SCHLIESSLICH SND WIR SCHWESTERN UND BRÜDER!
PREDIGT IM GOTTESDIENST
AM BEGINN DER TAGUNG DER BEZIRKSSYNODE
AM 13. MAI 2005 IN DER MARKUSKIRCHE


Hinführung

Abschied und Neubeginn. Wachsen und Vergehen. Beides gehört immer zusammen. Worte und Gegenworte. Nachdenken und Handeln. Geld und Geldmangel. Haushalt und geistlicher Haushalt. Zustimmung und Ablehnung. Siege und Niederlagen - wirkliche oder nur vermeintliche – all das hat unsere Synoden-Beratungen geprägt.

Die heutige Tagung ist die letzte Tagung dieser Synode. Zumindest in der gemeinsamen Zusammensetzung. Im Ziel, auf das wir zugehen, bleiben wir verbunden. Viele von uns werden sich auch wieder begegnen. Aber es werden verschiedene Wege sein, die wir künftig gehen werden. Strukturen ändern sich. Aber nicht die Aufgabe, Gottes Lebensworte lebendig und im Schwange zu halten in dieser Welt.

Die Bibel überliefert, wie sich dabei vertraute Strukturen ändern können. Von Mose lesen wir in der Bibel, der sich Menschen sucht, die mit ihm Recht sprechen, weil er allein überfordert ist. Von Diakonen hören wir, die Apostel einsetzen, damit die tägliche Speisung in gerechter Weise erfolgt. Von Paulus berichtet, die Apostelgeschichte, er habe in den Gemeinden Älteste eingesetzt und Strukturen geschaffen, damit sich die im Aufbau begriffenen Gemeinden stabilisieren können.

Neue Strukturen zeigen sich nicht nur in neuen Ämtern. Auch neue Grenzen können neue Möglichkeiten eröffnen. Von einer solche heilsamen Neufestlegung der Grenzen berichtet das 1. Buch Mose im 13. Kapitel:

Lesung aus 1. Mose 13

So zog Abram herauf aus Ägypten mit seiner Frau und mit allem, was er hatte, und Lot auch mit ihm, ins Südland. Abram aber war sehr reich an Vieh, Silber und Gold. Lot aber, der mit Abram zog, hatte auch Schafe und Rinder und Zelte. Und das Land konnte es nicht ertragen, dass sie beieinander wohnten; denn ihre Habe war groß, und sie konnten nicht beieinander wohnen. Und es war immer Zank zwischen den Hirten von Abrams Vieh und den Hirten von Lots Vieh. Da sprach Abram zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. Steht dir nicht alles Land offen? Trenne dich doch von mir! Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten, oder willst du zur Rechten, so will ich zur Linken. Da hob Lot seine Augen auf und besah die ganze Gegend am Jordan. Da erwählte sich Lot die ganze Gegend am Jordan und zog nach Osten.
Liebe Schwestern und Brüder!

Vor 20 Jahren hat die Schriftstellerin Svende Merian ein kleines Büchlein veröffentlicht. Es trägt den Titel „Scheidungspredigten“. Svende Merian hatte eine ganz Reihe von Kolleginnen und Kollegen gebeten, eine Predigt anlässlich einer Scheidung zu schreiben. Über einen biblischen Text. Aber der Text war nicht vorgegeben.

Die weitaus größte Zahl der Autorinnen und Autoren legte der Predigt eben den Text aus 1. Mose 13 zugrunde, den wir eben gehört haben. „Gehst du zur Linken, so geh ich zur Rechten“. Ich will heute auch eine Art Scheidungspredigt halten. Obwohl sich der heutige Anlass von einer Scheidung ebenso unterscheidet wie von der Situation zwischen Lot und Abram.

Vor allem anderen: Es ist kein Konflikt, der die Ursache abgibt für die Neufestlegung der Kirchenbezirksgrenzen. Der Grund dafür liegt auch nicht an der großen Habe, die der Bezirk nicht mehr zu tragen vermochte. Der Wunsch nach der großen Habe wurde dem Kirchenbezirk nicht erfüllt, auch wenn wir heute über einen ordentlichen Haushalt abstimmen können. Nicht mehr tragen konnte bestenfalls der Dekan die Fülle der Termine, die ein so großer Bezirk mit sich bringt. Oder der Schuldekan die Fülle seiner Schulen.

Nicht ein Konflikt stand also am Anfang. Ausgangspunkt der Überlegungen, die zur Bildung von zwei neuen Kirchenbezirken geführt hat, waren vielmehr Überlegungen unserer Vernunft. Und Einsichten des gesunden Menschenverstandes. Anders hätten wir nie die Wege beschreiten können, die uns am Ende erfolgreich ans Ziel geführt haben.

Bei Abram und Lot ist das zunächst anders. Der angespannte Situation zwischen ihnen eskaliert. Die Beziehung ist angespannt. Ihr Krisenthermometer signalisiert mit einem Mal höchste Alarmstufe! Die Weidegründe reichen nicht aus, um den eigenen Reichtum zu sichern und zu mehren. Den Reichtum, der sich ausdrückt in der Zahl der Tiere, die man sein eigen nennen konnte. Voraussetzung, um in seine Herde gewissermaßen investieren zu können, war das Vorhandensein des Rohstoffs Weidegrund. Und wie so oft in der Geschichte der Menschheit führt der Kampf um die Rohstoffe zum Konflikt. Die Hirten gehen aufeinander los.

