PREDIGT
IN DER TRAUERFEIER
FÜR
I.P.-K.
AM 4. MÄRZ 2006
IN DER CHRISTUSKIRCHE
IN FREIBURG


Lieber W.
liebe Angehörige – Mutter, Schwestern und Familie
und Freundinnen und Freunde von I.,
liebe Trauergemeinde!

Niemals erscheint uns das Leben kostbarer als im Angesicht des Todes. Drei Tage nach dem Aschermittwoch 2006 feiern wir diesen Gottesdienst, in dem uns die Erfahrung des Todes herausreißt und herausfordert. Sie reißt uns heraus aus allen vermeintlichen Sicherheiten, mit denen wir unser Leben umgeben und bewahrt wissen wollen. Und sie fordert uns einmal mehr und aufs Neue heraus, den Tod auszuhalten. Heute den von I. K.

Ihr Tod soll uns zu denken geben. An sie wollen wir denken und an all die Jahre, die sie unter uns und mit uns gelebt und die Kreise unseres Lebens und die Fülle unserer Hoffnungen bereichert hat. Wir haben sie vor Augen und in unseren Herzen in der Lebendigkeit, in der sie da war. In ihrer und eurer gemeinsamen großen und herzlichen Gastfreundschaft. In ihrem Engagement im Beruf. Im Einsatz für die Gerechtigkeit, den Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. In der Art und Weise, dich, lieber W., trotz eigener beruflichen Beanspruchung in deiner gemeindlichen Arbeit zu unterstützen, mitzudenken und mitzuhandeln. In ihrer lebensfrohen Art, sich in Gesprächen zu beteiligen. Wir haben sie vor Ohren, wie sie dich angesprochen und deinen Namen gerufen hat.

Wir wollen in Trauer und Dankbarkeit an sie denken. Und zugleich auch an den, dessen Lebensfreundlichkeit auch dann nicht an ihr Ende kommt, wenn wir uns eingestehen müssen, dass unsere Möglichkeiten endgültig an ihr Ende gekommen sind. Denken wollen wir aber auch in allem Ernst daran, dass I. K. uns nur voraus ist auf dem Weg, der keiner und keinem von uns erspart bleibt. Und der sich am Ende als Weg in die Unverbrüchlichkeit und die gänzliche Andersartigkeit des Lebens an der Quelle seines Ursprungs erweist.

Am Anfang und am Ende steht die alles überstrahlende Leuchtkraft des Lebens. Jeden Lebens. Dazwischen liegt der Weg, dem die zersetzenden Mächte dieser Welt den Karfreitag nicht erspart haben. Im Festkreis des Kirchenjahres begehen morgen den ersten Sonntag der Fastenzeit: Invocavit! An diesem Sonntag vor 484 Jahren, am 9. März 1522, hielt Martin Luther die erste seine berühmten acht Fastenpredigten: Sie beginnt mit den eindrücklichen Worten: „Wir sind allesamt zu Tode gefordert, und keiner wird für den anderen sterben, sondern jeder in eigener Person für sich mit dem Tod kämpfen. In die Ohren können wir wohl schreien, aber ein jeder muss für sich selbst geschickt sein in der Zeit des Todes. Ich werde dann nicht bei dir sein noch du bei mir. Hierin muss jeder die Hauptstücke, die einen Christen angehen, genau wissen und gerüstet sein.“

Geschickt zu sein zum Sterben, das ist wahrhaftig keine leichte Anforderung. Auch dann, wenn wir im Sterben nicht allein sind. Weil liebende Menschen uns aushalten bis zuletzt. So wie wir alle auch I.K. gut und liebevoll begleitet wissen durften - in Besuchen und im Gebet; durch dich, lieber W., und durch andere Menschen, denen ihr bleibend verbunden gewesen seid und bleibt.

I.K. hat die Hauptstücke ihres Glaubens gekannt. Und auf ihre eigene ganz unaufdringliche Weise ins Leben gezogen. Es war nicht zuletzt ihre eigenen Glaubensüberzeugung, die sie durch schwere Monate und Wochen getragen hat. Sie war ein in ganz besonderer Weise an den Realitäten und Facetten des Lebens interessierter und zugleich überaus dankbarer Mensch. Bis zuletzt.

