Bruch ohne dass nicht irgendwo Neues zusammenwächst.

Und – was das Unglaublichste ist – kein Tod, dem Gott nicht seine Lebendigkeit entgegensetzt. Nicht immer gleich sichtbar. Auch noch längst nicht immer Wirklichkeit. Oft nur ersehnt, erhofft und erglaubt. Aber dennoch schon wirksam als Perspektive.

Das Deutungsangebot des christlichen Glaubens macht das fest an dem einen, in dem Gott wurde wie wir. Menschlich und Mensch. Mit Fleisch und Blut. Der, der die große Katastrophe seines Lebens nicht gescheut hat. Und von dem wir immer noch sagen: Er lebt! Jesus aus Nazareth – der Platzhalter Gottes in dieser häufig Gott-losen Welt.

Darum haben wir keine Erklärung für Katrina. Meteorologisch vielleicht. Aber keine, die tiefer gräbt. Die sagt, warum es gerade diese Menschen getroffen hat. Und warum die Hilfe solange auf sich warten ließ. Das alles bedarf der politischen Klärung und Aufklärung. Aber wir können gewiss sein, dass Gott auch in New Orleans war. Nicht als der große Verhinderer des Bösen, als den wir ihn dort gerne gesehen hätten. Sondern als der Verhinder der Versuchung, ihm für immer den Abschied zu geben. Selbst in der größten Gottverlassenheit ist Gott da. Und sei’s als Inhalt unserer Sehnsucht. Als derjenige, der durch unseren Glauben am Leben gehalten wird. Und doch zugleich unseren Glauben ermöglicht und trägt.

„Believe!“ Glaube – womöglich nicht nur die beste, sondern auch die einzige Möglichkeit, auch am Tag danach noch mit Gott zu rechnen. Und mit seiner bleibenden Zuwendung über den Tag hinaus.

Solche Hoffnungsbotschaften dürfen wir nicht für uns behalten. Sie müssen kommuniziert und unter die Leute gebracht werden. Unser alle Aufgabe ist das. Für manche wird sie sogar zum Beruf. Wie etwa für Sie, liebe Frau Glünkin. Heute werden sie in ihre neuen Aufgabe als Gemeindediakonin eingeführt. Gegenwärtig noch in der Gemeinde March-Hochdorf. Mit deutlichem Schwerpunkt hier. Und in absehbarer Zeit im Team der West-Union. Da werden sie auch noch die Nachwehen des Wirbelsturms Strukturveränderung zu spüren bekommen. Obwohl schon vieles weggeräumt ist. Auch die Tatsache, dass es jetzt hier wieder ein Diakonin mit einem 75-Prozent-Deputat gibt, ist ein Produkt dieser Aufräumungsarbeiten. Und doch nicht das Schlechteste.

Eigentlich stand ich damals mit leeren Händen da, als ich in jener denkwürdigen Sitzung des Kirchengemeinderates versprach, mich für die Einrichtung diese Stelle einzusetzen. Dass es am Ende tatsächlich gelang – warum dürfen wir auch dies nicht als Zeichen des Glaubens verstehen?! Die Zeichen der Zeit recht zu deuten und Hoffnungsgeschichten zu entdekecken – das ist im Grund die Aufgabe, die ihnen jetzt zugemutet und zugetraut wird. Eine schöne Aufgabe ist das, zumal dann, wenn wir gerade junge Menschen mit dieser Hoffnung zur Lust am Leben verlocken wollen.

Believe! Glaube! Heute wird es nicht zuletzt zum Motto ihres Weges als Gemeindediakonin. Sie können dieses Weg gehen mit dem Zeichen der Gegenwart Gottes mitten in dieser Welt. Mit der Zusage seines Segens. Und dieser Segen wird umso wirksamer, je mehr wir ihn verteilen und weitergeben.

Believe! Glaube! Denn Gottes Menschenfreundlichkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist jeden Morgen neu. Amen.


Traugott Schächtele

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