PREDIGT ÜBER JAKOBUS 5,13-16
IM GOTTESDIENST AM 22. OKTOBER 2006 (19.S.N.TR.)
IN DER MATTHIAS-CLAUDIUS-KAPELLE IN FREIBURG-GÜNTERTSTAL


Das Ziel des christlichen Glaubens ist mehr als bloße Einsicht, liebe Gemeine. Und es liegt viel tiefer verborgen als in durchaus zutreffenden Sätzen theologischen Nachdenkens. Der Glaube will entscheidend zu unserem Lebensglück beitragen. Will zugleich Lebenshilfe geben.

Doch wie kann unser Glaube für uns zur konkreten Lebenshilfe werden, liebe Gemeinde? Wie wirkt die Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes in unser Leben hinein?

Ich sehe dafür drei verschieden Weisen, die ich unterscheiden möchte. Und obwohl wir natürlich von der tragenden Kraft des Christentums sprechen, lassen sich diese drei Weisen der Lebenshilfe im Grunde auch in anderen Religionen nachweisen.

Zum einen kann der Glaube uns helfen durch die Kraft der tröstenden Worte. Verborgen in Texten unterschiedlicher Art, in Schriften, denen wir das Attribut heilig zuerkennen, in den Büchern, die die Lehre und die zentralen Sätze zusammenfassen, reflektieren und deuten; in Literatur ebenso wie im persönlich zugeeigneten aufbauenden Zuspruch.

Der Glaube hilft durch die Kraft der in ihm enthaltenen und in Worte geronnenen Tradition. Worte, die altmodisch erscheinen und sich nicht selten gegenüber jeglichem Bemühen um eine angemessene Übersetzung als sperrig und spröd erweisen: Barmherzigkeit, Nächstenliebe, Gnade, Güte, Glaube, Rechtfertigung, Wunder.

Eine zweite Weise der Wirksamkeit entfaltet der Glaube durch den eröffneten Horizont neuer Verhaltensmöglichkeiten – solcher, mit denen ich selber dazu beitragen kann, das Gesicht der Welt ein wenig freundlichern zu gestalten, aber auch durch ein Verhalten, durch das andere mich spüren lassen, dass Gott sich sehr wohl unserer menschlichen Möglichkeiten bedient, damit Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität auch für mich persönlich spürbar und erfahrbar werden. Der Glaube hilft durch die in ihm verborgenen Möglichkeiten, ihn in Wort und Tat ins Leben zu ziehen. Der Glaube hilft durch Formen einer in ihm begründeten Ethik.

Von einer dritten Weise handeln die wenigen Sätze des heutigen Predigttextes aus dem Jakobusbrief. Der Glaube hilft auch durch Formen seiner Aneignung und durch Ausprägung, in der ich ihn ins Leben ziehe. Durch bergende Rituale und vertrauten Liturgien. Durch eingeübte Gewohnheiten und durch neu entdeckte Möglichkeiten, ihm im Alltag unseres Handeln und unserer täglichen Lebenspraxis einen festen Ort zu gegen. Ich lesen aus dem fünften Kapitel des Jakobusbriefes die Verse 13 – 16:

13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Um konkrete Formen der sogenannten praxis pietatis – wie es so schön heißt – geht es in den wenigen Sätzen des Jakobusbriefes, die wir eben gehört haben. Es geht um Formen der Frömmigkeit, die uns gemäß und die unserem Glauben angemessen sind. Es geht also insbesondere um die Fragen der zugleich praktischen wie hilfreichen Umsetzung unseres Glaubens. Wir sollten uns warnen lassen, diesen Fragen den ihnen zukommenden Platz vorzuenthalten.

Unter den Schriften des neuen Testaments ist der Jakobusbrief stärker als andere Texte von solchen Fragestellungen geprägt. Gerade darum gilt er nicht gerade als ein Bestseller in der Reihe der Predigttexte. Auch nicht bei den Theologen. Eine stroherne Epistel hat Martin Luther ihn genannt. Und ihn in der Reihe der neutestamentlichen Schriften zusammen mit dem Judasbrief flugs ganz nach hinten verbannt. Direkt vor die ebenfalls sperrigen Kapitel der Offenbarung des Johannes. Die Johannes-Apokalypse hat ihre Neuentdeckung schon hinter sich. Ihre eindrückliche Bildersprache hat Konjunktur in der Zeit der Video-Clips. Gerade jüngere Menschen finden Gefallen an der Eindrücklichkeit der Visionen des Buches mit den sieben Siegeln.

