LIEBESLUST – GOTTESFRUST!?
PREDIGT ÜBER 1. PETRUS 4,1-6
GEHALTEN AM SONNTAG, DEN 2. JULI 2006
IM GOTTESDIENST DER ESG IN DER CHRISTUSKIRCHE


Liebe Freundinnen und Freunde der ESG,

als ich vor knapp eineinhalb Jahren das letzte Mal hier gepredigt habe, ging es um das Thema Schöpfung. Und da ich über Genesis 3 zu predigen hatte, also über die Erzählung vom sogenannten Sündenfall, ging es um das rechte Verhältnis vom Dogmatik und Ethik, das Verhältnis vom rechten Glauben und vom rechten Tun. Es ging um die Fähigkeit, um es mit den Worten der Schlange zu sagen, „zu erkennen, was gut und was böse ist“.

Dieses Mal haben wir ein ganz anderes Semesterthema: „Liebe deinen Körper wie dich selbst!“ Und der Text, der der Predigt zugrunde liegt, steht nicht im hebräischen, sondern im griechischen Teil der Bibel. Aber es geht wieder um das rechte Verhältnis von Glauben und Tun. Und es geht wieder um die Rolle der Ethik in der Religion. Um die Frage: Wie wirkt sich die ererbte oder die gewählte Religion auf mein Verhalten aus?

Zum dritten Mal in Folge liegt in diesem Semester der Predigt ein Text aus dem 1. Petrusbrief zu Grunde. Ein kleines, unscheinbares Büchlein im Neuen Testament. Fünf Kapitel nur. Im Ranking der Schriften ganz nach hinten geschoben. Und doch von vielen Auslegern überaus hoch geschätzt. Martin Luther hat „den rechten Kern und das rechte Mark unter allen Büchern, die zu recht zu den ersten zählen sollen“, darin entdeckt. Ein anderer, ein zeitgenössischer Interpret spricht davon, dieses Büchlein zähle zu den „bedeutendsten und überzeugendsten Schriften des Neuen Testaments“.

Man könnte wie so oft alles auch noch einmal ganz anders sehen: Eine Schrift, voll von moralinsaurem Gehalt, geprägt von einem spießigen Verhaltenskodex. Genau eine, der ihr mit dem Semesterthema im Grunde das Misstrauen ausgesprochen habt. Eine Schrift, die die Konsequenz nahe legt, dass es wahrhaftig kein Wunder ist, wenn es die Kirche und der Glauben heute so schwer haben. Warten wir erst einmal ab, wo sich die Wahrheit festsetzt.

„Liebeslust – Gottesfrust“ habe ich darum meine Predigt überschrieben. Und dahinter ein Ausrufezeichen und ein Fragezeichen gesetzt. Um damit zunächst einmal offen zu lassen, ob diese These denn überhaupt zutrifft. Liebeslust – Gottesfrust. Am Ende sollten wir uns aber für eines der beiden Satzzeichen entscheiden können. -

Ich will den Predigttext jetzt aber erst einmal lesen. Er steht im vierten Kapitel dieses 1. Petrusbriefes. Wobei die Kapiteleinteilung ja nicht vom Autor selber stammt. Die hat – auch bei den anderen biblischen Büchern - ein englischer Theologe namens Stefan Langton irgendwann im 13. Jahrhundert während einer Kutschfahrt auf dem Weg nach Paris, wo er Theologieprofessor war, eingeteilt. Da heißt es also in den Versen 1-6:

1 Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat aufgehört mit der Sünde, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe.3 Denn es ist genug, dass ihr die vergangene Zeit zugebracht habt nach heidnischem Willen, als ihr ein Leben führtet in Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und greulichem Götzendienst. 4 Das befremdet sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in dasselbe wüste, unordentliche Treiben, und sie lästern; 5 aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten. 6 Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist.

Soweit der Text. Schade, dass der nächste Vers nicht noch dazu ausgewählt wurde. Er beschreibt nämlich gewissermaßen den Horizont, unter dem der Predigttext und der ganze 1. Petrusbrief zu verstehen ist. Dieser Satz lautet ganz lapidar: „Es ist aber nahe kommen das Ende aller Dinge.“ Die Vorstellung, dass die Welt kurz vor ihrem Ende steht, war für die Menschen damals ganz wichtig und prägend. Wenn die Menschen das Weltende herannahen sehen, gibt es zwei mögliche Reaktionen. Das war, wie wir wissen, nicht nur damals so. Menschen haben das Weltende in den letzten 2000 Jahren ja mehr als nur einmal angekündigt.

