PREDIGT IN DREI TEILEN ZUM ALLGEMEINEN PREISTERTUM
GEHALTEN IN DER GEMEINDE DREISAM3
AM SONNTAG, DEN 12. FEBRUAR 2006 (SEPTUAGESIMAE)


Gruß

Freude sei mit euch und Freundlichkeit und die Gewissheit der Nähe Gottes auch im Gottesdienst an diesem Sonntagmorgen!

Liebe Freundinnen und Freunde in Christus! Wir gehören in der großen Familie Gottes zusammen! Und in der evangelischen Kirche in Freiburg auch. Darum ist es gut, dass ich heute als Dekan des evangelischen Kirchenbezirks Freiburg hier in der Gemeinde dreisam3 predigen kann. Dreisam3 ist das jüngste Kind in der Geschwisterschar der hiesigen Gemeinden. Ich bin selber auch der Jüngste in einer großen Geschwisterschar. Von daher passt das heute sicher gut zusammen! Ich war jedenfalls sehr gespannt auf diesen Gottesdienst. Und ich vermute, sie auch!

Eine Predigt in drei Teilen haben wir im Vorbereitungskreis am vergangenen Dienstagabend vereinbart. Der erste Teil beinhaltet gewissermaßen eine Art Lehrpredigt. In ihm soll es ganz grundsätzlich um das allgemeine Priestertum gehen. Im zweiten Teil lege ich dann einen zentralen biblischen Text aus, der für das heutige Thema wichtig ist. Im dritten werden wir dann alle Zeuginnen und Zeugen einer Konkretisierung dieses Gedankens im Blick auf ein konkretes Amt der Kirche.

Jetzt aber zunächst zurück zum allgemeinen Priestertum. Was heißt das denn eigentlich: allgemeinen Priestertum? Was ist damit eigentlich gemeint? Manchmal heißt es auch Priestertum der Gläubigen. Oder Priestertum der Glaubenden.

Ganz verschiedene Antworten sind möglich. Manche sagen: Das allgemeine Priestertum ist nur ein Bild. Es bezeichnet nicht etwas wirklich Konkretes. Schließlich ist Christus der einzige wahre Priester. Und andere ziehen daraus den Schluss: Wenn wir alle Priester genannt werden, dann brauchen wir keine Ämter und keine Ordnungen mehr in der Kirche. Dann darf jeder alles.

Auch die katholische Kirche kennt ein allgemeines Priestertum etwa in folgendem Sinn: Die Gläubigen, das Volk Gottes, sie sind Priester in einem uneigentlichen, übertragenen Verständnis. Daneben – oder besser gesagt – darüber gibt es den Kreis der geweihten Priester, die im wirklichen Sinn Priester sind.

Was ist nun richtig? Was meint die Rede vom allgemeinen Priestertum zwischen „eigentlich gar kein richtiges Priestertum“ und „jeder darf alles“? Der Vater dieses Gedankens ist eigentlich Martin Luther. In einer seiner Hauptschriften aus dem Jahre 1520 schreibt er:

- jetzt Text 1 einblenden -

Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes, und es ist unter ihnen kein Unterschied außer im Blick auf das ihnen übertragene Amt. Denn die Taufe, das Evangelium und der Glaube sind allein der Grund dafür, jemanden als „geistlich“ zu bezeichnen. Nur sie bilden die Grundlage für die Gemeinschaft der Christen. Darum können sich alle, die aus der Taufe gekrochen sind, rühmen, dass sie auf diesen Weise schon zum Priester, zum Bischof ja zum Papst geweiht sind.

Aus diesem kleinen Text können wir Entscheidendes lernen. Zuallererst: Grundlage des allgemeinen Priestertums ist die Taufe. Deshalb spricht man manchmal auch vom Taufpriestertum. In der Taufe kommt zum Ausdruck, dass Gott uns immer voraus ist. Und dass unser Glaube und unser Verhalten den Charakter einer Antwort haben. Die Taufe bringt unser Angewiesensein vor Gott zum Ausdruck. Darin sind wir alle gleich. Darin ist zwischen uns kein Unterschied. Und deshalb sind wir alle „geistlichen Standes“ wie Luther schreibt. Eine andere Art von Weihe, gar eine höhere Weihe gibt es nicht.