Es gibt weit mehr als nur einen Grund dafür, dass auch wir heute in ihrer Dankbarkeit gegründet diesen Gottesdienst feiern können. Dankbar auch dafür, dass die persönliche Prägung ihres Glaubens diesen Gottesdienst unter ein überaus tröstliches Vorzeichen stellt. Dass sie uns auf dem Weg zum Karfreitag noch einmal den aufhellenden Schein der Engel auf den Hirtenfeldern vor Bethlehem aufleuchten lässt. Und uns die zukunftsbewahrenden, tröstlichen Klänge ihrer nächtlichen Botschaft zu Gehör bringt.

Ohne die Ereignisse der Weihnacht – und diese Überzeugung war für sie von großer Bedeutung - wären weder Karfreitag noch Ostern wirklich geworden. Auf dem rauhen Stück Erde, auf dem die Hirten ihrem schwierigen Geschäft nachgehen, und im unwirtlichen Unterschlupf draußen vor den Toren, wo dieses Kind das Licht der Welt erblickt, spielt sich das Drama der Weltgeschichte, ihr actus tragicus, im Kleinen ab. Ein mächtiger Kaiser, der - geschützt hinter den Mauern ferner Paläste - seine Untertanen hin und herschiebt wie Figuren auf einem Spielbrett. Menschen, die vom Leben gebeutelt und im Angesicht ständiger Gefährdung ihr Dasein fristen.

Doch unausrottbar schon damals die große Hoffnung, dass sich hinter allem und durch alles hindurch die großen Möglichkeiten des Lebens verbergen. Und dazwischen die große Sehnsucht, dass die Lebensfreundlichkeit und Weltzugewandtheit Gottes ein Gesicht und eine Geschichte bekommen. Festgemacht an dem einen, in dem Gott sich einen menschlichen Ort verschafft in dieser Welt und sich und der Welt ein menschliches Gesicht verleiht. Festgemacht am Ende aber in unser aller Lebensgeschichten, deren Zerbrechlichkeit im einzelnen überstrahlt wird von dem großen Bild, das entsteht, wenn wir die Lücken und Klüfte überbrücken und alles zu einem Ganzen werden kann.

Im Gesang der Engel verdichtet sich Gottes Botschaft zu einer Zusage, die Leben begründen und bewahren kann. Jene Botschaft, die in der alten Übersetzung Martin Luthers – so wie sie auch Johann Sebastian Bach vertont hat – lautet:

Ehre sei Gott in der Höhe

und Friede auf Erden

und den Menschen ein Wohlgefallen


I.K. wollte die Leuchtkraft dieser Worte nicht einfach nur auf die weihnachtlichen Wochen beschränkt wissen. Sie spürte die politische Sprengkraft der Zusage dieses Friedens auf Erden. Und den damit zugleich mitverbundenen Auftrag, diesem Frieden eine Chance zu geben. Dem kleinen vor Ort und dem großen weltweit. Und ihre Zuwendung als Sozialarbeiterin und Bewährungshelferin galt denjenigen, denen es an nichts mehr mangelt als am Wohlgefallen der Menschen. Dadurch gab sie der Überzeugung, dass Gottes Wohlgefallen auch denen gilt, denen wir es hier vorenthalten oder vorenthalten müssen, in glaubwürdiger und beispielhafter Weise Anteil an ihrer ganzen Existenz.

Ihr Lebensweg begann nach der Geburt in K. vor fast 55 Jahren in G. in der Nähe von K. Wie weit entfernt sie ihre Füße auch auf andere Wege setzte und ihren Horizont weiter verschob, so blieb sie ihrem Heimatort immer sehr verbunden. Dort wird sie am kommenden Montag auch ihre letzte irdische Ruhestätte finden.