Die eine mögliche Reaktion ist: Jetzt ist alles egal. Jetzt leben wir einfach drauf los. Vergessen alle Maßstäbe und alle Moral. Versuchen, für uns noch herauszuholen, was zu holen ist. Das ist gleichsam die Variante „Letztes Vergnügen, letzter fun vor dem Weltende“.

Es gibt aber auch noch eine andere Reaktionsvariante. Die lautet: Jetzt erst recht. Jetzt kommt’s drauf an. Jetzt nur keine Lebenszeit mehr verschwenden. Jetzt wird ernsthaft und wahrhaftig gelebt. Wer weiß, bald werden wir uns für unser Verhalten zu verantworten haben.

Kein Zweifel: Der Autor des 1 Petrusbriefes ist ein Vertreter dieser zweiten Variante. Dass es nicht Petrus war, der diesen Brief geschrieben hat, werden auch die beiden, die vor mir gepredigt haben, schon erwähnt haben. Petrus war zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes schon ein halbes Jahrhundert lang tot. Geschrieben wurde der Brief entweder in Rom oder irgendwo in dem Gebier der heutigen Türkei, der sogenannten Asia minor oder auf deutsch in Kleinasien. Vermutlich in der Zeit der Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert.

Um das rechte Leben im Angesicht des bevorstehenden Weltendes geht es also in diesem Brief mit seinen teilweise sehr rigorosen Forderungen. Und der klaren Unterscheidung zwischen richtig und falsch. Zwischen früherem und jetzigem Verhalten. Oder - in Anlehnung an die Sprache des Autors – zwischen Götzendienst und Gottesdienst.

Das Leben, auf das die Menschen zurückschauen, wird mit einem drastischen Vokabular beschrieben: Es spielte sich ab zwischen „Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und greulichem Götzendienst“. Die Fantasie wird kräftig angeregt, wenn man sich ein Leben in diesem Koordinatensystem vorstellt Ich wiederhole diese Charakteristik noch einmal: „Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und greulichem Götzendienst“. Ein Leben ohne moralische Maßstäbe und ethische Kategorien. Ein Leben ohne Rücksicht auf die anderen. Ein Leben in Saus und Braus. Ein Leben, in dem all das zum Tragen kommt, was der Autor womöglich aus seinem jetzigen Leben abspaltet und verdrängt. Und es in Form einer Negativfolie wieder aufleben und zum Tragen kommen lässt.

Man könnte aber auch hier andersherum fragen: Wie langweilig muss eigentlich ein Leben sein, wenn man all dies, was der Text hier Götzendienst nennt, aus dem eigenen Leben verbannt. Es bleibe doch bestenfalls ein unverträglicher Asket oder ein falsch verstandener, weltfremder Heiliger übrig. Deshalb denke ich – um ganz ehrlich zu sein: Ganz so schlimm wird es vermutlich nicht gewesen sein. Aber es war gewiss ein Leben in einem anderen ethischen System. Von anderen Werten beeinflusst. Und vor allem: Es war auch ein Leben, das religiös unter anderen Vorzeichen stand. Mögen das Spuren griechischer oder ägyptischer Religiosität gewesen sein. Da war der Schritt, hier einfach von Götzendienst zu sprechen, nicht sehr weit.

Spätestens seit der Aufklärung und angesichts der Entwicklung des Toleranzgedankens müssen wir solche Texte mit größter Vorsicht lesen. Oder sie womöglich in das Gruselkabinett des theologisch Überholten verbannen. Angehörige anderer Religionen sind mit größtem Respekt zu behandeln. Andere Lebensentwürfe haben wir mit der gebührenden Wertschätzung zur Kenntnis zu nehmen. Als Christinnen und Christen sind wir nicht die Großinquisitorinnen und Großinquisitoren unserer Mitmenschen. Hier können und dürfen wir dem 1. Petrusbrief nicht blindlings folgen.