Doch Abram erweist sich als Meister der Konfliktmoderation. Besser als grenzenlose Gewalt ist Begrenzung der Einflusssphären. Die Definition klarer Grenzen. Abgrenzung als Weg der Konfliktentschärfung. Interessant, wie Abram argumentiert. „Lass doch nicht Streit sei zwischen dir und mir. Wir sind doch Brüder!“ Das Gemeinsam Verbindende ist stärker als die Partikularinteressen. Und die klare Begrenzung der Weidegründe als erfolgreicher als der Appell an die Vernunft der Hirten.

Die Ziehung von Grenzen als Strategie zur Vermeidung von Konflikten. Nicht immer ist dieser Weg erfolgreich. Schließlich sind Grenzen selber immer wieder Anlass für Krieg und Gewalt gewesen. Hier erweist sich diese Lösung als die richtige. Zumindest als Regelung für eine Übergangszeit.

Doch Abram ist auch dann mit seiner Weisheit nicht am Ende. Er lässt seinem Neffen Lot bei der Wahl den Vortritt. Welche Weidegründe am Ende die seinigen werden, ist für ihn nicht von Bedeutung. Es geht ihm nicht um die unbegrenzte Rendite. Ja, im Grunde sind die Grenzen für ihn überhaupt zweitrangig. Er will nicht Land besitzen. Vielmehr errichtet er Regeln, um für beide Sippen eine konfliktreiche Landnutzung ermöglichen.

Von Abram können wir lernen. Auch wenn die beide Ausgangssituationen nicht wirklich vergleichbar sind. Klar definierte Zuständigkeiten und definierte Regeln des Umgangs miteinander sind hilfreich. Schon für die beiden – für Abram und Lot – ist das so. Wo aber Verantwortung in ganze anderer Größenordnung gefordert ist, da sind klare Strukturen und einvernehmlich geregelte Abgrenzungen unumgänglich. Da erweisen sie sich am Ende sogar als Segen.

Auch die Geschichte der Kirche ist eine Geschichte der Strukturierung durch Grenzziehungen. In geographischer Hinsicht. Weil jede Landeskirche, jeder Kirchenbezirk, jede Gemeinde klare Grenzen hat. Grenzen, die sich der Vernunft verdanken. Und die deshalb auch nie unabänderlich sind. Dies gilt gerade auch für die Grenzziehungen, die zu den beiden neuen Kirchenbezirken geführt haben. Freiburg-Stadt und Breisgau-Hochschwarzwald. Die Größe hat für die Entscheidung eine Rolle gespielt. Die jeweils unterschiedliche Stadt- oder Landstruktur. Die vorgegebenen staatlichen Grenzziehungen.

Auch diese Grenzen sind nicht Grenzen für die Ewigkeit. Und wie bei Abram und Lot eigentlich überhaupt keine Grenzen. Sondern Zuständigkeitsbereiche. Schließlich sind wir doch Schwestern und Brüder! - um die Argumentation Abrams aufzunehmen. Zusammenarbeit wird es auch in Zukunft geben. Und Grenzübertritte ohne Zahl. Um nichts anderes geht es bei diesen Grenzen als darum, die Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit zu wahren. Und zu verbessern. Damit die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes noch besser kommuniziert werden kann. Und all dies nach dem Maß menschlicher Einsicht. Und allemal im Wissen um die Möglichkeit des Irrtums.

Insofern ist heute nicht Scheidung angesagt. Sondern Unterscheidung. Auch kein A Dieu. Sondern ein Auf Wiedersehen. Schließlich bleiben wir doch Schwestern und Brüder. Und wir arbeiten gemeinsam daran, den Grenzen den Abschied zu geben, die uns und dieser Welt nicht gut tun. Und die die Mauern zum Einsturz zu bringen, mit denen die einen vor den anderen doch nur Macht und Einfluss sichern wollen.

Grenzen in der Kirche und Grenzen, die diese Welt teilen. Grenzen der vermeintlichen Rechtgläubigkeit. Grenzen auch von Kirchen und Konfessionen. In die Umsetzung des Auftrags Jesu, dass sie alle eins seien, werden wir auch in Zukunft gemeinsam noch viel Zeit und viel Kräfte investieren müssen. Schließlich sind wir doch Schwestern und Brüder!

An Grenzen, die beseitigt und aufgehoben werden sollen, besteht kein Mangel. Grenzen des Wohlstands und Grenzen der Teilhabe an den Entscheidungen, die unser Leben beeinflussen und beeinträchtigen. Grenzen zwischen Nord und Süd. Zwischen denen, die Zugang haben zur Bildung und denen, die Analphabeten bleiben. Grenzen zwischen Macht und Ohnmacht. Auch diesen Grenzen müssen wir ein Ende setzen. Und denen die Grenzen aufzeigen, die wollen, das alles so bleibt, wie es ist. Dass sie alle eins seien, ist mitnichten nur ein Programm für die Kirche. Es ist ein Programm zur Umgestaltung der Welt. Schließlich sind wir doch Schwestern und Brüder.

Einen gibt es, der hat sein Leben an diesem Programm gewagt. Der hat ernst gemacht mit der Botschaft der fallenden Grenze. Zwischen Gott und Mensch. Und zwischen Mensch und Mensch.

Einen gibt es, den konnte am Ende keine Grenze halten. Nicht einmal die der Grenze zwischen Leben und Tod.

Einen gibt es, der hat das Fest der Grenzenlosigkeit vorweggenommen. Und wir sind eingeladen, mit ihm zu feiern. Auch jetzt, wenn wir gleich wieder Gäste sind an seinem Tisch. Als Schwestern und Brüder. Über alle Grenzen hinweg. Amen.


Traugott Schächtele

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