Darum sind wir eben auch zum Priester und zum Bischof und sogar zum Papst geweiht. Luther gibt zwei verschiedene Begründungen dafür, dass wir nicht einfach nur Glaubende oder auch einfach nur Christenmenschen sind, sondern eben zugleich auch Priester. Und natürlich auch Priesterin. Zum einen deshalb, weil wir teilhaben am Priestertum Christi. Die Kirche, so argumentiert Luther, ist ja der Leib Christi ist, Deshalb kann alles, was über Christus ausgesagt wird, auch über uns gesagt werden.

Umgekehrt gilt dies allerdings auch. Christus macht sich unsere Schwäche zu eigen. Und wir haben teil an seiner Stärke. Und sind deshalb eben auch Priesterin und Priester. Das bedeutet: Wir haben einen unmittelbaren eigenen Zugang zu Gott. Und wir dürfen unser Handeln als Opfer verstehen. Das heißt als etwas, das wir um Gottes willen tun und womit wir es Gott recht machen.

Diesen Tausch von Stärken und Schwächen zwischen Christus und den einzelnen Gläubigen nennt Luther den „fröhlichen Wechsel“. In einem bekannten Weihnachtslied heißt es je bekanntlich: „Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!“ Der fröhliche Wechsel zwischen Christus und uns – das ist der eine Grund dafür, dass wir alle Priester und Priesterin sind.

Der zweite Punkt, der Luther hier wichtig war, ist ein polemischer. Oder anders gesagt. Er ist eine praktische Konsequenz aus dieser ersten theologischen Begründung. Die Anhänger Martin Luthers sind ja durch ihre öffentliche Kritik an der damaligen Kirche aus den traditionellen Strukturen herausgefallen und hatten keine eigenen Priester. Hier macht Luther dann mit seinem Gedanken des allgemeinen Priestertums ernst. Und der dreht den Spieß um. „Wir brauchen eure Priester gar nicht!“, sagt er. „Wir sind doch alle Priester. Auch noch Priesterin hinzuzufügen, das hat er sich damals dann doch noch nicht getraut. Aber es liegt in der Konsequenz seiner Theologie.

Die Taufe ist zuallererst ein Zuspruch. Nun verbindet sich mit diesem Zuspruch aber auch ein Anspruch. Eine Aufgabe. In der Sprache Luthers ein Amt. Und dieses Amt besteht darin, die von Gott in uns hineingelegten Gaben zu entfalten. Darin sind wir nun in der Tat sehr unterschiedlich. Wir sind alle verschiedenartig begabt. In der Entfaltung unserer Gaben machen wir von unserem Priestertum Gebrauch. Darum mag das Priestertum ein allgemeines sein. Unser je eigener priesterlicher Dienst ist aber immer ein besonderer. Mit einer besonderen Verantwortung. Und an unserem eigenen und jeweils besonderen Ort. Und manchmal bleibt uns dabei nicht einmal ein heilsamer Ortswechsel erspart. Das wollen wir jetzt auch gleich miteinander üben.

- ORTSWECHSEL –

- LIED -


Ich hoffe, Sie haben alle wieder ihren Platz gefunden. Sicher haben sie es gemerkt: Ganz ohne einen gewissen Einsatz ist ein solcher priesterlicher Ortswechsel nicht zu haben. So wie bei den Sportlerinnen und Sportler am vergangenen Freitag beim Einzug in das Olympische Stadion in Turin. Am Freitagabend wurden dort die Olympischen Winterspiele eröffnet. Mit einem farbenfrohen Spektakel. Und eben auch mit dem Ritual des Einzugs der Sportlerinnen und Sportler. Die Olympischen Spiele haben durchaus Gleichnischarakter für das, was wir mit dem allgemeinen Priestertum meinen. Nicht nur, weil die Sportlerinnen und Sportler auch ihre je verschiedenen Gaben einbringen. Sondern auch durch das Motto der Olympischen Bewegung. Dies lautet ja bekanntlich. „Dabeisein ist alles!“ Und gemeint ist: Es kommt auf’s Mitmachen an!

Natürlich hat die Wirklichkeit diese Idee in ihrer reinen Form längst Lügen gestraft. Denn am Ende kommt’s für viele dann doch auf die Medaillen an. Und darauf, im Medaillenspiegel ganz vorne zu stehen. Doch als Festival von lauter sportlichen „Ich-AGs“ war die Olympiade ursprünglich nicht gedacht. „Dabei sein ist alles!“ Das war schon ernstgemeint.

Dabeisein ist alles! Darum geht es auch bei der Konkretisierung des allgemeinen Priestertums. Und eben nicht darauf, auf dem Treppchen zu stehen. Dabeisein ist alles. Und ergänzend könnten wir dazufügen. Und alles ist nur etwas, wenn wir uns als ein Ganzes verstehen. Und nicht nur als die Summe von lauter Einzelaktivitäten.