Wer gute Wurzeln hat, kann sich auch weit in den Himmel strecken. Und so wurde die ganze bewohnte Erde, die Oikumene, von der der erste Vers der Weihnachtsgeschichte spricht, zu ihrem großen Lebensthema. Die Leidenschaft für die Ökumene, die Verbundenheit all derer, die auf Gott hoffen, über alle Länder und Kontinente hinweg – sie hat sie mit dir geteilt und mit dir gelebt, lieber W. - diese Sehnsucht nach Einheit und Verbundenheit. Diese Leidenschaft hat euch verbunden – als Eheleute über 26 ½ Jahre.

Aber genauso die Sehnsucht nach einer weltweiten Gerechtigkeit, die den Menschen des Südens nicht länger vorenthält, was die im Norden für sich beanspruchen. Vor Ort hat sie sich engagiert, in den Gemeinden, in denen sie mit dir, W., gelebt hat. In der Kleinarbeit der Gremien wie etwa im Bezirksausschuss für Mission und Ökumene. Aber auch global im Sinne des Wortes, bei euren zahlreichen Reisen und Aufenthalten zwischen Kamerun und Indonesien. Sie haben Inge und dich mehr geprägt als alles andere. Und sie haben die Vision in euch genährt, dass eine andere Welt nicht nur denkbar und möglich ist, sondern nach Gottes Willen auch einmal Wirklichkeit werden wird. Und uns Menschen dabei die große Aufgabe der Mitwirkung und Mitgestaltung zugedacht ist.

Oftmals gegen den Augenschein der politischen und menschlichen Wirklichkeiten dieser Welt habt ihr gemeinsam an eurer Hoffnung festgehalten. Da du, W., auch weiter daran festhalten kannst – und dass wir alle daran festhalten wollen und können – das kann nur in der Kraft einer uns zugesprochenen Hoffnung gelingen. Jener großen Hoffnung auf Leben jenseits unserer Möglichkeiten, die du selbst in deinem Beruf als Pfarrer schon unzählige Male Menschen zugesprochen und an Zweifelnde und Trauernde weitergegeben hast.

Verbunden durch unsere gemeinsamen Hoffnungen und dankbar für die Weise, in der ihr anderen an eurem gemeinsamen Leben Anteil gegeben habt, lassen wir uns trösten: Der Frieden auf Erden ist uns zugesagt. Und zugleich auch, dass Leid, Schmerz und Geschrei nicht das Letzte sind. Weil das Erste vergeht. Und Gott alle Tränen abwischen wird.

Ehre sei Gott in der Höhe – das ist der Anfang des Gesangs der Engel. Und es ist zugleich der Abschluss der Kantate von Johann Sebastian Bach, die wir vorhin gehört haben. „Glorie, Ehr und Herrlichkeit sei dir, Gott Vater und Sohn bereit.“

Heute, an diesem Tag des Abschieds Gott die Ehre zu geben, heißt nicht, der Trauer und der Klage keinen Raum lassen. Heißt nicht, auf Tränen und auf die bohrenden Fragen im Angesicht des Todes zu verzichten – im Gegenteil. Wir geben Gott die Ehre auch und gerade dann, wenn wir den vorschnellen Antworten und Vertröstungen nicht trauen. Wir geben Gott die Ehre, wenn wir uns die Frage nach dem Warum dieses Todes und jedes Todes überhaupt, nicht ersparen. Wir geben Gott die Ehre auch in unserem Schweigen, das oft redlicher ist, als Worte, die die Wahrheit und unser Nichtwissen oft nur vertuschen.

Der Tod ist Gottes Sache nicht. Gott will, dass wir leben! Und Gott will zugleich, dass wir uns dafür einsetzen, dass wir die Lebensbedingungen dieser Welt so gestalten, dass sie menschlicher werden. Daran hat I.K. mitgewirkt. Mit Liebe und mit dem Einsatz eines brennenden Herzens. In aller Trauer dürfen wir auch heute wissen, dass sie lebt. Weit über unsere Erinnerung hinaus. In der liebenden Wirklichkeit Gottes. Dort wissen wir sie aufgehoben.

Hier, auf dieser Erde, können wir auf ihren Wegen weiter gehen. Den Wegen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung. Und dem Weg der Hoffnung und des festen Glaubens, dass wir nicht einmal im Tod tiefer fallen können als in die bergenden Hände Gottes. Amen.


Traugott Schächtele

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