PREDIGT ZDF-FERNSEHGOTTESDIENST
IM HOFGUT HIMMELREICH AM 23. JULI 2006


Liebe Himmelreichsgemeinde,
hier vor Ort oder zu Hause vor dem Bildschirm!

Aus manchen Träumen wollen wir gar nicht mehr aufwachen. Sie sind so verlockend. Sie übertreffen die Wirklichkeit um ein Vielfaches. Und lassen unsere Wünsche und Sehnsüchte so in Erfüllung gehen, dass das Aufwachen dann nur noch bitter werden kann. Träume können unendlich süß sein. Unendlich weit reichen, sie können sogar den Himmel berühren..

Jakob träumt solch einen Traum, - den Traum vom offenen Himmel. Auf einer Leiter steigen die Engel auf und nieder und überwinden die unendliche Distanz zwischen Himmel und Erde. Der Unterschied zwischen oben und unten scheint aufgehoben. Für Jakob steht der Himmel buchstäblich offen.

Doch als er aufwacht, ist das keineswegs das Ende seiner Träume. Der Himmel ist nicht plötzlich wieder verschlossen. Er wird nicht all seiner Träume beraubt. Seine reale Situation hat sich zwar nicht verändert. Nach wie vor ist er auf der Flucht vor seinem Bruder. Aber sein Traum wirkt in seine Wirklichkeit hinein. Verändert, ja verwandelt sie. Der karge Ort seiner nächtlichen Ruhe, der kalte, harte Stein, an den er sich anlehnt - sie werden zum Zeichen der Gegenwart Gottes. „Wahrhaftig, hier ist Gott selber anwesend. Hier ist das Haus Gottes!“

Achten wir unsere Träume nur nicht zu gering! Träume sind mehr als unbrauchbare Reststücke im Prozess der Alltagsverarbeitung unserer Seele. Im Traum kommen Wahrheiten der ganz besonderen Art ans Licht. Die Bibel ist voll von wegweisenden Erfahrungen, die wir den Träumern zu verdanken haben. Josef, Jakobs Sohn, versteht sich darauf, Träume zu deuten. Und lässt als oberster Hofbeamte des Pharao in den sieben fetten Jahren die Scheunen mit Getreide füllen. Damit in den sieben mageren Jahren der Hunger abgewendet wird.

Der andere Josef, der Mann Marias, träumt gleich mehrfach. Wird im Traum vor den Nachstellungen des Königs Herodes gewarnt. Und rettet durch die im Traum übermittelte Aufforderung zur Flucht Maria und dem Kind das Leben. Auch Jakob ist auf der Flucht, als er den Traum vom offenen Himmel träumt. In der Gefahr sind unsere Organe für die außergewöhnlichen Botschaften wohl am sensibelsten.

Doch unsere Träume erweisen ihre Kraft allemal erst in der Wirklichkeit. Wir müssen aufwachen, damit unsere Träume ihre verwandelnde Kraft entfalten können. Wenn wir uns auf’s Träumen beschränken, bleibt alles beim Alten. Jakob erwacht aus seinem Traum vom offenen Himmel. Aber die Gewissheit, dass dieser Himmel sich ihm nicht mehr verschließt, bleibt ihm auch am nächsten Morgen. Und als er sich Jahre später auf den Heimweg aus dem Exil macht, ist er ein gemachter Mann. Mit einer großen Familie. Mit einer kaum noch zu überblickenden Herde. Der Himmel auf Erden ist für ihn Wirklichkeit geworden. Und wird auf’s Neue wahr, als er seinen Sohn Josef wieder findet. Über Jahre verschollen und anscheinend verloren. Und dann derjenige, der das eigene Überleben sichert.

Träume, die in die Wirklichkeit drängen, sind der Motor vieler Veränderungen. Und häufig genug der Verwandlung hin zum Guten. Träume sind die Ursache vielfachen und unzähligen Engagements. Großer Erfindungen. Umwerfender Erkenntnisse. Bahnbrechender Umwälzungen. Nicht umsonst setzt die Werbung am erfolgreichsten bei unserer Träumen an, um uns zu gewinnen. Der Traum von der ewigen Jugend. Der Traum von der nie endenden Schönheit. Der Traum, alle anderen zu übertreffen. Auch andere Träume gibt es, die unsere Hoffnungen beflügeln. Gottseidank! Wie etwa der Traum von der weltweiten Gerechtigkeit. Und der Traum vom Frieden auf Erden.

Auch der Weg hin zum Hofgut Himmelreich ist die Geschichte eines solchen Traumes. Wir sind ja eben Augen- und Ohrenzeugen der Berichte der Träumerinnen und der Träumer geworden.