Darum ist es gut, wenn wir zu diesem Thema jetzt einen Blick in die Bibel werfen. Eines der zentralen Kapitel für unser Thema ist das zweite Kapitel des ersten Petrusbriefes. Dort heißt es im fünften Vers:

- jetzt Text 2 einblenden -

Lasst zu, dass aus euch ein Bauwerk wird, das zusammengesetzt ist aus lebendigen Steinen. Auf diese Weise entsteht aus euch so etwas wie ein geistliches Haus, dass zum Bild wird für euch als einer Gemeinschaft heiliger Priester. Deren Aufgabe besteht darin, gewissermaßen geistliche Opfer zu bringen, an denen Gott Gefallen hat, weil sie ihren Grund in Jesus Christus haben.

Aber Mit diesen Worten bekommt die Vorstellung des allgemeinen Priestertums, die wir aus dem Zitat Martin Luthers gewonnen haben, noch einmal eine Zuspitzung. Unsere priesterliche Beauftragung ist keine individuelle und nur auf unsere eigenen Absichten bezogene. Ihr Ziel ist die Auferbauung der Gemeinde.

Der 1. Petusbrief besteht in wesentlichen Teilen aus einer Taufansprache. Er beschreibt die Konsequenzen der Taufe für die persönliche Lebenspraxis. Was wir durch unsere Taufe sind, sind wir eben nicht allein und für uns. Wir sind es mit anderen zusammen.

Der 1. Petrusbrief liebt den Plural. Nicht „DU bist...!“ Vielmehr „Ihr seid...!“ Einige Beispiele für dieses „Ihr seid!“ haben wir vorhin ja schon gehört.

Jetzt heißt es also: „Ihr seid ein Haus aus lebendigen Steinen!“. Großartig. Mir gefällt das Bild mit den lebendigen Steinen sehr gut. Damit wird ausgedrückt, dass unsere Rolle keine statische ist. Wir sind nicht einfach nur ein toter Stein, der irgendwo und irgendwie in das Gebäude eingefügt wird. Nein, wir sind ein lebendiger Stein. Voller Vitalität und Lebenslust.

Eigentlich ist dieses Wortspiel vom lebendigen Steien ein Widerspruch in sich. Steine sind per se eben nicht lebendig. Sie sind tote kalte Masse. Aber genauso sollen wir ja nicht sein. Vielmehr sind wir lebendige Biomasse Gottes. Individuell ausgestattet. Aber erst im Zusammenwirken in der Lage, unserem Auftrag gerecht zu werden.

Ein Haus aus lebendigen Steinen seid ihr. Und eben auch: Eine Gemeinschaft heiliger Priesterinnen und Priester. Das, was ihr einbringt in die Gemeinde, das sind eure Opfer. Und euer Einsatz, das ist euer Gottesdienst. Priesterinnen und Priester seid ihr. Seit eurer Taufe! Und eben keine Laien.

Wir sollten diesen Begriff „Laie“ in der evangelischen Kirche gar nicht gebrauchen. Denn da, wo es Laien gibt, gibt es auch hierarchisch übergeordnete Priester. Und genau dies steht im Widerspruch zu unserer gemeinschaftlichen priesterlichen Würde. Ihr seid Priester! Das ist eine Aussage, die uns vor allem gemeinsam zukommt. Die gewissermaßen unsere Würde als Kirche und Gemeinde vor Gott beschreibt.

Einige Verse später legt der Schreiber des 1. Petrusbriefes noch nach: „Eine auserlesene Gruppe seid ihr!“, schreibt er im 9. Vers. „Eine königliche Priesterschaft. Ein heiliges Volk. Gottes Eigentum.“ Und da die Leute damals ihre Bibel kannten, wussten sie auch gleich, worauf der Briefschreiber anspielt. Den mit ganz ähnlichen Worten wendet sich Gott schon an Mose.

Im 19. Kapitel des 2. Mosebuches (Exodus 19,6) heißt es: „Mein Eigentum sollt ihr sein vor allen anderen Völkern. Ein Königreich von Priestern sollt ihr sein. Und ein heiliges Volk.“ Und schon etwas früher als der 1. Petrusbref schreibt der Seher Johannes auf Patmos an die sieben Gemeinden in Kleinasien: „Christus hat uns zu Königen und Priestern gemacht.“ (Offenbarung 1,6)

Noch lange ehe sich wieder Ämter entwickelt haben in der Kirche und noch lange ehe die Kirche damit begonnen hat, Menschen zu Priestern zu weihen – lange davon war klar: Wir alle sind Priesterin und Priester!