Dennoch: Es gibt unveräußerliche Werte, denen wir zur Geltung verhelfen müssen. vor allem anderen den Katalog der Menschenrechte etwa. Keine willkürliche Gewalt zur Durchsetzung unserer Interessen. Keine Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, der Religion, der Herkunft. Toleranz ist keine Gleichgültigkeit. Und die religiöse Begründung von Unrecht und Gewalt kein Freibrief. Hier ist Widerspruch von uns gefordert. Und wenn’s drauf ankommt auch Widerstand.

Und hier könnte auch die bleibende Botschaft dieses durchaus problematischen Predigtextes liegen. Wer sich der Freiheit verpflichtet fühlt, die in Christus ihren Grund hat, lebt nicht einfach in großer Beliebigkeit. Er lebt vielmehr in Freiheit. Auch und gerade in dem, was unser Verhalten angeht Er - oder sie - lebt deshalb ganz dezidiert in Beziehung. In verlässlicher Beziehung zu den Mitmenschen. In Formen intelligenter Feindesliebe gegenüber denen, die uns Mühe machen. Er oder sie lebt aber auch in Beziehung zu der Quelle des Lebens. In Beziehung zu der Kraft, die wir Gott nennen. Jener Kraft, die Leben und Liebe in Fülle ist. Und die der Jude Jesus aus Nazareth so sehr verkörpert hat, dass uns aus seinem Gesicht die Gegenwart und die Wirkkraft Gottes entgegenleuchtet.

Und das hat durchaus Konsequenzen für unser Verhalten. Und fordert in der Tat auch unsere Ethik heraus. Das radikale Ernstnehmen der Botschaft des Rabbi aus Nazareth hat schon unzählige Male Menschen mit Macht aus der Bahn des Gewohnten geradezu herauskatapultiert. Und sie in heftigen Widersprich zu ihren Mitmenschen und zu den Machthabern gebracht.

Unsere Art des Christusglaubens ist viel zu häufig eine Softvariante. Ein Wohlfühlangebot für die Wohlabenden. Eine Spielart von Religion, die nichts kostet. „Das bisschen Zimt zur Speise“, wie es ein ganz Großer unter den Theologen einmal gesagt hat. Man könnte auch sagen, eine Feinabstimmung des Überkommenen, aber nicht wirklich eine grundsätzliche Neuorientierung der Lebenskoordinaten. Jesus hat von der engen Pforte zum Leben gesprochen. Ja sogar vom Nadelöhr, durch das wir hindurchmüssen. Wir reden dagegen lieber von der Niederschwelligkeit unserer Angebote.

Das muss kein Widerspruch sein. Unsere Lebenshäuser dürfen sich bunt und vielfältig präsentieren. Und sie sollen auch viel Raum haben für diejenigen, die alles noch einmal ganz anders sehen. Eintönigkeit ist kein Wesensmerkmal Gott. Eher der Hunger nach Licht und nach Farbe. Doch wer es wagt, sein Leben in größtmöglicher Freiheit zu führen, sollte wissen, wo diese Freiheit ihren Grund hat.

Wer den Mut aufbringt, sich einzumischen und die gewinnbringenden Spiele in Frage zu stellen – so wie es im Evangelium vorhin im Bericht von der Tempelreinigung gehört haben – der oder die muss wissen, wo das Zentrum liegt. Von wo her er oder sie sich nährt. Der Predigttext aus dem 1. Petrusbrief bringt das auf eine einfache Alternative. Er sagt entweder leben wir aus der Gier oder aus dem Willen Gottes. Wir könnten auch sagen: entweder aus Gewinnmaximierung oder aus Lebensmaximierung.

Die Ermöglichung des Lebens hat absolute Priorität. Gerade im Horizont seiner Gefährdung. Seiner andauernden Infragestellung. Und seiner drohenden Vernichtung. Drum liebe deinen Körper wie dich selbst! Weil du mehr bist, als nur dein Körper. Liebe deinen Körper wie dich selbst! Aber nicht auf Kosten anderer, sondern in Anerkennung der gemeinsamen Bedürftigkeit. Liebe deinen Körper wie dich selbst! Weil du Ebenbild Gottes bist. Weil unser Glaube uns die Freiheit zum rechten Handeln ermöglicht. Liebe deinen Körper wie dich selbst! Weil unsere Lust zur Liebe, wenn sie denn ehrlich ist, Gott keinen Frust beschert. Amen.



Traugott Schächtele

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