PREDIGT ÜBER GALATER 5,1-6
GEHALTEN AM 31. OKTOBER 2006 (REFORMATION)
IN DER LUDWIGSKIRCHE IN FREIBURG

ABSCHLUSS DER RINGVORLESUNG
„BILDUNG UND SOZIALGESTALTUNG ALS ZUKUNFTSAUFGABE DES PROTESTANTISMUS“


„Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ An vielen Straßenbahnhaltestellen ist dieser Satz derzeit zu lesen. Als Werbung für eine Zeitung, die zur Wahrheit ja nicht gerade ein ungebrochenes Verhältnis hat. Trotzdem: Dieser Satz gefällt mir! „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht.“ Eine solche mutige Wahrheit hat vor einigen Jahren einmal Richard Schröder formuliert, Theologe und Philosoph, im Zuge der Vereinigung der beiden deutschen Staate auch politisch aktiv, übrigens vor zehn Jahren auch der erste Preisträger des Wormser Lutherpreises „das unerschrockene Wort“.

„Deutsch zu sein“, so lautet der Satz von Richard Schröder, „ist nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes.“ Ich will gar nicht über diesen Satz an sich nachdenken, obwohl er auch eine genauso nötige wie mutige Botschaft zur Sprache bringt. Am heutigen Gedenktag der Reformation will ich diesen Satz auf den Protestantismus anwenden. Dann lautet er: „Protestantisch!“ – oder etwas leiser – „evangelisch zu sein ist nichts Besonderes, aber etwas Bestimmtes.“

Stimmt das? Dieser Reformationstag 2006 bietet eine gute Gelegenheit, sich wieder einmal über das zu verständigen, was wir mit dem evangelisch und protestantisch sein in Verbindung bringen – und es ist allemal gut evangelisch, dies in Gestalt einer Predigt zu tun, zumal am Ende eine Vorlesungsreihe, die sich dem Thema „Bildung und Sozialgestaltung als Zukunftsaufgabe des Protestantismus“ gewidmet hat. Protestantisch sein – ist das dann doch mit dem Anspruch auf etwas Besonderes verbunden oder einfach nur etwas Bestimmtes?

Nach guter protestantischer Tradition möchte ich den Predigttext für diesen Reformationstag befragen, ob er uns zu einer angemessenen Antwort verhilft. Dabei ist der, aus dessen Feder er stammt, nämlich der Theologe Paulus aus Tarsus, allemal unter der Kategorie einzuordnen, dass hier ein Mutiger seine Wahrheit ausspricht und unters Volk bringt.

Der Predigttext steht im 5. Kapitel des Galaterbriefes: Es handelt sich um ein für theologisches Nachdenken im evangelischen Kontext unverzichtbares Dokument. Wir hören also aus Galater 5 die ersten 6 Verse. Und weil heute in Frankfurt ganz offiziell das Erscheinen der Bibel in gerechter Sprache gefeiert wurde, hören sie den Text eben aus dieser neuen Übersetzung, die ich aus Frankfurt mitgebracht habe. Diese Übersetzung will gerecht sein in dem Sinn, dass sie parteiisch ist – parteiisch zugunsten derjenigen, die manche vertraute sprachliche und formale Korrektheit über Jahre und Jahrhunderte ungerecht behandelt hat.

1Zur Freiheit hat uns der Messias befreit, steht also aufrecht und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei fangen. 2Gebt acht - ich, Paulus, sage euch dies: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird euch der Messias nichts nützen. 3Noch einmal bin ich Zeuge für jeden Mann, der sich beschneiden lässt, dass es seine Pflicht und Schuldigkeit ist, die ganze Tora zu tun. 4Abgeschnitten seid ihr vom Messias, die ihr durch die Gesetzesordnung ins Recht gesetzt werden wollt, herausgefallen aus der geschenkten Zuwendung. 5Denn unser Warten und Hoffen auf Gerechtigkeit und Zurecht-Bringen steht im Zeichen der Geistkraft und des Vertrauens. 6Im Messias Jesus nämlich bewirkt weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern das Vertrauen, das durch die Liebe wirksam ist.


„Zur Freiheit hat euch der Messias befreit!“ – dieser Satz ist genauso evangelisch-sympathisch wie – zumindest beim ersten Hören – theologisch umständlich und verworren. Evangelisch-sympathisch ist er, weil wir uns als Evangelische sehr gerne mit dem Thema der Freiheit identifizieren. Theologisch verworren, weil die Formulierung merkwürdig doppelt. Nicht befreit seien wir, heißt es da, sondern zur Freiheit befreit. Kann man denn zu etwas anderem als zur Freiheit befreit werden? Auf Klärung bedachtes Nachfragen wird uns nicht erspart bleiben. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit!“ – womöglich ein protestantisches Auslaufmodell?