Dieser Ort Himmelreich trägt seinen Namen völlig zurecht. Ist Programm für das Wunder, das Wirklichkeit wurde vor unseren Augen. Das Wunder, das dem Himmel auf Erden einen festen Ort zuweist. Weil hier ein Projekt Wirklichkeit wird, das den Rahmen unserer Denkgewohnheiten sprengt. Weil Menschen aus den ihnen zugewiesenen Bahnen plötzlich herausspringen. Sich in einer Weise entwickeln, die ihnen kaum jemand zugetraut hat.

Gut, dass es Orte gibt, an denen wir an unsere Träume erinnert werden. Orte zugleich, an denen das Himmelreich sich gleichsam irdisch fest macht. In irdische, konkrete Formen gegossen wird.

In unserer biblischen Geschichte richtet Jakob einen Gedenkstein auf und gibt dem Ort seiner Gotteserfahrung einen Namen. Bethel – Haus Gottes.

Auch heute ist es wichtig, solche Orte zu markieren. Sie mit einem Namen wieder auffindbar zu machen. Auch der Name Himmelreich ist nichts anderes als eine solche Markierung. Eine Heraushebung aus den gewohnten Orten der Umgebung. Ein Hinweis darauf, dass Gott sich nicht zu schade ist, unter uns Wohnung zu nehmen. Und sich mitten in unserem Leben auffindbar zu machen.

Es sind heute meist nicht mehr die „ klassischen“ Jakobspilger, die hier im Hofgut Himmelreich Rast einlegen. Es sind die Pilger der Postmoderne, die ruhelos unterwegs sind. Von einem Ort zum anderen. Heute hier. Morgen dort. Auf der Fahrt zu einem beruflichen Termin. Aber auch als Tourist auf der Suche nach dem Ausstieg auf Zeit.

In aller Regel ist es die Sehnsucht nach einem Essen oder nach einer Tasse Kaffee mit einem Stück Kuchen, die sie anhalten lässt. Die Suche nach einem Nachtquartier. Oder einfach die bequeme Erreichbarkeit des Ortes mit dem Auto oder mit dem Zug. Die gute Möglichkeit, von hier aus eine Wanderung zu beginnen. Oder zu beenden. Und die Seele noch etwas baumeln zu lassen.

Doch ich bin mir sicher, dass der Name ein Übriges tut. Der unübersehbare Hinweis, dass da noch andere Sehnsüchte auf ihre Erfüllung warten. Dass noch längst nicht alle Träume geträumt, und schon gar nicht alle Träume haben Wirklichkeit geworden sind.

Vom Himmelreich und vom offenen Himmel – schöner kann man gar nicht träumen. Und das Hofgut gibt seit Jahrhunderten der Hoffnung ihren Ort, dass Träume von einer besseren und gerechteren Welt wahr und wirklich werden können.

Das ist es, was uns trägt, was uns aufbrechen lässt und Hoffnung gibt. Es ist die Hoffnung vom Himmel auf Erden. An Hoffnungsgeschichten gibt es keinen Mangel.
In den letzten Jahren haben wir im Kirchenbezirk Freiburg solche Hoffnungsgeschichten immer wieder erlebt und deshalb auch gesammelt und in einem Buch festgehalten („Freiburger Hoffnungsbuch“ zeigen). Die Geschichten vom Himmelreich, die wir vorhin gehört haben, schreiben das Buch der Hoffnungsgeschichten fort.

So macht sich der Himmel auf der Erde fest. Das läßt uns feiern. Und das schon seit 2000 Jahren, als der große Traum vom Himmel auf Erden uns Menschen zum Greifen nah kam. Als Jesus Christus geboren wurde und den Menschen Hoffnung gegeben hat. Mit einer Botschaft, die nur aus wenigen Worten und aus vielen Taten der Liebe bestand. Und als er mit der Ankündigung: „Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ der Gerechtigkeit und der Vergebung auf Erden von Neuem einen Weg gewiesen hat

In Jesus aus Nazareth hat der himmlische Gott unter uns Menschen ein Gesicht – hat er Hand und Fuß erhalten. Und das bis heute: Denn durch sein Leben, dem am Ende nicht einmal der Tod Entscheidendes entgegenzusetzen hatte, hat sich inmitten unserer irdischen Verhältnisse eine himmlische Perspektive aufgetan – eine Perspektive, die bis heute lebendig geblieben ist und uns Orientierung geben kann

Diese himmlische Perspektive ist überall da zu finden, wo Menschen den Traum vom Himmel auf Erden träumen, wo Menschen ihren Ort der Begegnung mit Gott finden.

„Hier ist wahrhaftig das Haus Gottes!“ sagt Jakob. Steine und Mauern braucht dieses Haus. Fenster und offene Türen. Manchmal aus nichts anderem gemacht als aus Luft und Licht. Und Menschen braucht dieses Haus Gottes. Menschen, die ihren Träumen trauen. Und die mutig genug sind, daraus aufzuwachen. Um den Himmel hier auf Erden zu entdecken. Mitten unter uns. Amen.



Traugott Schächtele

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