Jakobus wartet immer noch auf seine Entdeckung. Vielleicht kann ich heute dazu beitragen, ihm etwas Gerechtigkeit widerfahren lassen. Denn er trägt durchaus Bemerkenswertes bei zu meiner eingangs gestellten Frage nach den Formen der Lebenshilfe, die der christliche Glaube breit hält.. Und das in geradezu modern anmutenden Themenkreisen. Jakobus hat – in heutiger Sprache gesprochen – in hohem Maße ethische Kompetenz. Gerade darin müsste er uns Evangelischen doch sympathisch sein.

Vom Unterschied zwischen Hören und Tun schreibt er in seinem theologischen Traktat. Man könnte auch sagen zwischen bloßem Erkenntnisgewinn und dessen Umsetzung. Der zersetzenden Kraft menschlicher Rede widmet ein Abschnitt. Eine lesenswerte Botschaft für eine Welt wie die unsrige, die wie nie zuvor bestimmt ist von der Macht der Medien des Wortes und des Bildes. Worte, bewusst falsch gesetzt, können einen Menschen zerstören. Grund genug, die Ausführungen des Jakobus über die Wirkung der Zunge, wie er es umschreibt, zu beherzigen.

Er verhandelt die Frage nach dem Verhältnis von christlicher Gemeinde und materiellem Reichtum. Man könnte auch sagen, dem Verhältnis von gesellschaftlicher Rollenzuweisung und innergemeindlicher Position. Der entsprechende Textabschnitt war am vergangenen Sonntag der Predigttext.

Mit seiner Behauptung, der Glaube ohne Werke sei tot, hat es sich der Jakobusbrief mit Martin Luther und den Reformatoren endgültig verscherzt. Hier trifft er den Nerv der reformatorischen Botschaft. Aber doch nur scheinbar. Wenn man den Jakobusbrief genauer liest, dann rückt er eine richtige Sache in den Blick, aber in einer von Paulus unterschiedenen Terminologie. Theologische Richtigkeiten allein bringen uns dem Reich Gottes nicht näher. Gefordert ist die Existenz, die sich auf’s Spiel setzt. Die das Leben wagt. Und nicht nur von Sicherheiten lebt. Die liebt. Und die nicht einfach nur recht haben will.

Um den Zusammenhang von Inhalt und Form des Glaubens geht’s in den Worten des heutigen Predigttextes. Wobei sich der Schreiber hier vor allem auf verschiedene Ausformungen des Gebets bezieht. Auf Bittgebete und Dankgebete, die uns aus dem Herzen fließen müssten. Auf das Gebet um Heilung, verbunden mit dem Zeichen der Salbung.

Salbungsgottesdienste gibt es schon seit einer Reihe von Jahren wieder hier in Freiburg. Angeregt von dem schweizer Theologen Walter Hollenweger. In diesen Gottesdiensten kommt zu Ausdruck: Die Salbung ist ein Lebenszeichen. Keine letzte Ölung auf dem Weg ins ewige Leben. Sondern ein sichtbares Zeichen, dass Gott will, dass wir leben – schon hier auf dieser Erde. Könige und Priester wurden einst gesalbt. Die Salbung war das Zeichen einer besonderen Würde.

Es ist ein hohes Gut reformatorischer Erkenntnis, dass diese Würde keine exklusive, sondern eine inklusive ist. Diese Würde kommt uns allen zu. Und sie nimmt uns alle in die Pflicht. Und gerade dann, wenn wir die Zeichen der Zerbrechlichkeit des Lebens an uns tragen. Es wäre ein schöner und zurückzugewinnender Brauch, wenn wir als Gemeinde daran teilhaben, wenn Menschen erkrankt oder in anderer Weise bedürftig sind. Und sei’s eben mit dem Lebenszeichen der Salbung, das daran erinnert, dass die einzigartige Würde, die wir bei Gott haben, durch nichts, durch gar nichts angetastet werden kann.

Aufhorchen und aufpassen müssen wir, wie Jakobus hie Heilung und Heil zusammenbindet. Wie er die Sündenvergebung der Bitte um Heilung vorordnet. Krankheit ist nicht Folge von Verfehlung und Sünde. Zumindest nicht in dem Sinn, dass wir eine schwere Krankheit als Strafe Gottes missverstehen. Jesus selber weist diesen Zusammenhang zurück, als ihn die Jünger fragen, ob Menschen, die zum Opfer eines Unglücks wurde, dies ihren eigenen Verfehlungen zuzuschreiben hätten oder denen ihrer Eltern.