Beginnen will ich aber mit dem evangelisch-sympathischen. Der Freiheit, genauer gesagt der Freiheit eines Christenmenschen, widmet Luther einer seiner reformatorischen Hauptschriften des Jahres 1520. Die Freiheit ist überhaupt das unüberbietbare Hauptmotiv der mit dem Stichwort Reformation zusammenfassend überschriebenen Ereignisse. Freiheit von der Gängelung einer die Menschen entmündigenden Kirche. Freiheit gegenüber einem in der Gottesbeziehung vermittelnd dazwischen geschalteten den Amt. Freiheit für die von ihren Herren geknechteten Bauern. Freiheit gegenüber einer Politik, die der größeren Zahl der Menschen die Möglichkeit der Bildung vorenthält. Eine Freiheit zugleich, die nur am Anspruch Gottes und der Bedürftigkeit unserer Nächsten ihre Grenze findet.

Erstaunlicherweise taucht das Wort Freiheit in den zwölf Themenformulierungen der heute zu Ende gegangenen Vorlesungsreihe nicht auf! Stattdessen ist in der Mehrzahl der Themen von Herausforderungen und von Perspektiven die Rede. Zur Freiheit hat uns der Messias befreit - womöglich also in der Tat ein protestantisches Auslaufmodell? Und stattdessen Programmatik und Handlungsanforderungen die Fülle?! Hoffentlich zu früh geurteilt! Warten wir ab.

Erst einmal ist es an der Zeit, dass wir einen Blick auf das Freiheitsmodell werfen, das Paulus im Blick hat, als er an die Gemeinden in der kleinasiatischen Landschaft Galatien schreibt. Wesentlich emotionaler als in einer anderen Programmschrift, die er einige Jahre später nach Rom richten wird. Er schlägt geradezu einen kämpferischen Ton an. Will seine Adressatinnen und Adressaten davor warnen, einen verhängnisvollen Fehler zu begehen. Und hinter der Maß der erreichten Freiheit zurückzufallen.

Das Wort Freiheit beinhaltet ja eine doppelte Aspekt. Freiheit gründet auf Emanzipation, auf die Freiheit von etwas. Und sie zielt auf Autonomie. Auf die Freiheit zu etwas. Die Gemeinden in Galatien sind gefährdet, weil sie frei geworden sind vom Versuch, einfach nur Gutmenschen sein zu wollen. Frei geworden vom nicht hoch genug zu einzuschätzenden Bemühen, immer und überall recht zu handeln. Wenn uns unser Verhalten, wenn uns unsere Ethik vor Gott in die Position bringen soll, mit der wir zum Ausdruck bringen, ein Leben und ein Verhalten nach Gottes Willen sind möglich, dann müssen wir das auch umsetzen. Ohne Nachlass und ohne wenn und aber. Daran lässt Paulus keinen Zweifel. Dann ist es unsere „Pflicht und Schuldigkeit, die ganze Tora zu tun“, um Paulus noch einmal zu Wort kommen zu lassen.

Nicht ohne Grund bringt Paulus hier die Tora ins Spiel. Und die Erfordernis der Beschneidung als Zugehörigkeitsvoraussetzung für eine jüdischen Mann. Antijudaistische Polemik ist Paulus hier fern, auch wenn er bisweilen „etwas scharf formuliert“, wie ein Kirchenmann unserer Tage vor einigen Wochen im Blick auf ein ganz anderes Zitat gesagt hat. Paulus argumentiert ohne Zweifel aus der Position seine jüdischen Identität heraus, also aus einer Position der Zugehörigkeit. Aber er argumentiert zugunsten derer, die diese Identität nicht haben. Nicht haben müssen. Und für die andere die Zeichen dieser Zugehörigkeit dennoch verpflichtend machen wollen. Freiheit - für Paulus ist das an dieser stelle nichts anderes als die demütige Einsicht, dass jeder Katalog von Verpflichtungen uns überfordert, wenn er unsere Freiheit vor Gott begründen soll.

Das Gegenteil der Freiheit – so wie Paulus sie versteht - ist deswegen nicht die Einhaltung der Tora. Das Gegenteil ist die Beherrschung durch die Sünde. Ihr entgehen wir aber nicht durch einen noch so umfangreichen Katalog stimmigen Verhaltens. Ihr entgehen wir, indem wir uns einem Herrschaftswandel unterziehen. Die Freiheit eines Christenmenschen gründet in der Wirkkraft des guten und lebendigmachenden Geistes Gottes.

