PREDIGT ÜBER 1. PETRUS 1,17-21
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 19. MÄRZ 2006 (OCULI)
IN DER CHRISTUSKIRCHE IN FREIBURG


Wieviel Wissen verträgt unser Glaube, liebe Gemeinde? Und welche Hoffnungen tragen unser Leben?

Wissen und Glauben sind zwei sehr ungleiche Geschwister. Eher sogar Konkurrenten auf demselben Markt, zwischen denen wir uns am Ende oft entscheiden müssen. Das Weltwissen unserer Gesellschaft steht dem Glauben in vielen Fällen, so hat es den Anschein, schlicht im Weg. „Das Vertrauen in die Wissenschaft ist die einzige Religion unserer Zeit!“ Diesen Satz habe ich unlängst bei einem führenden Naturwissenschaftler die hiesigen Freiburger Universität gelesen. Flankiert von der Aussage eines Philosophen zur sogenannten halbierten Aufklärung. Wissenschaftlich seien wir im 21. Jahrhundert angekommen. Mit der Religion aber vor der Aufklärung stecken geblieben.

Solche Sätze wecken meine Lust, mit einem fröhlichen und zugleich redlichen, der Vernunft sehr wohl verpflichten Glauben dagegenzuhalten, liebe Gemeinde. Und zugleich die zweite Frage ins Spiel zu bringen, die nach den Hoffnungen, die unser Leben tragen. Wovon leben wir? Und was motiviert uns Menschen, oftmals gegen alle ungünstigen Rahmenbedingungen des Lebens am Leben selber festzuhalten? „Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen?“ um mit den bekannten Worten des unlängst verstorbenen Hanns Dieter Hüsch zu fragen.

Der Predigttext für diesen Sonntag Oculi setzt beides in Beziehung zueinander. Unser Wissen. Und unsere Hoffnung. Ein Text, dem es zunächst scheinbar um anderes geht, nämlich um den rechten Lebenswandel. Ein Dokument frühchristlicher Verbürgerlichungstendenzen. Das aber, wenn man genauer hinhört, diese Verhaltensempfehlungen mit einem Argumentations- und Verstehenszusammenhang verknüpft.

Ich lesen aus 1. Petrus 1 die Verse 17 bis 21:

Da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in der Furch Gottes; denn ihr wisst, dass ihr nicht mit Dingen, deren Wert keinen Bestand hat, freigekauft worden seid von eurem nichtigen, euch von euren Vorfahren überlieferten Wandel, auch nicht mit Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines makellosen und fehlerfreien Lammes. Er ist zwar zuvor schon auserwählt worden, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbar gemacht am Ende der Zeiten euch zugut, die ihr durch ihn an Gott glaubt, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm Herrlichkeit gegeben, damit euer Glauben sich zugleich als Hoffnung auf Gott hin erweist.

„Wohnst du noch oder lebst du schon?“ So hat ein großes Möbelhaus seine Kundinnen und Kunden vor einiger Zeit werbewirksam gefragt. Dieser Satz hat längst Karriere gemacht. Wurde umgewidmet und in viele andere Bereiche übertragen. Sein Geheimnis ist ganz einfach. Denn dieser Satz verleiht einem Segment, einem Bestandteil unseres Lebens, in diesem konkreten Fall dem Wohnen, gewissermaßen religiöse Züge. Er baut darauf, dass sich die Menschen jenseits aller realen und damit aufs ganze gesehen immer wieder unvollkommenen Lebensbedingungen nach einer Heilung der Gebrochenheit ihrer tagtäglichen Existenz sehnen. Nach Leben, dem dieser Name zu Recht zukommt. Nach Leben, das von seinen hellen Aussichten und nicht von den bisweilen doch auch ganz schön ramponierten Ansichten geprägt ist. Nach Leben gleichsam in Vollkommenheit.

Lebst du schon? Dieser Satz aktiviert, in welchem Zusammenhang auch immer, diese Sehnsucht nach einem Leben in ganz anderer Qualität. Leben in zweierlei Qualitäten stellt auch der Autor dieses 1. Petrusbriefes einander gegenüber. Es ist nicht Petrus. Sondern einer, der sich Jahrzehnte später diesem Petrus verpflichtet fühlt; und dabei doch eher im Sinne des Paulus argumentiert; irgendwo im sogenannten Kleinasien, im östlichen Teil der heutigen Türkei. Aber die Grundfunktionen einer Religion waren damals gar nicht anders als heute. Und der Markt der Religionen ist heute bald schon wieder annähernd so bunt wie er damals wohl war.