Auf der anderen Seite wissen wir dennoch: Leib und Seele hängen zusammen. Und die Lossprechung von Lasten, die uns drücken, tut auch unserer körperlichen Verfasstheit gut. Und wir werden zugleich daran erinnert, dass die körperliche Unversehrtheit allein unsere Gestimmtheit und auch unsere Gottesbeziehung nicht ausreichend beschreibt.

Der Schlüssel zur Befreiung – im einen wie im anderen Fall – ist für Jakobus das Gebet. Hier ist uns ein Schatz verloren gegangen! Kein Wunder, wo wir diesen Jakobusbrief und diese kleine Gebetsschule so stiefmütterlich behandeln.

Unter allen Formen, unseren Glauben zu gestalten und ins Leben zu ziehen, ist das Gebet die vornehmste und zugleich am meisten vernachlässigte. Der homo faber, der strebsame und zielsüchtige Mensch hat Mühe, aus der Hand zu geben, was die Mitte all seiner Bestrebungen ausmacht: sich selber! Beten heißt, in aller eigenen Aktivität sich den Handlungsspielräumen Gottes auszusetzen. Sein Leben am Ende zu verstehen als etwas Gewagtes und zugleich Geschenktes. Beten heißt, alle Tagesordnungen dieser Welt als etwas Vorläufiges verstehen. Und mit der handelnden Wirklichkeit Gottes rechnen. Jenseits all unser Möglichkeiten und Wirklichkeiten. Ein kleines Gebet kann die Ursache größter Veränderungen sein.

Ora et labora! Bete und arbeite! Kein Wunder, dass schon die alten Mönche diese beiden Aktivitäten in der Grundregel klösterlicher Existenz miteinander verbunden haben. Es sind in den letzten Jahren eine Reihe von Untersuchungen gemacht worden, die den Nachweis zu erbringen suchten, Menschen, die beten, seien glücklicher und gewappneter für alle Widrigkeiten des Lebens. Ich zweifle, ob man Glück wirklich messen kann. Aber ich zweifle nicht, dass Menschen, die mit Gott rechnen, ihrem Leben einen überwältigend neuen Horizont eröffnen. Einen Horizont, der es ihnen ermöglicht, gleichsam mit dem dritten Auge, dem Auge des Glaubens, eine Wirklichkeit hinter aller Wirklichkeit entdecken.

Der Glauben drängt nach Formen, ihn ins Leben zu ziehen. Nach Formen, die eingeübt sein wollen. Nach festen Riten und Zeiten im Tagesablauf, die wir aussparen und der Diktatur der Verpflichtungen entziehen. Wir kennen die alten Traditionen: häusliche Andachten. Feste Texte. Geprägte Gebete und vertraute Lieder. Nötig sind neue Formen. Formen, die Kinder faszinieren. Und die zugleich fragende uns skeptische Erwachsene ernst nehmen und zum Nachdenken anregen.

An besondere gottesdienstliche Formen denke ich, die Raum geben für Fragen und Zweifel. Und die uns nicht nötigen, die Erkenntnisse der Wissenschaften, die unser Leben prägen, einfach auszublenden.

An Formen des Schweigens und an Wege zur intensiven Stille denke ich, die all dem Lärm und dem Geschwätz die Tür weisen und uns Ohren und Agen öffnen für das, worauf es im Leben am Ende ankommt.

An Gebete denke ich, die uns behutsam Raum geben, um all die Themen, die unser Leben bestimmen, in der Perspektive Gottes zur Sprache zu bringen. Formen der Klage, wenn wir nicht weiterwissen. Formen der Festfreude, wenn Gott uns die Früchte des Lebens einfach in den Schoß fallen lässt.

Glauben braucht Übung – wie alles, was unser Leben wesentlich macht, damit wir Gott Raum schaffen, unser Leben zu durchdringen und zu verwanden. Glauben braucht Mut – den Mut, bei allem Einsatz am Ende erwartungsvoll die Hände in den Schoß zu legen. Und schließlich: Glauben braucht Weisheit - die Weisheit, sich täglich neu von Gott überraschen zu lassen. Und keine Grenze mehr für unüberwindlich zu halten. Oder um es mit Worten Jesu aus Nazareth zu sagen: „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!“ Die Sehnsucht nach Fülle ist uns ins Herz gelegt. Warum sollen wir uns mit weniger zufrieden geben?

Und der Friede Gottes, der all unser Denken und Erkennen und unser Fühlen und Handeln übersteigt, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus, dem Christus. Amen.


Traugott Schächtele

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