Ansprache anlässlich der Einführung von Dr. Irene Leicht und Wolfgang Schmidt am 16. November 2005 in der Ludwigskirche


Liebe Frau Leicht,
lieber Wolfgang,

diese heutige Einführung setzt Zeichen! Nicht nur, weil es sich um eine Doppeleinführung handelt. Sie setzt Zeichen allein schon dadurch, dass wir diese beiden Einführungen in einem Gottesdienst am Buß- und Bettag feiern und damit einmal mehr zum Ausdruck bringen: Wir überlassen diesen Tag nicht der Gleichgültigkeit und politischer Opportunität. Im Gegenteil – wir haben ihn längst als ausgesprochen kirchlichen und evangelischen Feiertag zurückgewonnen und ihn sogar in einem ökumenisch geweiteten Horizont neu etablieren können.

Diese heutige Einführung setzt aber darüber hinaus noch Zeichen in ganz eigener Hinsicht. Sie nimmt das Thema des Buß- und Bettages auch in der Weise auf, dass sie dessen Thema der Umkehr in die konkrete Form der Umkehr in die Zukunft besonderer Formen der kirchlicher Arbeit übersetzt.

Dazu drei kleine Hinführungen: Begründet ist diese Einführung in zwei hauptamtliche kirchliche Dienste im Grunde ja in einer Strukturentscheidung, die auf einen finanziell enger gewordenen Rahmen reagiert. Die Pfarrstelle des Industrie- und Sozialpfarramtes wurde auf ein halbes Deputat zurückgeführt. Und die zusätzliche Übernahme dieser halben Stelle durch dich, lieber Wolfgang, hat eine halbe Stelle im Bereich der Erwachsenenbildung frei gemacht, in sie, liebe Frau Leicht, heute eingeführt werden.

Was sich komplizierter anhört als es im Grunde ist, bedeutet zugleich: Schwierigere Rahmenbedingungen – so schmerzlich sie im Einzelfall auch sind - bedeuten nicht einfach den Rückzug aus wichtigen Arbeitsfeldern. Sie setzen auch Phantasien zur Entdeckung überraschender Auswege frei. Umkehr in die Zukunft – sie ist nicht immer leicht, aber sie bleibt eine Möglichkeit! Auch im Bereich strukturellen Veränderungen.

Beide Einführungen – und das ist der zweite Punkt - beziehen sich auf einen pfarramtlichen Dienst, der sich nicht auf eine einzelne Gemeinde beschränkt. „Ortsgemeinde und übergemeindliche Arbeit im Konflikt“ – so lautete der Titel einer mittlerweile längst weite Kreise ziehenden Habilitationsschrift. Dieser Konflikt zwischen parochialen und überparochialen Diensten hat an Aktualität und an Brisanz nichts verloren. Und er kann gewiss nicht dadurch aus der Welt geschafft werden, dass wir auf die übergemeindlichen Angebote und konkret auch auf die beiden, die bei dieser Einführung betroffen sind, verzichten. Darum ist es gut und zeichensetzend, wenn wir heute diese Einführung feiern. Umkehr in die Zukunft – sie ist nicht immer leicht, aber sie bleibt eine Möglichkeit! Auch im Bekenntnis zur Gleichwertigkeit, ja zur Unverzichtbarkeit übergemeindlicher Angebote und Dienste.

Zeichensetzend ist dies Einführung – drittens - auch im Blick auf die konkreten Arbeitsfelder, um die es heute geht. Allen Schnittmengen zum Trotz zielt die Arbeit der Erwachsenenbildung und des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt im Grundsatz auf zunächst doch auf eher unterschiedliche Zielgruppen, man könnte auch sagen auf unterschiedliche Milieus. Aber in beiden Bereichen, in dem der Erwachsenenbildung und dem des Engagements in der Arbeitswelt, geht es letztlich um Menschen, die für die tradierten Formen kirchlicher Arbeit vielfach schon verloren gegangen scheinen oder verloren zu gehen drohen.