Die Sehnsucht nach Leben ist die Triebfeder des Religiösen. „Nichtig“ sei das Leben, das die Empfänger dieses Briefes von ihren Vorfahren geerbt haben, so lesen wir. Eine Art Leben also, das vor allem anderen geprägt ist von der Überzeugung der Endlichkeit alles Seins. Was nichtig ist, mag beim ersten Hinsehen glänzen. Aber es hat keinen Bestand. Unsere Nichtigkeit und Endlichkeit ist es, die vielen Menschen am meisten zu schaffen, ja die sie nicht selten sogar krank macht. Unsere Nichtigkeit lässt uns am Leben nicht selten leiden. Hinter unserer Nichtigkeit, in Gestalt der Gewissheit, dass wir am Ende alle dem Tod nicht ausweichen können, verbergen sich nicht selten die Grundängste unseres Lebens. Kein Wunder, dass sich im 1. Petrusbrief dem Predigttext unmittelbar die Erkenntnis anschließt, alles menschliche Leben sei wie Gras und wie die Blume auf dem Feld. Sie verwelken. Und die schöne Pracht ist nur von kurzer Dauer.

Der unbekannte Autor unseres Briefes vergleicht dieses Leben in Nichtigkeit mit dem Leben eines Sklaven. Erklärt uns somit zu Sklavinnen und Sklaven der Vergänglichkeit. Und das so ganz andere Leben der Empfängerinnen und Empfänger seines Briefes als ein Leben von Freigelassenen. Freilassung wurde durch Freikauf erwirkt. Die Freilassung hatte ihren Preis. Sie wurde bezahlt in barer Münze. Oder in der Sprache des Briefes mit Silber und Gold. „Ihr seid ins wahre Leben hinein Freigekaufte!“

Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Argumentation. Er bringt seine Adressatinnen und Adressaten auf den Stand. Packt sie bei dem, was sie doch wissen. Oder zumindest wissen könnten. Wissen bleibt nicht ohne Folgen. Wissen verändert. Daher hatten die Machthaber frühere Jahrhunderte Angst, wenn ihre Untertanen lesen konnten. Die Fähigkeit zu lesen verschafft den Zugang zu den Quellen des Wissens. Wer lesen konnte, wurde zum Rivalen im Kampf um die Macht.

Die Reformation war nicht zuletzt eine Bildungsbewegung. Sie gab den Menschen die Bibel selber in die Hand. Und sie sorgte dafür, dass Schulen eingerichtet wurden. Das Wissen durfte keine Domäne der wenigen bleiben.

Was aber konnte, was kann ein Mensch wissen, der einen Text lesen konnte wie den heutigen Predigtext. Dieser Text infiziert. Mit einem durchaus lebensveränderten Wissen. Einem Wissen, das in der Lage ist, Menschen aus einem Leben der Nichtigkeit heraus und hineinzuziehen in ein Leben, das nicht mehr die Spuren der Vergänglichkeit an sich trägt. Ein gefährliches Wissen. Zumal in einer Zeit, in der Macht und Reichtum noch wesentlich ungerechter verteilt waren als heute.

Die heutige Wissenschaft unterscheidet drei Arten von Wissen. Es gibt das theoretische Wissen. Dieses gibt Antwort auf die Frage „Was ist?“ und „Wie funktioniert die Welt?“ Es ist das Faktenwissen der Wissenschaft. Daneben gibt es das sogenannte Verfügungswissen. Es antwortet auf die Frage: „Wie kann ich das, was ich tun will, auch umsetzen?“ Wer Anteil hat an diesem Verfügungswissen, verfügt zugleich auch über Macht. Doch dieses Wissen ist zunächst ein Wissen ohne Werte. Es kann nicht sagen, was gut ist und was schlecht. Deshalb benötigen wir Menschen unbedingt auch das sogenannte Orientierungswissen. Erst auf dieser Ebene finden wir eine Antwort auf die Frage, was wir tun sollen.

Reichen diese drei Kategorien des Wissens aus, um zu bewerten, was der Autor des 1. Petrusbriefes als das Wissen derer beschreibt, an die sich sein Brief richtet. Da dem 1. Petrusbrief in wesentlichen Teilen eine Taufansprache zugrunde liegt, könnte ich auch fragen: Was macht das besondere, alles verändernde Taufwissen der Menschen damals aus? „Ihr wisst dass ihr Freigekaufte seid!“, schreibt er. Der Freikauf eines Sklaven – und dieser konkrete Vorgang steht im Hintergrund - der Freikauf hatte einen Marktwert. Er wurde abgerechnet und bezahlt nach den Regeln von Wert und Gegenwert. In der Sprache des Texte in Silber und Gold.

„Ihr seid Freigekaufte!“, lesen wir. Aber eben nicht frei geworden nach den Gesetzen der Ökonomie. Und dann folgt der Satz, der ein Gegenprogramm anbietet. Und der dabei doch so missverständlich ist, dass mehrere Kollegen, die ich auf den Predigttext ansprach, diesem Text genau deshalb ausgewichen sind. „Ihr wurdet freigekauft durch das Blut Christi als eines makellosen und fehlerlosen Lammes.“ Soll das die Lösung sein? An die Stelle der Ökonomie tritt die Logik und die Sprache einer religiösen Opferterminologie. Uns fremde religiöse Ritualsprache. Blut das freimacht.