Wer diesen Geist ersetzt – wodurch auch immer – fällt unter den unerbittlichen Anspruch, es durch ein rechtes und rechtschaffenes Leben dann auch wirklich selber richten zu müssen. Davor will er seine Adressatinnen und Adressaten bewahren. Dazu will er sie und uns befreit sehen. Darauf zielt die Botschaft, dass der Messias uns zur Freiheit befreit habe. Er hätte uns auch zu rechtem Tun befreien können. Oder zur Einsicht in unser eigenes Unvermögen. Stattdessen befreit der Christus zur Freiheit. Und ermöglicht gerade dadurch eine Programmatik der Verbindlichkeit, die sich von einer Freiheit verstanden als Beliebigkeit auf’s Deutlichste unterscheidet.

Zur einer solchen Freiheit hat uns der Messias befreit. Und diese Freiheit ist mitnichten ein Auslaufmodell. Es ist eine Freiheit, die gerade nicht das Ergebnis größtmöglicher Anstrengungen ist. Stattdessen ist es eine Freiheit, die einzig im Vertrauen gründet, dass Gottes Geist uns zu einem Leben befähigt, das die Grenzenlosigkeit dieser Freiheit widerspiegelt.

Was Paulus hier theologisch anspruchsvoll formuliert, bedarf der Übersetzung in konkrete Handlungsoptionen des Alltags. Freiheit kann nie nur Anspruch und Ideal bleiben. Sie muss gewagt und gelebt werden. Sie muss erkennbar sein in wirtschaftlichen Strukturen und politischen Optionen. Kirche kann nicht anders strukturiert sein als in einer Gestalt, die Raum gibt für eine so verstandene und so gewährte Freiheit. Und sie muss in den sie umgebenden weltlichen Handlungsräumen die Umsetzung dieser Freiheit anmahnen.

Bildung und Sozialgestaltung sind daher völlig zu Recht als Aufgabe des Protestantismus umschrieben. Sie waren ein Erkennungsmerkmal des Protestantismus in der Vergangenheit. Und sie bleiben uns aufgetragen für alle Zukunft – zumindest solange, ehe Gott uns die Verantwortung für uns und diesen Planeten aus der Hand nimmt.

Bildung – gut evangelisch verstanden – ist die große Freiheitsschule, der wir als Protestantinnen und Protestanten verpflichtet sind. Bildung eben wohlgemerkt, die auf Freiheit zielt. Und die nicht nur anwendungsorientierte Fertigkeitsvermittlung zum Thema hat. Es ist die große Aufgabe des Protestantismus, diese Melodie im vielstimmigen Chor der Ökumene zum Klingen zu bringen und immer wieder neu hören zu lassen.

Der Fundamentale Hauptsatz dieser Bildung ist der, der uns das Recht gibt, bis heute in jedem Jahr neu der reformatorischen Entwicklungen zu gedenken. „Wir sind Gott recht! Gott gibt uns Recht“ Das dürfen wir glauben. „Wir sind Gott recht! Gott gibt uns Recht!“ Das dürfen wir uns zusprechen lassen. „Wir sind Gott recht! Gott gibt uns Recht“ Das ermutigt uns, Menschen auf dem Weg zu einem Leben in Selbstbestimmung und Würde zu unterstützen.

Darum verhält es sich mit dem evangelisch sein am Ende tatsächlich anders als mit deutsch sein. Letzteres dient der Unterscheidung, aber geht nicht auf im Unverzichtbaren. Es beschränkt sich darauf, etwas Bestimmtes zu sein.

Evangelischsein bleibt bis auf Weiteres etwas Besonderes. Auch 489 Jahre nach Luthers nächtlicher Wittenberger Bildungs- und Protestaktion. Nach seinem nächtlichen Anschlag gegen alle Anschläge des Kleinglaubens und unnötiger und nicht selten krankmachender Überforderung.

Evangelisch sein bleibt bis auf Weiteres eine unverzichtbare Notwendigkeit, jenseits aller konfessionellen Rechthaberei. Und ohne die Stimmen, die noch anderes zu Gehör bringen, abzuwerten. Dass Christus uns zur Freiheit befreit hat, das sollen, das müssen wir weitersagen. In der Kirche. Und in der Welt. Wir sollen es ins Leben ziehen. In Bildung und Seelsorge. Im gottesdienstlichen Feiern und in der Diakonie.

So wird das Evangelisch sein bis auf Weiteres etwas Besonderes bleiben. Und Protestantin und Protestant zu sein mehr meinen, als eine historische Erinnerung. Die Zeit des Protestierens um Gottes und der Menschen willen ist noch lange nicht zu Ende.

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Mehr ist nicht von uns gefordert als der Mut, diese Freiheit anzusagen, zu der uns Christus befreit hat. Und die evangelische Lust, dieser Freiheit Arme und Beine zu verleihen – und viel besser noch Flügel, damit sie sich nie mehr dingfest machen lässt. Amen.

Dekan Dr. Traugott Schächtele – Goethestraße 2 – 79100 Freiburg
Telefon 0761 – 708 63 26 - mail@schaechtele.net

Traugott Schächtele

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