Die für diese Arbeit zur Verfügung stehenden Deputate reichen darum gewiss nicht aus. Aber sie setzen in dem, was in beiden Bereichen an Arbeit geschieht – und ganz konkret auch hier in Freiburg und der weiteren Region – eben beispielhaft Zeichen. Engagement – nicht unter dem Vorzeichen der unbegrenzten Möglichkeiten, aber eben unter dem des Unverzichtbaren und deshalb zu Bewahrenden und zu Entwickelnden. Umkehr in die Zukunft - sie ist gewiss nicht immer leicht, aber sie bleibt eine Möglichkeit! Auch dadurch, dass wir uns unserer Verantwortung für den Bereich der Arbeitswelt und der Wirtschaft ebenso verpflichtet fühlen wie dem Bekenntnis zur Bedeutung der Bildung im Kontext der Profil verleihenden Angebote unserer Kirche.

Himmelwärts und erdverbunden. Unter diesem Motto waren die beiden Arbeitsbereiche, für die ihr steht, vor knapp drei Wochen Miteinladende zu einem Studientag zu Wegweisungen des Protestantismus – einer Veranstaltung, die hier nebenan im Gemeindesaal stattfand.

Himmelwärts und erdverbunden - beides zeichnet eurer konkreten Arbeitsbereiche und Themenfelder aus. Erdverbunden sind sie in dem, worauf diese ihr jeweiliges Augenmerk legen. Und sich auch voneinander abgrenzen. Und zugleich himmelwärts ausgerichtet sind sie durch die Perspektive, die wir mit dieser Arbeit im einen wie im anderen Fall in den Blick rücken und im Blick behalten möchten.

Die Brücke, die von dieser Erdung und Verwurzelung zur Weite des Horizontes und darüber hinaus führt, ist die Hoffnung. In Gestalt der tragenden Hoffnung über den Tag hinaus lässt sich die Gute Nachricht Gottes für diese Welt und die Menschen, die in ihr leben, ins Leben ziehen. Daran habt ihr beide Anteil mit euren je besonderen Dienstaufträgen in den in ganz neuer und ungewohnter Weise verbundenen Arbeitsbereichen. Im 1. Petrusbrief wird dieser Zusammenhang in folgende Worte und mir sehr liebgewordene Worte gefasst:

SEID ALLEZEIT BEREIT
ZUR VERANTWORTUNG VOR ALLEN,
DIE RECHENSCHAFT VON EUCH FORDERT
ÜBER DIE HOFFNUNG, DIE IN EUCH IST.

Verantwortung zu übernehmen für die Kommunikation dieser Hoffnung. Das ist das verbindende Thema nicht nur zwischen Erwachsenenbildung und dem kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt. Nicht ohne Grund stellen wir nachher gerade im Zusammenhang dieses Gottesdienstes die zweite Auflage unseres Freiburger Hoffnungsbuches vor.

Dabei ist die Verantwortung in den Arbeitsfeldern des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und der Erwachsenenbildung in ganz besonderer Weise unter den Vorzeichen einer säkularen und zugleich von großen Suchbewegungen gekennzeichneten Welt wahrzunehmen. Die Übernahme dieser Hoffnungsverantwortung fordert eine Sprache und eine Mixtur von Methoden, die unverwechselbar die je eigene Zielgruppe anzusprechen und anzuregen vermögen.

Gott hat sich ein ums andere Mal eingemischt in die scheinbar unabänderlichen Abläufe dieser Welt. Und unüberbietbar in dem, der gänzlich Mensch wurde wie wir – und doch alles Menschliche aus der Ruhe des Weiterso herausgerissen hat. Daran habt ihr mit euren heute übernommenen Aufgaben Anteil. Damit denen, die Gott suchen, das Herz aufgeht. Und damit ihr jeden Tag auf’s Neue Zeichen setzen und Verantwortung übernehmen könnt mit der Hoffnung, die in euch ist. Amen.


Traugott Schächtele

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