Hier können wir heute nicht mehr mit. Zuviel Blut Unschuldiger wurde schon vergossen. Bis heute. Zuviele Menschen wurden geopfert auf den Altären der Mächtigen. Bis heute. Zuviele Opfer fordert unsere Art zu leben. Bis heute. Zuviele opfern sich auf. Gott will keine Opfer. Da bin ich ganz sicher. Und wir müssen endlich aufhören, die Wege der Befreiung, die Gott uns bahnt und ermöglicht, in der Sprache und in den Denkmustern einer Opferterminologie zu beschreiben. Gott will, dass wir leben. Gott will keine Opfer.

Als solche, die dies Wissen müssen wir diesen 1. Petrusbrief lesen. Gerade in der Passionszeit 2006. Weil die Sehnsucht nach Leben, das diesen Namen verdient, unverändert groß ist. Wenn wir darum wissen wollen, was diesen Jesus für uns kostbar macht, dann nicht sein Blut, sondern sein Leben. Bis Karfreitag. Bis zu seinem Tod. Und dann auch wieder am Ostersonntagmorgen. Dem Fest des Lebens unter anderen, ganz neuen Bedingungen.

Es ist die Glaubwürdigkeit seines Lebens, die diesen Jesus aus Nazareth für uns einzigartig und beispielhaft macht. Eine Art zu leben, die nicht einfach immer nur den eigenen Vorteil im Blick hat. Die sich nicht einfach den Gesetzmäßigkeiten der Macht und der Ökonomie unterwirft. Und die Freiheit nicht mit Gold uns Silber erkauft. Sondern deren Freiheit in der Kraft des Gottvertrauens wurzelt.

Diese Unbändigkeit dieser Freiheit lässt sich nicht dingfest machen. Und Einhalt gebieten. Nicht einmal die todbringenden Mächte des Lebens waren hier auf Dauer erfolgreich. Die Botschaft des Ostermorgens lautet: Gott setzt ein solches Leben ins Recht. Gegen allen Augenschein. Weil Gott Leben ist und das Leben will. Dieser Jesus, von dem der 1. Petrusbrief spricht, hat uns die Möglichkeiten des Menschseins vorgelebt. Er ist zugleich der Modellfall dieses durch den Tod hindurch von Gott ins Recht gesetzten Lebens.

Leben, das den Menschen dient. Leben, dem dieser Name zu Recht zukommt – solches Leben bleibt nicht nur dem einen damals vorbehalten. Es ist eine Möglichkeit für uns alle. Das ist der Inhalt der Hoffnung, von der der Text spricht. Und diese Hoffnung soll das bleibende Kennzeichen unseres Lebens sein. Die Hoffnung, die unser Leben tragen kann. „Ihr wisst, dass auch ihr so leben könnt!“ Ist dieses Wissen Orientierungswissen. Ja, aber noch mehr. Es eröffnet noch einmal eine ganz neue Kategorie des Wissens. Ich möchte sie Würde-Wissen nennen. Weil wir hier ein Wissen vor uns haben, das mehr ist als die Antwort auf die Frage „Was soll ich tun?“

Diese Würde-Wissen bleibt darum auch nicht bei dieser Frage stehen. Es antwortet vielmehr auf die Frage: „Wie kann ich leben?“ und es sagt zugleich: „Leben ist möglich!“ Aber eben nicht nach den Tausch-Gesetzen der Ökonomie. Sondern nach den Gesetzen der bedingungslosen Vorleistung des Menschlichen an sich. Man könnte auch sagen nach den Vorzeichen der Liebe.

Es kann kein Würde-Wissen geben ohne Bezug auf das, was wir in der Sprache der jüdisch-christlichen Tradition mit dem Wort der Liebe zu umschreiben versuchen. Und es ist Inhalt und Maßstab unseres Glaubens, dass wir diese Liebe in Gott gegründet sehen. Und dass wir im Leben Jesu aus Nazareth Gottes Lebendigkeit und Gottes Lebensfreundlichkeit selber vor Augen haben. Ein Leben in durchgehaltener Liebe, das geht! Dieses Wissen können wir diesem Leben abspüren. Und es geht auch für uns. Das meine ich mit dieser besonderen Form des Würde-Wissens.

Dieses Wissen kann unseren Glauben nähren. Und diese Hoffnung vermag unser Leben zu tragen. Und es soll uns zugleich alle unnötigen Ängste nehmen, dass sich das Weltwissen der Wissenschaft als schädlich für unseren Glauben erweist.

Hanns Dieter Hüsch, dieser besondere Narr Gottes fragt in seinem schon angeklungenen kleinen Psalmgebet weiter:

Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsinn hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt!


Gott, der will, dass wir lachen, will keine Opfer. Auch nicht das Opfer unseres Verstandes. Im weiteren Verlauf seines Briefes schreibt der unbekannte Theologe des 1. Petrusbriefes: „Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor allen, die von euch Rechenschaft fordern über die Hoffnung, die in euch ist!“ Darum dürfen wir von unserer Hoffnung auf wahres und glaubwürdiges Leben reden. Und von unserem Wissen, dass Gott keine Opfer will. Aber dass Gott will, dass wir leben. Amen.

Traugott Schächtele

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