ANSPRACHE ZUR EINFÜHRUNG VON PFARRER ROLAND WOLF AM SONNTAG, DEN 18. JUNI 2006 (1.S.N.TR)
IN DER EVANGELISCHEN KIRCHE IN FR-TIENGEN


Lieber Herr Wolf,

es wird viel gejubelt in Deutschland in diesen Tagen. Weniger über die Einführung neuer Pfarrer. Vielmehr über die Ergebnisse der Spiele der der Fußballweltmeisterschaft. Am vergangenen Mittwoch gab es unzählige spontane Freudenfeste. Die Geschäfte haben bis spät abends auf. In jedem Lokal steht ein großer Fernseher. An vielen Plätzen riesige openair-Leinwände. Nur nichts verpassen – so lautet die Devise.
Und es stimmt auch: Der Stimmung im Land tut das gut. Schließlich wird sonst viel zu viel gejammert. Aber wie auch immer die WM ausgeht: Kaum ist sie zu Ende, wird sich anderes in den Vordergrund drängen. Von der guten Stimmung der WM kann man nicht auf Dauer leben. Nicht einmal von einem Weltmeistertitel.

Ich will die WM gar nicht madig machen. Auch ich schaue mir gerne einmal ein spannendes und schönes Fußballspiel an. Und manchmal wünsche ich mir, unsere Gottesdienste könnten auch einmal so viele Menschen auf die Beine bringen. Und soviel an Jubel und Freude hervorrufwn wie der Fußball in diesen Tagen. Aber ein wirklich hilfreicher Wunsch ist das nicht. Die WM lebt davon, dass sie nur alle vier Jahre stattfindet. Und die Menschen sind es mittlerweile gewohnt, dass am Tag nach dem letzten Großevent schon das nächste auf sich warten lässt.

Kirche kann so nicht funktionieren. Gut, wir haben die Kirchentage. Dort ist durchaus auch etwas von der Spontaneität und dem Festcharakter des Besonderen zu spüren. Aber auch den gibt es aus gutem Grund nur alle zwei Jahre. Dazwischen gibt es die Normalität. Und inmitten dieser Normalität gestalten Sie, lieber Herr Wolf, als Pfarrer ihre Gemeindearbeit. Und seit wenigen Wochen nun hier in Tiengen.

Ihre Einführung fällt auf den 1. Sonntag nach dem Trinitatisfest. Das ist ein guter Sonntag. Die Trinitatiszeit ist so etwas wie die Schwarzbrotzeit des Kirchenjahres. Unspektakulär. Aber unverzichtbar. 21 Sonntage nach dem Trinitatisfest zählt der Festkalender in diesem Kirchenjahr. 21mal Gottesdienst am Sonntagmorgen. Einfach nur weil Sonntag ist. 21mal das Angebot, sich rufen und sich nähren zu lassen. Von der Guten Nachricht, dass Gott es gut mit uns Menschen meint. Und dass Gott will, dass wir es gut meinen miteinander und mit dieser Welt, auf der wir leben.

Diese Botschaft ist auf Übersetzung angewiesen. Sicher gelegentlich auch in die Sprache großer Aktionen. Vielmehr aber noch in kleine, verständliche und wohltuende Worte und Gesten. In die Form gut vorbereiteter und schön gestalteter Gottesdienste. In die Form von Besuchen und Gesprächen am Rande. In die Form des Unterrichts in Schule und Konfirmandenarbeit. In die Form zugesprochener und gesungener Worte. Nicht ohne Grund war es ihnen bei der Verabschiedung in ihrer alten und bei der Einführung in ihre neue Gemeinde wichtig, dass viel gesungen wird. Und dass Chöre die Gottesdienste mitgestalten.

Und wie durch ein Wunder wird die Schwarzbrotzeit, von der ich vorhin gesprochen habe, womöglich zur nahrhaftesten und gesundheitlich zuträglichsten Phase des Kirchenjahres. Dabei ist es hilfreich, wenn wir unser Angebot so unter die Menschen bringen, dass sie sich eingeladen und ausdrücklich erwünscht fühlen. Und wir nicht lieber einfach nur unter uns bleiben. Gerade in dieser Hinsicht haben die Menschen hier in Tiengen und in Munzingen große Erwartungen an sie. Kreative Gottesdienstformen im Wechsel mit dem Vertrauten. Verkündigung in anderer Gestalt. Offenheit für die, die sich an die Ränder abgeschoben fühlen. Sie bringen hier große Gaben und eine Menge an entsprechender Erfahrung mit. Wir alle sind gespannt, welche neuen Horizonte sie den Menschen hier eröffnen, um ihnen Gott als Lebenshorizont vor Augen zu stellen. Und sie die Spuren Gottes in ihrer Mitte entdecken zu lassen.

Den Vers, wir vorhin als Gnadenzusage schon einmal gehört haben, möchte ich ihnen heute auch ganz persönlich zueignen. Als Zuspruch und als Motto für ihre Jahre als Pfarrer hier in Tiengen:

WIE LIEBLICH SIND AUF DEN BERGEN
DIE FÜßE DER FREUDENBOTEN,
DIE DA FRIEDEN ANSAGEN,
GUTES PREDIGEN
UND HEIL VERKÜNDIGEN.


Ein Freudenbote zu sein für die Menschen hier in dieser Gemeinde, die Menschen in Tiengen und in Munzingen– das ist ihre Aufgabe als Pfarrer, für die wir heute Gottes um seinen Segen für Sie erbitten.

Ein Freudenbote des Lebens zu sein. Das ist keine Allerweltsaufgabe. Da steckt eine große Herausforderung drin. Leben. Erfülltes, sinnvolles Leben, danach sind die Menschen auf der Suche. Und sie werden ihnen zuhören, wenn sie von der Möglichkeit eines solchen Lebens sprechen. Da bin ich ganz sicher. „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt. Leben in Fülle!“ Das sagt Jesus nach dem Johannes-Evangelium einmal zu denen, die mit ihm unterwegs waren. Ich bin gekommen, damit ihr das Leben habt. Leben im Überfluss. Leben, das zu nähren vermag. Und das nicht nur den Hunger auf Dauer stellt. Und auf das nächste Großereignis warten lässt.

Leben im Überfluss. Und auch Freude im Überfluss. Davon handelt das Lied, das wir jetzt gleich hören werden. Leben im Überfluss. Und Freude im Überfluss. Davon sollen sie austeilen.

Gott schenke ihnen seinen Segen, damit die seine Worte recht weitersagen. Und zu einem Freudenboten des Lebens werden können. Amen.


Traugott Schächtele

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