VERABSCHIEDUNG VON CHRISTIAN KELLER
ALS PFARRER DER PETRUSGEMEINDE FREIBURG
AM SONNTAG, DEN 29. OKTOBER 2006 (20.S.N.TR.)


HINFÜHRUNG

Liebe Gemeinde! In diesem Gottesdienst soll Pfarrer Christian Keller als Pfarrer der Petrusgemeinde hier in Freiburg verabschiedet werden. Nach fast auf den Tag genau 16 Jahren hat er diese Pfarrstelle verlassen und den Dienst als Pfarrer der Johannesgemeinde und zugleich als Dekan des Kirchenbezirks in Villingen angetreten. Vor einer Woche ist er (durch den Landesbischof) in seine neue Aufgabe eingeführt worden. In diesem heutigen Gottesdienst nimmt er Abschied von ihnen als Gemeinde, von dieser Kirchengemeinde und vom Kirchenbezirk Freiburg.

ANSPRACHE

Lieber Herr Keller! Mit ihrem Wechsel nach Villingen geht in dieser Petrusgemeinde eine Epoche zu Ende, die entscheidend durch ihr Wirken geprägt war. Vieles wird ihnen in den letzten Wochen und Monaten durch den Kopf gegangen sein. Der bilanzierende Rückblick und zugleich der hoffnungsvoll gespannte Ausblick. Beides fordert sein Recht. Was ist gelungen? Was bleibt von mir und meiner Arbeit in all den Jahren in dieser Gemeinde? Wovon habe ich nur schwer Abschied genommen? Von welchen Lasten, welchen Belastungen bin ich nun befreit? Manche Antworten werden sich erst allmählich und aus der Distanz einstellen. Anderes klärt sich rascher.

Eine neue Herausforderung ist nun an die Stelle der bisherigen Aufgabe getreten. Eine große Gemeinde und zugleich ein großes Flächendekanat. Wie sie sich in ihrem neuen Wirkungskreis lebbare Strukturen schaffen, die sie ihre Arbeit verantwortlich gestalten lassen, das ist die große Aufgabe, vor der sie jetzt stehen. Sie dürfen jedoch sicher sein: Die guten Wünsche und auch die Gebete derer, die sich heute hier von ihnen, von ihrer Frau und von ihren Kindern verabschieden, werden sie begleiten.

Uns allen und mir persönlich bleibt zunächst vor allem anderen der Dank. Ich habe sie kennen und schätze gelernt als einen überaus kompetenten und engagierten Kollegen, der den Beruf Pfarrer immer zugleich auch als Berufung verstanden hat. Sie waren in hohem Maß verlässlich. Und sie haben uns allen immer wieder dann einiges zu denken gegeben, wenn wir meinten, wir seien in einer Sache schon ans Ziel gelangt. Ihre Stimme war wichtig in all den Diskussionen, vor denen wir in den letzen Jahren gestanden haben.

Einiges an Dankesworten werden sie nachher noch zu hören bekommen bzw. ertragen müssen. Wir wissen ja, dass das Bad im Meer des Dankes ihre Sache nicht ist. Heute werden sie nicht darum herum kommen. Danken möchte ich ihnen für ihren großen Einsatz als Pfarrer in der Petrusgemeinde. Für ihren Einsatz für die Kirchengemeinde, aber auch für den im Kirchenbezirk.

Erinnern möchte ich nur an weniges. Daran etwa, dass sie den Planungsausschuss für die Gründung der neuen Gemeinde im Rieselfeld geleitet haben. Erinnern möchte ich daran, dass sie mit großem Einsatz und zugleich mit großer Behutsamkeit die Brücke zur Paulsgemeinde gebaut und dann als Verwalter der Pfarrstelle eine große Aufgabe übernommen haben. Erinnern möchte ich aber auch daran, dass sie seit einer Reihe von Jahren und in schwierigen Zeiten das Amt des Diakoniepfarrers übernommen und ausgeübt haben. In all diesen Aufgabebereichen haben sie sich meine große Anerkennung und die vieler anderer erworben. Sie haben sich um diese evangelische Kirche hier auf alle Ebenen verdient gemacht. Dafür von Herzen auch an dieser Stelle ein Dankeschön.

Ich habe mir überlegt, wie ich ihre Arbeit als Pfarrer hier vor Ort charakterisieren kann. Damit ihnen das Ergebnis dieser Überlegungen erinnerlich bleibt, will ich ihnen zugleich eine Merkhilfe anbieten, die sich um den Namen dieser Gemeinde rankt: Petrus

Das ist zunächst das P. Und das verweist bei ihnen vor allem anderen auf die Predigt. Sie waren und sie sind ein predigender und auf die Predigt hin ausgerichteter Theologe. In Zeiten, die von der Überflutung durch viele unnötige und nichtssagende Wörter gekennzeichnet ist, tut die Konzentration auf die Predigt gut.