Dass wir Priesterin sind und Priester, das ist gewissermaßen die Übersetzung der Rechtfertigung in die konkreten Lebensvollzüge und in die Gestalt der Kirche. Nichts anderes ist die Kirche – egal welcher Art und Prägung – nichts anderes ist sie als Leib Christi.

Darum gilt: Ein Haus aus lebendigen Steinen seid ihr. Ein zusammengefügter Bau von Menschen, die einander und aneinander Priesterin sein sollen und Priester. Weil ihr damit Anteil haben am priesterlichen Dienst, am priesterlichen Amt Christi. Weil ihr dadurch geistliche Opfer bringen könnt. Was immer wir tun, um Gottes Menschenfreundlichkeit konkret werden zu lassen, das ist das, was hier ein geistliches Opfer genannt wird.

Opfer meint hier nicht etwas, was wir uns mühsam von der Seele ringen – etwa in dem Sinn, wenn wir sagen: Ich habe mich geopfert. Opfer meint hier: Ich bringe etwas dar. Ich trage etwas bei. Ich bringen mich ein. Nicht irgendwie. Und nicht irgendetwas. Sondern irgendjemandem zu gut.

Geistliche Opfer bringen wir dar, wenn wir Gottesdienst feiern. Wenn wir mit vorbereiten. In den verschiedenen Tätigkeiten, die dazugehören. Geistliche Opfer bringen wir aber auch dar, wenn wir uns um Weltliches sorgen. Am Arbeitsplatz. Beim Studium. Priesterin und Priester sind wir beileibe nicht nur sonntags. Schließlich hat Paulus uns in Römer 12 ermahnt, unseren ganzen Alltag zum Gottesdienst werden zu lassen. (Römer 12,1). Priesterin zu sein und Priester ist eine Würde. Und eine Verpflichtung dazu.

Priesterin und Priester sind wir seit unserer Taufe. Es ist höchste Zeit, dass wir uns dessen bewusst werden. Weil auch hier gilt: Dabeisein ist alles! Es ist höchste Zeit, dass wir aufhören, Mr. und Mrs. Undercover zu sein. Du bist Priesterin. Du bist Priester. Das feiern wir. Heute am Sonntag. Und an allen Werktagen dazu.

- Lied -

Geistliche Opfer bringen wir, wenn wir unsere Gaben einbringen. Den schließlich sind wir alle Priesterin und Priester. Warum gibt es dann aber immer noch Pfarrerinnen und Pfarrer? Sind das doch wieder besondere Priester. Nur gewissermaßen durch die Hintertür? Überhaupt nicht! Natürlich hat auch diese Besonderheit ihren Grund. Die Weitergabe der Guten Nachricht Gottes wird gewissermaßen zur Lebensaufgabe. Und zum öffentlichen Auftrag.

Daneben kennt die Evangelische Landeskirche in Baden aber auch andere Ämter der öffentlichen Verkündigung. Insbesondere das der Prädikantin oder des Prädikanten. Menschen, die dazu bereit und ausgebildet sind, werden vom Landesbischof mit der öffentlichen Wortverkündigung beauftragt.

Eine allgemeine Priesterin, die ihre geistlichen Opfer als Prädikantin darbringt, feiert heute mit uns diesen Gottesdienst. Deshalb möchte ich jetzt Frau Ruth Kummetz bitten, zu mir zu kommen.

- Frau Kummetz kurz vorstellen -

Liebe Frau Kummetz, sie bringen sich schon über einige Zeit als allgemeine Priesterin in der Seelsorge an älteren Menschen ein. Der Landesbischof hat sie nun zur Prädikantin berufen und darüber eine Urkunde ausgestellt, die ich erst verlesen möchte und ihnen dann übergeben werde. Der Text der Urkunde lautet:

- jetzt Text 3 (Urkunde) einblenden -

Zu ihrer Berufung gratuliere ich ihnen von Herzen und wünsche ihnen Gottes Segen. Und viel Freude bei der Ausübung ihres besonderen Amtes im Rahmen des allgemeinen Priestertums.

Priesterin zu sein und Priester – aneinander und um Gottes Willen. Dazu sind wir berufen. Und etwas schöneres und Wichtigeres kann es eigentlich gar nicht geben. Amen.


Traugott Schächtele

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