Es folgt das E. Dass ich diesen mit evangelisch übersetze, braucht sie nicht zu verwundern. Sie haben ein großes ökumenisch offenes Herz, tragen aber zugleich die Sehnsucht nach evangelischer Klarheit in sich herum. Zwei Tage vor dem Gedenktag der Reformation darf man dieses evangelische Profil in Erinnerung rufen und als bleibende Aufgab anmahnen. Sie sind evangelisch aus gutem Grund, aber bleiben offen und dialogfähig für Menschen, die sich aus anderen Wertesystemen nähern. Wie sie theologisch geprägt sind, wird in ihren gut vorbereiteten, erarbeiteten und errungenen Predigten am deutlichsten.

Darauf verweist auch der dritte Buchstabe, das T. Sie waren und sie sind theologisch profiliert und interessiert. Und haben sich immer wieder auch den Fragen gestellt, die die Menschen heute umtreiben. Nicht zuletzt auch der Verantwortung, vor der wir als Kirche im Dialog mit Menschen jüdischen Glaubens stehen. Ein Pfarrer kann sich der Lust an der Theologie nicht versagen, ohne dass er Gefahr liefe, die Mitte seines Berufes zu verlieren.

Weil es aber eine an den Fragestellungen de Gegenwart interessierte Theologie drängt, nach außen zu wirken und nicht für sich allein im Winkel abgeschiedener Seligkeit zu bleiben, hatten sie nicht immer einen leichten Stand. Sie waren und sind – und jetzt komme ich zum R – ein Pfarrer, der das Risiko nicht scheut. Und der sich auch in manchen Auseinandersetzungen nicht geschont hat: in Sachen Struktur, aber mehr noch, wenn es um die Sache der Theologie und des Glaubens ging. Aber es ist allemal besser, Ecken und Anten zu zeigen, als stromlinienförmig die einmal erkannte Position einfach dranzugeben.

Damit sei zugleich auf das U verwiesen, das die ihnen eigene Unabhängigkeit zur Sprache bringen soll. Anderen Menschen nach dem Munde zu reden, war ihre Sache nicht.

Mit dem letzten Buchstaben, dem S, verbinde ich gleich zwei Wörter. Und dass sie jetzt als letzte genannt werden, hat seinen Grund einfach darin, dass da S bei Petrus eben den letzten Buchstaben abgibt. Was sich damit aber verbindet gehört gleich an den Anfang. Sie waren ein solidarischer und sozial engagierter Pfarrer hier in Freiburg.

Die Menschen lagen ihnen besonders am Herzen, denen das Leben Gerechtigkeit vorenthalten hat und vorenthält. Das gilt für ihre Gemeindearbeit. Das gilt aber ebenso für ihren Einsatz als Diakoniepfarrer, wo die in Leitungsverantwortung Stehenden wie die Mitarbeitenden mit ihrer Unterstützung rechnen konnten. Hier standen sie in wahrhaft aufregenden Zeiten mehr als einmal vor äußerst schwierigen Entscheidungen.

Solidarisch waren sie aber auch im Blick auf Kolleginnen und Kollegen. Indem sie kaum fehlten, wenn jemand verabschiedet oder eingeführt wurde. Indem sie bedrängten Kolleginnen und Kollegen mehr als nur einmal klaglos Beerdigungen oder andere entlastende Dienste abgenommen haben.

Die kleine Charakteristik zeigt, dass wir sie nicht nur mit einem lachenden Auge weiterziehen lassen. Sie hinterlassen hier eine Lücke, die kurzfristig nicht leicht zu schließen sei wird. Umso mehr freue ich mich darüber, dass ihre Gemeinde mit Frau Dr. Leicht eine so hochkompetente Vakanzverwalterin bekommen hat. Und dass auch die anderen offenen Fragen wie etwa der Konfirmandenunterricht mit der gefundenen Teamlösung gut versorgt ist.

Eine kleine Wegzehrung darf nicht fehlen – sowohl was das kulinarische wie auch was das geistliche Wohl angeht. Für das erstere habe ich ihnen vorhin schon etwas übergeben. Das zweite, geistliche soll ihnen zugesprochen werden in Gestalt des Wochenspruchs. Ich habe diesen Spruch nur leicht bearbeitet, damit er auch gewiss ihre Position trifft. Der Spruch lautet dann – und er umschreibt gewissermaßen eine kleine Dekanschule:

„Es ist dir gesagt, lieber Christian Keller, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe übern und demütig sein vor deinem Gott“. Mehr hat’s nicht gebraucht hier in der Petrusgemeinde. Mehr braucht’s auch nicht als Gemeindepfarrer und als Dekan in Vilingen. Gott wird sie alle begleiten und nicht im Stich lassen: Sie, lieber Herr Keller, der sie mit ihrer Familie nun an einem neuen Ort auf der Suche nach Heimat sind – und sie alle, liebe Gemeinde in der großen Erwartung, dass sich bald ein neuer Pfarrer oder eine Pfarrerin findet und sich ihrer annimmt. Die Aufgabe wird uns gemeinsam bleiben und verbinden: nämlich Gottes Wort halten Liebe üben und demütig sein vor unserem Gott. Amen.


Traugott Schächtele

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